Das Endocannabinoide-System: Eine Einführung mit Blick auf die MS (II)

Das endogene Cannabinoidsystem oder Endocannabinoidsystem (ECS), haben wir im letzten Newsfeed zu diesem Thema schon recht ausführlich dargestellt. Es bleibt natürlich die Frage wie wir den heutigen Kenntnisstand beim Umgang mit und zur Behandlungen der Multiplen Sklerose nutzen können. Der folgende Text ist im Vergleich zu anderen Beiträgen bei Life-SMS etwas wissenschaftlicher gehalten, was der Komplexität des Themas geschuldet ist. Dem schnellen Leser sei daher schon jetzt das Fazit am Ende des Artikels empfohlen.

Folgende Erkenntnisse bilden den Ausgangspunkt für weitere Überlegungen:

  • Die drei Schlüsselkomponenten des Endocannabinoidsystems (Endocanabinoide, Endocannabinoidrezeptoren und Enzyme) finden sich in fast jedem Hauptsystem des Körpers. Wenn etwas eine Zelle aus ihrer “Komfort-Zone” herausbringt, werden diese drei Schlüsselkomponenten des ECS genutzt, um die Homöostase wieder herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten.
  • Der Endocannabinoide-Signalweg ist an der Regulation von Zelle, Gewebe, Organen und Homöostase des Organismus, Gehirnentwicklung, Neurotransmitterfreisetzung und der synaptische Plastizität und Zytokinfreisetzung aus den Mikroglia beteiligt und ist daher bei multiplen neurologischen Erkrankungen involviert.
  • Der Endocannabinoide-Signalweg ist bei den meisten neurologischen Erkrankungen verändert; Verstärker oder Inhibitoren (Hemmer) des Endocannabinoiden-Signalwegs können somit therapeutische Effekte haben, abhängig von den Krankheitsmerkmalen und der Rolle von CBR1 und CBR2.
  • Endocannabinoide können verschiedene Rezeptoren aktivieren, und ihre biosynthetischen und ihre Signalwege im Stoffwechsel werden oft mit anderen Mediatoren geteilt. Folglich wird das System als Teil eines erweiterten Signalsystems, des sogenannten Endocannabinoidoms, betrachtet.

Wie hängt das Ganze nun mit neurologischen Erkrankungen und insbesondere der MS zusammen?

Darm-Hirn-Achse

Verschiedene Endocannabinoidom-Rezeptoren und veränderte Spiegel der Endocannabinoidom-Liganden (Moleküle die an die Rezeptoren binden) können die negativen Auswirkungen einer Dysbiose (bakterielle Fehlbesiedlung) und die positiven Auswirkungen des Darm-Mikroorganismus Akkermansia muciniphila (siehe auch Faktenblatt Darmflora und MS) auf eine erhöhte Darm-Permeabilität (“Leaky gut”) und die daraus resultierende systemische Entzündung positiv modulieren.

Angesichts der sich ständig mehrenden Hinweise darauf, dass Veränderungen in der Darmmikrobiota eine wesentliche Ursache bei chronischen neuroinflammatorischen Erkrankungen sind, ist also die Aktivierung von Endocannabinoiden zur Reduktion des inflammatorischen Prozesses im Darm, gerade auch bei der MS, ein vielversprechender Weg.

Weitere Punkte

Die Wirkung von Endocannabinoiden, endocannabinoidähnlichen Mediatoren und Phytocannabinoiden bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen ist vielschichtig, doch lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen. Diese Verbindungen wirken oft der Infiltration von peripheren Immunzellen in das ZNS entgegen (gestörte Blut-Hirnschranke), einem sehr relevanten Faktor bei den meisten neurodegenerativen Erkrankungen und insbesondere der MS. Sie verschieben auch häufig die Erscheinungsbilder (Phänotypen) von Mikroglia (Immunzellen des ZNS) und infiltrierenden Makrophagen (Fresszellen) von pro- entzündlich nach anti- entzündlich, ein Effekt, der oft durch CB2, TRPV1 oder PPARγ vermittelt wird. Wenn CB1-Agonisten (Substanzen die diesen Rezeptor aktivieren) wirksam sind, reduzieren sie oft die Exzitotoxizität (neuronaler Zelltod durch einen Überschuss von Neurotransmittern vor allem Glutamat) der Nervenzelle; schützen also die Nervenzelle.

Zurück zu den Phytocannabinoiden

Wie schon im ersten Teil dieses Artikels erwähnt sind Phytocannabinoide pflanzliche Substanzen, die Cannabinoidrezeptoren stimulieren. Wir konzentrieren uns im Folgenden auf CBD (Cannabidiol).

Im Gegensatz zu den psychoaktiven Eigenschaften, die mit Δ9-THC in Verbindung gebracht werden, hat sich gezeigt, dass CBD beim Menschen und bei anderen Spezies eine sehr geringe Toxizität aufweist. Eingenommen und absorbiert wird CBD schnell im Körper verteilt und kann aufgrund seiner lipophilen Natur leicht die Blut-Hirn-Schranke passieren. Die Halbwertszeit von CBD beträgt etwa 9 Stunden und es wird bevorzugt im Urin ausgeschieden.

In Tiermodellen hat CBD die Fähigkeit gezeigt, Hirnschäden abzuschwächen, die mit neurodegenerativen und/oder ischämischen (minderdurchbluteten) Zuständen außerhalb des ECS verbunden sind. CBD scheint die synaptische Plastizität zu stimulieren und erleichtert die Neurogenese, was seine positiven Auswirkungen auf die Abschwächung psychotischer, ängstlicher und depressiver Verhaltensweisen erklären könnte. Die Mechanismen, die diesen Effekten zugrunde liegen, umfassen mehrere zelluläre Ziele, um den Spiegel des Wachstumsfaktors (BDNF: Brain-derived neurotrophic factor) zu erhöhen, die Mikrogliaaktivierung zu verringern und die Spiegel proinflammatorischer Mediatoren zu senken.

Die CBD-Forschung in Tiermodellen und am Menschen hat zahlreiche therapeutische Eigenschaften für die Funktion und den Schutz des Gehirns gezeigt, sowohl durch ihre direkte Wirkung auf das ECS als auch durch die Beeinflussung endogener Cannabinoide. Im Großen und Ganzen hat CBD anxiolytische, antidepressive, neuroprotektive, entzündungshemmende und immunmodulatorische Vorteile gezeigt. CBD vermindert die Produktion entzündungsfördernder Zytokine, beeinflusst die Mikrogliazellen zur Rückkehr in einen Zustand gewollter Aktivität, erhält die Gehirndurchblutung während ischämischer Ereignisse und reduziert vaskuläre Veränderungen und Neuroinflammation.

Fazit: Frei verfügbare CBD-Präparate können bei MS-Betroffenen eine Vielzahl positiver Effekte auslösen, dies betrifft unter anderem die positive Wirkung auf eine mögliche Darmbakterien-Fehlbesiedlung und das “Leaky gut” Syndrom, die Immunmodulation in Richtung anti-entzündlicher Vorgänge sowie antidepressive und neuroprotektive Wirkungen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass auch Cannabidiol antispastische und schmerzlindernde Wirkungen hat. Aufgrund der relativ kurzen Halbwertszeit von CBD empfiehlt sich die tägliche Einnahme. Einen Versuch ist es in jedem Fall wert.

Falls Sie auf CBD-Öle zurückgreifen wollen, achten Sie bitte unbedingt auf die Herkunft. Viele im Internet angebotene Produkte sind zweifelhafter Herkunft, u.U. mit Pestiziden oder Herbiziden belastet oder weisen zweifelhafte Inhaltsstoffe auf. Greifen Sie auf Hersteller mit überprüfbaren Qualitätssicherungs- und Produktionsverfahren (erkennbar an Zertifikaten und Analysen) und möglichst biozertifizierte Produkte zurück. Mindestens 10% CBD-Anteil besser 20% erscheint dabei sinnvoll.

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Quellen:

Cristino, L., Bisogno, T. and Di Marzo, V. (2020) ‘Cannabinoids and the expanded endocannabinoid system in neurological disorders’, Nature Reviews Neurology. Springer US, 16(1), pp. 9–29. doi: 10.1038/s41582-019-0284-z.

Mecha, M. et al. (2019) ‘The endocannabinoid 2-AG enhances spontaneous remyelination by targeting microglia’, Brain, Behavior, and Immunity. Elsevier, 77(June 2018), pp. 110–126. doi: 10.1016/j.bbi.2018.12.013.

Rudroff T, Sosnoff J. Cannabidiol to Improve Mobility in People with Multiple Sclerosis. Front Neurol. 2018;9:183. Published 2018 Mar 22. doi:10.3389/fneur.2018.00183

De Filippis D, Esposito G, Cirillo C, et al. Cannabidiol reduces intestinal inflammation through the control of neuroimmune axis. PLoS One. 2011;6(12):e28159. doi:10.1371/journal.pone.0028159

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Was ist das Endocannabinoid-System? Eine Einführung mit Blick auf die MS (I)

Das endogene Cannabinoidsystem (ECS), benannt nach der Cannabis-Pflanze, die zu seiner Entdeckung führte, ist eines der wichtigsten physiologische System, die an der Sicherstellung und Erhaltung der menschlichen Gesundheit beteiligt sind. Endocannabinoide und ihre Rezeptoren kommen im ganzen Körper vor: im Gehirn, in Organen, Bindegeweben, Drüsen und Immunzellen. In jedem Gewebe erfüllt das Cannabinoidsystem unterschiedliche Aufgaben, aber das Ziel ist immer dasselbe: Homöostase, die Aufrechterhaltung eines stabilen inneren Milieus trotz Schwankungen in der äußeren Umgebung.

Cannaboide

Cannabinoide fördern die Homöostase auf jeder Ebene des biologischen Lebens, von der subzellulären Ebene bis zum Organismus und vielleicht bis zur Gemeinschaft und darüber hinaus. Ein wichtiges Beispiel: Autophagie, ein Prozess, bei dem eine Zelle einen Teil ihres Inhalts absondert, um selbst verdaut und recycelt zu werden, wird durch das Cannabinoidsystem vermittelt. Während dieser Prozess normale Zellen am Leben erhält und es ihnen ermöglicht, das Gleichgewicht zwischen der Synthese, dem Abbau und der anschließenden Wiederverwertung von Zellprodukten aufrechtzuerhalten, hat er eine tödliche Wirkung auf bösartige Tumorzellen, indem er sie veranlasst, sich in einem programmierten zellulären Selbstmord zu verzehren. Das Absterben der Krebszellen fördert natürlich die Homöostase und das Überleben auf der Ebene des gesamten Organismus.

Endocannabinoide und Cannabinoide finden sich auch an den Schnittpunkten der verschiedenen Systeme des Körpers und ermöglichen die Kommunikation und Koordination zwischen verschiedenen Zelltypen. An der Stelle einer Verletzung können Cannabinoide beispielsweise die Freisetzung von Aktivatoren und Sensibilisatoren aus dem verletzten Gewebe vermindern, die Nervenzelle stabilisieren, um ein übermäßiges Feuern zu verhindern, und nahegelegene Immunzellen beruhigen, um die Freisetzung von pro-inflammatorischen Substanzen zu verhindern. In der Summe also die Auslösung von drei verschiedenen Wirkungsmechanismen auf drei verschiedene Zelltypen (Gewebe, Nervenzelle, Immunzelle) zu einem einzigen Zweck: Minimierung der durch die Verletzung verursachten Schmerzen und Schäden.

Was sind Cannabinoid-Rezeptoren?

Seescheiden, winzige Nematoden und alle Wirbeltierarten haben das Endocannabinoidsystem als wesentlichen Teil des Lebens und der Anpassung an Umweltveränderungen gemeinsam. Durch den Vergleich der Genetik von Cannabinoidrezeptoren bei verschiedenen Arten schätzen Wissenschaftler, dass sich das Endocannabinoidsystem bei primitiven Tieren vor über 600 Millionen Jahren entwickelt hat.

Cannabinoidrezeptoren sind im ganzen menschlichen Körper vorhanden, eingebettet in Zellmembranen, und es wird angenommen, dass sie zahlreicher sind als jedes andere Rezeptorsystem. Wenn Cannabinoidrezeptoren stimuliert werden, kommt es zu einer Vielzahl von physiologischen Prozessen. Forscher haben zwei Cannabinoidrezeptoren identifiziert: CBR1, der vorwiegend im Nervensystem, im Bindegewebe, in den Keimdrüsen, Drüsen und Organen vorkommt; und CBR2, der vorwiegend im Immunsystem und den damit verbundenen Strukturen zu finden ist. Viele Gewebe enthalten sowohl CB1- als auch CB2-Rezeptoren, die jeweils mit einer anderen Wirkung verbunden sind.

Endocannabinoide sind die Substanzen, die unser Körper auf natürliche Weise herstellt, um diese Rezeptoren zu stimulieren. Die beiden am besten verstandenen dieser Moleküle heißen Anandamid und 2-Arachidonoylglycerin (2-AG). Sie werden bei Bedarf aus Arachidonsäurederivaten der Zellmembran synthetisiert, haben eine lokale Wirkung und eine kurze Halbwertszeit.

Metabolische Enzyme

Das dritte Mosaiksteinchen der Endocannabinoid-Trias umfasst die metabolischen Enzyme, die die Endocannabinoide innerhalb des ECS schnell zerstören, sobald sie verwendet werden. Die beiden großen Enzyme sind FAAH, das Anandamid abbaut, und MAGL, das 2-AG abbaut. Diese Enzyme sorgen dafür, dass Endocannabinoide nur dann eingesetzt werden, wenn sie gebraucht werden, aber nicht länger als nötig. Dieser Prozess unterscheidet die Endocannabinoide von vielen anderen molekularen Signalen im Körper, wie z.B. Hormonen oder klassischen Neurotransmittern, die für viele Sekunden oder Minuten wirken können oder für eine spätere Verwendung verpackt und gelagert werden.

Diese drei Schlüsselkomponenten des Endocannabinoidsystems (Endocanabinoide, CBRs und Enzyme) finden sich in fast jedem Hauptsystem des Körpers. Wenn etwas eine Zelle aus ihrer Komfort-Zone herausbringt, werden diese drei Säulen des ECS oft aufgefordert, die Homöostase wieder herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten.

Aufgrund seinerzeit Rolle, die darin besteht, Dinge in ihre physiologische Komfort-Zone zurückzubringen, wird das ECS oft nur dann und dort eingesetzt, wo es benötigt wird. Dr. Vincenzo Di Marzo, Forschungsdirektor am Institut für Biomolekulare Chemie in Italien, drückte es so aus: „Die ECS wird oft nur dann und dort eingesetzt, wo sie gebraucht wird:

„Mit der ‚pro-homöostatischen Wirkung des ECS‘ meinen wir, dass dieses System chemischer Signale nach Abweichungen von der zellulären Homöostase vorübergehend aktiviert wird. Wenn solche Abweichungen unphysiologisch sind, versucht das vorübergehend aktivierte ECS raum- und zeitselektiv, die vorherige physiologische Situation (Homöostase) wiederherzustellen.”

Phytocannaboide

Phytocannabinoide sind pflanzliche Substanzen, die Cannabinoidrezeptoren stimulieren. Delta-9-Tetrahydrocannabinol, oder THC, ist die psychoaktivste und sicherlich die berühmteste dieser Substanzen, aber auch andere Cannabinoide wie Cannabidiol (CBD) und Cannabinol (CBN) gewinnen aufgrund ihrer vielfältigen heilenden Eigenschaften das Interesse der Forscher und sind heute auf dem Markt z.B. als CBD-Öl auch frei verfügbar. Die meisten Phytocannabinoide wurden aus Cannabis sativa isoliert, aber auch bei anderen Heilkräutern wie Echinacea purpura wurde festgestellt, dass sie nicht-psychoaktive Cannabinoide enthalten.

Interessanterweise verwendet die Cannabispflanze auch THC und andere Cannabinoide, um ihre eigene Gesundheit zu fördern und Krankheiten vorzubeugen. Cannabinoide haben antioxidative Eigenschaften, die die Blätter und Blütenstrukturen vor ultravioletter Strahlung schützen – Cannabinoide neutralisieren die schädlichen freien Radikale, die durch UV-Strahlen entstehen, und schützen so die Zellen. Beim Menschen verursachen freie Radikale Alterung, Krebs und beeinträchtigte Heilung. Antioxidantien, die in Pflanzen gefunden werden, werden seit langem als natürliche Ergänzungsmittel eingenommen, um Schäden durch freie Radikale zu verhindern.

THC aus Cannabisextrakt (Handelsname: SavitexⓇ) wird seit einigen Jahren ja schon zur Behandlung der Spastizität und von Schmerzen bei der Multiplen Sklerose eingesetzt. Auch synthetisches THC kommt in der medizinischen Forschung zum Einsatz und viele andere synthetische Cannabinoide werden in der Tierforschung eingesetzt. Einige haben eine bis zu 600-fache Wirksamkeit gegenüber THC.

Endocannabinoid-Regulierung der Entzündung

Entzündung ist eine natürliche Schutzreaktion des Immunsystems als Reaktion auf eine Infektion oder körperliche Schädigung. Der Zweck der Entzündung ist es, Krankheitserreger (Keime) oder beschädigtes Gewebe zu entfernen. Der entzündete Bereich wird dadurch erzeugt, dass Flüssigkeit und Immunzellen in den Bereich eindringen, um die schmutzige Arbeit zu erledigen und das Gewebe wieder in einen gesunden Zustand zurückzubringen.

Es ist wichtig, dass die Entzündung auf den Ort der Schädigung begrenzt ist und nicht länger als nötig anhält, was zu Schäden führen kann. Chronische Entzündungen und Autoimmunkrankheiten sind Beispiele dafür, dass das Immunsystem unangemessen aktiviert wird. Wenn dies geschieht, dauert die Entzündungsreaktion zu lange an, was zu einer chronischen Entzündung führt, oder sie richtet sich gegen gesunde Zellen, was als Autoimmunität bezeichnet wird. Und genau an dieser Stelle treffen wir auf den Zusammenhang zwischen MS und dem endocannabinoiden System.

Fazit: Während CB1R bei der Regulation der Neurostimulation der Neurotransmission in verschiedenen Hirnregionen eine Rolle spielt und hauptsächlich die psychoaktiven Effekte von Cannabinoiden vermittelt, kommt CB2R vorwiegend in den Zellen und Geweben des Immunsystems vor und vermittelt entzündungshemmende und immunmodulatorische Prozesse. Studien haben gezeigt, dass CB1R und CB2R die Aktivierung von T-Zellen, B-Zellen, Monozyten und Mikrogliazellen beeinflussen können, indem sie die Expression proinflammatorischer Zytokine hemmen und die Mediatoren hochregulieren, die die Entzündung auflösen.

Im kommenden zweiten Teil dieser Artikelserie befassen wir uns daher mit der Frage inwieweit die Modulation von CB1R und CB2R über Cannabinoide vorteilhaft ist bei der Behandlung von Autoimmunkrankheiten und insbesondere der Multiplen Sklerose (MS).

Bleiben Sie dran….


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Krebs bei Multiple-Sklerose-Patienten: die Auswirkungen krankheitsmodifizierender Therapien

Das Immunsystem spielt sowohl bei Multipler Sklerose (MS) als auch bei Krebs eine wichtige Rolle. Während es bei MS übermäßig stimuliert zu sein scheint, was zu einer ausgeprägten Entzündungsreaktion und ihren Folgen führt, scheint bei Krebs ein immunosuppressiver Zustand zu verhindern, dass die Krebszellen ordnungsgemäß zerstört werden.

Die derzeitigen krankheitsmodifizierenden Therapien (DMTs) für MS zielen darauf ab, die angeborene und adaptive Immunantwort auf einen weniger entzündlichen Grad zu modulieren. Sie sollen den MS-Patienten Vorteile bieten, indem sie die Neuroinflammation, die Symptome und das Fortschreiten der Krankheit verringern. Sie haben aber auch das Potenzial, Krebs als unerwünschte Begleiterscheinung zu fördern.infusion with medication

Es besteht bereits allgemeine Übereinstimmung darüber, dass Immunsuppressiva-Therapien zu einem erhöhten Krebsrisiko bei MS-Patienten geführt haben, und dieses Risiko hängt mit der familiären Krebsvorgeschichte des Patienten, der Dauer der Behandlung und der kumulativen Dosis zusammen. Diese Tatsache veranlasste einige Studien dazu, orale und intravenöse Therapien zusammen mit anderen Krebsrisikofaktoren, wie Alkohol und Rauchen, einzubeziehen.

Laut Daten, die auf dem Kongress der Europäischen Akademie für Neurologie (EAN) 2019 vorgestellt wurden, haben Patienten mit MS im Vergleich zu Menschen ohne MS ein um 14% höheres Risiko, an allen Arten von Krebs zu erkranken. Dieses Risiko scheint mit immunsuppressiven Medikamenten und der Dauer der Behandlung zusammenzuhängen. Diese Komorbidität stellt sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie eine Herausforderung für die Kliniker dar. Es ist schwierig, die Symptome einer neuen Krankheit zuzuordnen, wenn die MS selbst so viele verschiedene Symptome verursachen kann. Und es ist auch sehr schwierig, Krebs im Zusammenhang mit der Autoimmunität der MS zu behandeln.

In einer kürzlich in Frontiers in Immunology veröffentlichten Übersicht beschreiben die Autoren, wie die einzelnen DATs mit den Krebserkrankungen zusammenhängen. Sie schlagen vor, dass zukünftige Bemühungen darauf gerichtet sein sollten, ein klareres Verständnis des relativen Krebsrisikos bei Patienten, die ein bestimmtes Medikament einnehmen, zu erlangen und Richtlinien für die Behandlung von Patienten mit MS und Krebs in der Vorgeschichte zu erstellen, die Kandidaten für DMTS sind.

Die medizinischen Fachkräfte müssen sich dieses möglichen Zusammenhangs bewusst sein. Bei der Wahl eines Immunsuppressivums müssen die Familiengeschichte und andere Krebsrisikofaktoren berücksichtigt werden. Ein effizientes Monitoring und Screening auf bösartige Krebserkrankungen sollte periodisch individuell beim Einsatz von DMTS durchgeführt werden.

Schlussfolgerung:

Die Beziehung zwischen MS und Krebs ist komplex. Man muss sich vor Augen halten, dass die Einnahme von Medikamenten mit immunsuppressiver Wirkung das Krebsrisiko bei Patienten mit MS erhöht. Diese Tatsache sollte zu einem effizienteren Screening auf Malignität bei MS-Patienten führen. Dies gilt insbesondere für Hautkrebs. Ein guter Neurologe sollte dies bei der Therapieentscheidung und in der nachfolgenden Therapie berücksichtigen. Fragen Sie ruhig gezielt nach!


Der hier hauptsächlich betrachtete Review [1] verfolgt die Entwicklung der MS-Medikation seit den Anfängen 1993 bis heute und verweist auf insgesamt 196 Paper und Studien. Statistische Ergebnisse haben immer nur begrenzte Auswirkungen auf den einzelnen Patienten, helfen aber dabei, bewusste Entscheidungen für oder gegen ein medikamentöse Behandlung zu treffen. Wir werden dieses und verwandte Themen auch weiterhin betrachten und über wichtige neue Erkenntnisse berichten.

Photo by Marcelo Leal on Unsplash


Referenzen:

  1. Melamed E, Lee MW. Multiple Sclerosis and Cancer: The Ying-Yang Effect of Disease Modifying Therapies. Front Immunol. 2020;10:2954. Published 2020 Jan 10. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31998289
  2. Lebrun, C., Vermersch, P., Brassat, D. et al. Cancer and multiple sclerosis in the era of disease-modifying treatments. J Neurol 258, 1304–1311 (2011). https://doi.org/10.1007/s00415-011-5929-9

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Update Biotin bei MS: frühere Ergebnisse zur heilsamen Wirkung bestätigt

Auf die möglicherweise für einen größeren Teil von Patienten, die an den progredienten Formen der Multiplen Sklerose leiden, positiven Wirkungen von hochdosiertem Biotin (300 mg Vitamin B7/Tag) haben wir schon vor ca. 3 Jahren berichtet.

Im Jahr 2019 wurden inzwischen bei einer weiteren kleinen Gruppe von Patienten (19 Betroffene mit SPMS und PPMS) mit Hilfe der zerebralen Mehrkernmagnetresonanzspektroskopie (MMRS) und der klinischen Auswertung vor und nach 6 Monaten Behandlung mit Biotin signifikante Verbesserungen im Zellstoffwechsel sowie bei den klinischen Symptomen der MS beobachtet. Dies betraf auf der einen Seite die Anstiege des Verhältnisses der Zellmembran-Metaboliten Phosphomonoester zu Phosphodiestern (PME/PDE) und des Zellenergieträgers Adenosintriphosphat (ATP) sowie eine Reduktion der Laktatresonanzen und auf der anderen Seite eine Verbesserung des EDSS-Neuroscores. Diese Ergebnisse stimmen mit den vermuteten Stoffwechselwegen überein, die die positive Biotinwirkung heute erklären.

Einfacher ausgedrückt konnte nachgewiesen werden, dass sowohl die Fähigkeit zur Remyelinisierung der Zellen als auch deren Energieversorgung deutlich verbessert wurden. Beides wirkt sich dann positiv auf den Behinderungsgrad aus. So wurde z.B. eine signifikante Zunahme des Gehbereichs über 6 Minuten eindeutig nachgewiesen (+ 50 m), was gut zu früheren Studienergebnissen passt. Weiter beobachteten die Forscher eine Verbesserung der EDSS bei sieben Patienten (37%) und das Ausbleiben des Fortschreitens der Behinderung bei 12 Patienten (63%).

Fazit: Die schon seit 2016 bekannten vielversprechenden Ergebnisse bei der Behandlung von progredienten Formen der Multiplen Sklerose mit hochdosiertem Biotin wurden erneut bestätigt. Im Gegensatz zu allen anderen schulmedizinisch bisher eingesetzten Behandlungsverfahren, handelt es sich hier um eine Behandlung, die (weitestgehend nebenwirkungsfrei) bei einem relativ hohen Anteil von Patienten mit SPMS oder PPMS zu Stabilisierungs- und Verbesserungseffekten führen kann. Dieser Ansatz kann nur befürwortet werden. Leider wird es noch vermutlich viele Jahre dauern, bis diese Behandlungsmethode – wenn überhaupt – Eingang in die Leitlinien der MS-Behandlung finden wird. Den heute Betroffenen bleibt also nichts anderes übrig, als sich an Mediziner zu wenden, die über den Tellerrand hinaus blicken, progressiv und ganzheitlich agieren und gemeinsam mit ihren Patienten diese Therapieform diskutieren und evaluieren.

Die ärztliche Begleitung ist zwingend zu empfehlen, da es sich hier um pharmakologisch wirksame hohe Biotin-Dosen handelt, die mit klinischen Laboruntersuchungen interferieren und diese verfälschen. Dies gilt insbesondere für die Bestimmung von Biomarkern wie Hormonen, Herz-, Tumor- oder Infektionsmarkern, bei denen eine Verfälschung fatale Folgen haben kann.


Quelle: 

Guillevin C, Agius P, Naudin M, et al. 1 H-31 P magnetic resonance spectroscopy: effect of biotin in multiple sclerosis. Ann Clin Transl Neurol. 2019;6(7):1332–1337. doi:10.1002/acn3.50825


Mehr zur Historie von Biotin bei MS auch diesem Übersichtsartikel der Firma Hevert: Hochdosiertes Biotin bei progredienter Multipler Sklerose


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Gegen die MS zurück zum Meer

 

Die Fettsäuren aus dem Meer sind ein wichtiger Ernährungsbaustein nicht nur bei MS

sardellen-in-oel_© inigo-de-la-maza_unsplashDie richtige Ernährung kann den Gesundheits- und Ernährungszustand von MS-Patienten verbessern und das Fortschreiten der Erkrankung reduzieren. Viele Studien zeigen, dass Ernährungsgewohnheiten tatsächlich einen entscheidenden Einfluss auf das Fortschreiten einer Multiplen Sklerose haben!
Die Wirkung der Ernährung hängt allerdings von Art und auch Menge der Nahrungsaufnahme ab. Einige Nährstoffe haben eindeutig positive oder eindeutig negative Auswirkungen. Verschiedenen Lebensmittel, wie z.B. Fleisch oder die beliebten Croissants, enthalten relativ hohe Mengen von Arachidonsäure (eine mehrfach ungesättigte Omega-6-Fettsäure), die der Vorläufer von entzündlichen Eicosanoiden ist, die den MS-Verlauf negativ beeinflussen können.

Der Darm als wichtiger Faktor

Eine gesunde und vielseitige Ernährung kann MS-Patienten hingegen helfen, indem sie insbesondere die Darm-Mikrobiota (die Darmbakterien) positiv beeinflusst. Über die  Darm-Hirn-Achse werden u.a. Botenstoffe ausgeschüttet, die zu neurodegenerativen Erkrankungen beitragen können: Stress, unausgewogene Ernährung und Medikamente können sich negativ auf die Mikrobiota-Zusammensetzung auswirken, was zu einer Dysbiose beiträgt (ungesundes Gleichgewicht zwischen „guten“ und „weniger guten“ Bakterienstämmen).
Jüngste Studien zeigen, dass die Ernährung die Zusammensetzung der Mikrobiota positiv verändern und entzündungshemmende Immunantworten erhöhen kann.
Eine gesunde Ernährung, die sich positiv auf die Darm-Mikrobiota auswirkt, besteht aus Vollkornprodukten und anderen ballaststoffreichen Lebensmitteln wie Gemüse und (nicht zu süßem) Obst sowie gesunden Fetten. Diese haben schützende Eigenschaften und können die Symptome der MS positiv beeinflussen und die Darmtätigkeit verbessern.

Fischöl für das Mikrobiom und den ganzen Körper

Über einen besonders vielversprechenden Effekt zur Umstellung des Darm-Mikrobiota-Gleichgewichts hin zu einem gesundem mikrobakteriellen Mix wurde bei einer gezielten Omega-3-Supplementierung berichtet. Omega-3-Fettsäuren z.B. aus Algen oder Fischöl (insbesondere EPA und DHA) haben überdies noch viele andere positive gesundheitliche Auswirkungen auf den menschlichen Körper (unabhängig von einer etwaigen MS-Erkrankung).

Ein Forscherteam wollte es genauer wissen und verglich eine Vielzahl von Studien hinsichtlich dieses Aspekts bei MS. In einer im August 2019 publizierten Metastudie [1] konnten von 5.554 weltweiten untersuchten Studien, die im Zeitraum von 2009 bis 2018 zu diesem Thema publiziert wurden, letztendlich 7 (mit über 240.000 weiblichen und männlichen erwachsenen Studienteilnehmern) aufgrund der gewählten strengen Auswahlkriterien in die Analyse miteinbezogen werden.

Diese Studien zeigten signifikant die positive Rolle der Fischöl-Supplementierung und der Omega-3-Fettsäuren bei der Verbesserung der Lebensqualität von MS-Patienten. Diese Ergebnisse wurden auf die positiven Auswirkungen auf Entzündungsmarker, Glutathionreduktase, die Verringerung der Schubrate und das Erreichen eines ausgewogenen Verhältnisses von Omega-6 zu Omega-3 zurückgeführt.

Fazit der Forscher

Omega-3- und Fischöl-Ergänzungen haben positive Auswirkungen auf die Reduzierung der Schubrate, Entzündungsmarker und die Verbesserung der Lebensqualität von MS-Patienten.

Die Dosis macht’s

Die Studien zeigten, dass 4 Gramm tägliche Omega-3-Ergänzung oder hochkonzentriertes Fischöl empfehlenswert ist.
Bei nur 1 Gramm pro Tag zeigten sich keinerlei Auswirkungen. Die Wirksamkeit der Dosis variiert allerdings in Abhängigkeit von vielen Faktoren, insbesondere dem Fortschreiten der Erkrankung und dem Krankheitsstatus vor Beginn der Supplementierung.

Auf die Fatigue zeigte sich übrigens in keiner der Studien (die darauf ein Augenmerk legten) eine Auswirkung. Hingegen gab es mehr allgemeine Verbesserungen bei den Patienten, die sowohl Omega-3-Fettsäuren als auch Leinsamenöl konsumierten.

Weiter forschen

Da viele Studien nicht lange genug angelegt waren oder andere Mängel aufwiesen (z.B. Tocopherole in den Placebo-Kapseln), sind weitere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren auf den Gesundheitszustand der MS noch genauer zu bestimmen. Insbesondere war bei den meisten Studien die Überwachungsdauer zu kurz (die meisten dauerten sechs bis zwölf Monate), um einen genauen Rückschluss auf die Unterschiede in der Schubrate und der Zeit zwischen den einzelnen MS-Schüben zu evaluieren.

Fleißig EPA und DHA konsumieren — am besten als Algenöl

Bis spezifischere Ergebnisse vorliegen, lohnt aber schon die regelmäßige Einnahme guter EPA- und DHA-Lieferanten. Da nur fetter Meeresfisch (wie Lachs, Hering, Makrele, Sardinen) die wichtigen Fettsäuren enthalten und man bei den heutzutage schwer belasteten Meeren (Schwermetalle!) und überfischten Beständen gar nicht mehr so viel Fisch essen kann wie nötig wäre, sollte man auf hochkonzentrierte Öle ausweichen.
Doch Fischöle müssen aufwändig von derartigen Belastungen gereinigt werden und tragen ggf.,  je nach dem welche Fische gefangen werden, zur Überfischung bei. Die besonders empfehlenswerte Alternative (nicht nur für Veganer) ist ein hochwertiges, also nicht schadstoffbelastetes und nachhaltig produziertes Algenöl.

Auf jeden Fall ist es sinnvoll, genügend gesunde Omega-3-Öle zu konsumieren und seine Mikrobiota im Blick zu halten, auch wenn das nicht mit bloßem Auge geht.
Wir halten für Sie die zukünftigen Studien zu diesem Thema im Blick.
Bleiben Sie uns am besten treu.

Mehr Informationen zum Thema auch im Faktenblatt Fettsäuren und MS (hier zum Download)!

Ein gesundes Mikrobiom wünscht Ihnen

Ihr Team von Life-SMS


Quelle: [1] Al Ammar, W. A. et al. (2019) ‘Effect of omega-3 fatty acids and fish oil supplementation on multiple sclerosis: a systematic review’, Nutritional Neuroscience. Taylor & Francis, 0(0), pp. 1–11. doi: 10.1080/1028415x.2019.1659560.


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Tabakrauchen und MS-Progression: ein sofort vermeidbarer Faktor!

Vorab und nicht vergessen: Melden Sie sich gerne noch zum kostenfreien Jahresseminar am 2.11.2019 in Köln an!


Tabakrauchen ist ein bekannter Risikofaktor für Multiple Sklerose (MS) und wird auch mit einem schwereren Krankheitsverlauf in Verbindung gebracht: Raucher mit MS haben ein erhöhtes Risiko, in kürzerer Zeit höhere Behinderungsgrade zu erreichen als Nichtraucher. Mehrere frühere Studien haben gezeigt, dass Raucher im Vergleich zu Nichtrauchern ein erhöhtes Progressionsrisiko von schubförmig remittierender MS (RRMS) zur sekundär progressiven Form (SPMS) haben und dass dieses Risiko mehr als dreimal höher sein kann [3].

Es ist auch bereits bekannt, dass die erhöhte Anfälligkeit für MS bei Rauchern nach Raucherentwöhnung abnimmt. Aber was sind die Auswirkungen der Raucherentwöhnung nach der MS-Diagnose auf die Verhinderung oder Verringerung des Fortschreitens der Behinderung?

Eine aktuelle Studie [1] hat die Auswirkungen rauchfreier Jahre auf das Fortschreiten der MS-Behinderung untersucht und die Auswirkungen des Rauchens auf die physischen und psychischen Folgen bewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass jedes Jahr nach Raucherentwöhnung das Risiko, die nächste Stufe der Behinderung zu erreichen, verringert. Dieser bremsende Faktor ist umso größer je früher mit der Umsetzung begonnen wird.

Die Studie zeigte, dass 10 rauchfreie Jahre bei ehemaligen Rauchern ein um 33% und 26% geringeres Risiko darstellen können, die EDSS (Expanded Disability Status Scale) Werte 4,0 bzw. 6,0 im Vergleich zu Rauchern zu erreichen. Interessanterweise wurden die größten Auswirkungen des Rauchens auf die psychologische Bewertung festgestellt: Rauchen war mit einem signifikant erhöhten Risiko für Angst und Depression bei Menschen mit MS verbunden.

Epigenetische Veränderungen sind an der Entwicklung und dem Fortschreiten von MS beteiligt. Das Rauchen könnte insofern als ein epigenetischer Modifikator aus der Umwelt wirken. Es wurde inzwischen nachgewiesen [2], dass die Blut-DNA-Methylierung durch Zigarettenrauch beeinflusst wird und dass dieser Effekt besonders deutlich wird bei aktuellen Rauchern und Patienten, die das Rauchen in einem Zeitraum von weniger als 5 Jahren vor der Untersuchung eingestellt haben. Das bedeutet, dass, obwohl bei Ex-Rauchern eine teilweise Wiederherstellung von Schäden möglich ist, nimmt dies einige Zeit in Anspruch.

Es bedeutet auch, dass je früher von MS betroffene Raucher mit dem Rauchen aufhören, desto günstiger sind die Effekte auf das Fortschreiten der Erkrankung auf lange Sicht.

Fazit: Es wird immer deutlicher, dass die Raucherentwöhnung eine frühzeitige Standard-Intervention bei Menschen mit MS darstellen sollte. Sie ist definitiv mit einer deutlichen Verringerung des Fortschreitens der Behinderung verbunden. Wenn Sie also diesen Risikofaktor und Brandbeschleuniger loswerden wollen, holen Sie sich bitte so schnell wie möglich Hilfe und Unterstützung bei der Entwöhnung!


Referenzen:

[1] Radu Tanasescu, Cris S Constantinescu, Christopher R Tench, Ali Manouchehrinia, Smoking Cessation and the Reduction of Disability Progression in Multiple Sclerosis: A Cohort Study, Nicotine & Tobacco Research, Volume 20, Issue 5, May 2018, Pages 589–595, https://doi.org/10.1093/ntr/ntx084

[2] Marabita, F., Almgren, M., Sjöholm, L. K., Kular, L., Liu, Y., James, T., … Jagodic, M. (2017). Smoking induces DNA methylation changes in Multiple Sclerosis patients with exposure-response relationship. Scientific reports7(1), 14589. doi:10.1038/s41598-017-14788-w

[3] Ramanujam R, Hedström A, Manouchehrinia A, et al. Effect of Smoking Cessation on Multiple Sclerosis Prognosis. JAMA Neurol. 2015;72(10):1117–1123. doi:10.1001/jamaneurol.2015.1788

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Weihrauch: Vielversprechende Ergebnisse bei der MS Behandlung

Frankincense, das englische Wort für Weihrauch, leitet sich vom altfranzösischen Ausdruck franc encens ab, was „hochwertiger Weihrauch“ bedeutet. Das Harz der Baumgattung Boswellia wird als Weihrauch seit Jahrtausenden als entzündungshemmende Substanz in der traditionellen östlichen und orientalischen Medizin eingesetzt.

Wir hatten schon in der Vergangenheit bei lsms.info über die möglicherweise bei MS nutzbringenden Eigenschaften des Weihrauchs berichtet, aber inzwischen gibt es interessante Neuigkeiten.

Entzündungshemmend und viel mehr

Foto: Boswellia-Harz

Boswelliasäuren (BA) gelten als die bioaktiven Prinzipien des Weihrauchs und haben viele entzündungshemmende Eigenschaften. Diese Säuren hemmen speziell die Enzyme 5-Lipoxygenase, mikrosomales Prostaglandin E2 Synthase-1, LL-37 und stören die Polarisation von CD4+ T Hilfszellen 17, indem sie die Interleukin (IL)-Signalisierung in vitro blockieren. Da diese Moleküle und Pfade an der Pathologie der Multiplen Sklerose (MS) beteiligt sind, ist es sinnvoll, die Verwendung von Weihrauch als entzündungshemmenden und immunmodulatorischen Therapieansatz bei Patienten mit MS zu bewerten.

Eine aktuelle Studie evaluierte die Verwendung eines standardisierten Weihrauchextraktes (SFE) als Behandlungsansatz für Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS) und zeigte einige vielversprechende Ergebnisse:
• Die Gesamtzahl der kontrastverstärkenden Läsionen (CELs) in der MRT nahm entlang der Studie signifikant ab – es gab eine Reduktion der Gesamtzahl der CELs um mehr als 60 % zwischen Studienbeginn und Ende der Behandlungsphase.
• Auch die Anzahl der neuen T2-Läsionen nahm in dieser Zeit signifikant ab.
• Es gab einen minimalen Verlust des Gehirnvolumens während der Baselinezeit (vor Behandlung), aber während der Behandlung konnte ein kleiner Anstieg des Gehirnvolumens beobachtet werden.
• Die jährliche Rezidivrate (ARR), die die Anzahl der bestätigten Rezidive pro Jahr beschreibt, nahm während der Studie ab.
• Es gab kein Fortschreiten klinischer Behinderungen während der Behandlung: SNRS (Scripps Neurologic Rating Scale; neurologische Rating-Skala nach Scripps – auch NRS) und EDSS (Expanded Disability Status Scale; beides Leistungsskalen, die den Schweregrad der Behinderung bei MS-Patienten angeben) blieben stabil und die gesundheitsbezogene Lebensqualität hat sich verbessert.
• Es wurden keine Veränderungen der absoluten und relativen Lymphozytenzahl beobachtet und die Häufigkeit von Infektionen stieg während der Behandlung nicht an.
• Die Nebenwirkungen waren leicht oder mittelschwer und umfassten hauptsächlich gastrointestinale Symptome und kleinere Infektionen.

Gut verträglich und vielversprechend

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die klinischen und immunologischen Daten sowie die der MRT-Untersuchung in dieser Studie darauf hindeuten, dass das eingesetzte standardisierte Weihrauchextrakt sicher und gut verträglich ist und positive immunmodulatorische Effekte auf die Aktivität zumindest bei der schubförmigen Verlaufsform aufweist.

Größere Studien sind jedoch erforderlich, um einen Einfluss auf das klinische Ergebnis nachzuweisen. Es ist auch klar, dass bei einer wachsenden Liste von Behandlungsmöglichkeiten das richtige Verhältnis zwischen Wirksamkeit und Sicherheitsprofil immer wichtiger wird. Das gilt besonders für eine junge Patientenpopulation, die eine Langzeitbehandlung benötigt.

Aus Sicht der hier besprochenen Studie sind die Ergebnisse jedenfalls vielversprechend und das wertvolle Harz viel zu schade, um nur in Rauch aufzugehen, statt Verwendung in der MS-Behandlung zu finden…

…findet Ihr Team von Life-SMS


Referenzen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29248894
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19091760
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21553931
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25422734
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24469975
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27117114


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Vibrieren gegen die MS

Ganzkörper-Vibration (WBV) ist eine relativ neue Methode des neuromuskulären Trainings, die sich auf wichtige allgemeine Fähigkeiten wie Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit auswirkt.

Professionelle Vibrationsplatte

Ein Defizit in der Haltungskontrolle ist eines der häufigsten Symptome von MS. Es beginnt mit marginalen Instabilitäten im Gang und in der zweibeinigen Haltung bei Auftreten der Erkrankung. Es folgen Haltungsschwäche und häufige Unfälle. Das Fortschreiten der Erkrankung kann allmählich zu einer Behinderung durch einen vollständigen Verlust des Haltungsgleichgewichts führen. Die Ganzkörpervibration (WBV) ist eine Trainingsmethode mit bemerkenswerten Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem, die die Haltungskontrolle definiert, denn die Übertragung von mechanischen Schwingungen auf den menschlichen Körper führt zu physiologischen neuromuskulären Veränderungen.

So wurde WBV bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) angewendet und einige Studien zeigen, dass es die Muskelkraft, das Körpergleichgewicht, die Haltungskontrolle und die funktionelle Mobilität verbessern kann.

Drei MS-bezogene Studien

Eine frühere Studie 1 hatte gezeigt, dass WBV den individuellen Status bei MS-Patienten verbessert, indem es den PDDS (patient determined disease steps)-Wert reduziert und den MSFC (Multiple Sclerosis Functional Composite )-Wert erhöht. Beide Werte sind hoch korreliert mit dem EDSS (Expanded Disability Status Scale)-Wert – einer weit verbreiteten, akzeptierten Bewertung und Messung der Behinderung bei MS-Patienten. Weniger kompliziert ausgedrückt: Vibrationstraining kann eine sehr effektive und risikoarme Maßnahme zur Reduktion von MS-Symptomen sein und die Regeneration des Nervensystems fördern.

Zwei neue Studien wurden veröffentlicht, die einen wichtigen Einblick in die Effizienz von WBV bei MS-Patienten geben. Die erste davon 2 testete die Auswirkungen eines sechswöchigen WBV-Trainings auf die Haltungskontrolle. Die Effekte nach einem WBV-Training wurden mit einer Kontrollperiode ohne Intervention in der gleichen Patientengruppe verglichen. Die während der Kontrollperiode beobachteten Verschlechterungen der Haltungskontrolle wurden nach dem Einsatz der WBV nicht beobachtet. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass WBV die Neurodegeneration mit Blick auf die Haltungskontrolle lindern kann.

Die zweite Studie 3 evaluierte die Wirkung des WBV-Trainings bei einer Gruppe von MS-Patienten und verglich die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe. Die WBV-Gruppe hatte eine bessere Leistung in allen Muskeltests (Kraft- und Ausdauertests) und eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Das Programm wurde von den Patienten gut vertragen und es wurde kein unerwünschtes Ereignis beobachtet.

Fazit:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass WBV eine sichere und praktikable Methode ist, die effektiv in Rehabilitationsprogrammen eingesetzt werden kann, um die Kraft und Ausdauer der Kernmuskeln zu verbessern, Degenerationen bei der Haltungskontrolle abzufangen und das Invaliditätsniveau bei MS-Patienten zu senken. Es sollte als Bestandteil in multidisziplinäre Interventionen einbezogen werden, um das Fortschreiten der Krankheit zu verzögern.

Ganz konkret ist die Empfehlung: Probieren Sie doch das Vibrationstraining auf einer professionellen Vibrationsplatte einmal aus und lassen Sie sich dabei von einem erfahrenen Sporttherapeuten oder Physiotherapeuten anleiten. Wenige Minuten in Abständen von mindestens 48 Std. sind ausreichend. Mehr ist eher schädlich!

Bei Vibrationstrainern ist allerdings unbedingt darauf zu achten, dass die Vibrationsplatte seitlich in der Höhe alterniert. Platten, die lediglich in der Ebene schwingen sind höchstwahrscheinlich wirkungslos.

An dieser Stelle sei auch auf die Life-SMS-Veröffentlichung „Sport und MS“ aus dem Jahr 2017 verwiesen, in der das Thema ebenfalls aufgegriffen wurde.


Referenzen
  1. Yang, F., Estrada, E. F., & Sanchez, M. C. (2016). Vibration training improves disability status in multiple sclerosis: A pretest-posttest pilot study. Journal of the Neurological Sciences, 369, 96-101. doi:10.1016/j.jns.2016.08.013
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27653872
  2. Krause A, Lee K, Freyler K, Bührer T, Gollhofer A, Ritzmann R. Whole-body vibration impedes the deterioration of postural control in patients with multiple sclerosis. Multiple Sclerosis and Related Disorders ,Apr 2019, Volume 31 , 134 – 140.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30991299
  3. Maryam Abbasi , Amin Kordi Yoosefinejad , Maryam Poursadeghfard , Farnaz Parsaei Jahromi , Alireza Motealleh , Sobhan Sobhani , Whole body vibration improves core muscle strength and endurance in ambulant Individuals with multiple sclerosis: a randomized clinical trial, Multiple Sclerosis and Related Disorders (2019)
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31071658

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Autophagie: Den äußerst segensreichen Wartungsmodus nutzen

Autophagie: die koerpereigene Reinigungsmaschine

Man kennt das: Ständig ist Müll zu entsorgen!


Und unseren Zellen geht es genau so; auch, wenn sie bei bester Gesundheit sind. Denn nur über eine spezielle Art der Müllentsorgung können sie überhaupt bei bester Gesundheit bleiben. Diesen Aufräumvorgang nennt man Autophagozytose (oder kurz Autophagie = Selbstverzehrung).

Dies ist ein wichtiger und kluger Prozess der Natur, um Zellen gesund und leistungsfähig zu halten. Anderenfalls „vermüllen“ die Zellen regelrecht, denn überraschend viele frisch hergestellte Proteine sind falsch zusammengefaltet. Andere Zellbestandteile werden mit der Zeit beschädigt oder einfach nicht mehr benötigt. Umgangssprachlich formuliert, frisst (verdaut) sich die Zelle dann teilweise selbst. Doch mit Selbstmord hat dies wenig zu tun, mehr mit Recycling.

Recyclingprozess

Das alte Material kann auf der einen Seite zwar schaden, auf der anderen Seite besteht es ja schließlich aus wertvollen Bausteinen, die nach Möglichkeit wieder verwendet müssen, damit eine jede Zelle mit ihrem begrenzten Energievorrat auskommt. Die Zellen verwerten alles noch Brauchbare, um neue Bausteine (v. a. Aminosäuren) zu generieren und können diese in Notzeiten zur Energiegewinnung auch als Brennstoff nutzen. Verständlich, dass gerade ein zeitweises Fehlen der essentiellen Aminosäuren (also jenen, die der Körper nicht selbst herstellen kann) das Notfallsystem in Hunger- bzw. Fastenperioden starten kann.

Proteine als Hemmer

Eine zu proteinreiche Ernährung hemmt hingegen den Reinigungsprozess und fördert nachweisbar den Alterungsprozess sowie auch Krebswachstum. Wer in mittleren Jahren (zwischen 50 und 65) ordentlich Protein futtert (20 Prozent der Kalorienaufnahme oder mehr im Vergleich zu weniger als zehn Prozent), dessen Sterblichkeitsrisiko ist um 74 Prozent erhöht. Wichtige Ausnahme hierbei: pflanzliche Proteine! Studien der Harvard-Universität (s.u.) legen nahe: Wer vermehrt auf pflanzliche Proteine setzt, etwa in Form von Bohnen, Linsen und Nüssen (statt auf Fleisch), darf sogar mit einem längeren Leben rechnen. Noch länger, wenn er nicht rein vegan lebt, sondern auch (nicht schadstoffbelasteten) fetten Meeresfisch isst. Das liegt daran, dass tierisches Protein in der Regel mehr essenzielle Aminosäuren enthält als pflanzliches Protein; der Reinigungsmodus wird also eher gehemmt. Aber dies nur nebenbei.

Die beschriebene molekulare Müllentsorgung ist also eine Art Selbstverdauungs-Programm von Zellen, damit diese gereinigt und entgiftet werden, sich verjüngen. Ohne Autophagie lagert sich der zelluläre Müll in den Zellen ab und behindert über kurz oder lang die reibungslose Funktionsweise der Zelle. Wenn Alternativmediziner von „Entschlackung“ sprechen, ist im Allgemeinen dies gemeint, wobei der Begriff selbst irreführend ist.

Fasten im Schlaf und bei Grippe

In jeder einzelnen Zelle im Körper ist Autophagie möglich (übrigens auch im Schlaf, was ja auch einer kleinen Fastenperiode gleichkommt; Breakfast ist also wörtlich zu nehmen). Im Immunsystem findet die Autophagie auch außerhalb der Zelle statt. Denn in Zeiten geringerer Energiezufuhr gehen Fresszellen (ja, die Makrophagen kann man tatsächlich so nennen) im gesamten Körper umher und suchen vermehrt nach infizierten Zellen, toten Zellen und Krankheitserregern. Wer mit einer Grippe krank im Bett liegt, mag nicht essen, weil der Körper Hungergefühle unterdrückt, um die nun besonders hilfreiche Autophagie zu aktivieren. Dadurch werden die Fresszellen des Immunsystems stärker aktiviert, um unbrauchbare Eigen- und Fremdsubstanz (externe Eindringlinge wie Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger) zu erspähen und zu vernichten.

Reinemachen und ein Streik der Müllabfuhr

Zudem spielt die Autophagie eine wichtige Rolle dabei, wie die Immunantwort eines Organismus gesteuert wird. Fehler in den Kontrollmechanismen führen dazu, dass das Abwehrsystem körpereigene Bestandteile angreift und zerstört. Resultat solcher fehlgeleiteten Immunreaktionen sind Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) zeigen dies. Denn sowohl überzogenes Reinemachen als auch ein Streik der Müllabfuhr kann zu Autoimmunstörungen beitragen, je nachdem, in welchen Zellen die Müllabfuhr aus dem Lot gerät. Denn aus nicht rechtzeitig entsorgten toten Zellen treten entzündungsfördernde Substanzen aus.

Klar ist: zu wenig Autophagie schadet! Autophagie-Defekte führen in T-Zellen zur Anhäufung von überalterten Mitochondrien, die unter anderem reaktionsfreudige Sauerstoffspezies (ROS) freisetzen, was die T-Zellen vorzeitig absterben lässt. Auch fehlen den T-Zellen wegen ihrer schlechten Recycling-Quote ATP und Rohstoffe, sodass sie sich kaum noch aktivieren und zur Vermehrung anregen lassen.
Manchmal muss auch einfach nur der Abfuhrtakt erhöht werden: wenn Stress (wie z. B. Infektionen, Chemikalien oder UV-Licht) den Verschleiß von Zellkomponenten beschleunigt.
Eine funktionierende Autophagie, ein Reinigungsprozess, der die Vermehrung neuer, gesunder Zellen fördert, stellt hingegen einen Schutz vor Krankheiten wie Krebs, Demenz, Herzkrankheiten und bakteriellem Befall dar. Entartete Zellen, Ablagerungen und bösartige Bakterien haben schlechte Chancen, sich anzuhäufen, da sie gleich im Anfangsstadium abgebaut werden können.

Trotz Umbau geöffnet

Für ein gesundes Altern ist der Körper also auf eine Balance zwischen Baumaßnahmen und Abbaumaßnahmen angewiesen. Doch durch ständige Erreichbarkeit von Nahrung (und zu viel Nahrung insgesamt) sowie eine inaktive, bewegungsarme Lebensführung spielt die Autophagie bei vielen Menschen im Alltag kaum mehr eine Rolle.
Das häufige Essen in kurzen Abständen ist aus Sicht der Evolution völlig unnatürlich. Unser Körper ist erst seit relativ kurzer Zeit in der Menschheitsentwicklung damit konfrontiert. Stoffwechsel und Verdauungsapparat sind immer noch auf diese Lebensweise ausgerichtet – Bewegung kombiniert mit immer wiederkehrenden Phasen des Nichtessens. Deshalb nimmt man an, dass der Prozess der Autophagie ab einem Zeitraum von 14 -17 Stunden des Verzichts auf Nahrungszufuhr beginnt. Erhält der Körper aber ständig das (Insulin)Signal, dass ausreichend Energie von außen zugeführt wird, hält er Selbstverdauung nicht für notwendig.
Außerdem verlangsamt sich mit zunehmendem Alter die Fähigkeit zur Autophagie.

Was fördert die Autophagie in unseren Zellen?

In Studien wird deutlich, dass die Gesundheit i. d. R. profitiert, wenn die Autophagozytose im Alltag wieder mehr Platz gewinnt. Zum Glück gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die Autophagie auf natürliche Weise zu aktivieren und zu steigern:

  • Fastenzeiten. Gerne auch als intermittierendes Fasten: eine beliebte Methode, um nahezu jeden Tag von den Vorzügen der Autophagie zu profitieren. Dies setzt voraus, dass Sie mindestens 12 Stunden am Stück nicht essen und diese Periode dann auf bis zu 16 Std. steigern. Dies ist die Zeit, die benötigt wird, um die Autophagie zu aktivieren. Das bedeutet dann, dass Sie alle Ihre Mahlzeiten für den Tag innerhalb eines Acht-Stunden-Fensters einnehmen müssen und während der übrigen Zeit des Tages (bzw. der Nacht) nichts essen dürfen. Liegen genügend Stunden zwischen dem letzten Essen eines Tages und dem ersten des nächsten Tages, kann man von der segensreichen Autophagozytose profitieren.
  • Sport: sowohl anaerober Sport (Krafttraining) als auch aerober Sport (Ausdauersport) in Form eines zyklischen Trainings: Jeden zweiten Tag ein halbe Stunde hochintensives Intervalltraining oder Widerstandstraining aktivieren die Autophagie.

Ernährung zur Verbesserung der Autophagie:

Durch bestimmte Nahrungsmittel/Nahrungsinhaltsstoffe können Sie auch unabhängig bzw. zusätzlich zum Fasten von einer gesteigerten Autophagozytose profitieren bzw. Ihre zelluläre Müllabfuhr ankurbeln, obwohl der Organismus Nahrung aufnimmt. Es gibt z. B. Hinweise darauf, dass natürlich vorkommende Substanzen wie Resveratrol (Bestandteil von roten Trauben) oder Polyamine in der Lage sind, die Autophagie zu induzieren. Ein natürliches Polyamin ist Spermidin, das auch in vielen Lebensmitteln vorkommt, wie z. B. in Weizenkeimen, frischem grünen Pfeffer, Pilzen, Sojabohnen (v. a. fermentiert), Zitrusfrüchten (v. a. Grapefruit). Da Spermidin sehr stabil ist, kann man es ohne Verluste genießen, z. B. als Zitrusfrüchte-Bergamotte-Tee. Weitere Kandidaten:

  • Curcumin aus frischem Kurkuma und Kurkuma-Extrakt
  • Grüntee (v.a. als Matcha = pulverisierter Grüntee)
  • Ingwer
  • Kaffee: Vermutlich können sekundäre Pflanzenstoffe, sogenannte Polyphenole im Kaffee die Autophagie ankurbeln. Aber tierisches Eiweiß hemmt die Autophagie (also keine Kuhmilch/Sahne in den Kaffee geben und dazu kein Ei, Joghurt, Butterbrot mit Käse/Wurst…).
  • Reishi (fernöstlicher Heilpilz)
  • Kohlgemüse (v.a. das in Brokkoli enthaltene Sulphoraphan)

Lebensstilstrategien und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) zur Verbesserung der Autophagie:

  • Kalorienrestriktion ohne Fasten: chronisches leichtes Kaloriendefizit bei ausgewogener Ernährung. Japaner sind dafür bekannt, nur so viel zu essen, bis sie zu 80 % satt sind. Wer generell nicht bis zur absoluten Sättigung isst, der geht schon einen großen und unanstrengenden Schritt Richtung Autophagozytose.
  • kohlenhydratreduzierte Ernährung bis hin zur ketogenen Diät
  • Vitamin D (über Sonnenlicht oder/und als NEM)
  • Melatonin (Schlafhormon; als NEM)

FAZIT:

Ohne Autophagie werden Ihre Zellen irgendwann mit Toxinen und Abfallstoffen überlastet sein, anfangen zu versagen und letztendlich sterben. So werden sie selbst zum Zellmüll, der aber wiederum nicht weggeräumt werden kann, was Alterung und Krankheiten Tür & Tor öffnet. Autophagiedefekte tragen zu einer Vielzahl von Krankheiten bei, darunter Alzheimer und Parkinson (Demenz bedeutet oft toxischer „Zellschrott“ in den Nervenzellen des Gehirns).

Diesen Prozess im Hinterkopf zu behalten und jeden Tag ein paar der Methoden anzuwenden, die den Prozess der Autophagozytose aktivieren, macht definitiv auch bei MS Sinn (das zeigen inzwischen verschiedene Studien). Die Autophagozytose ist stark entzündungshemmend, stärkt das Immunsystem, beugt Depressionen vor und verlängert die Lebensspanne.

Über Fasten (mehr oder weniger und mit der Ihnen angenehmen Methode) können Sie viel erreichen. Zudem gibt es Autoimmunerkrankungen, bei denen bekannt ist, dass regelmäßiges Fasten zu einer starken Entzündungshemmung und zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität führt. Dazu gehört auch die Multiple Sklerose. Hierbei ist besonders das Potential der ketogenen Diät bei den progredienten Formen der MS hervorzuheben.

Die Aktivierung der körpereigenen Autophagie ist ein einfacher Weg, um Gesundheit zu fördern. Die gute Nachricht ist, dass dies nicht schwierig ist. Fasten scheint ein effizienter Weg zu sein; aber auch ausreichend Bewegung und das Hinzufügen bestimmter Nahrungsmittel helfen dabei.

Und ganz nebenbei werden Sie vielleicht ein wenig jünger (aussehen)…Sie werden sich zumindest so fühlen…

Dies wünscht Ihnen
Ihr Team von Life-SMS


Quellen:
  • Choi, I. Y., Piccio, L., Childress, P., Bollman, B., Ghosh, A., Brandhorst, S., Suarez, J., Michalsen, A., Cross, A. H., Morgan, T. E., Wei, M., Paul, F., Bock, M., … Longo, V. D. (2016). A Diet Mimicking Fasting Promotes Regeneration and Reduces Autoimmunity and Multiple Sclerosis Symptoms. Cell reports15(10), 2136-2146.
  • Mingyang Song; Teresa T. Fung; Frank B. Hu; et al (2016): Association of Animal and Plant Protein Intake With All-Cause and Cause-Specific Mortality. https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2540540
  • Rubinsztein, D. C., Codogno, P., & Levine, B. (2012): Autophagy modulation as a potential therapeutic target for diverse diseases. Nature Reviews. Drug Discovery, 11(9), 709–730. http://doi.org/10.1038/nrd3802
  • Storoni, M., & Plant, G. T. (2015). The Therapeutic Potential of the Ketogenic Diet in Treating Progressive Multiple Sclerosis. Multiple sclerosis international2015, 681289.

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Vitamin D, Sonne und MS reloaded – Faktenblatt 2019 und Übersichtsvideo

Der Einfluss von Vitamin D und der Sonnenstrahlung auf die Multiple Sklerose wird seit Jahren teilweise kontrovers diskutiert. Wir haben schon im Jahr 2014 ein Faktenblatt zu diesem Thema herausgebracht und inzwischen haben sich die darin gemachten Aussagen mehr und mehr bestätigt. Selbst die Zweifler müssen inzwischen zugeben, dass es aus wissenschaftlicher und therapeutischer Sicht grob fahrlässig wäre, dem Vitamin D-Spiegel bei MS Patienten keine Beachtung zu schenken.

Zum Einstieg

Für uns Grund genug, den aktuellen Sachstand zum Thema in einem überarbeiteten Faktenblatt ausführlich darzustellen. Bevor wir näher zu den Inhalten kommen, sei Ihnen als Einstieg das Übersichtsvideo von Dr. med Arman Edalatpour unter dem Titel “Sonne und Vitamin D – Die erstaunliche Wirkung auf das Immun- und Nervensystem” empfohlen:

Inhalt des Faktenblatts

Das aktualisierte Faktenblatt hat sich inzwischen zu einem ausgewachsenen Dokument entwickelt und umfasst die folgenden Kapitel:

  • Hintergrund
  • Was bedeutet fehlende Sonneneinstrahlung?
  • Vitamin D und das Immunsystem
  • Konsequenzen für die Behandlung der MS
  • Hochdosis-Vitamin-D-Therapie im ganzheitlichen Therapie-Konzept bei Auto-Immunerkrankungen (Coimbra-Protokoll)
  • Sonne ist mehr als nur Vitamin D-Produktion
  • Konkrete Empfehlungen
  • Besonderer Hinweis: Interferon-β und Vitamin D
  • In aller Kürze
  • Die „Take-home Messages“
  • Relevante Studien

Wie erhalten Sie das aktuelle Faktenblatt Vitamin D/Sonne und MS 2019?

Ganz einfach! Bitte spenden Sie einen beliebigen Betrag zu Gunsten Life-SMS über betterplace und wir senden Ihnen einen Download-Link für das Faktenblatt in deutscher und englischer Version zu. Bitte beachten Sie: da dies kein automatisierter Versand ist, sondern manuell erfolgt, kann es wenige Tage dauern bis Sie den Downloadlink nach bestätigtem Spendeneingang erhalten.

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Sobald wir 50% der für den aktuellen Spendenbedarf (Basisfinanzierung 2019) kalkulierten Mittel erreicht haben, werden wir das aktuelle Faktenblatt auch für Nicht-Spender freischalten. Sie unterstützen also mit Ihrer Spende auch Betroffene, die über keinerlei finanzielle Möglichkeiten verfügen.

Fazit zum Thema Vitamin D und Sonne aus heutiger Sicht:

Aus der aktuellen Datenlage ist ableitbar, dass Vitamin D das Risiko an einer MS zu erkranken und deren Verlauf positiv beeinflusst. Dieses konnte epidemiologisch, klinisch, radiologisch, immunologisch und durch genetische Studien nachgewiesen werden. Unabhängig von Vitamin D moduliert das natürliche Sonnenlicht das menschliche Immunsystem zusätzlich in positiver Weise. Die Kombination aus gezielter Supplementierung mit Vitamin D und ausreichend über das Sonnenlicht aufgenommener UV-Strahlung ist somit einer der besten natürlichen Wege, ein außer der Kontrolle geratenes Immunsystem wieder in Homöostase zu bringen.

Vor einer “Hochdosis Vitamin D-Therapie” auf eigene Faust muss ausdrücklich gewarnt werden. Die Folgen können gesundheitlich schädlich oder sogar fatal sein. Es gibt heute keinerlei Studiennachweise dafür, dass eine “Hochdosis Vitamin D Therapie” bei allen MS-Patienten angezeigt oder sinnvoll wäre. Sollten Sie sich für diese Art der Therapie interessieren, kontaktieren Sie bitte unbedingt Ärzte, die über eine entsprechende Qualifikation verfügten.


Unserer besonderer Dank gilt Dr. Maria Beatriz Harouche Vieira, MD, Neurologin und Pathologin, Mitglied der Neurologischen Akademie Brasilien, für die wertvollen Beiträge und hilfreichen Diskussionen bei der Aktualisierung und Erweiterung dieses Faktenblattes.


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