Die Feldenkrais-Methode besonders für MS-Betroffene (4): Von der leiblichen Immunlage zur geistigen Heilkraft

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis:
Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

Der letzte Abschnitt erklärt erstens die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge zwischen Nervensystem, Bewegungsapparat und Kinästhesie, Hormonsystem und Immunsystem. Materiell-körperlich betrachtet bauen darauf unsere Aussichten zu lernen und uns zu wandeln auf. Dies entspricht weitgehend der klassischen Medizin. Moshé Feldenkrais erforschte als Physiker die leiblich-geistige Einheit und stellte die recht schwer fassbare Bewusstheit oder „awareness“ als Essenz seines Konzeptes dar, weist uns gar auf „mindfulness“ hin. So reichte sein Denken weit über die auch heutige Hochschulmedizin hinaus. Die aktuelle Neurowissenschaft und besonders die Interpersonelle Neurobiologie (Siegel, Daniel und seine Forschungsgruppe – s. u.: Literatur ) umfassen mit ihrem Konzept auch die Interpersonalität, besonders die Kind-Eltern-Beziehungen. Sie rechnen damit, dass Bewusstsein nicht eingegrenzt werden kann auf Gehirn und Nervensystem, vielmehr ausgeweitet werden muss auf den Kosmos.

Zweitens schlage ich von da – auch über den Weg des ATEMS – einen großen Bogen zur multidimensionalen Regenbogenmedizin. Sie untersucht für Gesundheit und Krankheit nicht nur die übliche Realität, sondern auch die Ebene der Gefühle und die Ebene der sogenannten „etherischen“ Felder der Ewigkeit, der „etherischen Wellen im unsichtbaren Raum“. Darin eingebettet können wir an unserer Praxis für Gesundung üben, der „Kraft der Stille“ (Mindell, Dr. Arnold, The Quantum Mind and Healing. Hampton Roads 2004). 

Drittens gebe ich Beispiele, wie man auf der Basis neuer Paradigmen eine sehr umfassende Sicht des möglichen Lernens erkennt und dass ungewohnte Formen von Heilung und Dasein auch heute noch und wieder existieren. Diese Perspektiven sind: 

die Quantenphysik, 

Körper-Träume, 

Glauben und Religionen, auch solche früher und nicht-westlicher Kulturen.

Das Atmen als DAS Überspannende zwischen der Schöpfung und ihren Lebewesen setze ich an verschiedenen Stellen, oft auch mit der Bewegung verbunden, immer wieder ins Zentrum unserer gewohnten und der neuen Sicht von Lebendigkeit und Gesundheit. Der Atem wird in vielen Kulturen mit Lebenskraft gleichgesetzt, etwa als „Prana“, „Chi“. Auch im Blut erkenne ich einen hochwertigen Strom der Energie und Versorgung für alles Leben. Und wie für uns so ist für das Lebewesen Erde der nährende und reinigende Wasserkreislauf existenznotwendig.

Zusammenhänge erkennen

Wenn ich das Blut des Menschen ins Zentrum male (s. Schaubild „NERVENSYSTEM – BLUT – ATEM – IMMUNLAGE – HEILKRAFT“) und darum herum die Aufgaben, die Grundlagen und die Verbindungen zu den beteiligten Zellen und Geweben anordne, zeigt das drastisch, wie unbewältigte Belastungen, Verletzungen und das Mithalten in unserer Vollgas-Gesellschaft krank machen.

Deutlich dient das Lernen der Befreiung von diesem krankmachenden Stress der Gesundung von uns allen. Ein solches neuartiges Lernen und Umlernen ist nicht leicht, aber es gibt eine ganze Reihe von Ideen: Meditation, Übungen der Achtsamkeit, Feldenkrais, Tanzen, Entspannungsmethoden, Atemschulung, Wandern, liebevolle menschliche Kommunikation – ohne großen Wandel wird es nicht gehen. Hier spielen das Erlernen, selbst tätig zu werden, Verantwortung für Gesundheit und Leben zu übernehmen und die Eigenaktivität, diszipliniert praktisch zu üben, eine große Rolle. Deswegen integriere ich in meine kinästhetische Arbeit Lernaufgaben und Übungen für den Alltag von Schülern und Patientinnen und sogar von Tanzperformern und Zuschauerinnen. (s. www.wearewe.de/conflictuus.perfor(u)mtanz).  

Bewegung bringt die Flüssigkeiten im Körper ins Fließen. Wenn wir uns bewegen, arbeiten die Muskeln, das Blut fließt besser, ebenso die Lymphe, die Abfallstoffe zum Blut leitet; es bildet sich Gelenkflüssigkeit. Dies sind mehrere Flüssigkeitsströme in unserem Körper. Sie müssen Wasser aufnehmen, das Blut auch Sauerstoff und Nährstoffe. Und sie alle müssen wieder gereinigt werden, das Blut braucht die gründliche regelmäßige Blutmauserung dreimal jährlich, es versorgt jede Zelle. Auf dieser Basis bauen sich unsere Zellen um und neu auf, Tumorzellen und sämtliche Fremdzellen, Entzündungszellen, Antigen-Antikörper-Syndrome müssen aus dem Körper geschafft werden. Die sanft disziplinierte Einstellung zur Übung im ruhigen Atmen und Bewegen ist notwendig. Eine dauernde Überlastung aus unserem „Stress-leben“ bedeutet die ständige Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin, überhaupt von Stresshormonen, die nicht mehr entsorgt werden können. Das führt dazu, dass durch solche Reize, Informationen, Schocks und Schübe nervlicher Erregungen im Zusammenwirken der Kaskade „ Sympathisches Nervensystem – Hypothalamus – Hypophyse – Nebennieren“ das Blut überläuft von Gift (s. Schaubild). Die Folgen sind eine Bedrohung für potentiell alle Organe, Systeme, Gewebe und Zellen, wiederum auch rückwirkend auf die Nervenzellen und ihre Leitungen, die Axone, die ja besonders gefährdet sind bei Multiple Sklerose. Interessant ist jedoch, dass auch viele alternden Menschen Schädigungen der Axone aufweisen, ohne krank zu werden!

Die Hypothalamus-Hypophyse-Verbindung gilt bei etlichen Forschern als Zentrum der Steuerung für den gesamten Organismus (Trampler, Kurt, Zielgerichtete Heilkraft. Origo-Verlag, Zürich 1967). Aus der Sicht des Yoga entspricht dieses Gebiet dem 6. Chakra, das uns hilft, sich dem eigenen Innenleben zuzuwenden (Grill, Heinz, Der freie Atem und der Lichtseelenprozess. Heinrich Schwab Verlag, Argenbühl 2017). Diese Zusammenhänge weisen auf Moshé Feldenkrais’ Anliegen hin, einen Weg zu menschengemäßer Bewusstheit und praktischer Umsetzung unseres Potentials zu weisen.

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Wie befreien wir uns nun vom Stress?

Wir sorgen für uns. Statt Opfer dieses Stresses zu bleiben und des Festhängens in der Entfremdung, können wir unser Leben lenken, eben aus unserem eigenen Antrieb heraus, in Entsprechung zur Funktion des 6. Lotuszentrums. Mit dieser Frage tangiert man die Interaktion zwischen Geist und Gehirn, zwischen der höheren Welt und der Materie. Sich spüren, inne halten, sich selbst beobachten, das Innenleben mit sinnvollen Inhalten nähren und pflegen, über den Sinn unseres Daseins nachzudenken, auch über den Tod, letztlich eine ehrfürchtige Haltung gegenüber dem Leben aller – wir brauchen Geduld, Zeit, Selbstmitleid, Liebe und Selbstliebe.

Im Atmen haben wir einerseits selbst die Möglichkeit, unsere seelische Verfassung und die Denkkapazität zu beeinflussen und zu Ruhe und Kraft zu gelangen. Im Atem erleben wir auch, dass das Leben uns atmet und wir dies zulassen können. Wir können den Atem geschehen lassen, er fließt auch ohne unsere Bemühung. Das Leben gibt uns dieses Geschenk, erlaubt uns, dem Tao oder Gottes Willen zu folgen. Wir können uns passiv und aktiv zum Atem verhalten, also den Atem auch gestalten, nach Möglichkeit trotz aller Bemühung in Ehrfurcht. Der gesunde Atem gibt dem Leib Schutz, wozu alle Organe gehören, jedes mit seinem Rhythmus, mit dem Bedarf an Bewegtwerden, Massage, Berührung, an Energie und Pausen.

Das Ausscheiden der Gifte, wie die abgewehrten Entzündungszellen, Medikamente, Chemie aus den Nahrungsmitteln, der Luft und des Wassers geschieht neben dem Atmen über die Haut, den Schweiß, aus den Därmen, aus der Blase. Ich meine, wir unterstützen dies auch in unseren künstlerischen Tätigkeiten und in spirituell nährendem Verhalten. Bei dieser Reinigung spielt der funktionelle Atem Tag für Tag, Sekunde für Sekunde die größte Rolle. Der berühmte lange Atem bewährt sich vor allem im Ausatmen, das die Lunge relativ weitgehend leert von alten Gasresten. Das Einatmen wird durch Nachgeben und Weiten des Brustkorbs, durch Loslassen des Bauch- und Beckenraumes, durch ein kräftiges Zwerchfell gefördert. Dabei sollten die Schulter-, Hals- und andere Hilfsmuskeln nur in Sonderfällen benutzt werden. Wichtig ist die stetig angepasste gesunde Mischung aus den drei Gasen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid.

Dafür kann die Feldenkrais-Methode eine wunderbare Lernhilfe sein, denn über das Spüren und ein nachhaltiges maßvolles Bewegen werden die heilsamen Atemfunktionen am besten zugelassen, gestärkt und in den Alltag eingefügt. Das Herz, der Blutkreislauf und das Gehirn profitieren hiervon, wobei letzteres besonders viel Sauerstoff benötigt. Diese Funktionen brauchen wir den gesamten Tag lang und jeden Tag, nicht nur einmal in der Woche während einer Stunde Joggen oder Physiotherapie.

Aktive Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe und die Funktionale Integration der Einzelbehandlung verbessern den Atem zusammen mit der Bewegungskompetenz. Moshé Feldenkrais sagt in einem Interview: „… Ich wende mich dem betroffenen Bereich oder Gelenk des Körpers niemals direkt zu, bevor ich nicht eine Verbesserung in der Atmung und in der Beziehung zwischen Kopf und Nacken bewirkt habe …“ ( Feldenkrais, Moshé, Verkörperte Weisheit. Verlag Hans Huber, CH Bern 2013, S. 63) 

Methodenerweiterung

Man kann die wichtige naturwissenschaftliche Hochschulmedizin erweitern durch verschiedene naturheilkundliche Methoden, durch Eigenarbeit und die Praxis einer gesunden Lebensweise. Eine harmonisch-dynamische Mischung der drei Gase im Atmen trägt ferner zu der großen Leistung des Abbaus und neuen Aufbaus der individuellen Eiweißformen bei. Und dieser Vorgang wiederum steht in Verbindung mit Kräften des Geistes und des Willens. (Grill, Heinz, Der freie Atem und der Lichtseelenprozess. Heinrich Schwab Verlag, Argenbühl 2017, s. S. 30 ff.).

Im Blut brauchen wir einerseits einen gewissen Anteil an Blutzucker für unsere Energie, andrerseits darf es nicht zu Blutzuckerspitzen kommen, deren Konsequenzen Gärung ist und Gefahr für den Organismus bedeutet, z. B. krebserzeugend ist ( Dr. med Klaus Mohr. Bircher-Benner-Verlag, Friedrichsdorf, T. 1996 S. 88 ff.).

Das Immunsystem erhält viel Unterstützung durch den Atem und ist stark beeinflusst durch die Stoffe im Blut. Damit sind die Zusammenhänge gegeben zwischen den Organen der Immunität, also Leber, Darm, Milz, Thymus, Drüsen wie etwa die Mandeln, Appendix, Lymphe, Blut und Haut und natürlich auch Organen wie Herz, Lunge usw.

Im Knochenmark werden Lymphozyten gebildet, die im Blut ebenso wie die weißen Blutkörperchen Krankheitserreger abwehren. All diese Verbindungen zwischen den Flüssigkeitsströmen von Blut, Lymphe und Liquor des Craniosacralsystems, vom Atem und von immaterieller Energie sowie der Netzwerke von Nerven, Faszien und Ausschüttungen der chemischen Botenstoffe, Hormone, Neurotransmitter, und der Chemie in Gehirn und Drüsen machen es einleuchtend, welche unfassbare Zusammenarbeit hier am Werke ist. Und so sind der Atem und das Blut eine Basis unserer physiologischen Gesundheit und unseres Lebens. Eine Sepsis (Blutvergiftung) ist lebensbedrohlich. Von der geistigen Seite betrachtet sind tiefer Atem, Ruhe, Stille, „einfaches“ Da-Sein die Brücke zu Wahrnehmung, Selbstentwicklung, Bewusstheit und Glück.

Mit der Chemie, die im Übergang vom Hypothalamus zur Hypophyse produziert wird, haben wir eine weitere Brücke, nämlich zu unserer Haltung als Mensch im Kosmos, zu unseren Überzeugungen und dem Glauben. Damit komme ich zu Beispielen, wie Menschen in allen Zeiten für sich selbst und für andere Menschen Wandlungen und Heilungen erwirkten und in naturnahen Kulturen bzw. Kontexten auch heute noch bewirken:

α) Trampler: Kurt Trampler erforschte und praktizierte als Arzt Heilungen durch seine „zielgerichtete“ Arbeit. Er fragte, was Leben ist, und erkannte ein höheres Ordnungsprinzip. Der heilende Wirkfaktor liege nicht in den Fähigkeiten eines Menschen, sondern „alles Lebendige ist Teil eines höheren Ordnungsgefüges“. Er wies darauf hin, dass „bedeutende naturwissenschaftliche Forscher den Mut hatten, die Sackgasse des Materialismus zu verlassen“, und zitiert die letzten Worte einer Rede von Max Planck: „Das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“

Den unbekannten geistigen Wirkfaktor nannte der Biologe und Philosoph H. Driesch in Anlehnung an eine aristotelische Bezeichnung „Entelechie“. Weizsäcker übersetzte dieses gestaltende Prinzip des Lebendigen mit „Zielinnewohnen“. Trampler hat für seine Heilungen Mitempfinden eingesetzt und auch über große Entfernungen geheilt. (Trampler, Kurt, Zielgerichtete Heilkraft, Origo-Verlag, Zürich 1967) Es helfe seinen Patientinnen, ihre Willenskraft dem göttlichen Gesetz zu unterstellen, sich-eins-Fühlen mit dem Ganzen. „Könnte … nicht für viele ein Weg zur re-ligio sein?“ schreibt er am Ende seines Buches.

β) Jesus Christus beschrieb den Vorgang des Lebendigen mit den Worten : „Es ist der Geist, der Leben wirkt.“ Dies wird auch von Trampler zitiert.

γ) In einem Bericht von „Geographic International“ (Vance, Eric, Die Macht der Gedanken, National Geographic Dezember 2016) wird das Konzept des Glaubens in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten erklärt: aus unserem konventionellen Konzept der westlichen Medizin und aus dem der geistigen und „himmlischen“ Kräfte sowie der Rolle der Erde. Ein Beispiel für letzteres ist die Zeremonie des Woodoo. Mircea Eliade beschreibt zahlreiches Wirken des Shamanentums. Das Beispiel aus unserem Kulturkreis sind die sorgfältigst aufwendig durchgeführten Operationen. Sie werden in dem Bericht von Vance als eine Art Inszenierung und, was das Beeindruckende und die Heilungstendenz dabei betrifft, ähnlich einem Schauspiel des Woodoo-Kultes beschrieben. Auch bei den Vorbereitungen des Doktors im weißen Kittel entstehe eine Umgebung, die den Patienten hilft, stabil an ihre Gesundung zu glauben. Und es wirkt. Ich selbst weiß durch PflegerInnen, wie Operationen, Eingriffe und Medikamente Vertrauen und Glauben bewirken und wie verheerend sie bei Skepsis und Hoffnungslosigkeit sein können.

δ) Clemens Kuby war durch einen Unfall querschnittsgelähmt, die Ärzte prophezeiten ihm, dass er sein Leben im Rollstuhl verbringen werde. In einem Vortrag in der Freiburger Universität in den 90erJahren erzählte er seine eindrucksvolle Geschichte, wie intensiv er sich gegen diese Perspektive wendete, seine Vergangenheit auf Disharmonisches durchkämmte, seine Visionen einer Wandlung und neuen Lebensgestaltung in die Tat umsetzte. Seine ungelösten Probleme löste er, für tiefere Formen des Glücks öffnete er sich und entwickelte einen stabilen Glauben an die Heilnatur und an Gott. Seinen langen Krankenhausaufenthalt nutzte er als „Dauermeditation“. Hinsichtlich des materiell-körperlichen Bereichs plädierte er für Bewegung, gesunde Atmung und heilsame Lebensmittel; darunter empfahl er enthusiastisch, genug Chlorophyll, also grüne Salat- und Gemüseblätter zu sich zu nehmen, da dies der Chemie unseres Blutes sehr ähnlich ist.

ε) Ein mir bekannter Bewegungslehrer erzählte von seinem Yogalehrer, der sich von MS mit sehr viel Disziplin und Einsatz befreite, konkret aus dem Rollstuhl herausarbeitete und nun Yoga für Menschen mit MS lehrt.

Eine Freundin teilte mir Ähnliches von einem Bekannten mit, und auch ich kenne Menschen, die sich selbst geholfen haben.

Schließlich: Ich habe mir selbst in meinem Leben fünfmal mit Geduld und Eigenarbeit und, so glaube ich, einem feinen Spüren geholfen, gesund zu werden und zu bleiben ohne die empfohlenen operativen Eingriffe oder andere Rezepte der Schulmedizin. Dabei arbeitete ich meist mit der Feldenkrais-Methode, mit natürlichen Heilmitteln und der Symptomarbeit von Mindell. Auch die meditative und die künstlerische Aktivität strahlen auf das Gemüt und das Innenleben Heilendes aus, helfen oft, gelassener und zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Liebe schenken scheint heilend zu sein.

ω) Ω Das Omega, der Berg, das Umfassende der Lernwege, der Wandlung, Ganzwerdung und Heilung, darin sowohl die materiell-kausale Medizin als auch die Natur- und Seelenwege, ist die schon oben genannte „Regenbogenmedizin“ von Dr. Arnold Mindell, ein multidimensionaler Zugang. In seinem Überbau aller Möglichkeiten hebt sich besonders seine Arbeit an Symptomen, letalen Krankheiten, seine Arbeit mit Sterbenden und die mit menschlichen Konflikten heraus. Er erklärt, dass aus den unbeabsichtigten und eben störenden Signalen, darin besonders wirkungsvoll aus Körpersymptomen und Beziehungsproblemen, Hinweise zur individuellen Lebenskreation und zum wahren Selbst ergeben. Seine Methoden und Meta-Skills sind vielfältig und geschehen in enger kreativer Koaktivität mit seinen Klienten. Dafür werden feine und gründliche Wahrnehmung in allen Ausdruckskanälen gebraucht, dem Spüren, dem Hören, dem Sehen, in sämtlichem Körperausdruck, auch in spiritueller Intuition. Die Zugänge werden dann vielfältig gewählt: schulmedizinisch, beratend, bewegungsorientiert, tiefenpsychologisch, geistig u. v. m. Die Signale der Krankheiten und Beschwerden oder auch kleine Hinweise werden künstlerisch, d. h. mit viel Phantasie amplifiziert, ihre Kraft, Richtung und Essenz wird in Bildern ausgedrückt, in Klängen, mit dem Körper, mit Gesten, in Bewegung, Geschichten, als Erinnerung oder als religiöse Vision. Aus dieser Ent-Faltung erhält der Patient und ebenfalls jede Übende Botschaften zur Reifung. Die mutige Überschreitung unserer Grenzen im Sinne der Befreiung aus veralteten Auffassungen und eines neuen aktiven Handelns und Seins heben uns heraus aus unserer engen Identität. Sie öffnen das Tor zu zukünftigen Fähigkeiten und im Leben zu Sinn und Freude. Hier haben wir die Parallele zu dem, was uns Moshé Feldenkrais aus tiefstem Herzen anbieten und wozu er auffordern wollte:

das Potential entfalten, festgefahrene Gewohnheiten und Haltungen loslassen: eine Verwandlung zu mehr Ganzheit.

Wenn man mich nun fragt, was ich einer Schülerin der Feldenkrais-Methode empfehle oder was ich einem Patienten „rezeptiere“, so sind es die eigene Initiative, das aktive Bewegen UND Spüren, die Disziplin an jedem Tag, die wahrhaftige Lebendigkeit. Nur aus der eigenen Einstellung des Klienten heraus folgen Wirkungen oder auch nicht. Die ersten kleinen Erfolge machen uns zufriedener, hoffnungsfroh und weiterhin eigentätig. Und die Bewegung selbst schenkt Freude und Ruhe.

Dies ist der Glaube an die in uns wohnende Heilkraft des Kosmos. Es geht es nicht um Überanstrengung oder Zwang, sondern um eine meditative liebevolle Praxis des Menschen auf unserem Planeten. Das Lernen wird zum Sein, zum Selbst-Sein. Jede Minute ist Lebendigkeit. Nicht umsonst sah Albert Schweizer den höchsten Wert und Rang der Ethik in der Würde des Lebens.


Ihre Eva Weißmann

Im letzten Teil der kleinen Feldenkrais-Serie von Frau Weißmann wird sie Ihnen praktische Feldenkrais-Übungen für von MS Betroffene und jedermann/jederfrau vorstellen, die Sie unabhängig vom Schweregrad einer Multiplen Sklerose selbst durchführen können. Vielleicht möchten Sie die Serie danach noch einmal lesen und spüren, was sich verändern darf und kann; wie Lernen zum Sein wird…

Seien Sie in diesem Sinne neugierig auf die nächste Feldenkrais-Folge hier in diesem Kanal!

Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (Teil 1)

Die Feldenkrais-Methode bei MS – Teil 2: Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?

Die Feldenkrais-Methode besonders für MS-Betroffene (3): Multiple Sklerose und Gehen


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


Literatur:

Feldenkrais, Moshé, Abenteuer im Dschungel des Gehirns. Der Fall Doris. Insel Verlag, Tel Aviv 1977

Feldenkrais, Moshé, Verkörperte Weisheit. Verlag Hans Huber, CH Bern 2013

Feldenkrais, Moshé, Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang. Suhrkamp Taschenbuch 1981

Feldenkrais, Moshé, Higher Judo. Groundwork. BLUE SNAKE BOOKS. CA Berkeley, 1952

Grill, Heinz, Der freie Atem und der Lichtseelenprozess. Heinrich Schwab Verlag, Argenbühl 2017

Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics, Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Urban Fischer, München 2003 

Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics Infant Handling. Hans Huber, Bern 2004

Mindell, Dr. Arnold, The Quantum Mind and Healing. Hampton Roads, Charlottesville VA 2004

Mohr, Klaus, Bircher-Benner-Verlag, Friedrichsdorf 1996 

Reese, Mark, Moshé Feldenkrais. A Life in Movement. ReeseKress Somatics Press, San Rafael CA 2015

Siegel, Daniel, Pocket Guide to Interpersonal Neurobiology. Mind your Brain. W.W. Norton &Company, New York

Skuban, Ralph, ATEM. O. W. Barth Verlag, München 2022

Trampler, Kurt, Zielgerichtete Heilkraft. Origo-Verlag, Zürich 1967 

Vance, Eric, Die Macht der Gedanken. National Geographic Dezember 2016

Weißmann, Eva, TanzTheaterTherapie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1999

Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016

Zu Forschungsstudien und wissenschaftlichen Belegen:

Bost, H., Burges, S., Russell, R., Rüttinger, H. & Schläfke, U., Feldstudie zur Wirksamkeit der Feldenkrais-Methode bei MS-Betroffenen. Hrsg. von der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft, Landesverband Saar e. V., Saarbrücken: Reha-GmbH

Klinkenberg, Norbert, Feldenkrais-Pädagogik und Körperverhaltenstherapie. pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2000, Ss. 199 f. und die Kapitel 2 und 6

Rywerant, Yochanan, Schädigungen des ZNS, Abschnitt 58 Ss. 94ff. in: Rywerant, Y., Grundlagen der beruflichen Feldenkrais Arbeit. Verlag von Loeper, Karlsruhe 2004     

Shelhav-Silberbusch, Chava. Bewegung und Lernen. verlag modernes lernen, Dortmund 1999

Wittels, M., Die Feldenkrais-Methode in der Schmerztherapie, in: Bernatzky, Günther u. a.. Nichtmedikamentöse Schmerztherapie. Komplementäre Methoden in der Praxis. Springer-Verlag, Wien 2007

© Schaubild: Eva Weißmann


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Die Feldenkrais-Methode besonders für MS-Betroffene (3): Multiple Sklerose und Gehen

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis:
Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

Es folgt eine Erklärung, was zur Funktion des aufrechten Gehens gehört, weiter das Beispiel einer Unterrichtslektion, hier der Behandlung mittels Berührung und Bewegt-werden, also welche Fähigkeiten Menschen mit MS konkret für ihr Gehen, ihren Alltag und ihr Leben gewinnen, gegliedert in:

  1. Die Kunst des Gehens
  2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen 
  3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit
  4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche
  5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

1. Die Kunst des Gehens

Der menschliche Gang ist eine Kunst, die verlangt, dass feine und komplexe Gewichtsverlagerungen über den gesamten Körper kontrolliert werden. In Lernprozessen der Kindheit und in Neuanfängen oder Heilungsprozessen sollten sie auch in Ruhe gespürt werden. Mit unserem Bewegungssinn geschieht dieses Erlernen oder erneute Lernen des Gehens mit gezielter Aufmerksamkeit und wird dann zum automatischen Reagieren und gewohnten Gang. Die beteiligten Gehirnareale und Nerven kommunizieren in Regelkreisen sowohl innerhalb des Individuums als auch zur Umgebung und hin zum Lehrer/zur Lehrerin. Damit verbunden sind eine ausreichende Erdung und der dynamische Kontakt zwischen Füßen und Boden. Daraus folgen die Zentrierung und das Pendeln um die Zentralachse und die gesunde schlängelnde Gestalt der Wirbelsäule, ihre Dynamik und Aufrichtung.

Der Wunsch derer, die unter Multiple Sklerose leiden, ist verständlicherweise sehr groß, ihr Gehen zu erhalten oder zu erleichtern. Aus den Erläuterungen der Zusammenhänge zwischen Gelenkführung und Nervensystem und der Verbindung der Körperteile untereinander geht hervor, dass die Hilfe aus der Feldenkrais-Methode sowohl auf jedes noch so kleine Gebiet des Bewegungssystems als auch auf die Einheit des Körpers zielt. Folglich übe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern direkt am Gehen und ebenso in anderen Positionen an der Beweglichkeit der Wirbelsäule, an der Durchlässigkeit von Brustkorbs und Hals, am flexiblen Tragen des Kopfes und an der Kompetenz von Füßen und Becken, die das Gewicht tragen UND es in vielerlei Richtungen und Konfigurationen verschieben, ziehen, heben, setzen usw. So sind auch alle Arten von Drücken, Ziehen, das Transferieren der Übenden zwischen Stuhl und Boden oder Stuhl und Bett sowie jegliche Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen dem Atemvorgang, dem Zwerchfellmuskel und den Wirbelbewegungen ein Übungsfeld, das die Funktionen für das Gehen unterstützt und erweitert. Indem die Patientin/der Patient neugierig das Tun MIT-SPÜRT, etablieren sich immer mehr Schaltkreise im Nervensystem und Bewegungsmuster, also die Fähigkeiten, die Aufgaben des alltäglichen Gehens bei vielerlei Umgebungen und Bodenuntergrund anzupacken und damit Chancen der Bewältigung, Erfolge und Sicherheit

Beispiele für solches Erkunden und Wahrnehmen sind Treppen, schräge Ebenen, verschieden hohe Stufen, niedrige und höhere Hocker, zu denen man sich auch hinwenden, also drehen kann und sollte. Beispiele sind das vielfältige Bewegen der Fußgelenke und das Abrollen einer oder beider Fußsohlen von den Zehen bis zur Ferse und umgekehrt, ebenso zwischen den Innen- und Außenkanten, und weitere Beispiele sind das Erforschen aller Beingelenke. Wenn Übende interessiert sind, zu fragen und die Fähigkeiten des Körpers zu erkunden, etwa des Beckens, welche Richtungen des Kippens und Drehens hier möglich sind, so ist dies eine wunderbare Vorbereitung, ein leichteres Gehen zu lernen. Auch die Aufmerksamkeit auf Taille und Hals, die zwei besonders beweglichen Zwischenräume, fördert den Balanceakt, besonders dann, wenn eine Körperseite oder ein Bein behindert ist. 

2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen

John Graham, auf Basis seiner Feldenkrais- und Ballettkarriere, rief immer wieder in unsere Ausbildungsstunden hinein: „hold less, balance more“. Ein ebenso hilfreicher Satz war: „Lasst den Atem euch atmen“. Wir sehen hier das Tänzerische und die Öffnung für Selbstwahrnehmung. Und beide Aufforderungen betonen den heilsamen Zusammenhang des Bewegungsapparates und der Luft- und Blutversorgung durch eine harmonische Balance zwischen Bemühung und geschehen lassen. In der Praxis mit meinen Einzelpatienten sowie in Kursen und Fortbildungen bringe ich oft die Feldenkrais-Methode, Gentle Dance und die Kinästhetik zusammen. Wir erleben im leiblich-kindlichen Erforschen erstaunliche Lernergebnisse für das Gehen und das Alltagsleben. 

Im folgenden werde ich als Beispiel eine von vielen möglichen „FIs“ (Funktionale Integration) für den menschlichen Gang und also Lernvorgänge im Liegen und im beeinträchtigten Gehen konstruieren und beschreiben. Sie möge vor allem Übenden eine Anschauung davon geben, was sie erwarten können von einer solchen Behandlung, währenddessen und danach. Auf der Liege fühlen wir uns sicherer, liegend können wir das Gewicht auf eine große Fläche abgeben, wir können nicht fallen, und daher lassen wir leichter los. In vielen Methoden wird das Üben im Liegen praktiziert und danach das Gelernte auf den aufrechten Gang oder die Alltagsbewegungen, den Tanz oder die Yoga-Asanas usw. übertragen. Auch dann noch ist „der aufrechte Gang“ (Feldenkrais, Moshé, Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang. Suhrkamp Taschenbuch 1981) eine große Kunst. Daher sollten wir das Fallen, etwa des vorschwingenden Beines beim Gehen, als Baby das Hinfallen beim Laufenlernen, als Tänzer das Stehen und Drehen auf einem Bein und das choreografisch verlangte tänzerische Fallen sorgfältig erforschen.

Im Verlaufe der Erkrankung an MS entwickelt es sich öfter, dass die Fähigkeit des symmetrischen Ganges abnimmt: Neben anderen Schwierigkeiten kann es sein , dass ein Bein nicht mehr so gut  zu kontrollieren ist. Die Gleichmäßigkeit des Schwingens rund um die Zentralachse im Zusammenspiel mit dem symmetrischen Schreiten beider Beine geht verloren oder wird geringer. Deutlich möchte ich darauf hinweisen, dass die Probleme oder Defizite sehr schwanken können, je nach Tageszeiten, Stimmungen, verschieden  stressigen oder beglückenden Umgebungen, je nach Zuversicht oder Deprimiertheit.

Zum Erleben des Gehens bei der Beeinträchtigung:
Wenn das Abstoßen der Beine von hinten, das Heben und Vorschwingen nicht mehr in gleicher Weise rechts und links gelingt, sind auch die beiden Körperseiten davon beeinflusst. Auf der Seite des schwerer kontrollierbaren Beines kommt es zu einer Kontraktion zwischen Becken und Brustkorb. Dies wirkt wiederum zurück auf die Beinbewegungen, die Bewegungen des Beckens und damit auf den gesamten Körper. Die größte Gelenkbewegung bei einem menschlichen Schritt geschieht an der „Nahtstelle“ zwischen Torso und Bein, dem Hüftgelenk. 
Wenn man also ein Bein bzw. das Hüftgelenk – manchmal das Knie- oder das Fußgelenk oder diese zusätzlich – nicht in aktiver Bewegung leiten kann, also die Faltung oder Biegung durchführen, liegt es nahe, das Becken zu benutzen, als Helfer oder Ersatz für das Heben des Beines oder Fußes. Der Klient hebt und dreht für den Schritt also die Beckenseite des betroffenen Beines einseitig und stärker als üblich im Gehen und führt zusammen mit dem Bein diese Beckenhälfte (Ilium) nach vorne. So kann der Fuß vorne aufsetzen. Oft ist auch das Flexen des Fußes schwierig oder unmöglich. Dieser neue Balanceakt ist natürlich ein ganz anderer als der gleichseitige. Die Klientin/der Klient gewöhnt sich an eine starke und strukturverändernde Kontraktion auf der Seite des betroffenen Beines und die beiden Seiten werden dauerhaft unterschiedlich gebraucht. 

Die Lösung, auf diese Weise das Becken einzusetzen, ist prima, nur ergeben sich aus der Dauer- und Gewöhnungsanstrengung neue Probleme für den Bewegungsapparat, wenn man nicht regelmäßig am Ausgleich arbeitet, und oft auch Spannungen, die den gesamten Menschen in seiner Beweglichkeit einschränken, leider auch Schmerzen verursachen können.
Nehmen wir an, das rechte Bein ist behindert, dann bewegt er also seine rechte Taillenseite und Flanke aktiv mit sehr viel mehr Muskelkraft als die linke. Links wiederum führt dies zu einer veränderten Aufnahme des Gewichtes auf dem Fuß im Vergleich zur symmetrischen Bewegung. 
Folglich werden Gelenke und Muskeln: das Sacrum, das Iliosacralgelenk, die Lendenwirbel mit den Beckenmuskeln, dies ganze Gebiet mit Quadratus, Psoas, Iliaci, Transversi… gegen die Schwerkraft auf der rechten Seite für einen Schritt in anderer Weise gebraucht als auf der linken Seite. Das heißt für den Schritt mit rechts gewöhnt sich die Klientin/der Klient an eine überstarke Anstrengung für das Zusammenziehen in der Taille und Drehen des Beckens. Und links entsteht eine veränderte Kraftanstrengung beim Strecken des Beines, das das Gewicht des gesamten Körpers logischerweise mehr und länger tragen muss. Diese Kreation ist eine gute Anpassungsidee. Wenn nun ein so erfinderischer und gewandter Mensch spürt mit Bewusstheit, was er dabei tut und sein kinästhetisches Sinnesorgan schult zur globaleren Wahrnehmung seines Körpers, dann kann er ausgleichende Bewegungen für seinen gesamten Körper finden, d. i. die linke Seite entsprechend trainieren im Zusammenziehen und den beiden Seiten genügend Loslassen gewähren.

Eine solche Selbst-Schulung und die Unterstützung durch Feldenkrais-Practitioner hilft zu mehr Bewegungskompetenz. Dadurch vermeiden wir, dass die einseitige Kontraktion zur festen Struktur wird, also zu einem dauerhaftem Schiefstand von Becken und Torso, Wirbelsäule, Hals und Kopf. Dies beeinträchtigt auch die sonstigen Alltagsbewegungen, das Sitzen, Waschen, Anziehen, oder auch nur das Stehen, das Schreiben, sich beugen. Die Durchlässigkeit des Halses ist für die Nervenbahnen, das Blut, den Atem, die Ernährung und Fasziengewebe existentiell notwendig. Interessierte Übende können konkret die entsprechenden Hebungen, Kontraktionen und eben auch Längungen (das Strecken) auf der anderen Seite und ihre eigene Weise der Selbsterziehung praktizieren. Wir alle balancieren uns ja nicht nur bei relativer Stabilität und Symmetrie aus, sondern erst recht, wenn das Gewicht auf eine Seite schwankt oder sich schwerer zur Seite neigt, also stärker von der Erdanziehung betroffen ist. Auch in Ballspielen, Klettern und Tanz erlebt man dies immer wieder als große Aufgabe. 

Wir sollten für solches Lernen nicht streng mit uns umgehen, nichts erzwingen, sondern die guten Resultate von lockerer Disziplin genießen. In der Feldenkrais-Methode oder in einer Tanztherapie wachsen wir mental und emotional, wir verbessern unser Selbstbild und Leben. Die Minderung oder das Bewältigen von körperlichem und seelischem Stress kommt dem Nervensystem und den Immunitätsorganen zugute.

3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit

Es ist leicht, auf der Feldenkrais-Liege die lösenden angenehmen Funktionen des Gehens durch die berührenden Hände des Feldenkrais-Behandlers zu erfahren. Dabei kann der Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb auf der linken und auf der rechten Seite loslassen, und ein freieres Atmen kann gespürt werden, Voraussetzungen für gute Balance und leichteres Gehen. Sicherlich werden erfahrene Feldenkraislehrende mit gezielten Berührungen die Schülerin/den Schüler darin unterstützen, immer differenzierter zu fühlen und neue Muster aufzunehmen. Zunächst können Lehrende die Klienten etwa beidseitige und symmetrische Bewegungen in Rückenlage erfahren lassen. Sie ermuntern, „passiv “ zu sein im Sinne eines Sich-Spürens, die Behandlung im Liegen zu genießen, im Anschluss an die Behandlung die neuen Erlebnisse beim Aufstehen und Gehen zu beobachten und Stunden und Tage später zu erinnern.

Effizientes Lernen entsteht nach Moshé Feldenkrais (er lebte von 1904 bis 1984) mit Neugier, in unangestrengter, unangespannter und angenehmer Atmosphäre. Dies haben die moderne Neurowissenschaft und die heutigen technischen Studien sichtbar und beweisbar gemacht. Die Disziplin dabei ist eine gewisse Regelmäßigkeit beim Erwerb des differenzierteren Körpergefühls und bei der Hinwendung zu eigenständigem Reifen.

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Man kann die Übenden auf der Liege zum Vergleichen sowohl die neuen als auch die alten ! Funktionen von Bewegungen erleben lassen, etwa die entstandene Symmetrie und vorher die Einseitigkeit, ein Loslassen der rechten Körperseite, besonders der Taille aus der gewohnten Dauerkontraktion, und wie ein vom Practitioner bewirkter Druck auf die Fußsohlen rechts und links zunächst unterschiedlich gespürt wurden und dann eine Angleichung erreicht wurde.
Practitioner können mit einer kleinen Verstärkung von Druck oder Zug und einer Erweiterung des Körperareals die gewonnene Bewegungsfreiheit bekräftigen, sei dies durch ihre Hände, ihren Körper oder manchmal sogar durch ein paar nette Worte der Freude, Überraschung, des Lobes UND auch durch Fragen und Hinweise zum neuen Bewegungserleben. Vor allem werden Feldenkrais-Lehrerende selbst sehr genau auf den Atem achten und für mehr Flexibilität von Zwerchfell und Wirbelsäule, mehr Weitung von Brustkorb und Weichheit des Bauches, für die Verringerung der Spannung gewisser Zwischenrippenmuskeln sorgen. 

Die Seitenlage bietet sich besonders an, wenn eine Körperseite überbeansprucht ist, in unserem Beispiel die Seitenlage auf links, da Practitioner dann bequem an der nach oben gewandten rechten Seite arbeiten können. Das schließt gar nicht eine erstmalige Arbeit sogar zunächst links aus! Die/der Lehrende wird auch am Schultergebiet, an Rippen, am Zwischenraum zwischen Brustkorb und Becken, an der Bein-Becken-Beziehung so arbeiten, dass hier die Funktionen von Kontrahieren, Loslassen, Dehnen und Strecken klarer werden. Der Patient/die Patientin erhält z.B. Aufforderungen, seine aufliegende (linke) Körperseite auf der Unterlage zu spüren, wie diese auf die Behandlung reagiert und mit der oberen Körperseite korrespondiert. Das intensive Erleben der beiden Körperseiten zusammen mit den neugewonnenen Fähigkeiten wird gefestigt durch ein passendes Berühren in Bauchlage, in Sitzhaltung und schließlich im Stehen, möglichst auch im Gehen. All dies braucht vermutlich mehrere Sitzungen. Es zeigen sich meist etliche ungekannte Gefühle: mehr Platz im Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb, „ich kriege mehr Luft“, die Übenden fühlen sich länger…

Zu anderer Zeit wird man auch die winzigen Wirbelbewegungen mit sachtem Schieben in Bauchlage oder Seitenlage erleben lassen. Dies ist nicht nur wohltuend während der FI, sondern sehr zentral für die Kompetenz des Balancierens, die fast alle Gelenke des Körpers einbezieht, vor allem aber die häufig vernachlässigte Wirbelsäule. In der Zukunft dient dies im weitesten Sinne einer Erweiterung der Selbstwahrnehmung und einer Steigerung des Realitätssinnes. Für ihre Bewegungskompetenz, also für das je erforderliche neue Lernen bei  momentanen oder frischen Schwierigkeiten, sollten Menschen mit MS – und nicht nur diese – immer wieder alltägliche Bewegungen langsam ausführen und genau beobachten.

4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche

 Balancieren, das Gewicht verlagern sind die ganz gewöhnlichen Begleiterscheinungen, wenn wir uns bewegen. Fallen kennen wir vom Kind, das Laufen lernt, und auch bereits wenn das Baby beim Rollen zur Seite fällt. Stürzen unterscheiden wir „Kinästhetikerinnen“ vom Fallen. Es gibt nicht nur ganze Tanzstile, die auf dem Fallen aufbauen und Tanzphrasen mit fallenden Gliedern, sondern auch der durchschnittliche Mensch kann lernen, sich beim Fallen gut aufzufangen, sich funktional, also der Aufgabe entsprechend zu bewegen. Auch dies ist eine Definition von „Bewegungskompetenz„, die die Kinästhetik als Weiterentwicklung aus der Feldenkrais-Methode heraus betont. Gerade beim Fallen, und eben nicht Stürzen (aber selbst da!) braucht es keine Kraft, hilft kein Wille, keine Schweiß treibende Anstrengung, sondern gerade das von den gelehrsamen Nerven erwirkte gezielte Loslassen von Teilen des Körpers. Etliche Muskeln müssen also entspannen, während andere arbeiten, was bei gesunder Bewegtheit die Regel ist. Dadurch, und nicht durch viel praktiziertes zu hartes Training, bleibt all unser Gewebe elastisch und wird nicht spröde, hart oder schmerzt und erlahmt.

In der Feldenkrais-Methode üben wir sozusagen im voraus, was unser Gehirn und Körper beim Fallen, also auch bei jedem Schritt, nämlich beim „Fallen“ eines Beines und eines Teils des Torsos einleiten soll. Das enorm intelligente Nervensystem inklusive Gehirn kann dies leicht bieten. Beim Stürzen, bei dem wir ja an die Unfallgefahr denken, wobei es glücklicherweise sehr oft noch gut ausgeht, wirkt die Schwerkraft bereits heftiger, unser Körper stößt oder knallt auf den Boden, wobei wir auch da oft mit den Händen und Armen agieren und uns auffangen, Gesicht und Kopf schützend.

Arten zu fallen gehören also auch zum Alltag, Stürzen wollen wir vermeiden. Angenommen, man ist gestürzt und liegt auf dem Boden. Stehen sie weder schnell auf noch lassen Sie sich schnell wieder ins Stehen bringen, selbst wenn Sie gegen lieb gemeinte Hilfe protestieren müssen. Bevor Sie aufstehen, bewegen und spüren Sie zuerst Ihre Gelenke achtsam durch. „Fischen“ sie dann nach mehr oder weniger höheren und festen Objekten wie Hocker, Bücher, Kissen, Teppich, zusammengefaltete Kleidung, Tasche, Stuhl, auch nach der stabilen Schulter einer Helferin. Ausgestreckte Arme oder Hände geben keinen sicheren Halt. Die Unterstützungsflächen sind Ihre Aufsteh-Hilfen und vielfach besser als Ihre Muskelarbeit etwa der Oberschenkel beim „Senkrecht-Start“, der noch dazu die Knie überanstrengt und schädigt. Ferner drehen und wenden Sie sich in die Aufrichtung hinein; das frontale parallele Hochkommen braucht zu viel Muskelkraft, gar nach einem Schock oder Stoß.

Wie übt man nun Fallen und Sich-Auffangen vor dem Ernstfall? 
Wir üben nicht diese Bewegungen ein, sondern wir schulen unser Nervensystem mit möglichst vielen Optionen, also konkreten Positionen und Aufgaben. Daher arbeiten wir langsam während der Lernprozesse und benutzen unsere Wahrnehmung mit der Wirkung, dass die Komplexität des Nervensystems erweitert wird. Neue Schaltkreise formen sich, es bilden sich neue Nerven; sogar neue Gene können in starken Veränderungsprozessen entstehen. Sie erleben nicht nur wie angenehm, sondern auch wie frei Sie in der Wahl Ihrer Handlungen werden durch eine disziplinierte Arbeit an Ihrer Bewegungswahrnehmung, alleine und mit Lehrer/Lehrerin.
Ich empfehle ein lebenslanges Dranbleiben und die Regelmäßigkeit; wir Menschen sind gebaut für ständige Bewegung: Laufen, Gehen, Gewichtsverlagerung; nicht für Sitzen! Nicht nur die kinästhetische Erlebnis-Wissenschaft, sondern auch die Praxis ist weniger durch ihre Theorie als viel mehr durch die Erfahrungen überzeugend; unter anderem auch, weil es für die hochschulgemäße Forschung zusammen mit Lehrenden und mit dem Verband der Feldenkraisberufe an Geld fehlt und aussagekräftige Studien Jahre benötigen. Das ist schade, denn viele Menschen könnten hiervon Lebensqualität gewinnen (zur Kinästhetik s. auch Kapitel 8: Kinästhetische Intelligenz in Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016).

5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

Ich habe nicht nur mit den üblichen Feldenkrais-Gruppen und Einzelpatientinnen/-patienten gearbeitet, sondern auch in Krankenhäusern, Geburtshäusern, in Pflegeheimen und für besondere Lernaufgaben alltäglicher, sportlicher und künstlerischer Aufgaben. Da das Gehen eine extrem menschengemäße und bedeutende Funktion ist, bildet es zunächst einmal die Basis für unser Leben. Erst wenn dies nicht mehr (so leicht) möglich ist, wird es durch andere Potentiale ergänzt oder ersetzt. Erfahrungen mit den verschiedensten Klientinnen/Klienten, bewegungsbeeinträchtigten Menschen, mit (auch spastisch) gelähmten Menschen, mit Menschen nach Unfällen, mit Bettlägrigen, mit Sterbenden, mit Koma-Patientinnen/-patienten, mit alten und geschwächten Menschen, mit Menschen mit Demenz, mit Säuglingen, Kleinkindern und zusammen mit deren Müttern und Vätern, also auch mit Menschen, die Worte nicht verstehen, unter der Geburt … machen diese Arbeit sinnvoll, freudvoll und notwendig.

Sehr gut erinnere ich mich an mehrere Patientinnen/Patienten, die ich auch begleitete, bevor sie einen Rollstuhl benötigten und ebenfalls später, als ich sie anleitete für eine angenehmere Weise des Hinüberbewegens vom Rollstuhl über das Sitzen hin zum Bett, über ein Gleiten in Seitenlage und zu Drehungen in die Rückenlage … Manchmal entfaltet sich dies wie ein Tanz; man probiert auch individuell. Ein junger Patient liebte das Tanzen liegend im Bett. Eine Patientin liebte es besonders, wenn wir einen Dialog, sitzend auf den Stühlen, mit unseren Gesten, Bewegungen, der Mimik und auch Lauten führten. Eines Tages wollte sie schwimmen gehen; ich organisierte es, wir erlebten miteinander ihr freudiges Schwimmen auf dem Wasser und natürlich das schöne Getragen-sein. Ich trug ihren Kopf und teilweise den Oberkörper, während ich im niedrigen Wasser ging. 

Von meinem großartigen Ausbilder Yochanan Rywerand und von dem Musiker Alan Fraser lernte ich, wie man Behinderte und Musiker mit Feldenkrais-Behandlungen im Alltag und sogar am Instrument durch Berührung unterrichtet. Als Tänzerin und durch Moshés Beschreibungen sowie die Kinästhetikforscher Lenny Maietta und Frank Hatch war ich in der glücklichen Situation, Kinästhetik mit Tanz zusammen zu lernen und mit Patienten und Patientinnen kinästhetisch zu tanzen. Ich konnte sie sowohl im Rollstuhl als auch mit Rollator unterrichten und behandeln.

Für die Benutzung eines Rollators sollte man sich klar machen, dass man das Gewicht nicht zu lange auf „alle Viere“, eben auch auf Hände und Rollator stützt, sich so oft wie möglich aufrichtet, die lotrechte Achse der Wirbelsäule berücksichtigt und damit – auch bei Krankheit und im Alter – die menschengemäße Zentrierung und Haltung (alignment) einnimmt. Denn sonst werden Rundrücken und der für den Menschen unpassende Umgang mit der Erdanziehung weitere Probleme nach sich ziehen. Vielfältige Bewegungen der Wirbelsäule, Aufrichtung und Schwingen um die Vertikale helfen dem körperlichen Gleichgewicht und der seelischen Harmonie.


Ihre Eva Weißmann

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Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (Teil 1)

Die Feldenkrais-Methode bei MS – Teil 2: Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: Charles Erik Huber, CH-Ennetbaden; SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Die Feldenkrais-Methode – besonders für MS Betroffene (2): Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?

Das Zusammenspiel von Schüler/Schülerin und Lehrer/Lehrerin, das Feld der Balance und das kinästhetische Sinnesorgan
 

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Die Feldenkrais-Methode (FKM) ist Unterricht; sie ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, die in maßvoller und disziplinierter Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist. Die Methode unterstützt beides, Sport und Medizin.

Die schon erwähnten zwei Herangehensweisen dieser Methode und Schüler-Lehrer-Beziehung sind: 

  1. die Gruppenlektionen: man nennt sie kurz „ATM„, d.h. „awareness through movement“ = Bewusstheit durch Bewegung und
  2. die Einzelbehandlung: „FI„, d. h. „Funktionale Integration“.

In der Begegnung von Schüler/Schülerin und Lehrer/Lehrerin wird das über den ganzen Körper verteilte Nervennetz Bewegungswahrnehmung, das kinästhetische Sinnesorgan, geschult und für die Selbstbeobachtung und Verbesserung von Bewegungsfunktionen genutzt. Also wird auch der gesamte Bewegungsapparat, nämlich Muskeln, Knochen, Gelenke, Bänder, Sehnen und Faszien in ihrer Aktivität und Passivität(!) erreicht. Es sind diejenigen Zellen, Leitungen, Nervenbündel, mit denen wir unser Bewegen und Handeln initiieren, kontrollieren und korrigieren und mit denen der Körper geplant und beabsichtigt, reflexartig oder spontan reagiert. Über Passivität, Elastizität und „Loslassen“ lesen im nächsten Teil des Feldenkrais-Newsletters.
Das kinästhetische Sinnesorgan ist in der embryonalen Entwicklung das am frühesten entstehende, und für diese  Bewegungswahrnehmung kooperieren viele Organe miteinander: das Gleichgewichtsorgan im Ohr, die Propriozeption, also die Eigenwahrnehmung, beispielsweise der Fußsohlen zum Boden hin für das Fühlen von Gewicht und Bodenbeschaffenheit, überhaupt das Fühlen von Druck und Ziehen, von Raum und Tempo, meist auch die Augen.
Die Nerven sind beteiligt bei jeglichem eigenem Tun, sei dies der Atem, das Sprechen, der Krafteinsatz, die Richtungen sämtlicher Bewegungen, seien sie bewusst oder seien sie uns (bereits) geläufig wie den Löffel führen, das Gaspedal bedienen…oder seien sie spontan und autonom.
Der Atem spielt begleitend und in seinem Einfluss für alle Bewegungen eine besonders wichtige Rolle (was in einem späteren Newsletterteil ausgeführt wird). Das A und O des Atems, der durch die Feldenkraismethode tiefer, ruhiger und angepasster wird, kann man nicht genug würdigen.

Im Unterrichten geht die/der Feldenkrais-Lehrende individuell auf jeden Schüler/jede Schülerin ein – und bei jeder Krankheit und nach jedem Unfall unterrichtet sie/er so, dass die Kompetenz des aktuellen Standes vergrößert wird, sei sie momentan noch so gering – dies vor allem in der Einzelbehandlung.

In der Gruppe führt sie/er die Teilnehmenden – indem sie immer wieder neue Sätze formuliert – zum Experimentieren und zu Varianten einer Bewegung. Der Lehrer/die Lehrerin ist aufgerufen, passende Ideen für alle Schüler zu finden und in jeder Unterrichtsstunde einen logischen Aufbau zu schaffen.

In der Einzelbehandlung auf einer speziellen Liege berührt die Lehrerin/der Lehrer den Schüler/die Schülerin, der/die äußerlich gesehen passiv sein darf, und bewegt ihn/sie sanft und ganzheitlich. Die Erweiterung der Muster im Bewegen oder anders gesagt: die Vergrößerung und Verdichtung von Nervenschaltkreisen wird generiert, indem der Feldenkraislehrer/die Feldenkraislehrerin die Bewegungen der Schülerin/des Schülers detailliert erforscht bzw. durch seine/ihre Hände spürt, welche Aufgaben der Schülerin/dem Schüler möglich sind und welche ihr/ihm durch Bewegt-werden neu dargereicht werden müssen. Er/sie respektiert auch den Widerstand des Organismus’ und bietet dann  andere Optionen an, beispielsweise in einer anderen Position, etwa statt der Seitenlage in der Bauchlage. Es geht immer wieder um frische Angebote und die Suche nach alternativen Wegen für wichtige Bewegungsfunktionen, etwa für die Kunst des Gehens. Wenn also zunächst vom Schüler/von der Schülerin ein Längen auf der einen Seite, etwa der rechten, nicht akzeptiert wurde, kann der/die Praktizierende als zweiten Versuch mit seinen/ihren Händen ein Zusammenschieben, eine Kontraktion auf der linken Körperseite anbieten.

Funktionale Integration: Was hat das Schulterblatt mit dem Schlüsselbein zu tun? Foto: FVD; Copyright: Sebastian Mayer

Zu 1.) den Gruppenlektionen:

Die halb- bis einstündige Gruppen-Lektion besteht aus Kombinationen von aktiven Bewegungen, die schließlich eine Funktion ergeben: etwa aufstehen, sich drehen, besser atmen, springen, nach oben greifen und so weiter. Die Bewegungen der Lektion werden sehr häufig auf dem Boden liegend langsam ausgeführt und erforscht: sich drehen aus der Rückenlage zur Seitenlage, die Wirbelkette kennenlernen und damit experimentieren, vielerlei Töne probieren und Bewegungen des Bauches vor oder zurück, den Kopf heben in Bauchlage, auch sitzend auf dem Boden, hier beispielsweise Bewegen des Kopfes, des Beckens und das Beobachten von deren Verbindung, auch im Sitzen auf einem Stuhl: etwa das rechte Knie nach vorne bewegen und erkunden, wie sich dabei Brustkorb und Wirbelsäule verhalten.
Details im Gehen oder in jeglichen Alltags-, Sport-, Tanzbewegungen und aus der Physiotherapie u.v.m. können zu einer Feldenkrais-Lektion aufgebaut werden, um darin Bekanntes leichter und feiner auszuführen und wohltuender zu erleben. Dabei hilft der Feldenkraislehrer/die Feldenkraislehrerin, indem er/sie Fragen stellt oder auf Beobachtungen hinweist: zur Beteiligung des Beckens und des Brustkorbs, zu den Teilfunktionen einer größeren Gesamtbewegung, besonders wichtig: zur Eingliederung der Wirbelsäule.
Ein grundlegendes Anliegen ist, auf einen fließenden Atem hinzuweisen, das Atmen beobachten zu lassen und die Schülerin/den Schüler den Zusammenhang von organischer Bewegung und freiem Atem entdecken zu lassen. 

Es gibt von Moshé Feldenkrais selbst viele Lektionen im Liegen, und überhaupt mit einer großen tragenden Unterstützungsfläche des Körpers auf dem Boden, auch das Sitzen auf dem Boden oder auf einem Stuhl. Trotz deren Wirksamkeit für Entspannung und Leichtigkeit sind auch Hilfen durch die Feldenkraismethode direkt beim alltäglichen Gehen und Fortbewegen oder im Hantieren am Herd oder Musikinstrument  möglich und sinnvoll. Dies kann eine wertvolle Erfahrung sein, dass die Balance, der Rhythmus, die Haltung, das Atmen und das Gangbild eher durch Sanftheit als durch Wille und Anstrengung verbessert werden.
In einer Lektion des Gehens kann man das genauere Spüren von einem Schritt lernen, einem halben Schritt, dem Stehen auf zwei Beinen, wie das Gewicht von einem Bein auf das andere gelangt, und man kann den Gebrauch der Fußsohlen klären, der Füße überhaupt. Der Lehrer/die Lehrerin muss aus seinen/ihren Beobachtungen erkennen, wie er/sie zur Selbstbeobachtung anregt, wie er den Boden für weniger Anstrengung und mehr „flow“ bereitet, wie er Interesse und Lust vermittelt. Er/sie muss fähig sein, das individuelle Fühlen des Schülers/der Schülerin zu bekräftigen und Leistungsdruck oder Konkurrenz zu vermeiden, da genau dies das leichte und erfolgreiche Lernen verhindert.

Zentral in doppeltem Sinne ist die Arbeit an der Wirbelsäule. Es braucht viel Zeit und Geduld, die vielen – meist ungenutzten – Bewegungsmöglichkeiten der Wirbelsäulenabschnitte und der einzelnen Wirbel  wieder zu entdecken. In der Medizin sprechen wir von der Psychosomatik, und in der Kinästhetik und der Feldenkrais-Methode nennen wir unsere somatische Fähigkeit der Selbstregulierung die Homöodynamik, früher Homöostase genannt. Durch die kinästhetische Methode ist unser inneres und äußeres Gleichgewicht positiv beeinflussbar. Wie unsere Nerven in Schaltkreisen verwoben sind, wie unsere Gefühle ausgedrückt, unterdrückt, verarbeitet, verwandelt werden, spielt sich in unserem neurobiologischen Gewebe ab, ja im Grunde zusammen mit und in unserem sozialen Gefüge, zwischen den Menschen: im interpersonellen neurobiologischen System.(1)

Der innere Nervenzustand und das Bewegungssystem werden  durch gute Feldenkraislehrende und in der Ruhe und Zuwendung des Unterrichts geschult. Neue Antworten können auf Stress gefunden werden. Dies führt im Feedbackloop zu stabilisierenden Wirkungen, zu verbessertem Funktionieren von Bewegung und Atem und also zur Erweiterung des menschlichen Lebensspielraums.
Neben Krankheiten sind auch „gewöhnliche“ Verspannungen, Verfestigungen, auch tiefer liegende körperliche und seelische Verletzungen an Verhinderungen unserer Fähigkeiten beteiligt. Daher eröffnen sich durch das Wahrnehmen und aus-der Taufe- Heben der neuen Vielfalt und angenehmen Leichtigkeit im Bewegen gleichzeitig neue Perspektiven für Aufgaben und Träume im Leben.

Für MS gilt hier, dass vor allem solche Behinderungen wegfallen, die gar nicht auf der Erkrankung selbst basieren, oft aber auf Kompensationen oder auf den seelischen Konsequenzen. Aus den Erfolgen größerer Beweglichkeit und Balance können Zuversicht und Lust auf „mehr “ des frohen Lebensgefühls erwachsen

Diese Erkundungsfahrt stößt die Eigenaktivität und leitet über das Gewohnte hinaus zu Alternativen. In der Feldenkrais-Methode wird nicht korrigiert, vielmehr sind die Lösungen und Wege des Schülers/der Schülerin Teil seiner/ihrer Freiheit. Auf dieser Suche nach ökonomischem und funktionalem Körpergebrauch werden die Bewegungen im Unterricht selbst und in der Behandlung zwar langsam ausgeführt, aber im Alltag ermöglicht dies dann ebenfalls schnelle und anstrengende Bewegungen in guter Qualität.  Die größere Flexibilität dehnt sich auf das generelle Verhalten aus.

Nicht bestimmte vorgesetzte Bewegungen werden eingeübt, sondern Schülerinnen und Schüler erhalten neue Nervenmuster.
Neue Konstellationen der Gelenke können sich den Aufgaben entsprechend entwickeln, man denke an die Balance im Gehen, hier besonders an ein Gehen mit einem nicht kontrollierbaren Bein oder Fuß, und man denke an die alltäglichen Verrichtungen wie Anziehen, Waschen, Hinsitzen, Treppen steigen, den Toilettengang, Zähne putzen, das Tragen von Taschen, das Benutzen von Stöcken, Auto fahren …
Das spielerische leistungsfreie Vorgehen erweist sich gerade bei MS als angesagt. Der Patient/die Patientin kann in Ruhe und mit viel Zeit Unbekanntes erproben. Die Feldenkraislehrerin/der Feldenkraislehrer sollte auf dessen/deren Bewegungsreaktionen wiederum mit dem eigenen Feedback ihrer/seiner Worte oder Hände antworten. Diese ausgefeilte Didaktik sieht äußerlich wie eine Bewegungsstunde aus, aber sie ist vor allem ein Aufwecken der Schöpferfähigkeit des menschlichen Organismus. Die Methode ist zwar nicht auf Entspannung ausgerichtet, sie tritt jedoch so gut wie immer ein, das Spannungsnetz im Körper wird besser moduliert, wodurch viele Schüler/Schülerinnen zu mehr Ruhe kommen. Davon werden nicht nur die organischen Bereiche des Körpers positiv beeinflusst, das Immunsystem, Gehirn und Nerven, auch die Emotionen und  Hormonausschüttungen, das Verhalten und die Gesundheit allgemein können davon profitieren. 

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Zu 2.) den Einzelbehandlungen:

Die beschriebene Lern-Dynamik der Gruppenarbeit erweist sich in der Zweier-Interaktion noch intensiver. Durch die individuelle Berührungsbehandlung kann man eine noch deutlichere Gelöstheit des Schülers/der Schülerin bewirken, weil hier das individuelle Abstimmen besser möglich ist und weil man als Praktizierende/r die Bewegungen sehr direkt und klar anbieten kann. Ich kann mit Verschieben von Körpergebieten, durch Drücken, Ziehen, Heben, Drehen, Gleiten, durch mannigfaltigstes Handling arbeiten, und dies mit dem Gespür für die Reaktionen. Meine „Antworten“ wiederum auf das Körperverhalten des Schülers/der Schülerin gebe ich auch gerne mit dem ganzen Körper, etwa bei der Arbeit an schweren Körperteilen. Die Kinästhetik, eine Weiterentwicklung der Feldenkrais-Methode, nennt die Berührungssynchronisation von Umlagerungen und von Tanzdialogen mit beiderseitigem Folgen eine „gleichzeitig-gemeinsame Interaktion“. Sie werden inzwischen besonders für Babys mit ihren Eltern, für Kleinkinder und Menschen mit Behinderung angewandt, wurde zunächst im Tanz praktiziert und heute weltweit verbreitet in der Pflege. Es ist ein gleichzeitiges Führen und Folgen beider Seiten und kann wie eine Form des modernen Tanzes aussehen: „Kontaktimprovisation“. (2)

Die interpersonelle Arbeitsweise der Feldenkrais-Methode und und der Kinästhetik, die achtsame Begegnung miteinander spricht den Menschen an, nicht nur ein Thema oder eine Krankheit. Ermöglicht werden die Verwandlung unangemessener Anpassungen und Grenzen im Bewegungs- und Beziehungsverhalten. Das Selbstbild und die Sicht auf das Leben verändern sich. Für Menschen mit MS ist es sicher eine große Herausforderung, den Blick umzuschwenken von der Krankheit auf die neuen Möglichkeiten, doch gerade diese offene Perspektive ist besonders sinnvoll. Durch Selbstvertrauen gelingt auch die Bewegungskontrolle besser. Daher grundlegend ist die freundliche, liebevolle Gestaltung der Zusammenarbeit. Die Feedbackschleifen im Schülersoma verschlingen sich mit den Feedbackschleifen zwischen den zwei Arbeitspartnern. Das Vergessen und Ablegen der Identifikation mit den Mängeln wird durch die Erfahrungen konkret und körperlich fassbar. 
Man kann auch fließend von einer Feldenkraissitzung zu kreativer tanztherpeutischer Arbeit übergehen, zum Beispiel in den Ausdruckstanz. (3)

Erfahrungen auch mit sehr alten und mit bettlägerigen Menschen zeigten mir, dass sie nach einer halben Stunde FI ihre Angst und ihre „Starre“ ablegen konnten, so dass sie leicht vom Pfleger aus dem Bett genommen werden konnten und sogar Spaß an einigen Schritten und an Waschbewegungen hatten. 

Von meinem jahrzehntelangen Erleben dieser Begegnungen kann ich ableiten, dass meine Hände und auch die Oberfläche und Muskulatur meines Körpers oft besser wissen, wohin und wie zu berühren ist, als mein Kopf. Wir arbeiten so, dass wir den Widerstand umgehen und diejenigen Wege suchen, die erlaubt werden. Interessanterweise ist es für viele Schülerinnen und Schüler nicht leicht, das Kleine, Wenige oder Sanfte zuzulassen. Dass ein Vorgehen ohne Plage, ohne Willenskraft und Schweiß Resultate haben wird, scheint in unserer Zeit schwer vorstellbar. Hier lenken wir als Praktizierende sachte weg von den Überzeugungen, Härte – wie in manchem Sport oder in manchen Manualtherapien – helfe am besten. Durch die Begegnung und den Input aus einem anderen Leib, den Lehrerenden, können dessen Muster und Funktionen an Ökonomie und Weichheit von den Schülern/Schülerinnen in ihr eigenes Soma integriert werden. Wenn sie von der Liege aufstehen und sich selbst im Stehen, Sitzen oder Gehen vergleichen mit ihren Wahrnehmungen zu Anfang, sind Gesicht, Atem und Verhalten froher und freier.


Ihre Eva Weißmann

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Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (1)


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


Referenzen:

[1] Siegel, Daniel, Pocket Guide to Interpersonal Neurobiology. Mind your Brain. W.W. Norton & Company, New York; Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016

[2] Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics, Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Urban Fischer, München 2003; Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics Infant Handling. Hans Huber, Bern 2004)

[3] Wittels, M., Die Feldenkrais-Methode in der Schmerztherapie, in: Bernatzky, Günther u. a.. Nichtmedikamentöse Schmerztherapie. Komplementäre Methoden in der Praxis. Springer-Verlag, Wien 2007; Weißmann, TanzTheaterTherapie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1999)

© Foto: SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis: Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

I Was ist die Feldenkrais-Methode?

Bei der Feldenkrais-Methode handelt es sich nicht im medizinischen Sinn um eine mentale, körperliche oder seelische Heilmethode, auch wenn wir indirekt Heilwirkungen erhalten und erklären können. Und die Methode ist auch kein Sport, sondern eine Weise des Lernens. Wir lernen, leicht und freudig zu lernen, im Grunde ein neues Lernen zu lernen und gar Lernen zu lernen.

Das Medium der Begegnung zwischen Schüler und Lehrenden (Practitioner) ist Bewegung, und daran üben wir Selbstwahrnehmung und Aufmerksamkeit und achten darauf, WIE wir lernen – ein Leben lang bis zum Lebensende, auch im Feld von Krankheiten, Behinderungen, Lernschwierigkeiten u. a., durchaus auch als Sportler, im Rollstuhl, als Musiker, Schreibtischarbeiter usw.

Feldenkrais-Lehrende geben einer Gruppe von Lernenden verbal angeleitete Unterrichtslektionen. Eine zweite Weise der Zusammenarbeit ist die individuelle Behandlung mittels feiner und sanfter Berührung und Bewegung. Beide Vorgehensweisen unterscheiden sich vom gängigen schulischen Lernen, denn es gibt kein Leistungsziel, sondern freudiges und neugieriges Lernen ist bereits ein Nahziel. Das Erlebnis kann eher als ein Tanz miteinander gefühlt werden, es kann eine kinästhetische Synchronisation genannt werden (darüber in einem späteren Newsletter mehr).

Auf den ersten Blick mag diese Arbeit wie eine weitere der vielen Bewegungsschulen erscheinen, man übt jedoch keine vorgesetzten Übungen ein, sondern das Nervensystem wird angesprochen. Übende können durch dieses Training in detailliertem Wahrnehmen ihrer Bewegung eine grundsätzliche Kompetenz gewinnen, mit neuen Situationen umzugehen, das Leben leichter zu gestalten, Einschränkungen und Schwierigkeiten mit Offenheit zu begegnen, dies auch im Sinne von Selbstverantwortung. Das Handeln wird nicht nur Ärzten und/oder Physiotherapeuten überlassen, sondern baut auch auf die eigene Initiative. Die Körper-, Lern- und kinästhetischen Fähigkeiten werden verbal oder berührungsbasiert erweitert. Durch das differenzierte Lernen und Einfühlen erhält man neue Muster der Nervenverbindungen und der Bewegung; man legt schädigende Gewohnheiten ab…

Die spielerische Zusammenarbeit, die Leichtigkeit im Tun und im Ergebnis gründen sich auf Lust statt auf eisernem Willen. Wir werden ermuntert, wie die Kinder auszuprobieren, zu spielen, ohne Bewertung und frei. Dieses Erleben entspricht der Funktion unserer Natur, des Nervensystems und der Lebendigkeit unseres Organismus. Die Feldenkrais-Bewegungen werden langsam ausgeführt, um sie präzise und detailliert zu spüren. Die Kunst von Bewegungswahrnehmung und das Wissen um den subtilen Gebrauch unseres kinästhetischen Sinnesorgans vernachlässigen wir in unserer westlichen Zivilisation, haben dies beiseite gedrängt oder gar verloren. Sobald eine größere Vielfalt an Bewegungsfunktionen erworben sind, entwickeln sich die Fähigkeiten für eine erfüllendere Lebensgestaltung: Sicherheit und Kreativität, Stabilität, und Erdung. 

II Warum Feldenkrais gerade bei Multiple Sklerose?

MS ist eine Erkrankung, die die Nerven betrifft. Es können die Nerven im Gehirn als auch die Nervenleitungen hin zu den Rezeptoren für Bewegung an Gelenken, Muskelansätzen und Faszien betroffen sein. Da das gesamte Nervensystem, alle seine Teilsysteme und Einzelkörper mit deren Verbindungen eine Aktionseinheit bildet, könnten vielerlei Aspekte beeinflusst werden. (s. „Das Gehirn als Kooperationssystem“ in Weißmann, Lernen im Gleichgewicht) 

Viele führen die Erkrankung auf Entzündungen zurück, die die Myelinscheiden der Axone betreffen, also die Hüllen für deren Ernährung und Schutz. Die Oligodendrozyten, eine Art Versorger der Myelinscheiden, können offenbar im Verlaufe dieser Erkrankung ebenso angegriffen werden. Sie sind möglicherweise einem Zerstörungsprozess durch Immunzellen ausgesetzt, deren Aufgabe der Schutz des Organismus sein müsste.

Über vieles ist man sich nicht einig und nicht sicher, etwa zu Ursachen und Auslösern, auch zu den sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern und Verläufen. Da es sich um eine Zivilisationskrankheit handelt, lohnt sich ein Nachdenken über den eigenen Lebensstil und vielleicht über eine Wende. Ärzte und Forscher sprechen auch von einer Auto-Immunkrankheit. Ich meine, bei jeder Nervenkrankheit sollten wir an die Überlastung der Nerven und an Stress denken, die den Körper beschädigen, den Geist beeinträchtigen und die Psyche krankmachen, also eine der Ursachen für viele physischen, seelischen und psychosomatischen Symptome sind: Depressionen, Traumen, Demenz usw. Und eine (Auto-) Immunkrankheit ist sicherlich ein Symptom unserer westlichen Lebensweise, nämlich der Entfremdung von Körper, Natur, Seele, Kosmos.

So ergibt sich die Frage: Welche gundlegende Einstellung habe ich zu Krankheit, zu meinem Leben, Gesundung, zu den Möglichkeiten des Heilwerdens?

Bei der Vielfalt und Breite der Symptome, die die Augen, den Schlaf, die Konzentration, das Denken betreffen und Lähmungen, Spastik, Harndrang u.a. umfassen können, fallen natürlich Behinderungen der Bewegung, und hier besonders des Gehens, für die betroffenen Menschen besonders ins Gewicht. Und aus solchen Begrenzungen im alltäglichen Leben, bei der Arbeit und beim Vergnügen, entwickeln sich leicht Stimmungstiefs und Depressionen, die immer auch Rückwirkungen haben auf unser Soma, unsere physische Lebendigkeit und Gesundheit. Ängste und Überlastungen verändern die Immunität und die zugehörigen Organe.

Ich selbst habe mit Menschen mit Gehbehinderungen gearbeitet und solchen, die teilweise und gänzlich auf den Rollstuhl angewiesen waren. Gehen – und auch Transfers ins Auto, aus dem Bett usw. – betreffen Erdung, Gewichtsverlagerungen und Gleichgewicht, die möglichst intensiv, regelmäßig, aber sanft gepflegt werden sollten (in nächsten Newslettern mehr dazu).

Moshé Feldenkrais ging es darum, Gewahrsein und Bewusstheit zu gewinnen (dazu in einem folgenden Newsletter mehr). Er war Physiker, Verhaltensforscher und ein Experte in Judo. Zeitlebens war er ein wunderbarer erfindungsreicher Bewegungslehrer und Judolehrer, für Laien und für Experten. Deutlich hat er auf dieser Grundlage seine eigene Methode entwickelt. Und ebenso deutlich zeigt er, dass auch Judo noch verfeinert werden kann durch Bodenarbeit und körperliche Durchlässigkeit. In seine eigene Arbeitsweise, die Feldenkrais-Lektionen und die Funktionale Integration, flossen das Beobachten der frühen Versuche eines Babys ein, zu greifen, den Kopf zu heben, das spiralige Drehen, Rollen, robben, krabbeln, aufsitzen, knien …, dann das Studium der Lernentwicklung im Heranwachsen der Kinder zur Aufrichtung, zum menschlichen Gang, zu den Alltagsbewegungen des Neigens und Beugens, Springens, Hüpfens und Tanzens. Schließlich prägten Moshés lebenslange Erfahrungen mit kranken, behinderten und alten Menschen, mit Tänzern, … seine Arbeit.

Jede Bewegung ist eine Gewichtsverlagerung und also der Umgang mit der Schwerkraft, woraus sich das Balancieren durch das Leben formt und eine ständige Notwendigkeit, sich aufzufangen.

Moshé Feldenkrais sieht als Errungenschaften eines vollständig ausbalancierten und erwachsenen Menschen u.a. dieses an:
a) Beweglichkeit der gesamten über 30 Gelenke der Füße
b) die Koordination aller Muskeln, Knochen, Glieder, Organe und die Flexibilität unserer Nerven-, Lern- und Geistesprozesse
c) die Kunst zu fallen und sich ohne Angst aus dem Gleichgewicht zu entlassen, sich der Dynamik und „off-balance“  zu ergeben, sich kontrolliert zu Boden lassen
d) der Erwerb von Bewegungsmustern, die weit über die eigenen Gewohnheiten hinausgehen
e) die Fähigkeit eines ausgereiften Erwachsenen, der seine Gefühle, Gedanken und Aktionen wahrnimmt und kontrollieren kann
f) ein glückliches erfülltes Leben zu gestalten
g) Bewusstheit, Selbständigkeit, Freiheit und Reife.

Man erkennt den tiefen Zusammenhang zwischen Körper und Geist, die All-Einheit im Mikrokosmos und Makrokosmos.

Seien Sie neugierig auf die Einzelheiten, auf die in den nächsten Folgen hier in diesem Kanal eingegangen wird!

Ihre Eva Weißmann

Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.


Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Schädliche Effekte durch stumme Entzündungsprozesse im Kieferbereich und Fremdmaterial im Mund

[Ein Life-SMS Gastbeitrag von Kathrin Swoboda]

[Photo by Jonathan Borba on Unsplash]

Zähne. Was denkt man bei Zähnen. Zähneputzen, 3 Minuten, Zahnseide, Mundspülung, 1x im Jahr zur Prophylaxe und für den Stempel im Bonusheft zur Kontrolle auf den Zahnarztstuhl. Wenn man Ärger mit den Zähnen hat, geht man öfter. Dann wird gebohrt, gekront, geschliffen.

Was haben aber Zähne mit unserer Gesundheit, MS und anderen Erkrankungen zu tun? Eine Menge. Das wissen oft nur Umweltzahnmediziner, ganzheitliche Zahnärzte, Ärzte für Naturheilverfahren, selten Zahnärzte und noch seltener Ärzte, die sich nur auf ihr jeweiliges Fachgebiet konzentrieren.

Das Wort ganzheitlich entfaltet im Wechselspiel Zähne-Körper seine ganze Pracht. Denn es scheint in der Tat einen Zusammenhang zwischen Erkrankungen des Körpers und kranken oder toten Zähnen zu geben.

Aufgrund von alten, nicht optimal verheilten Zahnwunden oder auch falscher Ernährung können sich im Kieferbereich NICOs (hohlraumbildende Zerstörung des Kieferknochens) oder FDOKs (fettig degenerative Osteonekrosen der Kieferknochen) bilden, sogenannte stumme chronische Entzündungen. Stumm deshalb, weil die klassischen Entzündungsmerkmale wie Hitze, Schwellungen, Schmerzen fehlen, auch im Blut sind die klassischen Entzündungsmarker unauffällig. Dieses Entzündungsgewebe sendet Giftstoffe und Entzündungsmediatoren aus, die im Körper unterschiedliche Reaktionen auslösen können. Neben einer Vielzahl von anderen Erkrankungen wird von einigen Medizinern auch vermutet, dass stumme chronische Entzündungen im Kieferbereich dazu beitragen, dass MS entstehen kann.

Federführend auf dem Gebiet ist – aus meiner Sicht – Dr. Lechner, ein ganzheitlicher Zahnmediziner aus München, der vehement versucht, das Thema Zähne und chronische Entzündungen im Kiefer auf die Entstehung von Erkrankungen unter seine Zahnmedizinerkolleginnen und -kollegen zu bringen. (Zahlreiche Informationen zum Thema finden Sie hier: https://www.dr-lechner.de/publikationen-fuer-patienten/).

Hochproblematisch ist das Ganze, weil die betroffenen Zahnareale selten oder nie schmerzen. Das bedeutet, nekrotisches oder entzündliches Gewebe kann über Jahre und Jahrzehnte unbemerkt bleiben.

Wenn ich keine Schmerzen habe, geh´ ich nicht zum Zahnarzt. Sie auch nicht, oder? Und genau das ist das Dilemma.

Es wird noch kniffliger. Gehen Sie zu einem normalen Zahnarzt mit der Bitte, Ihren Kiefer auf Entzündungsprozesse untersuchen zu lassen, wird in der Regel eine Röntgenaufnahme gemacht. Hier sollten Sie wissen, dass solche Herde mit klassischen Röntgenaufnahmen oft nicht sichtbar gemacht werden können.

Gehen Sie also unbedingt zu einem Arzt, der digitales OPG (digitales, zweidimensionales Röntgenverfahren), DVT (digitale Volumentomographie) oder CaviTAU (bildgebendes Verfahren zur Bewertung der Knochendichte mit Ultraschall) anbietet. Das ist zum Teil mit Kosten verbunden. Nicht jede Untersuchung übernimmt die Krankenkasse und alle Diagnoseverfahren haben eine unterschiedliche Aussagekraft. Lassen Sie sich am besten von einem Zahnarzt Ihres Vertrauens beraten.

Abgesehen davon ist es eine gute Idee, zu schauen, welche Metalle Sie im Mund haben und ob ihr Körper ggf. allergisch darauf reagiert.

Bei schmerzenden Knien oder Schultern oder anderen krankhaften Körperreaktionen kommt man in der Regel nicht darauf, dass die Ursache in der Reaktion des Körpers auf bestimmte Metalle im Zahnbereich oder Entzündungsareale im Kieferknochen liegt. Das soll nicht heißen, dass allein eine „Unordnung“ im Mund eine chronische Erkrankung verursacht. Es ist jedoch als ein Baustein für die Existenz einer solchen zu verstehen.

Wenn Sie das Thema NICOs und Zähne angehen möchten, was genau sollten Sie aus meiner Sicht tun?

  1. Ich empfehle Ihnen, einen ganzheitlichen oder Umweltzahnmediziner aufzusuchen, der NICOs gut diagnostizieren kann, auch wenn Sie dafür einige Kilometer Weg auf sich nehmen müssen. Es liegt an Ihnen, ob Sie den ganzen Kieferbereich oder nur verdächtige Zähne untersuchen lassen.
  2. Zu den Untersuchungsmethoden gehören die o.g. bildgebenden Verfahren und auch bestimmte Laboruntersuchungen. Eine gewisse Indikation ist auch der sogenannte RANTES-Wert. Studien von Dr. Johann Lechner wiesen auf eine unmittelbare Bedeutung von RANTES bei Patienten mit Kieferosteonekrose (NICO) hin. Man konnte nachweisen, dass in dem fettig-osteolytischen Operationsgewebe bei NICO in allen untersuchten Fällen sehr hohe lokale RANTES-Spiegel messbar waren. Dagegen waren die typischen Markerzytokine einer akuten Entzündung wie IL-1β oder IL-6 in dem Operationsgewebe kaum messbar. Der RANTES-Wert reagiert aber auch auf andere entzündliche Prozesse im Körper, sodass der RANTES-Wert allein als Diagnosekriterium nicht ausreicht.
  3. Ist der Befund positiv, lassen Sie Ihren Zahn oder Zähne professionell behandeln und den Entzündungsherd gründlich behandeln und ausräumen.
  4. Beobachten Sie, ob Sie sich wohler fühlen und Sie Veränderungen an Ihrem Gesundheitszustand bemerken.
  5. Wenn ja, freuen Sie sich, Sie haben einen Mosaikstein gefunden, in jedem Fall – auch wenn Sie nichts spüren – aber ein zusätzliches Risiko ausgeschlossen ☺

Mein persönliches Fazit: Die Beachtung der Zahn- und Kiefergesundheit sind ein weiterer Baustein des persönlichen Projekts zur Gesundung und Stabilisierung nicht nur bei Multipler Sklerose. Durch die Kombination der verschiedenen auch bei Life-SMS beschrieben Bausteine lässt sich in vielen Fällen eine deutliche Verbesserung des Gesundheitsstatus und langfristige Stabilität erreichen. In meiner persönlichen Gesundheitsgeschichte war dieser ein entscheidender Baustein.

Ihre

Kathrin Swoboda


Kathrin Swoboda arbeitet als Therapeutin und Coach sowie als Mediatorin und Personal- und Organisationsentwicklerin für Unternehmen.

Negative Gefühle, Stress und das eigene Wohlbefinden sind immer wieder Themen Ihrer Klienten. Dabei konzentriert Sie sich besonders auf die Identifikation von Verhaltens- und Bewertungsmustern, die zu schwierigen Beziehungen mit anderen und sich selbst führen.

Selbst an MS erkrankt, geht Sie oft Wege entgegen der klassischen Schulmedizin. Durch einen Zufall wurde Ihr Interesse am Zusammenhang Zahn, Kiefergesundheit und Körper gelenkt. Sie stellte fest, dass Mediziner und Zahnmediziner häufig keinen Zusammenhang von Zahn- und Kiefergesundheit auf die Gesundheit des Menschen sehen. Ebenso sieht es bei den Zahnmediziner aus. Dieser Artikel soll dazu anregen sich dieses Themas auch einmal anzunehmen.


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MS ist keine Einbahnstraße: 2te und erweiterte Auflage – zum freien Download

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist geschafft, wir haben das Jahr 2021 erreicht und hoffen alle, dass die bedrückende Zeit der Einschränkungen und Ängste im Laufe des Jahres überwunden werden kann. Wir wünschen Ihnen jedenfalls ein in jeder Hinsicht glückliches und gesundes neues Jahr.

Pünktlich zum Jahresbeginn können wir Ihnen eine in jedem Fall erfreuliche Nachricht überbringen. Gut zwei Jahre ist es her, dass wir die erste Sammlung mit persönlichen Erfolgsgeschichten MS-Betroffener veröffentlicht haben. Schon damals hatten wir angekündigt, dass diese Sammlung keine Eintagsfliege sein soll, sondern die kontinuierliche Erweiterung geplant ist. Die erweiterte zweite Ausgabe liegt nun vor und umfasst weitere 8 sehr individuelle Geschichten über den selbstbestimmten Umgang mit der MS-Erkrankung. Das E-Book steht ab sofort der Allgemeinheit zum freien Download im PDF-Format zur Verfügung. Eine EPUB-Version ist in Arbeit.

Unser besonderer Dank gilt den nunmehr 15 Autorinnen und Autoren, die in großer Offenheit und oft sehr emotional über ihren ganz persönlichen Weg im Umgang mit der Erkrankung schreiben. Sie wollen damit Hoffnung und Anregungen für den Gesundungsweg anderer Betroffener vermitteln. Die Geschichten sollen ihnen nach wie vor dabei helfen, das Dogma der Unheilbarkeit von Autoimmunerkrankungen kritisch zu hinterfragen und sie zur Beschreitung des eigenverantwortlichen Weges zum Umgang mit dieser, aber natürlich auch anderer chronischer Erkrankungen zu motivieren.

Sie erhalten das E-Book nach dem “Pay as you like”-Prinzip ab sofort über diese Seite:

Download MS ist keine Einbahnstraße – 2. erweiterte Ausgabe 2020

Schon im 13ten Jahrhundert erkannte Thomas von Aquin: “Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung. Und sie gedeiht mit der Freude am Leben.” Lassen Sie sich also nicht von Ihrem Weg abbringen, akzeptieren Sie gewisse Einschränkungen, lassen Sie sich Zeit und genießen Sie das Leben. Therapiestress ist auf Ihrem Genesungsweg mindestens genauso schädlich wie anderweitiger Stress.

Abschließend danken wir ganz herzlich den vielen Spenderinnen und Spendern, die unser Projekt über Jahre kontinuierlich finanziell unterstützen für Ihr Vertrauen und Ihren substantiellen Beitrag. Ohne Sie wäre unser Projekt nicht lebensfähig. Bleiben Sie gesund und seien Sie gespannt auf Neues im Jahr 2021!

Ihr

Life-SMS Team

Empfohlener Videoblog: MS mit-ilke – Der Schubnotfallplan auch ohne Kortison

Manche Zeitgenossen kommen überraschender Weise unabhängig von den eigenen Überlegungen zu den gleichen Ergebnissen und man merkt es erst nach einigen Jahren. Manchmal braucht die Vorsehung also auch etwas Zeit.

Ilke war 18 Jahre schubfrei und hat als Apothekerin nicht nur die Erfahrung einer Betroffenen, sondern auch den fachlich-wissenschaftlichen, pharmazeutischen Hintergrund, um fundierte Aussagen zu machen. Das sind hervorragende Grundlagen für eine Verlinkung mit Life-SMS.

Das Credo ihres Video-Blogs und Newsletters ist 100% deckungsgleich mit unserem Grundansatz: mache Dich schlau, ändere Deinen Lebensstil und übernehme Selbstverantwortung. Und bitte, verfalle nicht in Panik, suche die Techniken die es Dir erlauben wieder klar zu denken und überlege erst dann die nächsten Schritte!

Zum Einstieg also hier das aktuelle Video: Multiple Sklerose Schub, was nun? Dein Plan langfristig gesund zu bleiben, auch ohne Cortison

 

 

Darüber hinaus hat Ilke auch ganz praktische Tipps im Portfolio – schauen Sie sich doch zum Beispiel mal Ilkes Wildkräuterführung an…

Eine gute Gelegenheit Kräuter zu sammeln, dabei Vitamin zu tanken und in der Folge wertvolle Pflanzenstoffe zu genießen. Hier zieht der Spruch „fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin“ endlich einmal!

In diesem Sinne empfehlen wir unbedingt, Ilkes YouTube-Kanal zu abonnieren und sind auf neue Themen gespannt!

Bleiben Sie gesund und uns treu!

Ihr

Life-SMS Team


 

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Gastbeitrag: Aktiv gegen MS – What makes you running?

Ein Mutmach-Beitrag von Insa*

What makes you running?“ – wurde ich vor kurzem in einem Fragebogen gefragt. Meine Antwort: Den Kopf frei bekommen. Draußen sein. Fit bleiben. Sich stark fühlen. Damit können sich wohl 99 % aller LäuferInnen identifizieren.
Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum ich laufe. Denn 2018 wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert. MS – eine Krankheit, die ja erst einmal nicht so viel mit Laufen zu tun hat, eher im Gegenteil. Heute trainiere ich für einen Halbmarathon und meinen ersten Marathon im September und bin schneller als je zuvor. Wie das kam? Davon möchte ich euch heute erzählen.

image: Insa beim Training
Insa beim Training

Aktiv gegen MS – meine Heilungsreise

„MS, sitzt man damit nicht irgendwann im Rollstuhl?“ – wurde ich neulich mal wieder gefragt. Klar, das kann passieren. Doch ich bin eine Kämpferin und habe mich damals, als ich die Diagnose bekommen habe, dazu entschieden, selbst aktiv zu werden und alles, was in meiner Macht steht zu tun, um gesund zu sein und zu bleiben.

Dass man selbst aktiv werden kann und einiges für seine Gesundheit tun kann, auch in Ergänzung zur Schulmedizin, habe ich durch meine Amenorrhö gelernt. Amenorrhö ist, wenn die Periode ausbleibt für einen Zeitraum von mehr als 3 Monaten. Bei mir war das mehr als zwei Jahre der Fall, von Sommer 2015 bis Ende 2017. Die Ärzte konnten mir nicht helfen. Ihre einzige Idee: Zurück zur Pille. Doch ich wollte keine künstlichen Hormone mehr nehmen und verstand die Amenorrhö als Zeichen meines Körpers, das gerade etwas nicht in Balance ist. Meine Heilungsreise begann ich auf meinem Blog www.prettyprettywell.com zu dokumentieren, mit dem ich mittlerweile schon vielen Frauen dabei helfen konnte, ihre Periode zurück zu bekommen. Heute vermute ich, dass meine Amenorrhö damals bereits etwas mit meiner späteren MS-Diagnose zu tun hatte.

Ich wollte zunächst einfach nur heilen. In Ruhe. Und die Diagnose so weit wie möglich ignorieren.

Mit der MS-Diagnose durchlief ich einen ähnlichen Prozess wie bei meiner Amenorrhö damals – erst ignorierte ich das Ganze. Dann wurde ich wütend, traurig, whatever. Schluchzte: Warum ich?! Dann krempelte ich die Ärmel hoch und machte mich auf meine Heilungsreise.

Die Macht der Worte

Auch mithilfe von lsms.info und Sven Böttcher begann ich Dinge zu identifizieren und zu ändern, die bei mir wahrscheinlich mit zum Ausbruch der Krankheit geführt haben.

Zudem war direkt für mich klar, mir nur positive Geschichten von Menschen, die ebenfalls mit MS diagnostiziert wurden, anzuhören und ich verzichtete komplett darauf, mich durch Foren und Chats im Internet zu klicken. Wenn Freunde und Bekannte von meiner Diagnose hörten und dann anfingen mit: „ah ich kenne auch jemanden mit MS…“, dann sagte ich immer zuerst: „Ist es eine gute Geschichte, oder nicht? Denn sonst möchte ich sie nicht hören.“ Das mag naiv klingen. Doch es war mein Rettungsanker damals, 2018, als meine Nerven blank lagen und ich mich langsam erholte.

Als Marketing-Frau, Bloggerin und Yogini weiß ich: Worte können mächtig sein. Deswegen sage ich auch NIE: Ich habe MS. Sondern immer: Ich wurde damit diagnostiziert. Selbst bei Ärzten habe ich schon Überweisungsscheine reklamiert. Auf einem stand mal: „blablabla wegen akuter Schübe.“ Das habe ich sofort ändern lassen. Denn den Schuh von Schüben im Plural ziehe ich mir nicht an, bislang hatte ich einen Schub und das soll gefälligst auch so bleiben.

Warum ich laufe

Ich war schon immer eine Läuferin – zu Schulzeiten als Leichtathletin, während Studium und meiner Arbeit als Marketing-Strategin zum Ausgleich. Eben zu besagtem Kopf frei kriegen, draußen sein, fit bleiben und sich stark fühlen.
Ich liebte schon immer das Gefühl, wenn man morgens vor die Haustür geht, die ersten Atemzüge im Freien nimmt und dann lostrabt, die ersten Meter läuft, bis man ein Stück Grün erreicht.
Ich liebte es, die Musik aufzudrehen und mich von Florence and the Machine & Co. durch den Park tragen zu lassen – so muss es sich anfühlen zu fliegen.
Ich liebte es, mit noch klopfendem Herzen und weiten, freien Lungen nach einem Lauf nach Hause zu kommen und meine Muskeln zu spüren.

Laufen als Therapie

Um mit der ganzen MS-Sache klarzukommen, habe ich ebenfalls 2018 eine Therapie angefangen, eine Gesprächstherapie. Das war gut und ich habe auch recht viel geweint jedes Mal am Anfang. Doch mit meiner zunehmenden Genesung wurden die wöchentlichen Termine „auf der Couch“ immer mühseliger. Ich merkte: Das, was ich brauchte, war keine Gesprächstherapie. Ich brauchte das Laufen! So brach ich die Therapie ab und schwor mir, meine Montagabende von nun an statt auf der Couch draußen beim Laufen zu verbringen.
Long runs statt Therapie! Oder besser: Long runs als Therapie.
(Ich spreche hier nur aus meiner Erfahrung. In vielen Fällen macht eine Therapie sicherlich absolut Sinn und wahrscheinlich sollte jeder mal ein paar Stunden „auf der Couch“ verbringen. Bei mir hat es schließlich auch mehr als 20 Sessions gedauert bis ich gesagt habe: Ok, ich glaube es reicht jetzt.)

Meine Entscheidung habe ich noch keinen einzigen Tag lang bereut. Das Laufen macht einfach so sehr meinen Kopf frei und bringt mich zurück in meine Kraft. Das Laufen ist meine Rettung und ich glaube auch, dass es sich positiv auf meine Hormonbalance auswirkt. Noch viel mehr, seit ich eine neue Laufgruppe gefunden habe! Auch diese Gemeinschaft von gleichgesinnten Powerfrauen ist es, die zu meiner Heilung beiträgt.

So geht es mir heute

Heute, fast 2 Jahre nach meiner Hiobsbotschaft, fühle ich mich stärker als je zuvor. Mir geht es sehr gut, das zeigen nicht nur mein Symptomtagebuch, sondern auch meine letzten MRT-Berichte: Die Krankheit befindet sich in Remission steht da, ist also am Abklingen. Keine neuen Entzündungen.

Sicherlich habe ich das meiner Gluten- und Kuhmilch-freien Ernährung, Supplements, Meditation und Mindset-Arbeit, wenig Disstress (der schlechte Stress) und auch meiner Basistherapie mit Ocrevus zu verdanken, die ich bis letzten August gemacht habe, zuletzt mit einer halben Dosis. Und sicherlich haben auch das Laufen und Sport im Allgemeinen, inklusive Yoga, einen großen Teil dazu beigetragen.

Trotzdem bleibt natürlich ein bisschen Angst immer zurück. Das Damoklesschwert einer solchen Diagnose wird wohl mein Leben lang über mir schweben. Was aber auch ok ist; denn es erinnert mich jeden Tag daran, wie endlich das Leben ist und wie dankbar man für jeden Tag sein kann, der einem geschenkt wird.

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, den Marathon im September in Berlin zu laufen, mein erster bislang. Über meine Laufreise berichte ich auf Instagram @prettyprettywell und in einer monatlichen Kolumne in der Fit For Fun.

Und obwohl das Laufen schon immer wichtig für mich war, so hat es mittlerweile eine neue Bedeutung für mich hinzugewonnen. Denn ich laufe nicht mehr nur für mich und meine Gesundheit, sondern möchte auch allen anderen zeigen, dass eine solche Diagnose kein Weltuntergang sein muss. Sondern, dass es auch eine Chance sein kann.

In dem Sinne: Lasst es euch gut gehen, Pretties!

Und kommt gern zum Anfeuern am 27. September 2020 nach Berlin, ich freue mich.

Eure Insa


Insa ist 32 Jahre alt und lebt als Bloggerin, freie Journalistin & Yoga-Lehrerin in Berlin. 2018 wurde bei ihr eine schubförmige MS diagnostiziert – ein Schock, der schließlich ihre Leidenschaft zum Laufen neu entfachte. Unter dem Motto „Jetzt erst recht!“ trainiert sie für ihren ersten Marathon im September – und ist so schnell wie nie zuvor.

*Der Text ist ein Auszug aus der zweiten Auflage der Life-SMS Veröffentlichung “MS ist keine Einbahnstraße”, die noch vor dem Sommer in diesem Jahr erscheinen soll.

Mehr zum Thema Sport bei MS auch in unserem aktuellen Faktenblatt!

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Durchtauchen – wie wir gelassen durch die Krise kommen

Ein Gastbeitrag für Life-SMS von Edda Wengler

Über die Autorin

Seit 2016 schreibt Edda Wengler unter dem Pseudonym „Felicitas Dorne“ für Life SMS.

Kurzbiographie: Nach einer glücklichen Kindheit in Mönchengladbach und Jahren der Wanderschaft landete sie in Wien, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Gegen alle Wetten schloss sie an der dortigen Universität das Studium der Publizistik, Kommunikationswissenschaft und Psychologie mit Auszeichnung ab. In jungen Jahren arbeitete sie als Hundesitterin und Kellnerin, Universitätstutorin, PR-Frau und Medizinjournalistin, bevor sie sich für eine Karriere in Marketing und Vertrieb in internationalen Konzernen entschied. Nach knapp 1400 Stunden berufsbegleitender Ausbildung unterstützt sie als fast fertige psychologische Beraterin KlientInnen mit und ohne MS, die ihre Probleme lösen, ihre Stärken entdecken und ihr Leben neu ausrichten wollen.


Durchtauchen

Wie wir gelassen durch die Krise kommen

[Hier gibt’s diesen Beitrag auch als pdf-Download….]

Leben mit Corona heißt Leben in der Warteschleife: Angesagt sind Homeoffice und Hamstern, pardon, Vorräte bis zum übernächsten Winter einlagern, statt Büro, Bewegungsfreiheit und Shoppingtouren. Leider kann uns keiner mit Sicherheit sagen, wann wir „back to new normal“ sein werden. Doch bis es soweit ist, könnten wir die Zeit der Krise nutzen, um unsere Seele zu stärken. Psychologische Beratung kann dabei helfen. Damit wir leichter durch Ungewissheit und Ängste, durch Lagerkoller, Fressanfälle und Scheidungswünsche durchtauchen, eventuell sogar mit derselben Kleidergröße. Und Ehering.

 

Ein Bild, das Wasser, draußen, Sport, fahrend enthält. Automatisch generierte Beschreibung
Foto: Jeremy Bishop on Unsplash

Meinungen und Maßnahmen von Experten aus Wissenschaft und Politik überholen sich in diesen Tagen gegenseitig. News von heute sind morgen längst Schnee von gestern. Verstand und Seele rennen keuchend hinterher, versuchen, alles einzuordnen und emotional zu verarbeiten. Plötzlich sind wir im falschen Film gelandet, ohne zu wissen, wann er enden wird.

Ängste und Ratlosigkeit machen sich breit, währenddessen wir tapfer versuchen, unser neues Leben zu stemmen. Treffen mit Verwandten und Freunden, der Besuch von Geschäften, Restaurants und Events, Fortbildung und Urlaub – alles erst mal abgesagt. Der unverzichtbare, wöchentliche Termin bei der Physiotherapeutin fällt ebenfalls flach. Das tut weh, buchstäblich. Stattdessen gewöhnen wir uns an Mundschutz, hochfrequentes Händewaschen samt rapider Hautalterung und Arbeit vom Küchentisch aus. Ganz ehrlich – all das kann schon einen kraftstrotzenden Gesunden überfordern, dafür braucht es keine Multiple Sklerose als Draufgabe.

Mit MS seelisch bestens gewappnet

Die gute Nachricht vorneweg: Als MS-Betroffene/r sind Sie Mitglied eines krisenerprobten Völkchens. Was in diesem Ausnahmezustand für Gesunde unbekanntes Land ist, kennen Sie längst. Im Idealfall kehrten Sie stabil und zuversichtlich von Ihrer beschwerlichen Reise zurück. Gesundheit ist ein kostbares Gut, das über Nacht zerbrechen kann? Diese schmerzliche Erfahrung mussten Sie typischerweise schon in jungen Jahren verarbeiten. Ungewissheit aushalten, etwa hinsichtlich des weiteren Krankheitsverlaufes, und trotzdem nicht vergessen im Hier und Jetzt zu leben? Sie wissen besser als ich, wovon ich wage zu reden. Das berühmte psychische Loch? Vermutlich waren Sie an diesem trostlosen, finsteren Ort, um so rasch wie möglich wieder herauszuklettern. Allein oder mit der Hilfe einer liebevollen Ehefrau oder eines mental starken Gefährten. Vielleicht mussten Sie sich von Ihrer Partnerschaft, Ihrem Arbeitsplatz oder Ihrem finanziellen Poster verabschieden? Die Chancen, dass Sie zumindest einen dieser Rückschläge verkraften mussten, bevor Sie zu neuen, glücklicheren Ufern aufbrechen konnten, stehen hoch. Während Sie diese vielfältigen Herausforderungen bewältigten, eigneten Sie sich gleichzeitig wertvolle neue Strategien und Fähigkeiten an, unbemerkt und nebenbei, die sich jetzt erneut abrufen lassen. Fazit: Menschen mit MS sind psychisch bestens gewappnet, herausfordernde Zeiten zu meistern. Sie sind Veteranen der Notsituation, Kriegerinnen und Kämpfer, kurz: echte Profis im Krisenmanagement.


Foto: Gerhard Wengler

Nicht mehr wir selbst

Dennoch. Ob mit oder ohne MS: Die Covid-19-Krise verändert uns. Unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wir reagieren anders auf Irritationen von außen, sind weniger flexibel und weniger tolerant als im entspannten Normalzustand. Davon erzählen Paare, die sich zu ihrem eigenen Entsetzen wegen Kleinigkeiten in einem heftigen Streit wiederfinden. Wir beobachten es an Mitmenschen, die in Law-and-order-Manier knallhart jene anzeigen, die ihrer Meinung nach gegen behördliche Auflagen verstoßen, wie etwa der einsamen Raucher auf der Parkbank oder das Dreier-Grüppchen Jugendlicher auf der Straße. „Das Hauptsymptom der Krise ist Einengung. Alles ist fester und starrer. Wir hören ständig schlimme Nachrichten, und das macht etwas mit uns.“, erklärt die im Umgang mit Krisen erfahrene, derzeit in Wien tätige Lebensberaterin Gracia N. Grewe. „Wir lassen uns leichter verunsichern, sind weniger selbstbewusst und dünnhäutiger. Dadurch dringen auch unsere eigenen unangenehmen Verhaltensweisen leichter durch unseren seelischen Filter nach außen.“

Drohender Lagerkoller

Verschärft wird die seelische Einengung durch die räumliche. Statt morgens das Haus zu verlassen, sitzen viele von uns im Home-Office, eng auf eng mit unseren Liebsten, 24 Stunden täglich, von Montag bis Sonntag. Wir versuchen, uns auf die Telekonferenz zu konzentrieren, während der Partner nebenan lautstark telefoniert und die Kinder quengeln. Sich aus dem Weg zu gehen ist schwierig bis unmöglich. Verschärft durch den Platzmangel liegen die Nerven blank, können sich Spannungen leicht zu ernsthaften Streitigkeiten auswachsen.

Der Umgang mit der neuen Nähe ist umso schwieriger, je länger sie dauert. Helfen kann, sich den Mechanismus bewusst zu machen. Selbst mehr auf sein Verhalten zu achten, die sensiblen Antennen für sich und andere stärker auszufahren. Besonders wichtig ist, nicht jede kleine Bemerkung auf die Goldwaage zu legen – in einer Ausnahmesituation entschlüpft uns schon mal das eine oder andere unbedachte oder gereizte Wort. Für unseren Erste-Hilfe-Kasten: Auch wer seine bessere Hälfte aktuell kaum erträgt, und darauf brennt, die Scheidung einzureichen, sobald die erste Anwaltskanzlei wieder öffnet, übt sich besser in Geduld. (Natürlich nur, wenn keine Gewalt im Spiel ist.) Krisen sind keine verlässlichen Ratgeber, wenn es um weitreichende Entscheidungen geht.

Inzwischen gibt es eine lange Liste von Tipps und Tricks, die Dichte-Stress entschärfen und gegen Lagerkoller helfen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie noch nicht alles fünfzehnfach gelesen haben, finden Sie auch bei uns eine Toolbox mit garantiert selbst getesteten Maßnahmen (siehe weiter unten „Toolbox gegen die Krise“).

Mit der Angst konstruktiv umgehen

Die meisten von uns haben Angst. Oder Ängste, Mehrzahl. Unterschiedlich intensiv. Von mulmig bis Panik. Offen ausgesprochen oder entschieden weggeschoben. Angst um den Arbeitsplatz, um die Zukunft der Wirtschaft, davor, dass wir bald alle unter der Brücke schlafen müssen. Und vor „Big brother“, der gerade Morgenluft schnuppert.

Ganz vorn mit dabei: Angst vor Ansteckung, vor dem unsichtbaren Feind, der unsere geliebten Eltern oder Großeltern – zumindest – auf die Intensivstation befördern kann. Und uns Jüngere gleich mit, wenn wir Pech haben. Etwa, wenn wir angeschlagen sind oder wegen einer Autoimmunerkrankung wie MS unter Kortison oder Immunsuppressiva stehen. Machen wir uns nichts vor, für MS-PatientInnen ist es sinnvoll und gesund, in diesen Tagen lieber ein bisschen zu vorsichtig zu sein als allzu wagemutig.

Hamstern aus Panik

Angst wurde von der Evolution übrigens als Alarmsystem erfunden, um unser Leben zu schützen. Behandeln wir sie daher mit Respekt. Sie motiviert uns zu vernünftigem Verhalten, lässt uns kreativ werden und nach Lösungen suchen. Erst, wenn Angst in Panik umschlägt, wird es kritisch. Wenn sie uns lähmt statt anspornt, oder wenn sie uns trotz gut gefüllter Supermarkt-Regale zu überbordenden Hamsterkäufen treibt. Menschen mit frühkindlichen Mangelerfahrungen sind besonders anfällig dafür. Haben wir doch alle als Säuglinge gelernt, dass Nahrung nicht nur Sattsein bedeutet, sondern zusätzlich Wärme und Geborgenheit, Schutz und Zuwendung. Wer nie sicher sein konnte, dass „genug“ da war, reagiert auf befürchtete Versorgungsengpässe möglicherweise mit heftigen Ängsten. Auf der realen Ebene kann das gezielte, begrenzte Aufstocken von Vorräten also absolut Sinn machen, es beruhigt. Auf der Ebene der Psyche ist es wichtig, dass wir uns erlauben, die Befürchtung ernst zu nehmen. Wenn wir sie zulassen, dahinter schauen, offen aussprechen: „Ich habe Angst zu verhungern“, dann wird sie greifbarer. Sehen wir sie uns bei Tageslicht an, zerlegen sie in kleine Einzelteile und unterziehen sie einem Reality-Check. So lernen wir, mit Angst konstruktiv umzugehen. Und können uns überlegen, was uns alternativ zum Bunkern von Klopapier, Trockenhefe und Mehl das Gefühl von Kontrolle zurückgibt.

Essen gegen die Angst

Ein enger Verwandter des Hamsterns sind übrigens Fressattacken. Auslöser sind, anders als vermutet, weder Langeweile noch häufigeres Kochen. „Wir essen im Übermaß, wenn der Angstpegel hoch ist. Dahinter steht der verständliche Wunsch, gut für uns zu sorgen. Wer vermehrt zu Essen, Zigaretten, Alkohol greift, könnte sich fragen, womit er sein Bedürfnis nach Wärme, Kontakt und Zuwendung sonst noch befriedigen könnte.“, rät Expertin Gracia N. Grewe. Manchmal hilft es schon, einen Freund oder eine Kollegin anzurufen. Schließlich kann man auch am Telefon ein Schwätzchen halten und miteinander einen Kaffee – ohne Zigarette, ohne Sahnetorte – trinken.“

Sehnsucht nach Nähe

Als Herdentiere sehnen wir uns nach Kontakt und dem Gefühl der Verbundenheit. In Zeiten günstiger Handytarife, Skype und Zoom sollte sich das einrichten lassen, auch wenn wir Umarmungen, das freundschaftliche Schulterklopfen oder die “Wangenbussis” vermissen.

„Der Wert von Beziehungen wird uns wieder bewusster“, betont Lebensberaterin Grewe. „Wir kümmern uns mehr um andere, um Alte und Nachbarn, rufen lang vernachlässigte Freunde an, um zu fragen, wie es ihnen geht. Wir geben der Supermarkt-Kassiererin neuerdings Trinkgeld und nehmen die guten Dinge nicht mehr für selbstverständlich.“

Es heißt, in jeder Krise liegt eine Chance – ein Spruch, über den ich mich stets geärgert habe, weil ich ihn als billiges Heftpflaster von keinesfalls in der Krise steckenden Besserwissern empfunden habe. Aber wer weiß, vielleicht liegt ja doch ein Körnchen Wahrheit darin. Und vielleicht gelingt es uns ja, unsere gestärkten seelischen Abwehrkräfte, sprich Resilienz, und unsere neu entdeckte Achtsamkeit in die Normalität 2.0. hinüberzuretten. Denn das wäre es allemal wert, zusätzlich zum Ehering.

 

Foto: Louis Hansel on Unsplash


TOOLBOX GEGEN DIE KRISE

Schaffen Sie Strukturen und erfinden Sie neue Rituale

Beides gibt Halt und Stabilität:

  • Gerade, wenn sich alles Zuhause abspielt und verschwimmt – trennen Sie Arbeits- von Freizeiten.
  • Kochen Sie gemeinsam, eventuell auch mit Kindern.
  • Zelebrieren Sie eine Mahlzeit für die ganze Familie als Höhepunkt des Tages.

Reden Sie bewusst und achtsam miteinander

  • Erzählen Sie von sich, von Ihren Gedanken und Bedürfnissen.
  • Pflegen Sie eine Kultur des Fragens: Was geht dir durch den Kopf? Wie fühlst du dich? Wie war dein Tag? Was ist richtig gut gelaufen? Was nicht so? Was würdest du brauchen?

Entwickeln Sie Sensibilität für Grenzen

  • Respektieren Sie, dass Ihr/e PartnerIn zwar anwesend, aber nicht permanent ansprechbar oder verfügbar ist.
  • Sagen Sie klar, wenn und wie lange Sie selbst nicht gestört werden wollen.
  • Geben Sie auch Ihrem Schulkind die Möglichkeit, ungestört zu arbeiten und sich voll und ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Dabei bitte auf Pausen achten und kleine Turnübungen einbauen, z.B. Hampelmann. Das fördert nicht zuletzt den Lernerfolg.
  • Bei beengten Wohnverhältnissen definieren Sie Bereiche und Zeitfenster für gewisse Tätigkeiten – am Küchentisch werden untertags die Arbeitsmaterialien ausgebreitet, das Schlafzimmer dient als Entspannungszone und Yoga-Studio und zur Not kann man immer noch aufs „stille Örtchen“ flüchten.
  • Beim Musikhören und TV sorgen Kopfhörer für Privatsphäre.

Halten Sie Mediendiät

  • Definieren Sie vertrauenswürdige Nachrichten-Quellen.
  • Begrenzen Sie die Zeiten des News-Surfens.
  • Schalten Sie nachts das Handy auf Flugmodus oder verbannen es aus dem Schlafzimmer.

Bleiben Sie in Bewegung

  • Im Idealfall planen Sie die tägliche Sport- oder Bewegungseinheit ein, das stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern baut Stress ab und hebt die Stimmung.
  • Achten Sie darauf sich nicht zu überanstrengen und passen Sie Ihre Bewegungs- oder Sporteinheit Ihren körperlichen Fähigkeiten an.
  • Installieren Sie eine App, die Sie auf sympathische Weise zum Workout motiviert.
  • Yoga, Qi Gong, eine Runde auf dem Hometrainer, Übungen mit Kurzhanteln, Gummiband oder Gymnastikball sind in der Regel auch zuhause durchführbar.
  • Ärger und Frust lassen sich zur persönlichen Lieblingsmusik wunderbar wegtanzen, ob allein oder zu zweit, ob sinnlich oder ausgelassen.
  • Ein täglicher Spaziergang mit oder ohne Rollstuhl, gemeinsam oder bewusst allein macht den Kopf wieder frei.

Räumen Sie auf

Den Schreibtisch, Küchenschrank oder E-Mail-Account. Nutzen Sie die frei gewordene Zeit, einmal gründlich auszumisten. Trennen Sie sich von ungetragener Kleidung, Taschenbüchern, Kosmetikpröbchen aus zwei Jahrzehnten und der geerbten Brockhaus-Sammlung. Spätestens seit Marie Kondos Bestseller haben wir schwarz auf weiß, dass uns kaum etwas so viel frische Energie geben wie radikales Wegwerfen.


Foto: Dickens Sikazwe on Unsplash


Raus aus den alten Schuhen

Wer allein lebt, hat es jetzt besonders schwer. Isolation ist keine anregende Gesprächspartnerin. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich einen Ruck geben und aufraffen, jemanden anzurufen. Ja, heute noch. Ein erwachsenes Kind, einen alten Freund oder einfach den Menschen, der Ihnen als erstes spontan in den Sinn kommt. Der oder die Angerufene wird vielleicht überrascht sein und sich freuen. Falls nicht, was ich für unwahrscheinlich halte, rufen Sie einfach Nr. 2 auf Ihrer Liste an. Reden sie. Denn Reden hilft in der Krise. Reden hilft gegen Einsamkeit. Sie könnten auch eine Beratungshotline anrufen, oder sich bei einem Kontaktkreis melden. Oder sogar bei einem Verein, der sich mit Themen beschäftigt, die Sie einmal interessiert haben. Früher. Könnte man diese nicht wiederbeleben? Um selbst wieder ein bisschen mehr … zu leben? Mehr Freude und Energie zu spüren? Bitte beschäftigen Sie sich mit positiven Dingen, mit Tieren und Pflanzen, anregenden Büchern, Komödien, Kunst oder Musik. Und vergessen Sie nicht zu flirten, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Einfach, um nicht komplett aus der Übung zu kommen. Man weiß ja nie. Lassen Sie Schwarzseher, Angsthasen und Weltuntergangs-Propheten außen vor. Meiden Sie MS-Foren, in denen nur geklagt und gejammert wird, denn das schadet nicht nur Ihrer zarten Seele, sondern nachweislich Ihrem Immunsystem. Kultivieren Sie Ihren Optimismus bei jeder Gelegenheit, denn der lässt sich trainieren wie ein Muskel.

Noch eine Idee darf ich Ihnen mitgeben: Hätten Sie nicht Lust, ein Dankbarkeitstagebuch zu beginnen? Die Wissenschaft hat längst bewiesen, dass Schreiben seelischer Hausputz ist. Diese einfache Methode ist sogar antidepressiv wirksam. Gerade in der Krise tut es gut, sich schriftlich klar zu machen, woraus das kleine Glück besteht. Beantworten Sie sich selbst schriftlich (!) jeden Tag folgende Fragen: Was hat mich heute berührt? Was war schön? Für welche Tätigkeit, für welchen menschlichen Kontakt (auch am Telefon oder per Internet), welches kleine Geschenk des Tages bin ich heute dankbar? Notieren Sie täglich einige Zeilen; ich verspreche, dass sich nach einem Monat etwas verändert hat.

Ich zähle auf Sie. Alles Gute! 

Ihre

Edda Wengler


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Das Coimbra-Protokoll: Praxis-Test bestanden oder toxisch bedenklich?

Spitzen-Gespräch: Coimbra-Protokoll bei Autoimmunerkrankungen

Prof. Dr. med. Ulrich Amon ist Facharzt für Dermatologie & Allergologie mit dem Schwerpunkt Autoimmunerkrankungen und Autoinflammation. Darüber hinaus ist er Zertifizierter Arzt für das Coimbra-Protokoll und war bereits mehrfach Referent beim Kongress für menschliche Medizin (2016 & 2018) mit spannenden Vorträgen.

In diesem (zweiten) Spitzen-Gespräch zwischen Prof. Ulrich Amon und Prof. Jörg Spitz geht es um das Coimbra-Protokoll bei Autoimmunerkrankungen. Das Coimbra-Protokoll ist eine ärztlich begleitete Therapie von Autoimmunerkrankungen in Form einer Komplex-Therapie v.a. mit hoher Substitution von Vitamin-D.

Die beiden Professoren beleuchten die wissenschaftlichen Hintergründe, Erfahrungen, Voraussetzungen, Risiken und Perspektiven dieses Behandlungsansatzes.

Folgende Themen werden dabei ausführlich thematisiert und fachkundig zwischen den beiden Medizinern besprochen:
• Wissenschaftliche Hintergründe der Vitamin-D-Sensitivität und des Coimbra-Protokolls
• Vitamin-D als immunprotektives Schutzhormon
• Wirkung von Vitamin K 2
• Erfahrungen mit dem Coimbra-Protokoll bei dermatologischen Autoimmunerkrankungen
• Voraussetzungen, Chancen und Risiken der Anwendung des Coimbra-Protokolls
• Ergebnisse des Coimbra-Protokolls
• Perspektiven und Weiterentwicklung des Coimbra-Protokolls
• Coimbra-Netzwerk und Austausch mit Kollegen – und vieles mehr…

Fazit:
Das Coimbra-Protokoll kann für MS-Erkrankte ein erfolgreicher Weg Richtung Gesundung oder Stabilisierung sein, aber nie ohne engmaschige ärztliche Betreuung durch einen für dieses strenge Protokoll zertifizierten Arzt und nur bei ausreichender Compliance empfehlenswert! Wenn die zwingenden Bedingungen nicht eingehalten werden können, kann das fatatle Folgen haben.

Mehr zum Thema Vitamin D, Sonne und MS auch in unserem aktuellen Faktenblatt!

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