Die Feldenkrais-Methode besonders für MS-Betroffene (3): Multiple Sklerose und Gehen

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis:
Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

Es folgt eine Erklärung, was zur Funktion des aufrechten Gehens gehört, weiter das Beispiel einer Unterrichtslektion, hier der Behandlung mittels Berührung und Bewegt-werden, also welche Fähigkeiten Menschen mit MS konkret für ihr Gehen, ihren Alltag und ihr Leben gewinnen, gegliedert in:

  1. Die Kunst des Gehens
  2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen 
  3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit
  4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche
  5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

1. Die Kunst des Gehens

Der menschliche Gang ist eine Kunst, die verlangt, dass feine und komplexe Gewichtsverlagerungen über den gesamten Körper kontrolliert werden. In Lernprozessen der Kindheit und in Neuanfängen oder Heilungsprozessen sollten sie auch in Ruhe gespürt werden. Mit unserem Bewegungssinn geschieht dieses Erlernen oder erneute Lernen des Gehens mit gezielter Aufmerksamkeit und wird dann zum automatischen Reagieren und gewohnten Gang. Die beteiligten Gehirnareale und Nerven kommunizieren in Regelkreisen sowohl innerhalb des Individuums als auch zur Umgebung und hin zum Lehrer/zur Lehrerin. Damit verbunden sind eine ausreichende Erdung und der dynamische Kontakt zwischen Füßen und Boden. Daraus folgen die Zentrierung und das Pendeln um die Zentralachse und die gesunde schlängelnde Gestalt der Wirbelsäule, ihre Dynamik und Aufrichtung.

Der Wunsch derer, die unter Multiple Sklerose leiden, ist verständlicherweise sehr groß, ihr Gehen zu erhalten oder zu erleichtern. Aus den Erläuterungen der Zusammenhänge zwischen Gelenkführung und Nervensystem und der Verbindung der Körperteile untereinander geht hervor, dass die Hilfe aus der Feldenkrais-Methode sowohl auf jedes noch so kleine Gebiet des Bewegungssystems als auch auf die Einheit des Körpers zielt. Folglich übe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern direkt am Gehen und ebenso in anderen Positionen an der Beweglichkeit der Wirbelsäule, an der Durchlässigkeit von Brustkorbs und Hals, am flexiblen Tragen des Kopfes und an der Kompetenz von Füßen und Becken, die das Gewicht tragen UND es in vielerlei Richtungen und Konfigurationen verschieben, ziehen, heben, setzen usw. So sind auch alle Arten von Drücken, Ziehen, das Transferieren der Übenden zwischen Stuhl und Boden oder Stuhl und Bett sowie jegliche Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen dem Atemvorgang, dem Zwerchfellmuskel und den Wirbelbewegungen ein Übungsfeld, das die Funktionen für das Gehen unterstützt und erweitert. Indem die Patientin/der Patient neugierig das Tun MIT-SPÜRT, etablieren sich immer mehr Schaltkreise im Nervensystem und Bewegungsmuster, also die Fähigkeiten, die Aufgaben des alltäglichen Gehens bei vielerlei Umgebungen und Bodenuntergrund anzupacken und damit Chancen der Bewältigung, Erfolge und Sicherheit

Beispiele für solches Erkunden und Wahrnehmen sind Treppen, schräge Ebenen, verschieden hohe Stufen, niedrige und höhere Hocker, zu denen man sich auch hinwenden, also drehen kann und sollte. Beispiele sind das vielfältige Bewegen der Fußgelenke und das Abrollen einer oder beider Fußsohlen von den Zehen bis zur Ferse und umgekehrt, ebenso zwischen den Innen- und Außenkanten, und weitere Beispiele sind das Erforschen aller Beingelenke. Wenn Übende interessiert sind, zu fragen und die Fähigkeiten des Körpers zu erkunden, etwa des Beckens, welche Richtungen des Kippens und Drehens hier möglich sind, so ist dies eine wunderbare Vorbereitung, ein leichteres Gehen zu lernen. Auch die Aufmerksamkeit auf Taille und Hals, die zwei besonders beweglichen Zwischenräume, fördert den Balanceakt, besonders dann, wenn eine Körperseite oder ein Bein behindert ist. 

2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen

John Graham, auf Basis seiner Feldenkrais- und Ballettkarriere, rief immer wieder in unsere Ausbildungsstunden hinein: „hold less, balance more“. Ein ebenso hilfreicher Satz war: „Lasst den Atem euch atmen“. Wir sehen hier das Tänzerische und die Öffnung für Selbstwahrnehmung. Und beide Aufforderungen betonen den heilsamen Zusammenhang des Bewegungsapparates und der Luft- und Blutversorgung durch eine harmonische Balance zwischen Bemühung und geschehen lassen. In der Praxis mit meinen Einzelpatienten sowie in Kursen und Fortbildungen bringe ich oft die Feldenkrais-Methode, Gentle Dance und die Kinästhetik zusammen. Wir erleben im leiblich-kindlichen Erforschen erstaunliche Lernergebnisse für das Gehen und das Alltagsleben. 

Im folgenden werde ich als Beispiel eine von vielen möglichen „FIs“ (Funktionale Integration) für den menschlichen Gang und also Lernvorgänge im Liegen und im beeinträchtigten Gehen konstruieren und beschreiben. Sie möge vor allem Übenden eine Anschauung davon geben, was sie erwarten können von einer solchen Behandlung, währenddessen und danach. Auf der Liege fühlen wir uns sicherer, liegend können wir das Gewicht auf eine große Fläche abgeben, wir können nicht fallen, und daher lassen wir leichter los. In vielen Methoden wird das Üben im Liegen praktiziert und danach das Gelernte auf den aufrechten Gang oder die Alltagsbewegungen, den Tanz oder die Yoga-Asanas usw. übertragen. Auch dann noch ist „der aufrechte Gang“ (Feldenkrais, Moshé, Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang. Suhrkamp Taschenbuch 1981) eine große Kunst. Daher sollten wir das Fallen, etwa des vorschwingenden Beines beim Gehen, als Baby das Hinfallen beim Laufenlernen, als Tänzer das Stehen und Drehen auf einem Bein und das choreografisch verlangte tänzerische Fallen sorgfältig erforschen.

Im Verlaufe der Erkrankung an MS entwickelt es sich öfter, dass die Fähigkeit des symmetrischen Ganges abnimmt: Neben anderen Schwierigkeiten kann es sein , dass ein Bein nicht mehr so gut  zu kontrollieren ist. Die Gleichmäßigkeit des Schwingens rund um die Zentralachse im Zusammenspiel mit dem symmetrischen Schreiten beider Beine geht verloren oder wird geringer. Deutlich möchte ich darauf hinweisen, dass die Probleme oder Defizite sehr schwanken können, je nach Tageszeiten, Stimmungen, verschieden  stressigen oder beglückenden Umgebungen, je nach Zuversicht oder Deprimiertheit.

Zum Erleben des Gehens bei der Beeinträchtigung:
Wenn das Abstoßen der Beine von hinten, das Heben und Vorschwingen nicht mehr in gleicher Weise rechts und links gelingt, sind auch die beiden Körperseiten davon beeinflusst. Auf der Seite des schwerer kontrollierbaren Beines kommt es zu einer Kontraktion zwischen Becken und Brustkorb. Dies wirkt wiederum zurück auf die Beinbewegungen, die Bewegungen des Beckens und damit auf den gesamten Körper. Die größte Gelenkbewegung bei einem menschlichen Schritt geschieht an der „Nahtstelle“ zwischen Torso und Bein, dem Hüftgelenk. 
Wenn man also ein Bein bzw. das Hüftgelenk – manchmal das Knie- oder das Fußgelenk oder diese zusätzlich – nicht in aktiver Bewegung leiten kann, also die Faltung oder Biegung durchführen, liegt es nahe, das Becken zu benutzen, als Helfer oder Ersatz für das Heben des Beines oder Fußes. Der Klient hebt und dreht für den Schritt also die Beckenseite des betroffenen Beines einseitig und stärker als üblich im Gehen und führt zusammen mit dem Bein diese Beckenhälfte (Ilium) nach vorne. So kann der Fuß vorne aufsetzen. Oft ist auch das Flexen des Fußes schwierig oder unmöglich. Dieser neue Balanceakt ist natürlich ein ganz anderer als der gleichseitige. Die Klientin/der Klient gewöhnt sich an eine starke und strukturverändernde Kontraktion auf der Seite des betroffenen Beines und die beiden Seiten werden dauerhaft unterschiedlich gebraucht. 

Die Lösung, auf diese Weise das Becken einzusetzen, ist prima, nur ergeben sich aus der Dauer- und Gewöhnungsanstrengung neue Probleme für den Bewegungsapparat, wenn man nicht regelmäßig am Ausgleich arbeitet, und oft auch Spannungen, die den gesamten Menschen in seiner Beweglichkeit einschränken, leider auch Schmerzen verursachen können.
Nehmen wir an, das rechte Bein ist behindert, dann bewegt er also seine rechte Taillenseite und Flanke aktiv mit sehr viel mehr Muskelkraft als die linke. Links wiederum führt dies zu einer veränderten Aufnahme des Gewichtes auf dem Fuß im Vergleich zur symmetrischen Bewegung. 
Folglich werden Gelenke und Muskeln: das Sacrum, das Iliosacralgelenk, die Lendenwirbel mit den Beckenmuskeln, dies ganze Gebiet mit Quadratus, Psoas, Iliaci, Transversi… gegen die Schwerkraft auf der rechten Seite für einen Schritt in anderer Weise gebraucht als auf der linken Seite. Das heißt für den Schritt mit rechts gewöhnt sich die Klientin/der Klient an eine überstarke Anstrengung für das Zusammenziehen in der Taille und Drehen des Beckens. Und links entsteht eine veränderte Kraftanstrengung beim Strecken des Beines, das das Gewicht des gesamten Körpers logischerweise mehr und länger tragen muss. Diese Kreation ist eine gute Anpassungsidee. Wenn nun ein so erfinderischer und gewandter Mensch spürt mit Bewusstheit, was er dabei tut und sein kinästhetisches Sinnesorgan schult zur globaleren Wahrnehmung seines Körpers, dann kann er ausgleichende Bewegungen für seinen gesamten Körper finden, d. i. die linke Seite entsprechend trainieren im Zusammenziehen und den beiden Seiten genügend Loslassen gewähren.

Eine solche Selbst-Schulung und die Unterstützung durch Feldenkrais-Practitioner hilft zu mehr Bewegungskompetenz. Dadurch vermeiden wir, dass die einseitige Kontraktion zur festen Struktur wird, also zu einem dauerhaftem Schiefstand von Becken und Torso, Wirbelsäule, Hals und Kopf. Dies beeinträchtigt auch die sonstigen Alltagsbewegungen, das Sitzen, Waschen, Anziehen, oder auch nur das Stehen, das Schreiben, sich beugen. Die Durchlässigkeit des Halses ist für die Nervenbahnen, das Blut, den Atem, die Ernährung und Fasziengewebe existentiell notwendig. Interessierte Übende können konkret die entsprechenden Hebungen, Kontraktionen und eben auch Längungen (das Strecken) auf der anderen Seite und ihre eigene Weise der Selbsterziehung praktizieren. Wir alle balancieren uns ja nicht nur bei relativer Stabilität und Symmetrie aus, sondern erst recht, wenn das Gewicht auf eine Seite schwankt oder sich schwerer zur Seite neigt, also stärker von der Erdanziehung betroffen ist. Auch in Ballspielen, Klettern und Tanz erlebt man dies immer wieder als große Aufgabe. 

Wir sollten für solches Lernen nicht streng mit uns umgehen, nichts erzwingen, sondern die guten Resultate von lockerer Disziplin genießen. In der Feldenkrais-Methode oder in einer Tanztherapie wachsen wir mental und emotional, wir verbessern unser Selbstbild und Leben. Die Minderung oder das Bewältigen von körperlichem und seelischem Stress kommt dem Nervensystem und den Immunitätsorganen zugute.

3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit

Es ist leicht, auf der Feldenkrais-Liege die lösenden angenehmen Funktionen des Gehens durch die berührenden Hände des Feldenkrais-Behandlers zu erfahren. Dabei kann der Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb auf der linken und auf der rechten Seite loslassen, und ein freieres Atmen kann gespürt werden, Voraussetzungen für gute Balance und leichteres Gehen. Sicherlich werden erfahrene Feldenkraislehrende mit gezielten Berührungen die Schülerin/den Schüler darin unterstützen, immer differenzierter zu fühlen und neue Muster aufzunehmen. Zunächst können Lehrende die Klienten etwa beidseitige und symmetrische Bewegungen in Rückenlage erfahren lassen. Sie ermuntern, „passiv “ zu sein im Sinne eines Sich-Spürens, die Behandlung im Liegen zu genießen, im Anschluss an die Behandlung die neuen Erlebnisse beim Aufstehen und Gehen zu beobachten und Stunden und Tage später zu erinnern.

Effizientes Lernen entsteht nach Moshé Feldenkrais (er lebte von 1904 bis 1984) mit Neugier, in unangestrengter, unangespannter und angenehmer Atmosphäre. Dies haben die moderne Neurowissenschaft und die heutigen technischen Studien sichtbar und beweisbar gemacht. Die Disziplin dabei ist eine gewisse Regelmäßigkeit beim Erwerb des differenzierteren Körpergefühls und bei der Hinwendung zu eigenständigem Reifen.

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Man kann die Übenden auf der Liege zum Vergleichen sowohl die neuen als auch die alten ! Funktionen von Bewegungen erleben lassen, etwa die entstandene Symmetrie und vorher die Einseitigkeit, ein Loslassen der rechten Körperseite, besonders der Taille aus der gewohnten Dauerkontraktion, und wie ein vom Practitioner bewirkter Druck auf die Fußsohlen rechts und links zunächst unterschiedlich gespürt wurden und dann eine Angleichung erreicht wurde.
Practitioner können mit einer kleinen Verstärkung von Druck oder Zug und einer Erweiterung des Körperareals die gewonnene Bewegungsfreiheit bekräftigen, sei dies durch ihre Hände, ihren Körper oder manchmal sogar durch ein paar nette Worte der Freude, Überraschung, des Lobes UND auch durch Fragen und Hinweise zum neuen Bewegungserleben. Vor allem werden Feldenkrais-Lehrerende selbst sehr genau auf den Atem achten und für mehr Flexibilität von Zwerchfell und Wirbelsäule, mehr Weitung von Brustkorb und Weichheit des Bauches, für die Verringerung der Spannung gewisser Zwischenrippenmuskeln sorgen. 

Die Seitenlage bietet sich besonders an, wenn eine Körperseite überbeansprucht ist, in unserem Beispiel die Seitenlage auf links, da Practitioner dann bequem an der nach oben gewandten rechten Seite arbeiten können. Das schließt gar nicht eine erstmalige Arbeit sogar zunächst links aus! Die/der Lehrende wird auch am Schultergebiet, an Rippen, am Zwischenraum zwischen Brustkorb und Becken, an der Bein-Becken-Beziehung so arbeiten, dass hier die Funktionen von Kontrahieren, Loslassen, Dehnen und Strecken klarer werden. Der Patient/die Patientin erhält z.B. Aufforderungen, seine aufliegende (linke) Körperseite auf der Unterlage zu spüren, wie diese auf die Behandlung reagiert und mit der oberen Körperseite korrespondiert. Das intensive Erleben der beiden Körperseiten zusammen mit den neugewonnenen Fähigkeiten wird gefestigt durch ein passendes Berühren in Bauchlage, in Sitzhaltung und schließlich im Stehen, möglichst auch im Gehen. All dies braucht vermutlich mehrere Sitzungen. Es zeigen sich meist etliche ungekannte Gefühle: mehr Platz im Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb, „ich kriege mehr Luft“, die Übenden fühlen sich länger…

Zu anderer Zeit wird man auch die winzigen Wirbelbewegungen mit sachtem Schieben in Bauchlage oder Seitenlage erleben lassen. Dies ist nicht nur wohltuend während der FI, sondern sehr zentral für die Kompetenz des Balancierens, die fast alle Gelenke des Körpers einbezieht, vor allem aber die häufig vernachlässigte Wirbelsäule. In der Zukunft dient dies im weitesten Sinne einer Erweiterung der Selbstwahrnehmung und einer Steigerung des Realitätssinnes. Für ihre Bewegungskompetenz, also für das je erforderliche neue Lernen bei  momentanen oder frischen Schwierigkeiten, sollten Menschen mit MS – und nicht nur diese – immer wieder alltägliche Bewegungen langsam ausführen und genau beobachten.

4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche

 Balancieren, das Gewicht verlagern sind die ganz gewöhnlichen Begleiterscheinungen, wenn wir uns bewegen. Fallen kennen wir vom Kind, das Laufen lernt, und auch bereits wenn das Baby beim Rollen zur Seite fällt. Stürzen unterscheiden wir „Kinästhetikerinnen“ vom Fallen. Es gibt nicht nur ganze Tanzstile, die auf dem Fallen aufbauen und Tanzphrasen mit fallenden Gliedern, sondern auch der durchschnittliche Mensch kann lernen, sich beim Fallen gut aufzufangen, sich funktional, also der Aufgabe entsprechend zu bewegen. Auch dies ist eine Definition von „Bewegungskompetenz„, die die Kinästhetik als Weiterentwicklung aus der Feldenkrais-Methode heraus betont. Gerade beim Fallen, und eben nicht Stürzen (aber selbst da!) braucht es keine Kraft, hilft kein Wille, keine Schweiß treibende Anstrengung, sondern gerade das von den gelehrsamen Nerven erwirkte gezielte Loslassen von Teilen des Körpers. Etliche Muskeln müssen also entspannen, während andere arbeiten, was bei gesunder Bewegtheit die Regel ist. Dadurch, und nicht durch viel praktiziertes zu hartes Training, bleibt all unser Gewebe elastisch und wird nicht spröde, hart oder schmerzt und erlahmt.

In der Feldenkrais-Methode üben wir sozusagen im voraus, was unser Gehirn und Körper beim Fallen, also auch bei jedem Schritt, nämlich beim „Fallen“ eines Beines und eines Teils des Torsos einleiten soll. Das enorm intelligente Nervensystem inklusive Gehirn kann dies leicht bieten. Beim Stürzen, bei dem wir ja an die Unfallgefahr denken, wobei es glücklicherweise sehr oft noch gut ausgeht, wirkt die Schwerkraft bereits heftiger, unser Körper stößt oder knallt auf den Boden, wobei wir auch da oft mit den Händen und Armen agieren und uns auffangen, Gesicht und Kopf schützend.

Arten zu fallen gehören also auch zum Alltag, Stürzen wollen wir vermeiden. Angenommen, man ist gestürzt und liegt auf dem Boden. Stehen sie weder schnell auf noch lassen Sie sich schnell wieder ins Stehen bringen, selbst wenn Sie gegen lieb gemeinte Hilfe protestieren müssen. Bevor Sie aufstehen, bewegen und spüren Sie zuerst Ihre Gelenke achtsam durch. „Fischen“ sie dann nach mehr oder weniger höheren und festen Objekten wie Hocker, Bücher, Kissen, Teppich, zusammengefaltete Kleidung, Tasche, Stuhl, auch nach der stabilen Schulter einer Helferin. Ausgestreckte Arme oder Hände geben keinen sicheren Halt. Die Unterstützungsflächen sind Ihre Aufsteh-Hilfen und vielfach besser als Ihre Muskelarbeit etwa der Oberschenkel beim „Senkrecht-Start“, der noch dazu die Knie überanstrengt und schädigt. Ferner drehen und wenden Sie sich in die Aufrichtung hinein; das frontale parallele Hochkommen braucht zu viel Muskelkraft, gar nach einem Schock oder Stoß.

Wie übt man nun Fallen und Sich-Auffangen vor dem Ernstfall? 
Wir üben nicht diese Bewegungen ein, sondern wir schulen unser Nervensystem mit möglichst vielen Optionen, also konkreten Positionen und Aufgaben. Daher arbeiten wir langsam während der Lernprozesse und benutzen unsere Wahrnehmung mit der Wirkung, dass die Komplexität des Nervensystems erweitert wird. Neue Schaltkreise formen sich, es bilden sich neue Nerven; sogar neue Gene können in starken Veränderungsprozessen entstehen. Sie erleben nicht nur wie angenehm, sondern auch wie frei Sie in der Wahl Ihrer Handlungen werden durch eine disziplinierte Arbeit an Ihrer Bewegungswahrnehmung, alleine und mit Lehrer/Lehrerin.
Ich empfehle ein lebenslanges Dranbleiben und die Regelmäßigkeit; wir Menschen sind gebaut für ständige Bewegung: Laufen, Gehen, Gewichtsverlagerung; nicht für Sitzen! Nicht nur die kinästhetische Erlebnis-Wissenschaft, sondern auch die Praxis ist weniger durch ihre Theorie als viel mehr durch die Erfahrungen überzeugend; unter anderem auch, weil es für die hochschulgemäße Forschung zusammen mit Lehrenden und mit dem Verband der Feldenkraisberufe an Geld fehlt und aussagekräftige Studien Jahre benötigen. Das ist schade, denn viele Menschen könnten hiervon Lebensqualität gewinnen (zur Kinästhetik s. auch Kapitel 8: Kinästhetische Intelligenz in Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016).

5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

Ich habe nicht nur mit den üblichen Feldenkrais-Gruppen und Einzelpatientinnen/-patienten gearbeitet, sondern auch in Krankenhäusern, Geburtshäusern, in Pflegeheimen und für besondere Lernaufgaben alltäglicher, sportlicher und künstlerischer Aufgaben. Da das Gehen eine extrem menschengemäße und bedeutende Funktion ist, bildet es zunächst einmal die Basis für unser Leben. Erst wenn dies nicht mehr (so leicht) möglich ist, wird es durch andere Potentiale ergänzt oder ersetzt. Erfahrungen mit den verschiedensten Klientinnen/Klienten, bewegungsbeeinträchtigten Menschen, mit (auch spastisch) gelähmten Menschen, mit Menschen nach Unfällen, mit Bettlägrigen, mit Sterbenden, mit Koma-Patientinnen/-patienten, mit alten und geschwächten Menschen, mit Menschen mit Demenz, mit Säuglingen, Kleinkindern und zusammen mit deren Müttern und Vätern, also auch mit Menschen, die Worte nicht verstehen, unter der Geburt … machen diese Arbeit sinnvoll, freudvoll und notwendig.

Sehr gut erinnere ich mich an mehrere Patientinnen/Patienten, die ich auch begleitete, bevor sie einen Rollstuhl benötigten und ebenfalls später, als ich sie anleitete für eine angenehmere Weise des Hinüberbewegens vom Rollstuhl über das Sitzen hin zum Bett, über ein Gleiten in Seitenlage und zu Drehungen in die Rückenlage … Manchmal entfaltet sich dies wie ein Tanz; man probiert auch individuell. Ein junger Patient liebte das Tanzen liegend im Bett. Eine Patientin liebte es besonders, wenn wir einen Dialog, sitzend auf den Stühlen, mit unseren Gesten, Bewegungen, der Mimik und auch Lauten führten. Eines Tages wollte sie schwimmen gehen; ich organisierte es, wir erlebten miteinander ihr freudiges Schwimmen auf dem Wasser und natürlich das schöne Getragen-sein. Ich trug ihren Kopf und teilweise den Oberkörper, während ich im niedrigen Wasser ging. 

Von meinem großartigen Ausbilder Yochanan Rywerand und von dem Musiker Alan Fraser lernte ich, wie man Behinderte und Musiker mit Feldenkrais-Behandlungen im Alltag und sogar am Instrument durch Berührung unterrichtet. Als Tänzerin und durch Moshés Beschreibungen sowie die Kinästhetikforscher Lenny Maietta und Frank Hatch war ich in der glücklichen Situation, Kinästhetik mit Tanz zusammen zu lernen und mit Patienten und Patientinnen kinästhetisch zu tanzen. Ich konnte sie sowohl im Rollstuhl als auch mit Rollator unterrichten und behandeln.

Für die Benutzung eines Rollators sollte man sich klar machen, dass man das Gewicht nicht zu lange auf „alle Viere“, eben auch auf Hände und Rollator stützt, sich so oft wie möglich aufrichtet, die lotrechte Achse der Wirbelsäule berücksichtigt und damit – auch bei Krankheit und im Alter – die menschengemäße Zentrierung und Haltung (alignment) einnimmt. Denn sonst werden Rundrücken und der für den Menschen unpassende Umgang mit der Erdanziehung weitere Probleme nach sich ziehen. Vielfältige Bewegungen der Wirbelsäule, Aufrichtung und Schwingen um die Vertikale helfen dem körperlichen Gleichgewicht und der seelischen Harmonie.


Ihre Eva Weißmann

Seien Sie in diesem Sinne neugierig auf die nächsten Feldenkrais-Folgen von Eva Weißmann hier in diesem Kanal!

Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (Teil 1)

Die Feldenkrais-Methode bei MS – Teil 2: Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: Charles Erik Huber, CH-Ennetbaden; SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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