Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis: Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

I Was ist die Feldenkrais-Methode?

Bei der Feldenkrais-Methode handelt es sich nicht im medizinischen Sinn um eine mentale, körperliche oder seelische Heilmethode, auch wenn wir indirekt Heilwirkungen erhalten und erklären können. Und die Methode ist auch kein Sport, sondern eine Weise des Lernens. Wir lernen, leicht und freudig zu lernen, im Grunde ein neues Lernen zu lernen und gar Lernen zu lernen.

Das Medium der Begegnung zwischen Schüler und Lehrenden (Practitioner) ist Bewegung, und daran üben wir Selbstwahrnehmung und Aufmerksamkeit und achten darauf, WIE wir lernen – ein Leben lang bis zum Lebensende, auch im Feld von Krankheiten, Behinderungen, Lernschwierigkeiten u. a., durchaus auch als Sportler, im Rollstuhl, als Musiker, Schreibtischarbeiter usw.

Feldenkrais-Lehrende geben einer Gruppe von Lernenden verbal angeleitete Unterrichtslektionen. Eine zweite Weise der Zusammenarbeit ist die individuelle Behandlung mittels feiner und sanfter Berührung und Bewegung. Beide Vorgehensweisen unterscheiden sich vom gängigen schulischen Lernen, denn es gibt kein Leistungsziel, sondern freudiges und neugieriges Lernen ist bereits ein Nahziel. Das Erlebnis kann eher als ein Tanz miteinander gefühlt werden, es kann eine kinästhetische Synchronisation genannt werden (darüber in einem späteren Newsletter mehr).

Auf den ersten Blick mag diese Arbeit wie eine weitere der vielen Bewegungsschulen erscheinen, man übt jedoch keine vorgesetzten Übungen ein, sondern das Nervensystem wird angesprochen. Übende können durch dieses Training in detailliertem Wahrnehmen ihrer Bewegung eine grundsätzliche Kompetenz gewinnen, mit neuen Situationen umzugehen, das Leben leichter zu gestalten, Einschränkungen und Schwierigkeiten mit Offenheit zu begegnen, dies auch im Sinne von Selbstverantwortung. Das Handeln wird nicht nur Ärzten und/oder Physiotherapeuten überlassen, sondern baut auch auf die eigene Initiative. Die Körper-, Lern- und kinästhetischen Fähigkeiten werden verbal oder berührungsbasiert erweitert. Durch das differenzierte Lernen und Einfühlen erhält man neue Muster der Nervenverbindungen und der Bewegung; man legt schädigende Gewohnheiten ab…

Die spielerische Zusammenarbeit, die Leichtigkeit im Tun und im Ergebnis gründen sich auf Lust statt auf eisernem Willen. Wir werden ermuntert, wie die Kinder auszuprobieren, zu spielen, ohne Bewertung und frei. Dieses Erleben entspricht der Funktion unserer Natur, des Nervensystems und der Lebendigkeit unseres Organismus. Die Feldenkrais-Bewegungen werden langsam ausgeführt, um sie präzise und detailliert zu spüren. Die Kunst von Bewegungswahrnehmung und das Wissen um den subtilen Gebrauch unseres kinästhetischen Sinnesorgans vernachlässigen wir in unserer westlichen Zivilisation, haben dies beiseite gedrängt oder gar verloren. Sobald eine größere Vielfalt an Bewegungsfunktionen erworben sind, entwickeln sich die Fähigkeiten für eine erfüllendere Lebensgestaltung: Sicherheit und Kreativität, Stabilität, und Erdung. 

II Warum Feldenkrais gerade bei Multiple Sklerose?

MS ist eine Erkrankung, die die Nerven betrifft. Es können die Nerven im Gehirn als auch die Nervenleitungen hin zu den Rezeptoren für Bewegung an Gelenken, Muskelansätzen und Faszien betroffen sein. Da das gesamte Nervensystem, alle seine Teilsysteme und Einzelkörper mit deren Verbindungen eine Aktionseinheit bildet, könnten vielerlei Aspekte beeinflusst werden. (s. „Das Gehirn als Kooperationssystem“ in Weißmann, Lernen im Gleichgewicht) 

Viele führen die Erkrankung auf Entzündungen zurück, die die Myelinscheiden der Axone betreffen, also die Hüllen für deren Ernährung und Schutz. Die Oligodendrozyten, eine Art Versorger der Myelinscheiden, können offenbar im Verlaufe dieser Erkrankung ebenso angegriffen werden. Sie sind möglicherweise einem Zerstörungsprozess durch Immunzellen ausgesetzt, deren Aufgabe der Schutz des Organismus sein müsste.

Über vieles ist man sich nicht einig und nicht sicher, etwa zu Ursachen und Auslösern, auch zu den sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern und Verläufen. Da es sich um eine Zivilisationskrankheit handelt, lohnt sich ein Nachdenken über den eigenen Lebensstil und vielleicht über eine Wende. Ärzte und Forscher sprechen auch von einer Auto-Immunkrankheit. Ich meine, bei jeder Nervenkrankheit sollten wir an die Überlastung der Nerven und an Stress denken, die den Körper beschädigen, den Geist beeinträchtigen und die Psyche krankmachen, also eine der Ursachen für viele physischen, seelischen und psychosomatischen Symptome sind: Depressionen, Traumen, Demenz usw. Und eine (Auto-) Immunkrankheit ist sicherlich ein Symptom unserer westlichen Lebensweise, nämlich der Entfremdung von Körper, Natur, Seele, Kosmos.

So ergibt sich die Frage: Welche gundlegende Einstellung habe ich zu Krankheit, zu meinem Leben, Gesundung, zu den Möglichkeiten des Heilwerdens?

Bei der Vielfalt und Breite der Symptome, die die Augen, den Schlaf, die Konzentration, das Denken betreffen und Lähmungen, Spastik, Harndrang u.a. umfassen können, fallen natürlich Behinderungen der Bewegung, und hier besonders des Gehens, für die betroffenen Menschen besonders ins Gewicht. Und aus solchen Begrenzungen im alltäglichen Leben, bei der Arbeit und beim Vergnügen, entwickeln sich leicht Stimmungstiefs und Depressionen, die immer auch Rückwirkungen haben auf unser Soma, unsere physische Lebendigkeit und Gesundheit. Ängste und Überlastungen verändern die Immunität und die zugehörigen Organe.

Ich selbst habe mit Menschen mit Gehbehinderungen gearbeitet und solchen, die teilweise und gänzlich auf den Rollstuhl angewiesen waren. Gehen – und auch Transfers ins Auto, aus dem Bett usw. – betreffen Erdung, Gewichtsverlagerungen und Gleichgewicht, die möglichst intensiv, regelmäßig, aber sanft gepflegt werden sollten (in nächsten Newslettern mehr dazu).

Moshé Feldenkrais ging es darum, Gewahrsein und Bewusstheit zu gewinnen (dazu in einem folgenden Newsletter mehr). Er war Physiker, Verhaltensforscher und ein Experte in Judo. Zeitlebens war er ein wunderbarer erfindungsreicher Bewegungslehrer und Judolehrer, für Laien und für Experten. Deutlich hat er auf dieser Grundlage seine eigene Methode entwickelt. Und ebenso deutlich zeigt er, dass auch Judo noch verfeinert werden kann durch Bodenarbeit und körperliche Durchlässigkeit. In seine eigene Arbeitsweise, die Feldenkrais-Lektionen und die Funktionale Integration, flossen das Beobachten der frühen Versuche eines Babys ein, zu greifen, den Kopf zu heben, das spiralige Drehen, Rollen, robben, krabbeln, aufsitzen, knien …, dann das Studium der Lernentwicklung im Heranwachsen der Kinder zur Aufrichtung, zum menschlichen Gang, zu den Alltagsbewegungen des Neigens und Beugens, Springens, Hüpfens und Tanzens. Schließlich prägten Moshés lebenslange Erfahrungen mit kranken, behinderten und alten Menschen, mit Tänzern, … seine Arbeit.

Jede Bewegung ist eine Gewichtsverlagerung und also der Umgang mit der Schwerkraft, woraus sich das Balancieren durch das Leben formt und eine ständige Notwendigkeit, sich aufzufangen.

Moshé Feldenkrais sieht als Errungenschaften eines vollständig ausbalancierten und erwachsenen Menschen u.a. dieses an:
a) Beweglichkeit der gesamten über 30 Gelenke der Füße
b) die Koordination aller Muskeln, Knochen, Glieder, Organe und die Flexibilität unserer Nerven-, Lern- und Geistesprozesse
c) die Kunst zu fallen und sich ohne Angst aus dem Gleichgewicht zu entlassen, sich der Dynamik und „off-balance“  zu ergeben, sich kontrolliert zu Boden lassen
d) der Erwerb von Bewegungsmustern, die weit über die eigenen Gewohnheiten hinausgehen
e) die Fähigkeit eines ausgereiften Erwachsenen, der seine Gefühle, Gedanken und Aktionen wahrnimmt und kontrollieren kann
f) ein glückliches erfülltes Leben zu gestalten
g) Bewusstheit, Selbständigkeit, Freiheit und Reife.

Man erkennt den tiefen Zusammenhang zwischen Körper und Geist, die All-Einheit im Mikrokosmos und Makrokosmos.

Seien Sie neugierig auf die Einzelheiten, auf die in den nächsten Folgen hier in diesem Kanal eingegangen wird!

Ihre Eva Weißmann

Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.


Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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