An dieser Stelle weisen wir auf aktuelle Beiträge aus dem Netz hin, die einen engen Bezug zu unserem Kernthema lebensstil-orientierte und eigenverantwortliche Behandlung der MS haben. Die dort wiedergegebenen Meinungen dienen als Anregung zur kritischen Auseinandersetzung. Sie entsprechen – außer bei Beiträgen von anderen Projekten der DSGiP – nicht zwingend den von uns vertretenen Positionen, sind aber in allen Fällen eine Bereicherung der Diskussionsgrundlage. Am Ende erwähnen wir gelegentlich zudem aktuelle möglichst frei verfügbare Studien, die unseren Ansatz untermauern.
MS ganzheitlich begleiten bedeutet, nicht nur auf Medikamente zu schauen, sondern auf den ganzen Menschen: Symptome, Alltag, Bewegung, Psyche, soziale Fragen und persönliche Ziele. Diesmal spreche ich mit Dr. Melanie Weiß, Fachärztin für Neurologie aus Wülfrath, über moderne MS-Versorgung, Bewegung als Therapie und ein medizinisch begleitetes Bewegungswochenende für Menschen mit Multipler Sklerose.
Neue Daten verknüpfen pflanzliche Ernährung mit einem niedrigeren Demenzrisiko bei Multipler Sklerose und rücken damit Lebensstilfaktoren stärker in den klinischen Alltag.
Studie zeigt: Stoffwechselprozesse beeinflussen MS-Verlauf. Ganzheitliche Ansätze mit Ernährung und Bewegung gewinnen an Bedeutung. Tägliches Training von 15 bis 20 Minuten verbessert die kognitiven Funktionen bei rund 70 Prozent der Betroffenen.
In diesem Video spricht Dr. Mareike Schwed mit Ilke Wolf, Apothekerin, MS-Mentorin, Coach und Autorin. Seit ihrer MS-Diagnose 2002 lebt sie gesund mit Multipler Sklerose und begleitet andere Betroffene. Thema ist ketogene Ernährung bei MS, Fatigue, Entzündungen sowie in Perimenopause und Menopause.
Bei Alzheimer, Multipler Sklerose und Hirntumoren nutzt das Immunsystem im Gehirn offenbar immer wieder ähnliche Grundprogramme statt völlig verschiedener Einzelreaktionen. Entscheidend ist nicht nur, welches Immunprogramm aktiv ist, sondern auch, wo es im kranken Gewebe auftritt – etwa nahe Eiweißablagerungen, Läsionsrändern oder Tumorzellen.
Aktuelle Studie:
Zhuang Y, Meng J, Dai X, He M, Liu P, Gao S. Vitamin D for multiple sclerosis as an adjuvant therapy: A network meta-analysis of randomized controlled trials. Clin Nutr. 2026 Jul;62:106692. doi: 10.1016/j.clnu.2026.106692. Epub 2026 May 26. PMID: 42242131.
Eine Vitamin-D-Supplementierung als Begleittherapie kann möglicherweise Rückfälle und das Fortschreiten der Behinderung verringern und weist dabei ein günstiges Sicherheitsprofil auf. Diese Ergebnisse sprechen dafür, eine Vitamin-D-Supplementierung bei der Behandlung von MS in Betracht zu ziehen, insbesondere bei Patienten mit Vitamin-D-Mangel. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42242131/
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Fortsetzung C (Lebensstil-Management) und H (patientenzentrierte Kommunikation)
Wie im Newsfeed „Lange drauf gewartet: Erweiterung der MS-Leitlinie um wichtige Faktoren“ Ende März angekündigt, wollen wir uns noch etwas intensiver mit der MS-Leitlinie beschäftigen, die inzwischen mindestens einmal jährlich geprüft und aktualisiert wird und damit eine „Living-Guideline“ sein soll.
Wir konzentrieren uns hierbei auf die neu aufgenommenen Kapiteln „Lebensstil-Management“ (Kapitel C) und Kapitel H „Patientenzentrierte Kommunikation“ und haben am 31. Mai in Teil 2:
Heute geht es im Kapitel C weiter mit Osteoporose, Mentale Gesundheit/Stress und Genussgiften. Anschließend werfen wir einen Blick auf das neue, längst überfällige Kapitel „Patientenzentrierte Kommunikation“ (H)
C4. Osteoporose
Aufgrund des Risikofaktors MS wird bei Frauen ab der Menopause und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr ein Screening zur Früherkennung von Osteoporose empfohlen.
Es wurden zusätzliche Risikofaktoren für eine Osteoporose bei MS identifiziert:
Krankheitsdauer > 7 Jahre
EDSS > 3 und mehr als 15 g Glukokortikoid-Lebensdosis sowie
eine längerfristige Antidepressivatherapie
Außerdem gibt es ein erhöhtes Frakturrisiko, welches auf Grund mehrerer MS-Symptome zusätzlich vorliegt: Einschränkungen der Gangsicherheit (Paresen, Spastik, eingeschränkte Bewegungskoordination), Sensibilitätsstörungen, Doppelbilder, verringerte Sehkraft, etc.
Zur Diagnostik sollen eine Knochendichtemessung gehören sowie Laboruntersuchungen (Ca, Phosphat, Na, Vitamin D, AP, Kreatininclearance, BB, CRP, Eiweißelektrophorese, TSH, AP und gGT).
Noch ist wahrscheinlich die neurologische Praxis die falsche Adresse dafür, aber dort können Sie nach einer entsprechenden Überweisung in eine orthopädische Praxis fragen, die diese Leistungen durchführen kann (nicht jede orthopädische Praxis kann dies anbieten!). Oder Sie fragen in Ihrer hausärztlichen Praxis.Die neurologische Praxis ist dafür wahrscheinlich noch die falsche Adresse, aber Sie können dort nach einer entsprechenden Überweisung in eine orthopädische Praxis fragen, die diese Leistungen anbietet (nicht jede orthopädische Praxis bietet dies an!). Alternativ können Sie auch in Ihrer hausärztlichen Praxis nachfragen.
Nehmen Sie das Thema Osteoporose jedenfalls nicht auf die leichte Schulter! Denn bereits ab der Lebensmitte sind viele Menschen von Osteoporose betroffen – selbst ohne zusätzliche Risikofaktoren der MS. Mit entsprechender Prophylaxe sollte man daher besser frühzeitig beginnen:
Steigerung der körperlichen Aktivität: besonders Seilspringen/Hüpfen, wenn dies noch geht (ab dem Vorstadium der Osteoporose, das man Osteopenie nennt, aber nicht mehr!); ein Galileo-Gerät bei der Physiotherapie nutzen (nur unter fachlicher Anleitung!)
Optimierung des Vitamin-D-Status (siehe Kapitel C.3 im letzten Newsfeed) inkl. Vitamin K2 plus Calcium-und Magnesiumzufuhr
Reduktion von Rauchen, Alkohol und ggf. anderen Drogen
Reduktion von Körpergewicht
Strategien zur Reduktion von Stürzen sowie Steigerung der allgemeinen körperlichen Fitness
Zur Vertiefung einzelner Aspekte empfehlen wir diese Newsfeeds aus dem Life-SMS-Blog:
Die Leitlinie erkennt ENDLICH an, dass psychische Belastungen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen können. Die Leitlinie EMPFIEHLT zwar lediglich, entsprechende Unterstützungsangebote (Beratung und Therapie) als Teil der Behandlung anzusehen (was vorher auch schon möglich war), trotzdem ist es schon ein Fortschritt, dass es jetzt Schwarz auf Weiß geschrieben steht:
„Für Stressbelastungen als Auslösefaktor von Schüben liegt eine gewisse Evidenz vor. Erste Kohortenstudien zeigen ferner, dass traumatische Lebensereignisse sich möglicherweise auf die Progression der Erkrankung auswirken.“
Das heißt, dass endlich jene, die am eigenen Körper die negativen Auswirkungen von Stress und Traumata auf eine vorliegende MS erleben, nicht mehr lächelnd mit der Bemerkung abgespeist werden können, dass dem nicht so sein könne.
Zudem kann die MS-Diagnose selbst und die Ungewissheit über den weiteren Verlauf einen erheblichen Stressfaktor darstellen. Von daher kann die Bedeutung des Erlernens von Stressmanagement-Techniken wie Entspannungsverfahren und Resilienztraining sowie Reduktion psychischer Belastungen gar nicht hoch genug angesehen werden.
Zur Vertiefung dieses Aspektes schauen Sie gerne auch hier:
Entdecken Sie gerne auch hier in unserer Mind-Map die Detailinfos zum Thema Mentaltechniken (gegen Stress):
Schlafstörungen
Schlafstörungen werden als häufiges Symptom bei MS adressiert. Ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf wird als wichtiger Faktor für die Krankheitsbewältigung und die allgemeine Gesundheit betrachtet.
Die Leitlinie gibt Empfehlungen zur Schlafhygiene und zur Optimierung der Erholungsphasen und den Hinweis, dass die Kombination von gesunder Ernährung, gesundem Schlaf und ausreichender körperlicher Aktivität das biologisches Altern und die (allgemeine) Mortalität signifikant verlangsamt. Diese Effekte sollten bei MS genutzt werden, um beschleunigte Hirnalterungsprozesse zu bremsen.
Wen es besonders betrifft, der sollte sich ggf. zu den (alle bisher schon im Kapitel E aufgeführten) Aspekten Fatigue, Kognitive Einschränkungen oder Schlafstörungen informieren.
Zur Vertiefung dieses Aspektes schauen Sie gerne auch hier:
Rauchen wird als signifikanter Risikofaktor für einen ungünstigeren Krankheitsverlauf identifiziert. Der Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und erhöhter Schubrate sowie schnellerer Behinderungsprogression wird deutlich gemacht. Gleiches wird sogar für das Passivrauchen anerkannt! Angst, Depression, sowie kognitive Einschränkungen werden bei aktiven Rauchern und Raucherinnen häufiger vorgefunden als bei nicht Rauchenden. Die Leitlinie empfiehlt eine konsequente Raucherentwöhnung.
Alkohol
Zum Alkohol wird leider nur erwähnt, dass ein „üblicher“ Alkoholkonsum kein Risikofaktor zu sein scheint, an einer MS zu erkranken. Darauf, ob es einen Einfluss auf den Verlauf einer bestehenden MS geben kann, wird leider nicht eingegangen. Aber eine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol gibt es prinzipiell nicht. Jeder Tropfen kann den Körper belasten (es kommt zumindest auch auf die individuelle Entgiftungsfähigkeit an). Alkohol erhöht das Risiko für Krebs, kann Leber, Herz, Hirn und Nerven schädigen und gilt sogar als Nervengift, was gerade bei MS sehr relevant ist.
Der „Halbgott in Weiß“ (und das weibliche Äquivalent) sollen endlich ausgedient haben und eine Arzt-Patienten-Beziehung (auch hier natürlich jeweils mit den weiblichen Entsprechungen) auf Augenhöhe endlich das neue Maß werden. Das soll schon bei der Diagnoseübermittlung beginnen. Durch angemessene Rahmenbedingungen, z.B. nach dem SPIKES-Modell:
SPIKES-Modell: • Setting: geeigneten Gesprächsrahmen schaffen • Perception: Kenntnisstand (Wahrnehmung) der Patientin / des Patienten ermitteln • Invitation: Informationsbedarf der Patientin / des Patienten ermitteln • Knowledge: Wissensvermittlung • Exploration of Emotions: Emotionen wahrnehmen, ansprechen und mit … …Empathie reagieren • Strategy and Summary: Planen und zusammenfassen
Es soll angeboten werden, eine Vertrauensperson in die Gesprächssituation einzubeziehen. Damit Sie die Leitlinie (Ärzteschaft) „beim Wort“ nehmen können, zitieren wir hier die Passagen dazu:
Es „sollen die individuellen Präferenzen, Bedürfnisse, Sorgen und Ängste der Betroffenen erhoben und berücksichtigt werden. Wenn Betroffene dafür mehrere Gespräche benötigen, soll das Angebot zu weiteren Gesprächen gemacht werden.“
Weiter ist dies Konsens:
„Personen mit Multiple Sklerose sollen über alle für sie relevanten Therapieoptionen, deren Erfolgsaussichten und deren mögliche Auswirkungen informiert werden. Sie sollen über Risiken der Immuntherapie und über die Folgen eines Therapieverzichts aufgeklärt werden. Dabei soll das Recht, auf eine Aufklärung zu verzichten, bei bestehendem Wunsch der Patientinnen oder Patienten respektiert werden. Die informierte und selbstbestimmte Entscheidung von Personen mit MS für oder gegen empfohlene medizinische Maßnahmen soll respektiert werden.“
Und: „Qualifizierte, sachdienliche und neutrale Informationsmaterialien sollen Menschen mit MS zur Verfügung gestellt werden.“
Inwiefern die Prospekte der Hersteller von Immuntherapien, die man üblicherweise in die Hand gedrückt bekommt, neutral sind, bleibt erstmal fraglich. Auch, ob und was stattdessen eingesetzt wird/werden könnte.
Aber gerade bei der Vielfalt an Therapiemöglichkeiten und den nicht nur stark variierenden sondern evtl. auch stark belastenden Nebenwirkungsprofilen wäre es sehr wichtig, hier wirklich neutral und ergebnisoffen beraten zu werden.
Außerdem ist ein informierter Patient die Basis für den Therapieerfolg. Dieser Faktor wird wohl offensichtlich jetzt ernst genommen. Und dies ist zumindest schon mal ein Anfang. Jetzt sind Sie am Zug: Bleiben Sie am Ball, wenn Ihnen neutrale, vollständige Informationen fehlen!
Fazit
Die Leitlinie betont die Bedeutung eines ganzheitlichen Gesundheitsansatzes, der über die reine MS-Behandlung hinausgeht und die allgemeine Gesundheit der Patienten und Patientinnen fördert.
Die Leitlinien sollten auch in der Praxis mehr Beachtung finden, insbesondere bei Fragen zur körperlichen Aktivität und Rehabilitation, Ernährung, Vitamin D und Osteoporose, mentaler Gesundheit und patientenzentrierten Kommunikation, wobei letztere allein schon zum Thema mentale Gesundheit positiv oder negativ beitragen kann – was bisher Glückssache war (je nach Gegenüber) und hoffentlich zukünftig vermehrt positiv verläuft. Dies wünschen wir Ihnen und uns allen.
2 Screenshots mit dem jeweiligen Themenbereich der Life-MS Mind-Map
Titelfoto: Infografik zur neuen MS-Leitlinie mit Fokus auf Kapitel C4 – C6: Osteoporose; Mentale Gesundheit/Stress; Genussgifte: Rauchen und Alkohol und Kapitel H: Patientenzentrierte Kommunikation. Gestaltet mit ChatGPT.
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An dieser Stelle weisen wir auf aktuelle Beiträge aus dem Netz hin, die einen engen Bezug zu unserem Kernthema lebensstil-orientierte und eigenverantwortliche Behandlung der MS haben. Die dort wiedergegebenen Meinungen dienen als Anregung zur kritischen Auseinandersetzung. Sie entsprechen – außer bei Beiträgen von anderen Projekten der DSGiP – nicht zwingend den von uns vertretenen Positionen, sind aber in allen Fällen eine Bereicherung der Diskussionsgrundlage. Am Ende erwähnen wir gelegentlich zudem aktuelle möglichst frei verfügbare Studien, die unseren Ansatz untermauern –
Ein Durchbruch gelang Forschern der McGill-Universität. Ihre im Mai 2026 veröffentlichte Studie im Annals of Neurology identifizierte acht spezifische Blutproteine, die sich bereits Jahre vor dem Auftreten erster Symptome verändern. Das Team analysierte Proben von 124 Patienten, die durchschnittlich sechs Jahre vor der Diagnose entnommen wurden.
Das Uhthoff-Syndrom betrifft etwa 80 % aller Menschen mit MS. In diesem Vortrag schaut Dr. Mareike Schwed auf das Uhthoff Syndrom nicht nur aus neurologischer Sicht, sondern aus der Perspektive des autonomen Nervensystems
Spezielle Darmbakterien scheinen direkt an der Entstehung von Multiple Sklerose beteiligt zu sein. Diese Erkenntnis eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis und die Prävention der Erkrankung.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass UV-Licht nicht nur für die Vitamin-D-Produktion wichtig ist, sondern auch eine Rolle bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen spielen könnte.
Die Forschenden untersuchten nun die Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren aus der MS TWIN STUDY und verglichen deren Zusammensetzung unter den Geschwistern. Dabei identifizierten sie 51 Taxa (Mikroorganismen einer bestimmten Gruppe), die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich oft zu finden waren.
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Wie im Newsfeed „Lange drauf gewartet: Erweiterung der MS-Leitlinie um wichtige Faktoren“ Ende März angekündigt, wollen wir uns etwas intensiver mit der MS-Leitlinie beschäftigen, die inzwischen mindestens einmal jährlich geprüft und aktualisiert wird und damit eine „Living-Guideline“ sein soll.
Übersicht zu den Hauptpunkten der MS-Leitlinie Kapitel C: Lebensstil-Management
Bis die Neuerungen in der neurologischen Praxis umgesetzt sind, ist es von Vorteil, wenn die Betroffenen ihre Rechte kennen – insbesondere in Bezug auf die neu aufgenommenen Kapiteln C „Lebensstil-Management“ und H „Patientenzentrierte Kommunikation“.
C1. Körperliche Aktivität und Bewegungstherapie
Beginnen wir – ganz Life-SMS-like – mit dem Lebensstilmanagement, wo unter „C1 Körperliche Aktivität, Sport und Training“ steht:
„Empfehlung C1 (starker Konsens): Ab dem Zeitpunkt der Diagnose soll jede Person mit MS über den Nutzen von Kraft‐und Ausdauertraining sowie über aktuelle Empfehlungen für körperliche Aktivität informiert werden. Bis EDSS 7.0 sollen nach WHO-Empfehlung minimal 75 Minuten intensives oder 150 Minuten moderates Ausdauertraining in der Woche erfolgen. Idealerweise sollte regelmäßig eine Erhebung des Fitnessstatus erfolgen. Das Ausmaß der körperlichen Aktivität sollte immer wieder abgefragt werden, um hier motivational wirksam werden zu können.“
Hier wird also der Terminus „informiert“ verwendet. Weiter oben (oberhalb der hier zitierten Passage) wird so formuliert: „Bewegungstherapie wird idealerweise ärztlich verordnet und durch einen Fachtherapeut oder eine Fachtherapeutin geplant und angeleitet.“
Oft bekamen bisher viele Neu-Diagnostizierte (und oft auch andere MS-Betroffene) bei Nachfrage nach einer Verordnung von regelmäßiger KGG (also Krankengymnastik am Gerät, was Krafttraining unter therapeutischer Anleitung ist) eine ablehnende Antwort in der Neurologie-Praxis ihres Vertrauens. Oder 2 x jährlich eine Verordnung über je 6 bis maximal 12 Einheiten pro Verordnung – womit man nicht weit kommt.
Dabei ist schon seit langem bekannt, dass die allgemeine Gebrechlichkeit und das Risiko von Stürzen geringer ist, je mehr die Muskulatur trainiert ist – am besten schon vor einer MS-bedingten Einschränkung! Weil Krafttraining nicht nur die Muskelkraft, sondern auch die Balance und motorische Alltagskompetenz verbessern kann und die allgemeine Mobilität ggf. länger erhalten bleiben kann. Und Hinweise, dass Training die mentale Gesundheit und Lebensqualität bei MS verbessert, gab es auch schon sehr lange.
Nun endlich dürften also mehr MS-Diagnostizierte Chancen auf regelmäßigere Verordnungen für KGG haben – zumindest, wenn Sie proaktiv danach fragen.
Folgende Detailempfehlungen zu diesem Kapitel stehen übrigens der Living Guideline: MS-Trainingsempfehlungen (nach Kalb 2020) • EDSS 0 – 6.5: Aerobes Training: 2-3x / Woche à 10-30 Minuten bei moderater Intensität (40–60% der maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität bzw. maximalen Herzfrequenz) kombiniert mit 2-3x / Woche Krafttraining (5-10 Übungen mit je 8-15 Wiederholungen) sowie Beweglichkeits- und Balancetraining. Intensives aerobes Training: bis zu 5x / Woche à 40 Minuten mit 80% der maximalen Sauerstoffaufnahmekapazität bzw. maximalen Herzfrequenz, zusätzlich Hochintensitäts-Intervalltraining 1x / Woche mit 5 Intervallen von 30-90 Sekunden mit 90-100% der maximalen Herzfrequenz. Angestrebt werden sollten zusätzlich 150 Minuten in der Woche aktiver Lebensstil, bsp. mindestens 7500 Schritte / Tag. • Ab EDSS 7.0: Tägliches Training bis zu 20 Minuten, evtl. unterteilt in mehrere Einheiten oder auch ein Intervalltraining mit 6x 3 Minuten Belastung empfohlen. Zusätzlich wird Atemtraining und Beweglichkeitstraining empfohlen.
C.2 Ernährung und Gewicht
Kommen wir zum nächsten Kapitel „Ernährungs- und Gewichtsmanagement“, welches auch die Rolle des Mikrobioms und des Darms als immunologisches Organ erwähnt und die negativen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas auf den Krankheitsverlauf adressiert.
Im Wesentlichen entsprechen nun die Ernährungsempfehlungen denen, die hier bei Life-SMS schon seit vielen Jahren publiziert werden: eine pflanzenbetonte Kost (Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte), die Bevorzugung von Fetten aus Pflanzenölen (Olivenöl, Leinöl, Kokosfett), Nüssen und Fisch sowie Omega-3-Öl aus Algen und moderate Mengen an Milchprodukten. Kritisch zu bewerten ist die ausschließliche Orientierung an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die zu kohlenhydratlastig sind. Besser ist es, sich an der MIND-Diät, der A.oder der mediterranen Ernährungsweise zu orientieren.
.Im Wesentlichen entsprechen nun die Ernährungsempfehlungen denen, die hier bei Life-SMS schon seit vielen Jahren publiziert werden: eine pflanzenbetonte Kost (Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte), die Bevorzugung von Fetten aus Pflanzenölen (Olivenöl, Leinöl, Kokosfett), Nüssen und Fisch sowie Omega-3-Öl aus Algen und moderate Mengen an Milchprodukten.
Wortwörtlich steht in der Leitlinie: Als Orientierung können die 2024 aktualisierten lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlungen für Deutschland der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) dienen. Das 11-Punkte-Konzept dieser Empfehlungen umfasst: 1. Am besten Wasser trinken 2. Obst und Gemüse – viel und bunt 3. Hülsenfrüchte und Nüsse regelmäßig essen 4. Vollkorn ist die beste Wahl 5. Pflanzliche Öle bevorzugen 6. Milch und Milchprodukte jeden Tag 7. Fisch jede Woche 8. Fleisch und Wurst – weniger ist mehr 9. Süßes, Salziges und Fettiges – besser stehen lassen 10. Mahlzeiten genießen 11. In Bewegung bleiben und auf das Gewicht achten
Kritisch zu bewerten ist die ausschließliche Orientierung an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die viel zu kohlenhydratlastig sind. Besser ist es, sich an der MIND-Diät, der A.D.A.M-Diät oder der mediterranen Ernährungsweise zu orientieren.
Punkt 6 können wir aus guten Gründen bei MS jedoch nur eingeschränkt empfehlen. Schauen Sie dazu – und zu weiteren ausführlichen Hinweisen – gerne den Ernährungsbereich der Life-MS Mind-Map an.
C.3 Vitamin D
Hier werden zwar (endlich) Empfehlungen zur Vitamin-D-Supplementierung gegeben und darauf hingewiesen, dass die Dosierung individuell angepasst werden sollte. Der angegebene Zielbereich ist bei Multiple Sklerose aber definitiv zu vorsichtig angesetzt:
Vitamin-D-Serumspiegel (25-Hydroxy-Cholecalciferol) in nmol/l (μg/l bzw. ng/ml) Suboptimale Versorgung: 30 – < 50 (12 – < 20) Zielbereich: 50-125 (20-50) Empfehlung (starker Konsens): Bei Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose sollte der Vitamin-D-Spiegel überprüft werden. Besteht ein Mangel, soll dieser ausgeglichen werden, idealerweise durch eine tägliche oder wöchentliche medikamentöse Supplementation.
Bei Life-SMS bevorzugen wir – aus studienbasierten Gründen – bei MS einen Zielbereich von 60-90 ng/ml 25-Hydroxy-Cholecalciferol – und ganz klar besser eine tägliche statt wöchentliche (oder gar monatliche) Einnahme! Schließlich ist Vitamin D (trotz des irreleitenden Namens, der noch von der früheren falschen Einsortierung herrührt) ein Hormon und führt bei nicht regelmäßiger Einnahme daher zu Hormonschwankungen. Allenfalls eine Substitution „nur alle 2-3 Tage“ kann der Körper tolerieren, wenn man nicht täglich möchte, aber dann sollte man auch keinen Einnahmezeitpunkt vergessen.
Gut hingegen ist, dass man mit der Empfehlung, dass der Vitamin-D-Spiegel überprüft werden sollte, nun ein Anrecht darauf geltend machen können sollte – wenn auch leider nur, bis ein „Mangel“ behoben ist (der eigentlich viel höher angesetzt sein müsste; nämlich direkt unterhalb des sinnvollen Zielbereichs bei MS).
Schauen Sie gerne auch hier in unserer Mind-Map die Detailinfos zum Thema Vitamin D (und Sonne):
Fazit
Gut, dass inzwischen auch Lebensstiländerungen Eingang in die offizielle Leitlinie zu Multiple Sklerose gefunden haben. Betroffene, die bereits Krafttraining in einem physiologisch betreuten Training absolvieren, haben nun eher die Chance, dies regelmäßig(er) auf Krankenkassenkosten machen zu dürfen. Das sollte natürlch niemanden davon abhalten, nachdem eine Anleitung durch eine Physiotherapeutin oder Physiotherapeuten erfolgt ist, zuhause das Krafttraining eigenverantwortlich fortzusetzen.
Betroffene, die eine Ernährungsänderung in Angriff genommen haben oder dies wollen, haben eher die Chance, dafür in der Arztpraxis zumindest nicht mehr belächelt zu werden; und jenen, die ihren Vitamin-D-Status wissen wollen, dürfte dies dort nicht mehr so einfach verwehrt werden.
In einem der nächsten Newsfeeds schauen wir gerne auf weitere relevante Änderungen in dieser Living Guideline und ihre Bedeutung für Menschen mit Multipler Sklerose. Bleiben Sie also wie gewohnt neugierig auf diesen Kanal und uns treu! Ihr Team von Life-SMS
2 Screenshots mit dem jeweiligen Themenbereich der Life-MS Mind-Map
Titelfoto: Infografik zur neuen MS-Leitlinie mit Fokus auf Kapitel C1 bis C3: körperliche Aktivität und Bewegungstherapie, Ernährung und Gewicht sowie Vitamin D. Gestaltet mit ChatGPT 30.5.2026
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Coenzym Q10 wird seit einigen Jahren als möglicher Baustein in der Begleitung von Multipler Sklerose diskutiert. Doch was steckt wirklich dahinter? Wir schauen uns an, welche Rolle dieses körpereigene Molekül im Energiestoffwechsel spielt und warum es gerade bei neurologischen Erkrankungen in den Fokus rückt. Dabei interessiert uns vor allem die Frage, ob eine gezielte Supplementierung tatsächlich einen Unterschied machen kann. Wir ordnen die aktuelle Studienlage ein und zeigen, wo Chancen liegen und wo Grenzen bestehen.
Die Grafik zeigt die Rolle von Coenzym Q10 im Energiestoffwechsel und Zellschutz. Auf der linken Seite wird ein Mitochondrium dargestellt, in dem Coenzym Q10 als Bestandteil der Atmungskette am Elektronentransport beteiligt ist und damit die Bildung von ATP unterstützt, der zentralen Energieform der Zelle. Auf der rechten Seite steht die Schutzfunktion im Mittelpunkt: Coenzym Q10 wird als antioxidativer Schutzfaktor dargestellt, der freie Radikale abfangen, oxidativen Stress reduzieren und die Regulation von Entzündungsprozessen unterstützen kann. Die Grafik macht sichtbar, dass Coenzym Q10 Energieproduktion und Zellschutz miteinander verbindet.
Coenzym Q10: Rolle im Energiestoffwechsel und Nervensystem
Coenzym Q10 ist ein zentraler Bestandteil der Energieproduktion in unseren Zellen (siehe Abbildung). Es wirkt in den sogenannten Mitochondrien, den „Kraftwerken“ der Zellen, die für die Bereitstellung von Energie verantwortlich sind. Dort ist Coenzym Q10 an der sogenannten Atmungskette beteiligt, einem mehrstufigen Prozess, bei dem Nährstoffe in Energie umgewandelt werden. Diese Energie liegt in Form von Adenosintriphosphat (ATP) vor, das als universeller Energieträger nahezu alle Körperfunktionen antreibt. Coenzym Q10 übernimmt dabei die Aufgabe eines Elektronentransporters, es hilft also dabei, geladene Teilchen zwischen verschiedenen Stationen der Atmungskette weiterzuleiten und so die Energieproduktion aufrechtzuerhalten.
Chemisch handelt es sich bei Coenzym Q10, auch Ubichinon genannt, um eine körpereigene Substanz, die in nahezu allen Zellen vorkommt. Der Name „Ubichinon“ leitet sich von „ubiquitär“ ab, was „überall vorkommend“ bedeutet. Der Körper kann Coenzym Q10 selbst herstellen, gleichzeitig nehmen wir es in kleineren Mengen auch über die Nahrung auf. Mit zunehmendem Alter oder bei bestimmten Erkrankungen kann die körpereigene Produktion jedoch abnehmen.
Gleichzeitig besitzt Coenzym Q10 eine zweite wichtige Funktion: Es wirkt als fettlösliches Antioxidans. Das bedeutet, es schützt Zellstrukturen, insbesondere die Zellmembran und die Mitochondrien selbst, vor sogenannten freien Radikalen. Diese aggressiven Moleküle entstehen unter anderem durch Stoffwechselprozesse und können zu oxidativem Stress führen, einem Zustand, bei dem die zelleigenen Schutzsysteme überfordert sind. Gerade im Nervensystem, das einen hohen Energiebedarf hat und besonders empfindlich auf solche Belastungen reagiert, spielt dieser Schutz eine entscheidende Rolle [1], [2].
Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass bei neurologischen Erkrankungen häufig sowohl die Energieproduktion in den Mitochondrien eingeschränkt ist als auch oxidativer Stress verstärkt auftritt. Diese Kombination kann langfristig zur Schädigung von Nervenzellen beitragen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Einsatz von Coenzym Q10 biologisch plausibel, also wissenschaftlich nachvollziehbar, um sowohl die Energieversorgung der Zellen zu unterstützen als auch sie vor Schäden zu schützen. Ob und in welchem Ausmaß sich daraus konkrete klinische Vorteile bei Multipler Sklerose ergeben, wird derzeit noch untersucht, aber es gibt erste vielversprechende Ergebnisse.
Krankheitsmechanismen der Multiplen Sklerose und oxidative Belastung
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Im Zentrum stehen dabei die Myelinscheiden, das sind schützende Hüllen um die Nervenfasern, die eine schnelle Weiterleitung von Nervenimpulsen ermöglichen. Werden diese Strukturen geschädigt, kommt es zu einer gestörten Signalübertragung, was die typischen neurologischen Symptome erklärt. Neben dieser immunologischen Komponente rückt zunehmend ein weiterer Mechanismus in den Fokus: die Rolle von oxidativem Stress und einer gestörten Funktion der Mitochondrien.
Oxidativer Stress beschreibt ein Ungleichgewicht zwischen schädlichen Molekülen, den sogenannten freien Radikalen, und den körpereigenen Schutzsystemen. Diese freien Radikale können Zellstrukturen angreifen und langfristig zu Schäden führen. Gerade im Gehirn ist dieses Gleichgewicht besonders empfindlich, da Nervenzellen einen hohen Energiebedarf haben und gleichzeitig nur begrenzte Regenerationsmöglichkeiten besitzen. Untersuchungen zeigen, dass bei Multipler Sklerose vermehrt Marker für oxidativen Stress nachweisbar sind, was darauf hinweist, dass diese Prozesse aktiv an der Krankheitsentwicklung beteiligt sind.
Parallel dazu wird eine gestörte Funktion der Mitochondrien beobachtet. Diese „Kraftwerke“ der Zellen sind für die Energieproduktion verantwortlich. Wenn ihre Funktion eingeschränkt ist, kann es zu einem Energiemangel in den Nervenzellen kommen. Diese Unterversorgung macht die Zellen anfälliger für Schäden und kann entzündliche Prozesse zusätzlich verstärken. Wir sehen also eine Kombination aus Entzündung, Energiemangel und oxidativer Belastung, die sich gegenseitig beeinflussen und die Krankheitsdynamik antreiben können.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Substanzen wie Coenzym Q10 wissenschaftlich diskutiert werden. Sie setzen genau an diesen Mechanismen an, indem sie sowohl die Energieproduktion unterstützen als auch antioxidative Eigenschaften besitzen. Dennoch gilt es, diese theoretischen Überlegungen klar von klinisch belegten Effekten zu trennen, da die Komplexität der Erkrankung eine einfache Übertragung biologischer Mechanismen auf therapeutische Ergebnisse nicht immer zulässt [1], [2].
Coenzym Q10 bei Multipler Sklerose: Ergebnisse aus Studien
Coenzym Q10 wird in klinischen Studien bei Multipler Sklerose vor allem im Hinblick auf Fatigue, depressive Symptome und biologische Marker untersucht. Wir finden in mehreren randomisierten kontrollierten Studien, also Studien mit zufälliger Zuteilung zu Behandlungs- und Kontrollgruppen, erste konsistente Hinweise auf klinisch relevante Effekte. Besonders häufig untersucht wurde eine Dosierung von 500 mg täglich über etwa 12 Wochen. In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie, bei der weder Teilnehmer noch Forschende wussten, wer das Präparat erhält, zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Fatigue, gemessen mit der Fatigue Severity Scale, sowie depressiver Symptome, erfasst mit dem Beck-Depressionsinventar [3].
Neben diesen subjektiven Parametern wurden auch Veränderungen auf biologischer Ebene beobachtet. Mehrere Studien zeigen, dass Coenzym Q10 Marker des oxidativen Stresses reduzieren kann. Ein Beispiel ist Malondialdehyd, ein Abbauprodukt geschädigter Zellmembranen, dessen Werte unter Supplementierung sinken. Gleichzeitig steigt die Aktivität körpereigener Schutzsysteme wie der Superoxiddismutase, ein Enzym, das freie Radikale neutralisiert [4]. Diese Effekte wurden sowohl bei Dosierungen von 500 mg als auch bei 200 mg täglich beschrieben, wobei höhere Dosierungen in einigen Untersuchungen konsistentere Ergebnisse zeigen.
Auch entzündliche Prozesse scheinen beeinflusst zu werden. In einer kontrollierten Studie führte die Einnahme von Coenzym Q10 zu einer Reduktion proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α und IL-6. Zytokine sind Botenstoffe des Immunsystems, die Entzündungsreaktionen steuern. Gleichzeitig wurde das Enzym MMP-9 reduziert, das an Gewebeabbauprozessen beteiligt ist [5]. In einer weiteren Studie mit Patienten, die zusätzlich Interferon-β-1a erhielten, zeigte sich bereits nach drei Wochen bei 200 mg täglich eine Verschiebung des Zytokinprofils in Richtung eines entzündungshemmenden Musters sowie eine Verbesserung von Fatigue- und Schmerzwerten [6].
Wenn wir diese Ergebnisse zusammenführen, entsteht ein in sich stimmiges Bild. Coenzym Q10 wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Es unterstützt die Energieproduktion in den Zellen, reduziert oxidativen Stress und beeinflusst entzündliche Prozesse. Diese biologischen Effekte spiegeln sich in einigen Studien auch in einer Verbesserung von Symptomen wie Fatigue und depressiver Stimmung wider. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit, also eine zusammenfassende Auswertung mehrerer Studien, bestätigt diese Tendenz und weist darauf hin, dass insbesondere höhere Dosierungen über mehrere Wochen mit stabileren Effekten verbunden sind [7].
Gleichzeitig ist es wichtig, die Aussagekraft der bisherigen Studien realistisch einzuordnen. Viele Untersuchungen wurden mit überschaubaren Teilnehmerzahlen durchgeführt und über einen begrenzten Zeitraum beobachtet. Dennoch liefern sie wertvolle Hinweise und eine solide Grundlage für weitere Forschung. Insgesamt zeigt sich, dass Coenzym Q10 ein vielversprechender Ansatz in der begleitenden Betrachtung von Multipler Sklerose sein kann, dessen Potenzial derzeit weiter wissenschaftlich untersucht wird.
Wirkung von Q10 auf Fatigue, Entzündung und Lebensqualität
Coenzym Q10 zeigt in Studien zur Multiplen Sklerose vor allem bei Symptomen wie Fatigue, also einer anhaltenden Erschöpfung, sowie bei entzündlichen Prozessen interessante Effekte. Wir sehen, dass insbesondere die Kombination aus verbesserter Energieproduktion in den Mitochondrien und reduzierter oxidativer Belastung eine zentrale Rolle spielt. Fatigue entsteht bei Multipler Sklerose unter anderem durch einen gestörten Energiestoffwechsel in den Nervenzellen. Indem Coenzym Q10 hier als Bestandteil der zellulären Energiegewinnung wirkt, kann es dazu beitragen, diese Prozesse zu stabilisieren [8].
Parallel dazu beeinflusst Coenzym Q10 entzündliche Signalwege. Studien zeigen, dass unter Supplementierung proinflammatorische Zytokine wie TNF-α und IL-6 reduziert werden können. Diese Botenstoffe sind maßgeblich an der Aufrechterhaltung chronischer Entzündungsprozesse beteiligt. Gleichzeitig wurde in einigen Untersuchungen eine Zunahme entzündungshemmender Zytokine beobachtet, was auf eine Verschiebung des Immungleichgewichts hinweist [9]. Diese immunmodulatorischen Effekte gelten als wichtiger Ansatzpunkt, da Entzündung eine zentrale Rolle in der Krankheitsaktivität der Multiplen Sklerose spielt.
Auch im Hinblick auf die Lebensqualität zeigen sich relevante Zusammenhänge. In klinischen Studien berichten Teilnehmer unter Coenzym Q10 nicht nur über eine Reduktion von Fatigue, sondern auch über Verbesserungen in Bereichen wie Stimmung, Schmerzempfinden und allgemeinem Wohlbefinden. Diese Veränderungen werden häufig mit standardisierten Fragebögen erfasst, die verschiedene Dimensionen der Lebensqualität abbilden [10]. Besonders deutlich treten diese Effekte in Studien mit höheren Dosierungen und längerer Einnahmedauer hervor.
Wenn wir diese Ergebnisse zusammenführen, wird deutlich, dass Coenzym Q10 nicht nur auf molekularer Ebene wirkt, sondern sich diese Effekte in bestimmten klinischen Symptomen widerspiegeln können. Die Verbesserung von Energieverfügbarkeit, die Reduktion von oxidativem Stress und die Modulation von Entzündungsprozessen greifen ineinander und können gemeinsam zu einer spürbaren Entlastung im Alltag beitragen. Gleichzeitig bleibt die individuelle Ausprägung dieser Effekte unterschiedlich, was die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung unterstreicht.
Grenzen der Studienlage und Einordnung der Coenzym Q10 Supplementierung
Coenzym Q10 zeigt in den bisherigen Studien bei Multipler Sklerose ein konsistentes Bild in Bezug auf biologische Effekte und bestimmte Symptome. Gleichzeitig ist es wichtig, die vorhandene Datenlage differenziert einzuordnen. Viele der vorliegenden Studien sind randomisierte kontrollierte Studien, also methodisch hochwertige Untersuchungen, umfassen jedoch oft eher kleinere Patientengruppen und beobachten die Effekte über Zeiträume von wenigen Wochen bis Monaten. Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse weniger relevant sind, sondern dass sie vor allem Aussagen über kurzfristige Effekte ermöglichen [11].
Ein weiterer Aspekt betrifft die untersuchten Endpunkte. In vielen Studien stehen sogenannte weiche Endpunkte im Vordergrund, also subjektiv erlebte Symptome wie Fatigue, Stimmung oder Lebensqualität. Diese sind für Betroffene hoch relevant, lassen sich jedoch schwerer objektiv messen als sogenannte harte Endpunkte wie Schubrate oder Veränderungen im MRT, also bildgebenden Verfahren des Gehirns. Für diese langfristigen Krankheitsparameter liegen derzeit noch weniger Daten vor [12].
Auch die Dosierung und Dauer der Supplementierung variieren zwischen den Studien. Während einige Untersuchungen mit 200 mg täglich arbeiten, zeigen andere Studien mit 500 mg konsistentere Effekte. Gleichzeitig ist noch nicht abschließend geklärt, welche Dosierung langfristig optimal ist und wie sich unterschiedliche Einnahmezeiträume auf die Ergebnisse auswirken [13]. Hinzu kommt, dass die Aufnahme von Coenzym Q10 ins zentrale Nervensystem begrenzt sein kann, was für die Interpretation der Effekte ebenfalls eine Rolle spielt.
Wenn wir diese Punkte zusammen betrachten, ergibt sich ein ausgewogenes Bild. Die bisherigen Studien liefern überzeugende Hinweise auf biologische und symptomatische Effekte, insbesondere im Bereich Fatigue, Entzündung und oxidativer Stress. Für die Praxis bedeutet das: Coenzym Q10 kann als ergänzender Ansatz betrachtet werden, dessen Einsatz individuell geprüft und im Kontext des gesamten Therapiekonzepts bewertet werden sollte.
Fazit: Was wir daraus ableiten können
Wenn wir die Studienlage, die biologischen Mechanismen und die klinischen Beobachtungen zusammenführen, entsteht ein klares Bild: Coenzym Q10 ist kein Wundermittel, aber ein sinnvoller und wissenschaftlich plausibler Baustein, der bei Multipler Sklerose gezielt an mehreren zentralen Prozessen ansetzt. Wir sehen Effekte auf die Energieproduktion in den Zellen, auf oxidativen Stress und auf entzündliche Prozesse. Gleichzeitig zeigen Studien, dass insbesondere Symptome wie Fatigue und depressive Verstimmungen positiv beeinflusst werden können.
Für uns ergibt sich daraus eine konkrete Konsequenz: Wir sollten eine längerfristige Supplementierung mit Coenzym Q10 unbedingt in Betracht ziehen. Uns zwar als einen Baustein in der selbstbestimmten lebensstilorientierten Behandlung der MS, der individuell geprüft und sinnvoll integriert werden kann. Dabei lohnt es sich, den Blick zu weiten. Coenzym Q10 wirkt nicht nur im Kontext von Multipler Sklerose, sondern spielt auch bei kardiovaskulären Erkrankungen und im fortgeschrittenen Lebensalter eine wichtige Rolle für Energie, Zellschutz und Vitalität.
Unser Eindruck aus der aktuellen Forschung ist klar: Wer beginnt, die eigenen gesundheitlichen Stellschrauben besser zu verstehen und gezielt zu nutzen, kann mehr Einfluss nehmen, als oft angenommen wird. Coenzym Q10 kann dabei ein sinnvoller erster Schritt sein.
Wer tiefer in diese und andere Zusammenhänge eintauchen möchte, findet auf Life-SMS | Lebensstilmaßnahmen bei MS eine Vielzahl fundierter Beiträge rund um Multiple Sklerose, Mikronährstoffe und ganzheitliche Ansätze.
[3] Sanoobar M, Dehghan P, Khalili M et al. Coenzyme Q10 as a treatment for fatigue and depression in multiple sclerosis patients: A double blind randomized clinical trial. Nutr Neurosci. 2016;19:138–143.
[4] Sanoobar M, Eghtesadi S, Azimi A et al. Coenzyme Q10 supplementation reduces oxidative stress and increases antioxidant enzyme activity in patients with relapsing–remitting multiple sclerosis. Int J Neurosci. 2013;123:776–78
[5] Sanoobar M, Eghtesadi S, Azimi A et al. Coenzyme Q10 supplementation ameliorates inflammatory markers in patients with multiple sclerosis: a double blind, placebo controlled randomized clinical trial. Nutr Neurosci. 2015;18:169–176.
[6] Moccia M, Capacchione A, Lanzillo R et al. Coenzyme Q10 supplementation reduces peripheral oxidative stress and inflammation in interferon-β1a-treated multiple sclerosis. Ther Adv Neurol Disord. 2019;12.
[7] Salekzamani S, Pakkhesal S, Babaei M et al. Coenzyme Q10 supplementation in multiple sclerosis: A systematic review. Mult Scler Relat Disord. 2024;93:106212.
[8] Mehrabani S, Askari G, Miraghajani M et al. Effect of coenzyme Q10 supplementation on fatigue: A systematic review of interventional studies. Complement Ther Med. 2019;43:181–187.
[9] Moccia M, Capacchione A, Lanzillo R et al. Coenzyme Q10 supplementation reduces peripheral oxidative stress and inflammation in interferon-β1a-treated multiple sclerosis. Ther Adv Neurol Disord. 2019;12.
[10] Salekzamani S, Pakkhesal S, Babaei M et al. Coenzyme Q10 supplementation in multiple sclerosis: A systematic review. Mult Scler Relat Disord. 2024;93:106212.
Grafik
Eigene Darstellung mit KI-Unterstützung auf Basis der im Artikel genannten wissenschaftlichen Quellen zu Coenzym Q10, Energiestoffwechsel und Zellschutz. DSGiP 2026
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Anfang bis Mitte der 90er Jahre bekamen manche MS-Betroffene von engagierter, wissender Ärzteschaft den Rat zur Lebensstilanpassung: gesünder essen, mehr Ruhe & erholsamer Schlaf, weniger Stress, Verzicht auf Zucker, Alkohol, Nikotin und andere Drogen. Manchmal wurde es auch konkreter, z.B. in Bezug auf tierische Fettsäuren oder Nahrungsergänzung. Mache Betroffene, die sich daran hielten, merkten mehr oder weniger schnell, dass die Ratschläge sinnvoll waren. Als dann die ersten Medikamente speziell für MS zugelassen wurden (es waren Interferone), wurden jene Betroffene belächelt, die auf ihre erfolgreiche Lebensstilanpassung hinwiesen; Nee, das könne nicht helfen. Da müsse schon was Besseres her; z.B. dieses oder jenes Interferon-Präparat.
Seitdem halten sich die meisten der Neurologenschaft – und damit auch die MS-Diagnostizierten – an die Empfehlungen in der Leitlinie zur Diagnose und Therapie von Multiple-Sklerose.
2021 wurde diese letztmalig komplett neu erstellt und seitdem ist es eine „Living-Guideline“, da sie mindestens einmal jährlich geprüft und aktualisiert wird.
Heute, etwa 30 Jahre nach dem ersten MS-Medikamenten-(Interferon-)Einsatz, steht es schwarz auf weiß in diesen Richtlinien (letzte Version veröffentlicht im Febraur 2025), was damals schon einigen bekannt war. Denn die neuesten Überarbeitungen fokussieren verstärkt auf Patientenpartizipation und Therapieoptimierung. Endlich, aber leider für viele Betroffene zu spät!
Erfreulich dagegen, dass mit sogar zwei neuen Kapiteln, eines zum Lebensstil-Management, ein weiteres zur patientenzentrierten Kommunikation, die Patientenpartizipation nun deutlich in den Fokus rückt.
Da einiges davon ganz auf der Linie der Empfehlungen von Life-SMS liegt, besprechen wir die Neuerungen hier ausführlicher. Es ist ja leider auch weiterhin davon auszugehen, dass im klinischen Alltag noch eine ganze Weile oft auf die medikamentöse Therapie fokussiert wird – entweder aus (Sprech)Zeitgründen oder weil noch nicht alle aus der Neurologenzunft die neuen Kapitel entdeckt und gelesen haben (teils auch aus Zeitgründen oder sogar aus Ignoranz), so dass diese Aspekte leider auch weiterhin häufig zu kurz kommen werden.
Heute folgt zunächst ein kurzer Überblick zu den 2 neuen Kapiteln. In einem kommenden Newsfeed bei Life-SMS gehen wir dann genauer auf die Kapitel C „Lebensstil-Management“ und danach auf das Kapitel H „Patientenzentrierte Kommunikation“ ein.
Kapitel C „Lebensstil-Management“
C1. Körperliche Aktivität und Bewegungstherapie
Die Leitlinie empfiehlt regelmäßige körperliche Aktivität als festen Bestandteil der MS-Therapie. Das Kapitel betont die Bedeutung von angepassten Sportprogrammen, die individuell an die jeweiligen Fähigkeiten und Einschränkungen angepasst werden können, um sowohl die physische Funktion als auch die Lebensqualität zu verbessern.
C2. Ernährungs- und Gewichtsmanagement
Dieser Bereich umfasst Empfehlungen zu einer ausgewogenen Ernährung gemäß aktuellen Ernährungsstandards mit Fokus auf kardiovaskuläre Gesundheit, Rolle des Mikrobioms und des Darms als immunologisches Organ. Die Leitlinie adressiert die negativen Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas auf den Krankheitsverlauf.
C3. Vitamin D
Es werden klare Empfehlungen zur Vitamin-D-Supplementierung gegeben, wobei die Dosierung individuell angepasst werden sollte.
C4. Osteoporose
Aufgrund des Risikofaktors MS wird ein Screening bei Frauen ab der Menopause und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr empfohlen zur Früherkennung einer Osteoporose.
C5. Mentale Gesundheit und Stress
Dieser Abschnitt behandelt die Bedeutung von Stressmanagement-Techniken wie Entspannungsverfahren und Resilienztraining. Die Leitlinie erkennt endlich an, dass psychische Belastungen den Krankheitsverlauf beeinflussen können.
C6. Genussgifte: Rauchen und Alkohol
Rauchen wird als signifikanter Risikofaktor für einen ungünstigeren Krankheitsverlauf identifiziert. Der Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und erhöhter Schubrate sowie schnellerer Behinderungsprogression wird deutlich gemacht. Gleiches wird sogar für das Passivrauchen anerkannt!
Kapitel H “Patientenzentrierte Kommunikation”
Dieser Faktor wird wohl offensichtlich jetzt ernst genommen. Gerade im Hinblick auf die große Bandbreite an Therapiemöglichkeiten sei es notwendig, dass die Behandelnden nicht allein für die Betroffenen entscheiden (eventuell sogar gegen diese), sondern Arzt-Patienten-Gespräche MS-Diagnostizierte befähigen, für sich persönlich eine informierte Therapieentscheidung zu treffen. Denn die Nebenwirkungsprofile variieren von Medikament zu Medikament, und oft ist es ja eine individuelle Entscheidung, welche unerwünschten Wirkungen akzeptabel sind und welche man nicht tragen möchte.
Außerdem ist ‚Patient-Empowerment‘ wesentlich für die Compliance und damit für den Therapieerfolg.
FAZIT
Erfreulicherweise reflektiert die aktuelle Leitlinie Erkenntnisse und Zusammenhänge, über die wir bei Life-SMS schon seit ungefähr 10 Jahren berichten. Betroffene, die bereits Lebensstiländerungen umgesetzt haben oder dies jetzt tun, sind somit auch aus schulmedizinischer Sicht auf dem richtigen Weg.
Wie zu Beginn erwähnt, werden wir uns in einem der nächsten Newsfeeds an dieser Stelle ausführlicher mit Kapitel C „Lebensstil-Management“ und anschließend mit Kapitel H „Patientenzentrierte Kommunikation“ beschäftigen. Dabei werden wir auch auf mögliche Konsequenzen eingehen, die sich daraus ergeben können (z. B. Knochendichtemessung auf Rezept?).
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Die Rolle der Darmgesundheit wird häufig unterschätzt – dabei beeinflusst sie weit mehr als nur den Magen-Darm-Trakt. Gerade bei MS, aber auch bei anderen Autoimmunerkrankungen, finden sich typische Veränderungen der Mikrobiota und ihrer Stoffwechselprodukte. Weniger entzündungshemmende Bakterien, mehr Immunaktivierung – dieses Muster scheint krankheitsübergreifend relevant zu sein. Wenn wir den Darm als Teil des Immunsystems begreifen, eröffnet sich eine neue therapeutische Perspektive, die aus unserer Sicht bislang viel zu wenig beachtet wurde.
Ein aktuelles Review von Zeng und Kollegen [1] analysiert systematisch die Rolle der Darmmikrobiota bei Autoimmun- und Entzündungserkrankungen – und ordnet auch die Multiple Sklerose in dieses immunologische Gesamtbild ein. Das hat Konsequenzen – nicht nur für zukünftige Therapiekonzepte, sondern auch für den selbstbestimmten Umgang mit MS im Alltag.
Die potenziellen pathogenen Mechanismen der Darmmikrobiota bei Autoimmunerkrankungen nach [1].
Was verändert sich im Darm bei MS?
Wenn wir über Darmgesundheit sprechen, meinen wir mehr als eine beschwerdefreie Verdauung. In unserem Darm lebt ein komplexes Ökosystem aus Billionen von Mikroorganismen – Bakterien, Viren und Pilzen –, das wir als Mikrobiota bezeichnen. Dieses System steht in engem Austausch mit unserem Immunsystem.
Das aktuelle Review von 2026 zeigt: Bei Autoimmunerkrankungen, zu denen auch die Multiple Sklerose zählt, finden sich wiederkehrende Veränderungen in der Zusammensetzung dieser Darmmikrobiota.
Man spricht hier von einer Dysbiose – also einem Ungleichgewicht zwischen schützenden und potenziell entzündungsfördernden Mikroorganismen.
Typisch ist eine geringere Diversität, das heißt: Die Vielfalt an Bakterienarten nimmt ab. Gleichzeitig treten bestimmte Stämme gehäuft auf, deren Vorkommen teilweise mit der Krankheitsaktivität korreliert. Einfach gesagt: Je aktiver die Erkrankung, desto deutlicher scheint sich auch das mikrobielle Muster zu verschieben.
Warum ist das relevant? Weil unser Darm kein isoliertes Organ ist. Etwa 70 Prozent unserer Immunzellen befinden sich in der Darmschleimhaut. Wenn sich dort das ökologische Gleichgewicht verändert, beeinflusst das direkt die Art und Weise, wie unser Immunsystem reagiert.
MS ist damit kein reines „Gehirnproblem“. Sie betrifft zwar das zentrale Nervensystem – also Gehirn und Rückenmark –, doch immunologische Prozesse, die im Darm angestoßen oder moduliert werden, prägen diese Entzündungen mit.
SCFA – kleine Moleküle mit großer Wirkung
Ein zentraler Mechanismus betrifft sogenannte kurzkettige Fettsäuren (englisch: short-chain fatty acids, SCFA). Dazu zählen insbesondere Acetat, Propionat und Butyrat. Diese entstehen, wenn Darmbakterien Ballaststoffe aus pflanzlicher Nahrung abbauen.
SCFA erfüllen mehrere wichtige Aufgaben:
Sie wirken entzündungshemmend.
Sie fördern sogenannte regulatorische T-Zellen (Treg-Zellen), die überschießende Immunreaktionen bremsen.
Sie stabilisieren die Darmbarriere, also die Schutzschicht zwischen Darminhalt und Blutkreislauf.
Wenn SCFA-produzierende Bakterien reduziert sind – etwa durch Dysbiose oder wiederholte Antibiotikagaben – sinkt die Produktion dieser schützenden Metaboliten (Stoffwechselprodukte). Das Immunsystem gerät leichter in eine entzündliche Schieflage.
Für MS wird ein vergleichbares Muster angenommen: Weniger SCFA, weniger immunologische Bremsmechanismen, mehr entzündliche Aktivität.
Wir können uns das bildlich vorstellen wie ein Auto ohne funktionierende Bremsen. Das Gaspedal – also entzündliche Signale – ist weiterhin aktiv. Doch das Bremssystem, das normalerweise regulierend eingreift, arbeitet nicht mehr ausreichend oder versagt ganz.
„Leaky Gut“ – wenn die Darmbarriere durchlässig wird
Ein weiterer Begriff, der häufig fällt, ist „Leaky Gut“, wörtlich übersetzt: „durchlässiger Darm“. Normalerweise bildet die Darmschleimhaut eine hochspezialisierte Barriere. Sie lässt Nährstoffe passieren, hält aber Bakterienbestandteile und Toxine zurück. Wenn diese Barriere geschwächt ist, können mikrobielle Fragmente in den Blutkreislauf gelangen.
Das Immunsystem reagiert darauf mit Aktivierung – schließlich interpretiert es diese Bestandteile als potenzielle Bedrohung. Eine chronische, niedriggradige Entzündung kann die Folge sein.
Gerade bei Autoimmunerkrankungen wird dieses Konzept intensiv diskutiert. Denn wenn ständig immunologische Alarmreaktionen ausgelöst werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet.
Molekulares Mimikry – Verwechslung mit Folgen
Ein besonders spannender Mechanismus in diesem Zusammenhang ist das sogenannte molekulare Mimikry. Dabei ähneln bestimmte bakterielle Eiweißstrukturen körpereigenen Geweben. Das Immunsystem bildet Antikörper oder aktiviert T-Zellen gegen diese bakteriellen Strukturen – und greift versehentlich auch körpereigene Zellen an. Im Kontext der MS betrifft das vor allem Strukturen des zentralen Nervensystems, etwa Myelin – die schützende Hülle der Nervenfasern.
Wir sehen hier ein Prinzip, das wir aus anderen Autoimmunerkrankungen kennen: Ein eigentlich sinnvolles Abwehrsystem gerät durch Fehlsteuerung außer Kontrolle.
T-Zellen im Ungleichgewicht
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Typen von T-Zellen. Diese Immunzellen steuern maßgeblich Entzündungsprozesse.
Th17-Zellen fördern Entzündungen.
Treg-Zellen wirken regulierend und bremsend.
Bei Dysbiose kann es zu einer Verschiebung zugunsten entzündungsfördernder Th17-Zellen kommen. Gleichzeitig fehlen ausreichende regulatorische Impulse.
Dieses Ungleichgewicht spielt auch im MS-Tiermodell eine zentrale Rolle. Das bedeutet nicht, dass der Darm allein die Erkrankung verursacht. Aber er kann immunologische Weichen stellen.
Probiotika – können „gute“ Bakterien helfen?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Können wir gezielt eingreifen?
Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen, meist Lactobacillus- oder Bifidobacterium-Stämme. Diese können entzündliche Botenstoffe reduzieren, SCFA-Spiegel erhöhen und regulatorische T-Zellen fördern.
Für MS existieren bislang nur wenige größere kontrollierte Studien. Die Mechanismen erscheinen jedoch plausibel. Das bedeutet: Es gibt eine wissenschaftliche Grundlage, aber noch keine endgültige therapeutische Empfehlung. Die Einnahme von Probiotika bedeutet eine Chance bei der selbstverantwortlichen Behandlung der MS und wird hoffentlich auch in Ergänzung zu etablierten MS-Therapien als ergänzende Strategie Bedeutung gewinnen.
Präbiotika – Futter für die richtigen Bakterien
Während Probiotika lebende Bakterien zuführen, liefern Präbiotika deren „Nahrung“. Dabei handelt es sich meist um Ballaststoffe wie Inulin oder Fructooligosaccharide.
Diese werden vom Menschen nicht verdaut, dienen aber nützlichen Darmbakterien als Substrat. Die Folge:
Förderung von Bifidobakterien und Laktobazillen
Erhöhung der SCFA-Produktion
Reduktion entzündlicher Zytokine wie IL-1, IL-6 und TNF-α
Steigerung des antiinflammatorischen IL-10
Auch hier gilt: Direkte MS-Daten sind begrenzt. Doch die immunologischen Prinzipien sind übertragbar.
Fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT) – Reset für den Darm?
Die wohl radikalste Intervention ist die fäkale Mikrobiota-Transplantation. Dabei wird die Darmmikrobiota eines gesunden Spenders auf einen Patienten übertragen.
In anderen Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes oder Lupus konnten Entzündungsmarker gesenkt und SCFA-Produzenten angereichert werden.
Für MS fehlen bislang größere kontrollierte Studien. Es gibt aber sehr gute Ergebnisse aus kleineren Studien. Wir berichteten darüber schon:
Am unmittelbarsten beeinflussbar ist unsere Ernährung.
Das Review hebt insbesondere die mediterrane Ernährung hervor: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Olivenöl, wenig rotes Fleisch. Dieses Ernährungsmuster erhöht förderliche Bakteriengruppen, steigert SCFA und wirkt antiinflammatorisch.
Besonders relevant scheint der Salzkonsum. Eine hohe Salzaufnahme kann bestimmte Laktobazillen reduzieren, Th17-Zellen fördern und autoimmune Entzündungsprozesse verstärken.
Wir sehen hier einen klaren Zusammenhang: Ernährung beeinflusst die Mikrobiota – und diese beeinflusst wiederum das Immunsystem.
Das bedeutet nicht, dass Ernährung MS „heilt“. Aber sie kann das immunologische Milieu mitgestalten.
Was bedeutet das nun konkret für Menschen mit MS?
Zunächst einmal: Der Darm ist kein isoliertes Verdauungsorgan, sondern ein aktiver Teil unseres Immunsystems. Wenn sich die Zusammensetzung der Mikrobiota verändert, kann sich auch die Art verändern, wie Immunzellen reagieren. Eine Dysbiose – also ein Ungleichgewicht der Darmflora – kann entzündliche Prozesse begünstigen, während eine stabile, vielfältige Mikrobiota regulierend wirkt.
Für den Alltag heißt das, dass wir die Darmgesundheit als einen Schlüsselfaktor bei der Behandlung der MS verstehen müssen. Das gilt als Ergänzung zu Standardtherapien als auch unabhängig davon betrachtet. Die genannten Maßnahmen helfen das immunologische Umfeld zusätzlich zu stabilisieren. Eine ballaststoffreiche, pflanzenreiche, eher salzarme Ernährung ergänzt durch fermentierte Lebensmittel fördert SCFA-produzierende Bakterien und unterstützt regulatorische Immunmechanismen.
Gleichzeitig ist es sinnvoll, unnötige Antibiotikagaben kritisch zu hinterfragen, da sie schützende Keime reduzieren.
Probiotika, Präbiotika oder sogar mikrobiom-basierte Therapien wie die fäkale Transplantation gelten als vielversprechende Ansätze, befinden sich bei MS jedoch noch in einem frühen Stadium der klinischen Bewertung. Wir bewegen uns hier also in einem Feld zwischen solider biologischer Plausibilität und noch begrenzter klinischer Evidenz. An dieser Stelle ist die Natur- und Erfahrungsheilkunde schon deutlich weiter.
Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Die Darmgesundheit ist ein beeinflussbarer Faktor. Sie unterstützt jede neurologische Therapie, und muss Teil eines ganzheitlichen, selbstbestimmten Umgangs mit der Erkrankung sein.
Quelle:
[1] Zeng L, Yang Q, Luo Y, Luo Y, Sun L. The Gut Microbiota: Emerging Evidence in Autoimmune and Inflammatory Diseases. Research (Wash D C). 2026 Feb 4;9:1097. doi: 10.34133/research.1097. PMID: 41647244; PMCID: PMC12868559. / https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41647244/ (CC BY 4.0 Creative Commons Attribution License)
Bild:
Nach [1]: Die potenziellen pathogenen Mechanismen der Darmmikrobiota bei Autoimmunerkrankungen. Die Darmmikrobiota beeinflusst Autoimmunerkrankungen durch mehrere Mechanismen. Bakterien wie E. gallinarum und L. reuteri können in lymphatische Gewebe und die Leber wandern und dort Immunreaktionen und die Produktion von Autoantikörpern auslösen. Einige mikrobielle Antigene ähneln den Selbstantigenen des Wirts, was zu Kreuzreaktivität und Autoimmunreaktionen führt (Molekulares Mimikry). SCFAs, die von Darmbakterien produziert werden, regulieren die Immunität, werden jedoch durch Antibiotika reduziert, was sich auf Erkrankungen wie RA auswirkt. Entzündliche Umgebungen fördern auch die Aktivierung von T-Zellen, was zur Produktion von Autoantikörpern führt. Original: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12868559/figure/F1/ (CC BY 4.0 Creative Commons Attribution License)
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Abbildung beispielhafter pflanzlicher Arzneidrogen aus der chinesischen Kräutermedizin, wie sie auch in klinischen Studien zur MS eingesetzt wurden.
Chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose ist kein Randthema mehr, sondern Gegenstand systematischer Forschung. Als Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird sie seit Jahrhunderten angewendet und rückt heute zunehmend in den Fokus moderner Wissenschaft. Neue Meta-Analysen deuten darauf hin, dass bestimmte Kräuterformulierungen als Zusatz zur Standardtherapie messbare Vorteile bringen können. Wir schauen genauer hin: Welche Effekte wurden beobachtet, wie belastbar sind die Ergebnisse und welche biologischen Mechanismen könnten dahinterstehen? Gleichzeitig sprechen wir offen über methodische Schwächen und offene Fragen.
Hinzu kommt im Anhang eine Übersicht zu den in Studien eingesetzten Kräutern und therapeutischen Zielrichtungen aus Sicht der TCM.
Chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose: Hintergrund und Forschungsstand
Die chinesische Kräutermedizin ist ein zentraler Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird bei chronischen Erkrankungen seit langem ergänzend eingesetzt. In den letzten Jahren ist sie auch bei Multipler Sklerose verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt. Hintergrund dafür und für diesen Artikel ist eine 2025 publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, die randomisierte kontrollierte Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit chinesischer Kräutermedizin bei MS ausgewertet hat [1]. Insgesamt flossen 28 Studien mit 1.971 Patienten in die Analyse ein, überwiegend aus China, ergänzt durch eine Studie aus Iran. Untersucht wurden sowohl Monotherapien als auch Kombinationen mit konventionellen MS-Therapien. Als primärer Endpunkt diente der Expanded Disability Status Scale (EDSS), ergänzt durch Daten zu Rückfällen, Fatigue, neurologischen Symptomen, Bildgebung und Biomarkern. Wir erkennen daran, dass die chinesische Kräutermedizin nicht mehr nur traditionell begründet diskutiert wird, sondern zunehmend Gegenstand systematischer klinischer Forschung ist. Im Folgenden analysieren wir die Arbeit im Detail. Alle Erkenntnisse stammen also aus dieser Metaanalyse [1].
Welche klinischen Effekte wurden beobachtet? Auswirkungen auf Behinderung und Schübe
Die bisher vorliegenden klinischen Daten deuten darauf hin, dass die chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose messbare Effekte auf zentrale Krankheitsparameter haben kann, insbesondere auf Behinderung und Schübe. In der systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 berichteten 23 der eingeschlossenen Studien über Veränderungen im Expanded Disability Status Scale (EDSS). In Vergleichen zwischen chinesischer Kräutermedizin und Placebo zeigte sich im Mittel eine stärkere Verbesserung des EDSS um rund zwei Drittel eines Punktes (-0,65 EDSS‑Punkte). Besonders relevant für die klinische Praxis sind die Add-on-Studien, in denen chinesische Kräutermedizin zusätzlich zur konventionellen Therapie eingesetzt wurde. In 18 von 19 dieser Studien wurde eine signifikant stärkere EDSS-Verbesserung gegenüber der alleinigen Standardtherapie beobachtet. Auch die Schubaktivität war reduziert: Die Zahl klinischer Schübe pro Jahr nahm im Mittel um etwa 0,5 Schübe ab, und in Vergleich mit Placebogaben zeigte sich eine etwa halbierte Schubrate. Wir sehen darin also Hinweise auf eine deutliche Schubreduktion, weisen jedoch darauf hin, dass die hohe Heterogenität der Studien eine vorsichtige Interpretation erforderlich macht.
Chinesische Kräutermedizin als Ergänzung zur Standardtherapie: Chancen im Therapieverlauf
In der aktuellen Studienlage wird die chinesische Kräutermedizin überwiegend nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur konventionellen MS-Therapie untersucht. In der Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 analysierten 19 der 28 eingeschlossenen randomisierten Studien den Einsatz chinesischer Kräutermedizin zusätzlich zu etablierten Therapien, etwa immunmodulatorischen oder schubtherapeutischen Behandlungsansätzen. Aufgrund der hohen methodischen Heterogenität wurde zwar auf eine formale gemeinsame Effektgröße verzichtet, die qualitative Auswertung zeigt jedoch ein konsistentes Bild: In 18 von 19 Studien war die Kombinationstherapie mit einer stärkeren Verbesserung des EDSS verbunden als die alleinige Standardtherapie. Zudem wurden günstigere Verläufe hinsichtlich Schubaktivität, neurologischer Symptome und Fatigue berichtet.
Wirkmechanismen im Fokus: Immunmodulation und neuroprotektive Effekte
Neben klinischen Endpunkten untersuchten mehrere der eingeschlossenen Studien auch mögliche Wirkmechanismen der chinesischen Kräutermedizin bei Multipler Sklerose. In sechs randomisierten Studien wurden immunologische und entzündungsbezogene Biomarker analysiert. Dabei zeigte sich unter der Kombination aus chinesischer Kräutermedizin und konventioneller Therapie eine Abnahme proinflammatorischer Zytokine wie IFN-γ, TNF-α, IL-1β, IL-6, IL-17 und IL-23 sowie von Entzündungsmarkern wie MMP-9 und HMGB1. Gleichzeitig wurden erhöhte Spiegel antiinflammatorischer Mediatoren wie IL-10, IL-12p40 und TGF-β1 beschrieben. Mehrere Arbeiten berichteten zudem über eine Verschiebung der T-Zellbalance mit einer Reduktion proinflammatorischer Th17-Zellen und einer relativen Zunahme regulatorischer T-Zellen. Wir sehen also deutliche immunmodulatorische und neuroprotektive Effekte.
Grenzen der Evidenz und klinische Einordnung aus heutiger Sicht
Die aktuelle Studienlage zur chinesischen Kräutermedizin bei Multipler Sklerose zeigt ermutigende Ergebnisse, erfordert jedoch eine differenzierte Einordnung. Die systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 macht deutlich, dass viele der eingeschlossenen Studien methodische Schwächen aufweisen, etwa bei Randomisierung, Verblindung oder Vergleichbarkeit der eingesetzten Rezepturen. Gleichzeitig zeigt sich über zahlreiche Studien hinweg ein konsistentes Muster positiver zusätzlicher Effekte, insbesondere auch im Rahmen einer ergänzenden Anwendung zur Standardtherapie.
Damit gehört die chinesische Kräutermedizin in den Werkzeugkasten der MS-Behandlung sowohl als ergänzende Therapie zu klassischen Behandlungen als auch als eigenständiger Ansatz.
Fazit: Jetzt ins Gespräch kommen und neue Wege prüfen
Die Ergebnisse zeigen, dass die chinesische Kräutermedizin als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) für Betroffene eine echte Option sein kann, auch als Ergänzung zur Standardtherapie. Auch wenn noch nicht alle Fragen abschließend geklärt sind, sprechen viele Hinweise dafür, diesen Ansatz ernsthaft zu prüfen. Wir ermutigen unsere Follower dazu, chinesische Kräutermedizin als Teil der TCM als Chance für die Behandlung der MS zu begreifen und sie gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten mit ausgewiesenem TCM-Hintergrund zu besprechen und bei positiver Einschätzung umzusetzen.
Weitere verständliche und praxisnahe Informationen zu diesem und anderen Lebensstilansätzen finden sich auf Life-SMS und in der zugehörigen Mindmap.
Anhang: In Studien eingesetzte Kräuter und therapeutische Zielrichtungen
In den 28 randomisierten kontrollierten Studien der systematischen Übersichtsarbeit wurden insgesamt 107 pflanzliche Drogen in unterschiedlichen Rezepturen eingesetzt. Die vollständigen Zusammensetzungen der einzelnen Formeln sind in der Arbeit [1] in Tabelle 2 zu den Originalstudien dokumentiert.
Die folgende Übersicht zeigt die 19 am häufigsten verwendeten Kräuter (jeweils in mindestens fünf Studien eingesetzt) sowie ihre übergeordneten Zielrichtungen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).
Pflanze (lateinischer Name)
Chinesischer Name (Pinyin)
Typische TCM-Zielrichtung
Rehmannia glutinosa
Shu Di Huang / Sheng Di Huang
Nieren-Yin nähren, Essenz stärken
Angelica sinensis
Dang Gui
Blut nähren und bewegen
Polygonum multiflorum
He Shou Wu
Essenz bewahren, Blut und Leber stärken
Epimedium brevicornum
Yin Yang Huo
Nieren-Yang wärmen
Cistanche deserticola
Rou Cong Rong
Nieren-Yang tonisieren, Essenz stärken
Morinda officinalis
Ba Ji Tian
Nieren-Yang stärken
Cuscuta chinensis
Tu Si Zi
Nieren stärken, Essenz sichern
Astragalus mongholicus
Huang Qi
Qi tonisieren, Abwehr stärken
Glycyrrhiza uralensis
Gan Cao
Rezepturen harmonisieren
Salvia miltiorrhiza
Dan Shen
Blut bewegen, Mikrozirkulation fördern
Cornus officinalis
Shan Zhu Yu
Essenz bewahren, Nieren stärken
Poria cocos
Fu Ling
Feuchtigkeit ausleiten, Milz stärken
Paeonia veitchii
Chi Shao
Blut kühlen und bewegen
Ligusticum chuanxiong
Chuan Xiong
Qi- und Blutbewegung
Curcuma-Arten
Jiang Huang / Yu Jin
Blutstase (Blutstau) lösen
Bombyx batryticatus
Jiang Can
Schleim transformieren, Wind lösen
Buthus martensii
Quan Xie
Wind beruhigen, Leitbahnen öffnen
Aus TCM-Sicht zielten die eingesetzten Formeln vor allem darauf ab, Nieren-Yin zu nähren, Nieren-Yang zu wärmen, Blut und Qi zu bewegen, Schleim und pathogene Faktoren auszuleiten sowie Kollateralen zu öffnen. Die individuelle Zusammensetzung variierte dabei stark zwischen den Studien, was die personenzentrierte Ausrichtung der chinesischen Kräutermedizin widerspiegelt.
Quelle:
[1] Guan X, Wu Y, Jia Q, Zheng Y, Zou M, Liu J, Sugimoto K, Gao Y. Efficacy and safety of Chinese herbal medicine for multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Pharmacology. 2025. https://doi.org/10.3389/fphar.2025.1635833
Bildquelle:
KI-generierte, symbolische Darstellung pflanzlicher Arzneidrogen aus der chinesischen Kräutermedizin (TCM), wie sie auch in klinischen Studien zur MS eingesetzt wurden. Die konkrete Zusammensetzung variiert je nach individueller Rezeptur. Jan 2026.
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Liebe Freundinnen, Freunde und Follower des Projekts Life-SMS!
Am Ende des Jahres ist Zeit innezuhalten und sich vor allem an die für Sie persönlich guten Momente in diesem Jahr zu erinnern. Als Betroffene haben wir alle unsere Einschränkungen, dürfen uns aber nicht entmutigen lassen und können motiviert und positiv in die Zukunft blicken.
Viele von uns haben inzwischen Selbstwirksamkeit erfahren und verstanden, dass man einer Erkrankung wie MS nicht vollkommen hilflos ausgeliefert ist, sondern durch Anpassungen des Lebensstils, durch Gespräche mit Ärztinnen, Ärzten und anderen therapeutischen Begleitern auf Augenhöhe sowie durch den Aufbau von persönlichen Kraftquellen sehr viel erreichen kann.
Wie schon oft beschrieben, handelt es sich beim Umgang mit MS und dem persönlichen Stabilisierungs- und Genesungsprojekt um ein Langzeitvorhaben, für das es keine allgemeingültige Blaupause gibt, aber zumindest Leitplanken, die wir in diesem Blog immer wieder versuchen aufzuzeigen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Ihren Lieben ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein glückliches, kraftvolles und vor allen gesundes und erfolgreiches Jahr 2026. Lassen Sie sich nicht von Ihrem Genesungsweg abbringen und bleiben Sie uns treu!
Ihr
Life-SMS Team
PS: Für die Wissbegierigen unter Ihnen sind nachfolgend die Top 10 der meistgelesenen Artikel des Jahres aufgelistet – zum Nachlesen oder zur Vertiefung.
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Erfahrungsbericht von Birgit vom aKK– alternativmedizinisch-orientierter MS-Kontaktkreis Köln/Rheinland (MS-Selbsthilfegruppe)
So wie im vorletzten Jahr der Neuro-Athletik (neurozentriertes / hirnbasiertes Training) und im letzten Jahr der CANTIENICA®-Methode (ganzheitliches Körpertraining zur Stärkung der Tiefenmuskulatur und Optimierung der Körperhaltung) widmeten wir uns im jährlichen aKK-Kurs dieses Mal – aus vielen guten Gründen – der Herzratenvariabilität (HRV). Siehe auch HRV-Newsfeed Teil 1 vom 16.11.2025. Die diesjährige Übungsreihe „Ressourcenmanagement mittels HRV“ umfasste acht Wochen mit je einer angeleiteten intensiven Doppelstunde.
Exemplarische Darstellung eines Dashboards zur HRV-Messung (Herzratenmessung) in drei Zeitabschnitten.
Kurzinfo: HRV-Messwerte HRV misst die Fähigkeit des Körpers, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Hohe HRV bedeutet gute Selbstregulation; niedrige HRV weist auf Stress, Erschöpfung oder Krankheit hin. Die individuelle Veränderung über die Zeit (die Trendtendenz) ist aussagekräftiger als reine Vergleichswerte oder Normtabellen. Das macht HRV (insbesondere die RMSSD-Werte davon) als Anpassungs- und Regenerationsindikator geeignet – auch für die Beurteilung, ob Übungen oder Lebensstiländerungen den Stresslevel positiv beeinflussen. Moderne Fitness-Uhren oder Wearables messen – auf Wunsch auch nachts – die HRV und zeigen (wie im Bildbeispiel oben) eine Skala für die HRV an.
Als wir mit der Übungsserie starteten, dachte ich, dass es sich um eine weitere Art der Mobilität handelt. Der Einstieg erfolgte für uns nämlich über das Thema Resilienz. Nun gut, Wiederholung schadet ja nicht. Im Laufe der Trainingsserie setzte es sich fort, dass Aspekte aus dem neurozentrierten Training (gezielt werden Gehirn und Nervensystem stimuliert, um Bewegungsabläufe, Koordination und Leistungsfähigkeit effizienter zu steuern, bzw. überhaupt wieder ansteuern zu können) wieder aufgegriffen wurden. Mit dieser für mich neuen weiteren Messmethode wird das Rad nicht neu erfunden, so dass die Bezüge zum neurozentrierten Training, Krafttraining, Yoga und vielen weiteren Aspekten der Selbstfürsorge durchaus sinnvoll und hilfreich sind.
Der Rhythmus gibt den Takt an, oder wie?
Aber worum geht es hier eigentlich genau? Die HRV (heart rate variability = Herzratenvariabilität, manchmal auch selbsterklärender Herzrhythmusvariabilität genannt) zeigt an, wie die Zeit zwischen zwei Herzschlägen variiert. Sie sagt aus, inwieweit der Körper in der Lage ist, zwischen Anspannung und Entspannung zu reagieren. Ein immer gleicher Rhythmus ist ein Zeichen dafür, dass wir in einem Zustand verharren – und das ist meist der angespannte.
Die Mess-Technik gestaltet sich jedoch als komplex. Es werden detaillierte Messungswerte erhoben, die länger regelmäßig beobachtet werden sollten. Unser Dozent Konstantin hat sich vorab dankenswerterweise die große Mühe gemacht, aus dem App-Dschungel sowohl für Android als auch iPhones je eine App herauszufiltern, die – ohne weitere Tools, Abos, große Kenntnisse unsererseits oder Datenheischerei dererseits – brauchbare Ergebnisse liefern und trotzdem gratis sind. So können wir sie einigermaßen bedenkenlos für unseren Einstieg nutzen. Und das ist es eigentlich auch: ein Einstieg ins Thema. Für detailliertere, genauere und regelmäßige Messungen sowie deren Auswertung haben wir reichlich Material und Übungsanregungen bekommen – und dann muss man noch einiges mehr bedenken (denn einfach ist die Angelegenheit absolut nicht zu verstehen) und gegebenenfalls auch zu Tools wechseln, die nicht mehr gratis sind, eventuell sogar ein Abo erfordern.
HRV ist nicht nur individuell, sondern unstet
Wir haben während der Trainingsserie immer zu Beginn unsere Werte genommen und nochmals nach den praktizierten Übungseinheiten. Und hier gingen in der Gruppe die Erfahrungen auseinander: Was für den einen eine positive Wirkung auf die HRV-Werte hatte, wirkte sich auf die nächste überhaupt nicht aus. Es kam sogar vor, dass sich die HRV in eine nicht gewünschte Richtung verändert hat. Das zeigt, wie individuell wir reagieren und dass man einfach ausprobieren muss, was einen selbst unterstützt. Und genau dafür war dieser Einstieg in HRV gedacht: Anhand von verifizierbaren Messwerten erleben, welche z.B. Entspannungsmethode mir persönlich am meisten was bringt und welche ich mir gleich ganz schenken kann. Bringt Autogenes Training mir wirklich so viel Entspannung, dass es bei meinem Körpersystem ankommt oder macht es mich fitter? Wirkt die eine Atemtrainingsmethode genauso gut wie andere oder zu welchen Zeiten besonders gut auf mich?
Wie wirkt was auf meine persönliche HRV hier und jetzt?
Verschiedenste Übungsarten haben wir dazu „hervorgeholt“ und praktiziert:
Salutogenese nach Antonovsky
Entspannungstraining für Kiefer, Nacken und Schulter (auch hinsichtlich des Trigeminus)
Dynamische Entspannung nach Peter Bergholz
PMR – Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
Autogenes Training
Autonome Regulation
Buteyko-Atmung
Entspannen oder Aktivieren mittels Düften
Spannend und erfreulich empfinde ich, dass es viele Möglichkeiten gibt, die HRV zu beeinflussen. So besteht nicht die Gefahr von „Wellness-Stress“; ich habe die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. Wenn die eine Methode nicht so gut klappt und/oder nicht so gefällt, probiere ich einfach eine andere. Dafür war dieses Best-off der Entspannungstechniken sehr hilfreich.
Jeder dieser Techniken könnte ein eigener Artikel gewidmet sein.
Kiefer und Trigeminus
Hervorheben möchte ich jedoch, dass der Fokus auf den Kiefer und den Trigeminus-Nerv relativ fix bei einem Großteil der Gruppe zu einer Verbesserung der Werte geführt hat. Denen möchte ich hier einen Platz geben:
• Massage der Ohren und der Haut hinter den Ohren • Zunge kreisen • Allein • Kombiniert mit Schulterkreisen • Weiterhin kombiniert mit Summen • Ausstreichen des Gesichts • Lockerung des Kiefergelenks • Mit dem Mittelfinger das Kiefergelenk spüren • Leicht klopfen • 30 – 60 Sekunden drücken • Kaumuskeln massieren und dehnen Den Mittelfinger sollte man nehmen, weil Daumen und Zeigefinger zu „trainiert“ sind und die Gefahr besteht, dass zu viel Druck auf das Kiefergelenk ausgeübt wird. • Nacken- und Kiefergelenke lösen, indem man Zick-Zack-Linien mit der Nase malt. • Den Unterkiefer seitlich, vor- und zurückbewegen und acht Mal in jede Richtung kreisen.
Erstaunlich, dass nach so wenig Übungsaufwand, eine Veränderung der HRV möglich ist.
Entspannt – aktiv – überaktiv?
Außerdem habe ich mich erstmal ernsthaft mit dem Begriffspaar Sympathikus/Parasympathikus beschäftigt. Das Verhältnis von sympathischer zu parasympathischer Aktivität ist ein Wert, der erhoben wird (idealerweise liegt der bei 1, was ich bisher nicht ein einziges Mal hatte). Eine lohnende Weise der Selbstbeobachtung; so komme ich Stück für Stück meinen Schlafproblemen auf die Schliche, da ein ausgewogenes Verhältnis der sympathischen und parasympathischen Aktivitäten wünschenswert ist. Dass und wie unser Körper auf bestimmte Aktivitäten reagiert, können diverse Applikationen auswerten. Ein Ungleichgewicht Richtung sympathischer Aktivität (= ergotrope Wirkung) zeugt einfach ausgedrückt von „Überaktivität“ – und das wiederum kann sich auf die HRV auswirken.
Vielleicht mögt ihr das mal ausprobieren. Einige App’s ermöglichen einen – mehr oder weniger einfachen – Einstieg. Da sich hier der Stand der Dinge rasend schnell ändert, nennen wir hier keine, sondern empfehlen stets eine aktuelle Recherche (die auch auf das Betriebssystem des jeweiligen Geräts abgestimmt sein muss).
Achtet jedoch darauf, dass folgende Werte erhoben werden können: • HRV • HF/LF • RMSSD • SDNN
Was sie besagen, wird in guten App’s an der jeweiligen Stelle über ein Hilfemenü bei Bedarf erklärt.
Fazit
Eine gute Wiederholung und Ergänzung zum Neurozentrierten Training vom vorletzten Jahr, verbunden mit einer weiteren technischen Messmethode: den Werten aus der Beobachtung der HRV.
Ich werde mich mehr mit den sympathischen bzw. parasympathischen Aktivitäten im Nervensystem beschäftigen. Dabei wird meine HRV sicher eine Rolle spielen. Ich habe mich auch schon nach anderen App’s umgeschaut, die besser zu mir und meinen individuellen Bedürfnissen passen. Ich werde weiterhin die Werte messen und versuchen, ein Vorher-Nachher zu erfassen. Es ist ein interessanter und spannender Aspekt, die HRV zu beobachten. Hierbei gibt es jedoch nicht den Wert, den es zu erreichen gilt. Und jeder Tag ist anders… Deswegen sollte man auch darauf achten, dass es nicht zum Stress wird, die Werte regelmäßig zu erheben. Sonst trägt etwas, was zur Entspannung beitragen soll, ganz schnell zur weiteren Spannung bei; aber auf jeden Fall spannend…
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