Bei Autoimmunkrankheiten langfristige Kombination von Vitamin D plus Omega-3-Fettsäuren angesagt 

Positive Auswirkungen einer langfristigen Vitamin-D- und Omega-3-Supplementierung auf die Prävention von Autoimmunkrankheiten: eine randomisierte klinische Studie. 

Vitamin D und aus dem Meer gewonnene, langkettige Omega-3-Fettsäuren sind zwei Nahrungsergänzungen, deren potenzielle Wirkung auf die Vorbeugung und Behandlung von Autoimmunkrankheiten – inklusive der MS – schon seit längerem umfassend untersucht wird.  

Vitamin D 

Wie bereits auch hier vielfach berichtet, ist bekannt, dass die aktive Form von Vitamin D (1,25 OH-Vitamin D) Gene reguliert, die an Entzündungen sowie an angeborenen und erworbenen Immunreaktionen beteiligt sind. Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in hoher Dichte auf Zellen des Immunsystems (T-Lymphozyten, B-Lymphozyten, Makrophagen). Wenn es an seine Rezeptoren gebunden ist, hemmt 1,25(OH)2Vitamin D3 die Expression von Entzündungsfaktoren wie Interleukin 2 (IL-2), Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) und Zytokinen, während es entzündungshemmende Faktoren wie IL-4, IL-5 und IL-10 verstärkt. 

Studien an Tiermodellen bestätigen den Nutzen einer Vitaminsupplementierung bei der Verringerung der Geschwindigkeit des Fortschreitens der Symptome von Autoimmunkrankheiten.  Beobachtungsstudien und kleine klinische Studien haben jedoch widersprüchliche Ergebnisse und teilweise unzureichende Beweise erbracht, sodass diese Nahrungsergänzung leider immer noch nicht allgemein zur Gesundheitsförderung und Prävention von Autoimmunerkrankungen empfohlen wird. Dennoch gehört Vitamin D bei aufgeklärten Neurologen zum täglichen Handwerkszeug bei der Behandlung der MS. 

Siehe auch Faktenblatt: Vitamin D und MS 

Omega-3-Fettsäuren 

Die entzündungshemmende Wirkung von langkettigen Omega-3-Fettsäuren ist ebenfalls bekannt: Tier- und In-vitro-Studien deuten darauf hin, dass eine erhöhte Zufuhr von Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) – zwei besonders wichtige Arten von Omega-3-Fettsäuren – die Produktion von C-reaktivem Protein und entzündlichen Zytokinen wie TNFα, IL-1β und IL-615 29 hemmt und die Vermehrung und Aktivierung von T-Zellen (Immunzellen) verringert. Einige frühere Studien bei Patienten mit autoimmunen rheumatologischen Erkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes, rheumatoider Arthritis und Psoriasis haben bereits eine Verbesserung der Symptome nach einer Behandlung mit Omega 3 gezeigt, aber nur wenige Studien haben den Einsatz dieser Fettsäuren zur Vorbeugung dieser Krankheiten bewertet.  

Siehe auch: und: Faktenblatt Fettsäuren und MS 

Neue Studienergebnisse 

Eine neue Studie (1), die im Januar 2022 in der renommierten Fachzeitschrift The BMJ veröffentlicht wurde, untersuchte die Wirkung einer Supplementierung mit Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren (aus Fischöl) bei einer großen Zahl von amerikanischen Erwachsenen. Es zeigte sich, dass die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten in der Interventionsgruppe über einen Zeitraum von fünf Jahren zurückging, was die Vorteile einer langfristigen Supplementierung beider Nährstoffe bestätigt. Die Autoren nutzten die Datenbank der 2012 durchgeführten VITAL-Studie (2) – einer doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie –, in der die Wirkung einer Supplementierung dieser beiden Nährstoffe auf die Entwicklung von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht worden war. In der VITAL-Studie konnte die Einnahme von Vitamin D das Auftreten von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht verhindern. Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren verringerte das Risiko eines Herzinfarkts in der Gesamtbevölkerung und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Personen mit geringem Fischkonsum.  

In der neuen Studie werteten die Forscher die Daten von 25 871 Teilnehmern der VITAL-Studie aus und konnten den Einfluss von Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren auf die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen über einen Zeitraum von 5 Jahren bewerten. Die Teilnehmer wurden in vier verschiedene Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt 2000 I.E. Vitamin D3 pro Tag, die zweite Gruppe erhielt 1 g Omega-3-Fettsäuren pro Tag, die dritte Gruppe erhielt beide Präparate gleichzeitig und die vierte Gruppe erhielt nur ein Placebo. Anhand von Krankenakten wurden die Fälle von Autoimmunkrankheiten, die während der Studie auftraten, bewertet. 

Das signifikante Ergebnis 

Die Datenanalyse zeigte, dass das Auftreten von Autoimmunerkrankungen während der 5-Jahres-Follow-up-Phase in der Behandlungsgruppe geringer war als in der Kontrollgruppe. Dieser Unterschied wurde sowohl bei den Probanden beobachtet, die Vitamin D erhielten, als auch bei den Probanden, die Omega-3-Fettsäuren oder beide Ergänzungen erhielten. In der Gruppe, die nur Omega-3-Präparate erhielt, wurde jedoch kein statistisch signifikanter Rückgang festgestellt, was bedeutet, dass dieser Rückgang nicht groß genug war, um die Forscher von den Vorteilen der Omega-3-Supplementierung zu überzeugen. Bei den Vitamin-D-Gruppen war dieser Unterschied statistisch signifikant (in diesem Fall überzeugend). Die wichtigsten diagnostizierten Autoimmunkrankheiten waren: rheumatoide Arthritis, rheumatoide Polymyositis, Autoimmunthyreoiditis und Psoriasis. Es wurde nur ein Fall von Multipler Sklerose gemeldet! 

Die Autoren führten auch eine gezielte Analyse durch, bei der sie die ersten beiden Jahre der Nachbeobachtung ausschlossen, um die Verzögerung der Behandlungsergebnisse zu testen, d. h. um festzustellen, ob eine langfristige Nährstoffsubstitution einen größeren Effekt hat. Sie bestätigten, dass der Rückgang der Zahl der Fälle in den letzten drei Jahren der Studie, d.h. nach zwei aufeinanderfolgenden Jahren der Vitamin-D-Substitution, am deutlichsten war. 

Die Ergebnisse dieser Studie sind aufgrund der großen Zahl und Vielfalt der Teilnehmer, der langen Nachbeobachtungszeit und der hohen Therapietreue sowohl bei der Behandlung als auch bei der Nachbeobachtung ein starker Beweis für den Einsatz von Vitamin D bei der Prävention und Kontrolle von Autoimmunität. Es ist wichtig zu beachten, dass das Durchschnittsalter der untersuchten Population 67,1 Jahre betrug, d. h. es handelte sich um ältere Erwachsene. Dies könnte die geringere Zahl der Fälle von Krankheiten erklären, die bei jungen Erwachsenen auftreten, wie z. B. Multiple Sklerose. Eine weitere Einschränkung ist die Schwierigkeit, die Diagnose einiger Autoimmunkrankheiten, wie z. B. der Schilddrüsenerkrankung, auf der Grundlage von Krankenakten zu bestätigen. 

Schlussfolgerungen  – Was zeigt diese Studie wirklich? 

  • Eine Supplementierung mit 2000 I.E. Vitamin D3 pro Tag, auch in Verbindung mit Omega-3-Fettsäuren, führte zu einer geringeren Rate neu auftretender Autoimmunerkrankungen. 
  • Eine längere Behandlung scheint eine größere Wirkung bei der Vorbeugung von Autoimmunerkrankungen zu haben als kurze Behandlungen (in dieser Studie war die Wirkung nach den ersten 2 Jahren der Nachbeobachtung größer)
  • Die alleinige Einnahme von Omega-3-Fettsäuren führte nicht zu einer signifikanten Verringerung der Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen in der Studienpopulation.  Wenn jedoch Teilnehmer mit wahrscheinlicher Autoimmunerkrankung zu Beginn der Studie einbezogen wurden, verringerte die Omega-3-Fettsäure-Supplementierung die Inzidenz um 18 % im Vergleich zu Placebo, und es wurde eine signifikante Wechselwirkung mit der Zeit festgestellt, was auf eine größere Wirkung nach einer längeren Dauer der Supplementierung hinweist (wie bei Vitamin D). 
  • Die klinische Bedeutung dieser Ergebnisse ist hoch, da es sich um gut verträgliche, nicht toxische Ergänzungsmittel handelt und andere wirksame Behandlungen zur Verringerung des Auftretens von Autoimmunerkrankungen fehlen. 
  • Angesichts der Latenzzeit für das Auftreten von Autoimmunerkrankungen könnte eine längere Nachbeobachtung aufschlussreich sein (die Teilnehmer werden im Rahmen einer Open-Label-Verlängerungsstudie beobachtet). Eine ähnliche Studie sollte in einer jüngeren Population durchgeführt werden, um die Häufigkeit von Autoimmunkrankheiten mit früherem Ausbruch zu untersuchen. 
  • Diese Studie unterstützt die Beobachtung, dass Maßnahmen zur Lebensführung über einen langen Zeitraum hinweg bewertet werden sollten, insbesondere wenn es darum geht, ihre Wirksamkeit bei der Prävention von Krankheiten zu beurteilen. Es ist nicht zu erwarten, dass Studien zur Bewertung der Wirksamkeit von Arzneimitteln mit einer kurzen Dauer von 4 bis 8 Wochen in der Lage sind, die Auswirkungen von Maßnahmen wie Ernährung, körperliche Betätigung, Nahrungsergänzungsmittel und andere Lebensstilfaktoren auf die Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung zu bewerten. 

Fazit:

Die Ergebnisse dieser groß angelegten Untersuchung unterstreichen die Richtigkeit unserer Empfehlungen bei der MS-Behandlung einen Schwerpunkt auf eine gute Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D zu legen. Das ist risikolos (sofern man weder von der Hochdosis-Vitamin-D-Therapie noch zu hohen Dosen an Omega-3 spricht) und verspricht sowohl signifikante präventive als auch positiv krankheitsmodulierende Effekte. 

Quellen:

[1] Hahn J, Cook NR, Alexander EK, et al. Vitamin D and marine omega 3 fatty acid supplementation and incident autoimmune disease: VITAL randomized controlled trial. BMJ. 2022;376:e066452. Published 2022 Jan 26. doi:10.1136/bmj-2021-066452 

[2] Manson JE, Bassuk SS, Lee IM, Cook NR, Albert MA, Gordon D, Zaharris E, Macfadyen JG, Danielson E, Lin J, Zhang SM, Buring JE. The VITamin D and OmegA-3 TriaL (VITAL): rationale and design of a large randomized controlled trial of vitamin D and marine omega-3 fatty acid supplements for the primary prevention of cancer and cardiovascular disease. Contemp Clin Trials. 2012 Jan;33(1):159-71. doi: 10.1016/j.cct.2011.09.009. Epub 2011 Oct 2. PMID: 21986389; PMCID: PMC3253961 

Mehr zu diesen Themen finden Sie in den Faktenblättern:

Faktenblatt Vitamin D und MS

Faktenblatt Fettsäuren und MS 



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Wie kann Milcheiweiß die Symptome der Multiplen Sklerose verschlimmern?

Eine neue Tierstudie und Antikörpermessungen bei Menschen geben uns einen Hinweis auf diese spannende Frage.

Die Ursache der Multiplen Sklerose (MS) gibt Ärzten und Forschern trotz großer wissenschaftlicher Fortschritte in den letzten Jahren weiterhin einige Rätsel auf. Viele epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass Umweltfaktoren direkt an der Entstehung und dem Fortschreiten der Krankheit beteiligt sind. So spielen Faktoren wie unzureichende Sonneneinstrahlung, Rauchen, Virusinfektionen und Ernährung eine wichtige Rolle bei der Entstehung und beim Verlauf der Krankheit.

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass insbesondere Ernährungsgewohnheiten und das Darmmikrobiom den Verlauf der MS beeinflussen können. Obwohl die Auswirkungen der Darmmikrobiota in den letzten Jahren eingehend untersucht wurden, ist der Mechanismus, durch den bestimmte Ernährungsfaktoren mit der Autoimmunität des Gehirns zusammenhängen können, noch wenig erforscht.

Was die Ernährung betrifft, so wird der Zusammenhang zwischen Milchkonsum und erhöhter Prävalenz von MS seit mehr als 30 Jahren diskutiert und beruht auf der Tatsache, dass viele Patienten berichten, dass sich ihre Symptome nach dem Konsum von Milch oder Milchprodukten deutlich verschlechtern.

Neue Erkenntnisse der Universität Bonn zur Kuhmilch

Eine neue Studie der Universität Bonn [1] liefert Beweise dafür, dass eine Immunreaktion gegen Kasein – eine allgemeine Eiweißkomponente von Kuhmilch – an der demyelinisierenden („entmarkenden“) Pathologie von MS beteiligt sein könnte. Kasein zählt generell zu den Hauptallergenen in Kuhmilch. Die Studie bestand aus zwei verschiedenen Teilen: Der erste und größte Teil der Studie wurde an Tiermodellen durchgeführt, der zweite an MS-Patienten.

Der Ablauf der Studie

Zunächst injizierten die Forscher gesunden Mäusen verschiedene Kuhmilchproteine und beobachteten das Auftreten von Läsionen im Nervensystem im Laufe der Zeit. Sie fanden heraus, dass Ratten, die kaseinhaltige Injektionen erhielten, neurologische Anzeichen entwickelten, die von Schwäche und verändertem Gang bis zu Verhaltensänderungen reichten. Bei Mäusen, die Injektionen mit anderen Milchproteinen (α-Lactalbumin oder β-Lactoglobulin) erhielten, traten keine Anzeichen für neurologische Schäden auf. Anschließend wurden die Mäuse zu verschiedenen Zeitpunkten im Zusammenhang mit der Milchproteininjektion getötet und Schnitte des Rückenmarks unter dem Elektronenmikroskop betrachtet. Signifikante pathologische Veränderungen wurden nur bei den mit Kasein immunisierten Populationen beobachtet. Bei diesen Ratten traten die demyelinisierenden Veränderungen zeitabhängig auf; d. h., die 20 Tage nach der Kaseininjektion untersuchten Rückenmarksabschnitte wiesen mildere Läsionen auf als die 40 Tage nach der Injektion untersuchten, was auf ein Fortschreiten der Myelinschädigung im Laufe der Zeit hinweist.

Die Wissenschaftler fanden auch hohe Titer von Antikörpern gegen Kasein im Blut von Mäusen, die mit diesem Protein (IgG-Kasein) immunisiert worden waren, und konnten schließlich eine Kreuzreaktion mit dem Protein Myelin-assoziiertes Glykoprotein (MAG) nachweisen, d. h. Antikörper gegen Kasein zerstören MAG. MAG ist ein Transmembranprotein, das sowohl im Zentralnervensystem als auch im peripheren Nervensystem vorkommt und am Prozess der Myelinscheidenbildung beteiligt ist. Die kreuzweise Immunreaktion tritt aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit zwischen Kasein und MAG auf.

Und beim Menschen?

Im zweiten Teil der Studie wurde das Vorhandensein von Anti-Kasein-Antikörpern bei Patienten mit MS und bei Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen untersucht. Bei MS-Patienten wurden deutlich höhere IgG-Kasein-Titer festgestellt als bei Patienten mit anderen Krankheiten. Ein signifikanter Anteil der Patienten wies Antikörper auf, die sowohl das Milchprotein (Kasein) als auch das Myelin-assoziierte Protein (MAG) erkennen können. 

Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass eine Immunreaktion auf Kuhmilchkasein zur Pathologie der MS beitragen kann.

Die Fähigkeit von Rinderkasein, allergische Phänomene auszulösen und als Antigen für das menschliche Immunsystem zu fungieren, ist gut dokumentiert und lässt sich mit der Tatsache begründen, dass der Mensch das einzige Tier ist, das im Erwachsenenalter Milch eines anderen Tieres zu sich nimmt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Mensch Kuhmilch oral zu sich nimmt und nicht, wie im Tiermodellversuch, durch Injektionen. Wir wissen, dass wir nach den ersten Kontakten mit Kuhmilch über den Magen-Darm-Trakt eine immunologische „Toleranz“ entwickeln, die die Entwicklung einer Autoimmunität verhindern würde. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Toleranz bei genetisch prädisponierten Personen durchbrochen werden kann. In diesem Fall wäre Kasein nicht die Ursache der MS, sondern könnte zu ihrer Pathologie beitragen und die Symptome verschlimmern. 

Trotz ihrer Einschränkungen stellt die Studie eine Hypothese über einen möglichen Mechanismus auf, durch den die Immunogenität von Kasein zur Demyelinisierung und zur Verschlimmerung der MS-Symptome führen könnte. Diese Ergebnisse rechtfertigen nicht nur die Durchführung weiterer Studien am Menschen, sondern mahnen auch, bei der Behandlung von MS-Patienten eine Einschränkung des Konsums von Milch und Milchprodukten in Betracht zu ziehen.

Zusammenfassung: 

Der Zusammenhang zwischen Milchkonsum und erhöhter Prävalenz von MS wird seit langem diskutiert, nachdem viele Patienten berichten, dass sich ihre Symptome nach dem Konsum von Milch oder Milchprodukten deutlich verschlechtern. Diese neue Studie zeigt: 

  • Kasein (ein spezifisches Milcheiweiß) kann bei Ratten neurologische Symptome hervorrufen, wenn es durch Injektion verabreicht wird, während andere Milcheiweiße dies nicht tun.
  • Diese neurologischen Symptome werden durch Demyelinisierung (Zerstörung der Myelinscheide) verursacht.
  • Die Injektion von Kasein führt zur Bildung hoher Titer von Anti-Kasein-Antikörpern, die das Myelin-assoziierte Glykoprotein (MAG) aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit der beiden Proteine zerstören.
  • Patienten mit MS haben höhere Titer von Antikörpern gegen Kasein als Personen ohne MS.

Fazit:

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse lässt sich ein möglicher Mechanismus erklären, durch den die Immunogenität von Kasein zur Demyelinisierung und zur Verschlimmerung der MS-Symptome führen könnte. Auf dieser Grundlage sollten weitere Studien am Menschen durchgeführt und Einschränkungen des Milchkonsums bei der Behandlung von MS-Patienten in Betracht gezogen werden. Patienten, die auf Milchkonsum verzichten gehen in jedem Fall kein zusätzliches Risiko ein.

Referenz:

[1] Chunder, R., Weier, A., Mäurer, H., Luber, N., Enders, M., Luber, G., Heider, T., Spitzer, A., Tacke, S., Becker-Gotot, J., Kurts, C., Iyer, R., Ho, P. P., Robinson, W. H., Lanz, T. V., & Kuerten, S. (2022). Antibody cross-reactivity between casein and myelin-associated glycoprotein results in central nervous system demyelination. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 119(10), e2117034119. https://doi.org/10.1073/pnas.2117034119

Die Studienautorin Prof. Stefanie Kürten ist langjähriges Mitglied des korrespondierenden Expertennetzes des Projektes Life-SMS



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Eine schwelende Krankheit – MS in einer neuen Perspektive

Irgendetwas schwelt…

Eine schwelende Krankheit – MS in einer neuen Perspektive

Die heutige Medizin definiert Multiple Sklerose (MS) als eine fokale entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Vorhandensein entzündlicher Läsionen (die auf MRT-Scans des Gehirns zu sehen sind) definiert, ob die Krankheit aktiv ist oder nicht, und die klinische Klassifizierung, den therapeutischen Ansatz und die Prognose nach medizinischen Leitlinien bestimmt. Die Entzündung wird als Ursache für Rückfälle oder akute neurologische Verschlechterungen angesehen.

Das radiologische Kriterium zur Definition einer aktiven Erkrankung (und einer Entzündung) ist das Vorhandensein von kontrastverstärkenden Läsionen auf T1-gewichteten MRT-Bildern (Magnetresonanztomographie) oder von neuen Läsionen auf T2-gewichteten MRT-Bildern (oder die Verstärkung alter Läsionen).

Die klassische pharmakologische Behandlung zielt darauf ab, einen Zustand zu erreichen, der als NEIDA (no evident inflammatory disease activity) bezeichnet wird, d. h. das Fehlen aktiver Läsionen auf MRT-Aufnahmen des Schädels.

Studien zum Krankheitsverlauf

Studien, die den natürlichen Krankheitsverlauf (d. h. die Entwicklung der Patienten im Laufe der Zeit) untersuchen, zeigen jedoch, dass die fortschreitende Akkumulation von Behinderungen oft unabhängig von der Anzahl der Schübe seit Beginn der Erkrankung auftritt. Andererseits hat sich gezeigt, dass die Unterbrechung der entzündlichen Reaktivierung die Zunahme der Behinderungen nicht generell verhindert, was darauf hindeutet, dass andere pathologische Prozesse im Gehirn und Rückenmark zum langsamen Verlust der neurologischen Funktionen beitragen.

Klinisch lässt sich eine Verschlechterung des Behinderungsgrades (wie z. B. des EDSS) auch dann beobachten, wenn kein neues akutes oder schubförmiges Ereignis auftritt, d. h. selbst in Fällen, in denen die Krankheit nach den derzeitigen Kriterien „unter Kontrolle“ ist. Viele Patienten in diesem Zustand fragen sich: „Wie kann ich eine inaktive Krankheit haben, wenn ich eine fortschreitende Schwäche erlebe?“

Prof. Gavin Giovannoni (von der London Medical School) und seine Mitarbeiter haben eine sehr interessante Arbeit [1] veröffentlicht, die darauf abzielt, die derzeitige Auffassung zu ändern, die sich auf das Vorhandensein einer akuten fokalen Entzündung im ZNS konzentriert.

Neue Sicht: Entzündung als Folge statt Ursache

Die Forscher schlagen vor, dass die „echte MS“ durch einen latenten (chronischen, langsam fortschreitenden) Prozess verursacht wird, der von einer überlappenden akuten Entzündungsaktivität begleitet wird. Diese Entzündung stellt die Immunreaktion des Erkrankten auf die eigentlichen Ursachen der Krankheit dar.

Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich demnach um einen fortschreitenden neuroaxonalen Verlust, der von Beginn der Krankheit an vorhanden ist. Was wir klinisch sehen, wäre eine sich überlagernde Wirkung von einem Entzündungsherd ausgehender Störungen auf ein Nervensystem, das bereits funktionell beeinträchtigt ist. Das neuroaxonale Verlust ist dann abhängig vom Ausmaß früherer pathologischer Beeinträchtigungen, von der kognitiven Reserve des Gehirns und von seiner Fähigkeit, die Funktion wiederherzustellen oder die entstandenen Schäden zu kompensieren.

Entgegen der bisherigen Auffassung stellen solche Entzündungsbefunde nicht die Krankheit dar, sondern sind lediglich eine Immunreaktion auf die bereits bestehende Krankheit selbst.

Um diese neue Theorie zu erklären, werden verschiedene Faktoren in Betracht gezogen:

Aus pathophysiologischer Sicht wird MS derzeit als eine Krankheit beschrieben, die durch äußere Veränderungen verursacht wird, die zu einer inneren Immunreaktion führen (Outside-in-Krankheit). Nach der neu vorgeschlagenen Theorie ist MS eine latente Veränderung, die innerhalb des zentralen Nervensystems beginnt, wobei jeder Entzündungsherd ein Phänomen ist, das die Zerstörung von Neuronen fördert, antigene Myelinfragmente freisetzt und die bestehende adaptive Immunreaktion aktiviert (Inside-Out-Krankheit).

Auch die pathologischen Befunde stützen diese Theorie, wenn entzündliche Infiltrate, axonaler Verlust und Demyelinisierung vom Früh- bis zum Endstadium der Krankheit vorhanden sind. Die pathologischen Veränderungen sind während des gesamten Krankheitsverlaufs die gleichen, nur das Ausmaß dieser Läsionen kann unterschiedlich sein (z. B. mehr Entzündung in frühen Stadien, mehr Verlust von Hirnvolumen in späten Stadien) – was für eine Kontinuität zwischen den schubförmigen und den fortschreitenden Phasen der Krankheit spricht.

Dies steht im Einklang mit epidemiologischen Beobachtungen, die zeigen, dass sowohl PPMS- (primär progrediente Multiple Sklerose) als auch SPMS-Patienten (sekundär progrediente Multiple Sklerose) in einem ähnlichen Durchschnittsalter eine klinische Progression aufweisen und eine ähnliche Häufung von Behinderungen erleben. Das heißt, die endgültige Behinderung der Patienten tritt bei den verschiedenen „Typen“ der Krankheit in ähnlicher Weise auf, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um verschiedene Formen der Krankheit handelt, sondern um eine einzige latente Krankheit mit Phasen der Verschlimmerung.

Das radiologische Paradoxon, dass das Vorhandensein entzündlicher Läsionen auf der MRT des Gehirns den Grad der langfristigen Behinderung nicht vorhersagt, spricht ebenfalls dafür, dass die Krankheit in einer gemeinsamen Art auftritt und dass das Vorhandensein einer aktiven Entzündung nicht allein für den Verlust von Nervenzellen und das Fortschreiten der Krankheit verantwortlich ist.

Daraus folgt: Behandlungsschwerpunkt anpassen!

Mit diesem neuen Ansatz zum Verständnis von MS schlagen die Autoren eine einfache Richtungsänderung des Behandlungsschwerpunkts vor: Anstatt sich auf die Kontrolle der Ausbrüche und der fokalen Aktivität (Entzündungsherde) im MRT zu konzentrieren, sollten wir die Aufmerksamkeit auf die Prozesse lenken, die vermutlich für die latente MS verantwortlich sind. Und was könnten diese Faktoren sein?

Es wurde eine Reihe von Mechanismen als mögliche Ursachen für MS vorgeschlagen:

• Demyelinisierung

• Angeborene Immunität (Makrophagen/Mikroglia-Aktivierung)

• Adaptive Immunität (B-Zellen)

• Chronische oxidative Schäden

• Anhäufung von Mitochondrienschäden

• Altersbedingte Eisenanreicherung

• Energiedefizite

• Virusinfektion (Epstein-Barr-Virus und Humanes Endogenes Retrovirus)

Der Lebensstil taugt als Therapiekonzept

Unabhängig davon, welche Faktoren oder welche Erreger die MS verursachen, muss ein neues Therapiekonzept gesucht werden, das neben einer entzündungshemmenden Wirkung auch auf Neuroprotektion, Remyelinisierung und Neuroregeneration abzielt. Es ist daher klar, dass die Erhaltung der Gesundheit des Gehirns für die Kontrolle der Entwicklung einer latenten MS von wesentlicher Bedeutung ist.

Und wie können wir unsere Gehirngesundheit verbessern?

Durch eine Änderung des Lebensstils! Zur neuroprotektiven Behandlung gehören der Verzicht auf toxische Substanzen wie Alkohol und Tabak, regelmäßige körperliche Betätigung, ein qualitativ hochwertiger Schlaf, die Pflege der emotionalen Gesundheit, die Vermeidung von Infektionen (insbesondere Parodontitis) und eine gesunde Ernährung mit Schwerpunkt auf ketogener Ernährung, Fasten und Kalorienrestriktion. Und “last but not least” ein guter Vitamin-D-Spiegel und die Nutzung der gesundheitsfördernden Eigenschaften des Sonnenlichts.

Diese Behandlung sollte mit einer pharmakologischen Behandlung einhergehen, die sich nicht nur auf die Kontrolle der Entzündung, sondern auch auf die Remyelinisierung und die neuronale Erholung konzentrieren sollte.

Schlussfolgerung:

Es wird in dieser Studie eine neue Sichtweise vorgeschlagen, die von dem Grundsatz ausgeht, dass MS nicht als klinisch-radiologische Angelegenheit behandelt werden sollte, bei der der Schwerpunkt auf der Kontrolle der Entzündung liegt, sondern vielmehr als biologische Krankheit. Nach dieser Theorie ist Multiple Sklerose eine latente, chronische Krankheit mit fortschreitendem axonalen Verlust, die gelegentlich akute Entzündungsschübe aufweist. Diese Schübe stellen die Immunreaktion des Patienten auf die eigentlichen Verursacher der Krankheit dar.

Man könnte sie mit der Lepra vergleichen, bei der der Erreger M. leprae ist, aber das klinische Erscheinungsbild und die Entwicklung der Krankheit werden von der Immunreaktion des Patienten auf den Erreger bestimmt.

Damit wird wieder einmal deutlich, dass die Behandlung nicht nur auf die Kontrolle der Entzündung ausgerichtet sein sollte, sondern auch Maßnahmen umfassen sollte, die den Neuroschutz und die Remyelinisierung fördern und die Gesundheit des Gehirns erhalten.

Maßnahmen des Lebensstils bei der Kontrolle von MS sind von grundlegender Bedeutung, und das Ziel des Life-SMS-Projekts wird einmal mehr bekräftigt: die Verbesserung des Lebensstils für eine zielgerichtetere Behandlung von MS!


Referenzen:

[1] Giovannoni G, Popescu V, Wuerfel J, et al. Smouldering multiple sclerosis: the ‘real MS.’ Therapeutic Advances in Neurological Disorders. January 2022. doi:10.1177/17562864211066751 https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/17562864211066751

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Ist das Epstein-Barr-Virus die Ursache für Multiple Sklerose?

Was uns die neue Studie wirklich lehrt!

Obwohl in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte erzielt wurden, ist die Hauptursache der Multiplen Sklerose (MS) nach wie vor unklar und existiert vielleicht auch nicht. Es ist bekannt, dass das Zusammenspiel von Genetik und Umweltfaktoren die Entwicklung der Krankheit bestimmt. Zu den am besten untersuchten umweltbedingten Risikofaktoren gehören Vitamin-D-Mangel, Rauchen, Fettleibigkeit und eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV).

Epstein-Barr Virus (EBV) – Unknown photographer, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Zusammenhang zwischen einer EBV-Infektion und MS wurde in vielen früheren Studien nachgewiesen, aber ein Kausalzusammenhang muss noch nachgewiesen werden. Das bedeutet, dass wir, obwohl eine große Zahl von MS-Patienten eine frühere EBV-Infektion hatte, nicht sagen können, dass sich keine MS-Symptome entwickeln würden, wenn die Person nicht mit EVB infiziert gewesen wäre.

EBV ist ein Herpesvirus

Das EBV Herpesvirus verbreitet sich über den Speichel. Schätzungen zufolge sind mehr als 90 % der Weltbevölkerung infiziert, und in der überwiegenden Mehrheit der Fälle erfolgt die Infektion in der Kindheit und verläuft asymptomatisch, d. h. eine Infektion wird nur durch einen Bluttest auf Antikörper gegen EBV festgestellt. Nur in wenigen Fällen, vor allem wenn die Infektion im Jugendalter auftritt, kann sie zu einer Erkrankung führen, die als Mononukleose bekannt ist. Ob bei einer asymptomatischen Infektion oder nach dem Auslösen von Symptomen, das Virus dringt in die Immunzellen des Wirts ein, genauer gesagt in die B-Lymphozyten, wo es lebenslang latent im Körper verbleibt.

Ein neuer Artikel, der in der Zeitschrift Science [1] veröffentlicht wurde, hat bewiesen, dass eine EBV-Infektion ein sehr wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von MS ist. Die Studie zeichnet sich durch ihre hervorragende Methodik aus, da sie Millionen von Personen über einen Zeitraum von 20 Jahren untersucht hat. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass sie falsche Informationen enthält.

Für die Studie wurden die Ergebnisse von Bluttests verwendet, die zwischen 1993 und 2013 bei aktiven US-Soldaten durchgeführt wurden. Alle Militärangehörigen unterzogen sich zu Beginn ihres Militärdienstes einem Bluttest und nahmen danach alle zwei Jahre Blut für HIV-Untersuchungen ab. Reste der Serumproben aus jeder Entnahme wurden aufbewahrt, um bei Bedarf verwendet zu werden. Die Autoren identifizierten die Personen, die während ihres Militärdienstes an MS erkrankten, und untersuchten dann ihre zuvor entnommenen Serumproben auf EBV. Die Fälle wurden mit einer Kontrollgruppe verglichen, d. h. mit Personen ohne MS, die nach dem Zufallsprinzip aus derselben Datenbank ausgewählt wurden.

Das Ergebnis überraschte die Forscher: Von den 801 MS-Fällen war nur eine Person in der letzten vor der MS-Diagnose entnommenen Probe EBV-negativ. Dieses Ergebnis unterstreicht die Rolle des Virus als wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von MS. Insbesondere ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person nach einer Infektion mit diesem Virus an MS erkrankt, um das 32-fache erhöht.

Die Studie zeigte auch den zeitlichen Zusammenhang zwischen der EBV-Infektion und der Entwicklung von MS auf, wobei im Median fünf Jahre zwischen dem ersten positiven Test auf das Virus und der Diagnose der Krankheit lagen. Die Autoren fanden auch heraus, dass der Blutspiegel des Neurofilament-Leichtkettenproteins, eines Biomarkers für neuroaxonale Schäden, nach der Serokonversion (Auftreten von Anti-EBV-Antikörpern im Blut) anstieg und dem Auftreten der ersten klinischen Anzeichen von MS vorausging. Diese neuen Erkenntnisse zeigen, dass eine EBV-Infektion nicht nur dem klinischen Ausbruch, sondern auch den frühen pathologischen Veränderungen bei der Entwicklung von MS vorausgeht.

In Anbetracht dieser Ergebnisse könnte u.a. die Entwicklung eines Impfstoffs, der die Infektion mit dem EBV verhindern kann, die Zahl der MS-Fälle erheblich reduzieren und neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen.

Wir wissen jedoch, dass andere Risikofaktoren nicht vergessen werden dürfen. Die Ursache der MS ist nach wie vor multifaktoriell, und der Ansatz sollte derselbe sein: Kontrolle der Risikofaktoren und Suche nach einem immunologischen Gleichgewicht, das das Fortschreiten der Krankheit verringern kann.

Was die Studie zeigt:

  • Eine EBV-Infektion ist ein sehr starker Risikofaktor für die Entwicklung von MS – sie erhöht das Risiko einer Person, an MS zu erkranken, um das 32-fache – ähnlich wie das Rauchens das Risiko von Lungenkrebs erhöht -, aber sie kann nicht als alleinige Ursache von MS angesehen werden: Die Pathogenese von MS bleibt multifaktoriell.
  • Nicht jeder Mensch, der eine EBV-Infektion hatte, wird MS entwickeln. Aber fast jeder Mensch, der MS entwickelt, hat eine EBV-Infektion gehabt. MS könnte dann als Spätkomplikation einer EBV-Infektion angesehen werden.
  • Die EBV-Infektion ist nicht der einzige Risikofaktor für MS und reicht nicht aus, um die Krankheit auszulösen. Es müssen auch andere Risikofaktoren eine Rolle spielen – genetische Faktoren, Rauchen, niedriger Vitamin-D-Spiegel, Übergewicht usw.
  • Ein wirksamer Impfstoff gegen das EBV könnte das MS-Risiko verringern. Allerdings muss dann sichergestellt sein, dass der Nutzen mögliche Impfschäden deutlich überwiegt.
  • Neue Therapien, die darauf abzielen, das Virus während der Primärinfektion zu eliminieren (z. B. antivirale Medikamente), könnten ebenfalls wirksam sein.
  • Die neue Herausforderung für die Wissenschaft wird darin bestehen, den Mechanismus zu klären, durch den das Virus bei der Entstehung von MS wirkt, und so eine wirksamere Behandlung zu finden.

Schließlich:

Da die EBV-Infektion sehr häufig vorkommt und einen sehr starken Risikofaktor für MS darstellt, wird immer deutlicher, dass die Kontrolle der anderen Risikofaktoren und die Stärkung des Immunsystems sehr wichtige Faktoren sind, um sowohl den Ausbruch als auch das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten. Ein gesunder – auf Stärkung des Immunsystems ausgelegter Lebensstil – bringt all diese Vorteile mit sich. Therapien, die auf eine Unterdrückung des Immunsystems zielen, sind unter dem Gesichtspunkt einer bestehenden EBV-Infektion, mit äußerster Vorsicht zu bewerten.


Quelle:

[1] Bjornevik K, Cortese M, Healy BC, Kuhle J, Mina MJ, Leng Y, Elledge SJ, Niebuhr DW, Scher AI, Munger KL, Ascherio A. Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. Science. 2022 Jan 21;375(6578):296-301. doi: 10.1126/science.abj8222. Epub 2022 Jan 13. PMID: 35025605.


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Supplementation nach dem Wahls-Protokoll – Teil 2/2

Nachdem wir vor kurzem auf diesem Kanal ausführlich über die wichtigste Supplementation des Wahls-Protokolls – das Vitamin D – berichtet haben, schauen wir nun noch tiefer in die Empfehlungen bei MS nach der Internistin Terry Wahls, die sie in Minding my Mitochondria dargestellt hat.

© Buchcover: Minding My Mitochondria; 2nd edition; Terry L. Wahls; TZ Press

Denn um Vitamin D vollkommen ausschöpfen zu können, sind auch andere Vitamine im Körper unabdingbar. Ganz oben auf der Liste stehen Magnesium, Vitamin A, Vitamin K (insbesondere K2 als MK7; am besten in der all-trans-Form), Vitamin E und Omega-3-Fettsäuren; gefolgt von Zink und Bor.

Ohne Magnesium klappt z.B. die Verstoffwechslung von Vitamin D nur unzureichend.

Dass diese Mineralien und Vitamine auch noch viele andere Funktionen haben, wissen die wenigsten. Deswegen gehen wir heute in Teil 2 zum Wahls Protocol näher auf einige ein:

Magnesium

Dass Magnesium neben dem Knochenaufbau für z.B. für den Energie-und Muskel-Stoffwechsel und das Nervensystem wichtig ist, ist gerade für MS-Betroffene von besonderem Interesse. Insbesondere wenn es darum geht, Spastizität in den Muskeln zu verringern, das Syndrom der unruhigen Beine (restless legs) zu verbessern und den Schlaf zu fördern.

Doch Magnesium ist nicht gleich Magnesium. Denn jede Magnesiumverbindung ist unter den natürlich schwankenden pH-Wert-Bedingungen im Darmtrakt unterschiedlich gut löslich. Viele Faktoren – wie Art und Menge der Nahrungsmittel, Medikamente, die bakterielle (evtl. auch Fehl-)Besiedelung des Darms und individuelle Vorgaben – bestimmen die pH-Werte im Verdauungstrakt. Deshalb ist eine ausgewogene Mischung an Magnesiumsalzen günstig, die ein unterschiedliches Löslichkeitsverhalten haben. Dies verhindert auch den gefürchteten Durchfall bei hoher Substitutionsmenge. Außerdem auf den Magnesiumgehalt an sich achten. Dr. Wahls empfiehlt, bei MS täglich 350 bis 400 mg elementares Magnesium einzunehmen (wenn eine normale Nierenfunktion besteht!). Von den Zellen sehr gut aufgenommen wird z.B. Magnesiumglycinat oder Magnesiummalat, das sich auch besonders bei MS empfiehlt.

Eine ausführliche Betrachtung zum Thema Magnesium findet sich auch bei unserem Schwesterprojekt der NährstoffAllianz!

Essentielle Fettsäuren (v.a. Omega-3-Fettsäuren)

Es gibt zwei Omega-3-Fettsäuren, die für MSler noch wichtiger sind als für nicht von einer neurodegenerativen Autoimmunerkrankung Betroffene: Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA). Beide sind entzündungshemmend; EPA mehr als DHA (und DPA = Docosapentaensäurenoch mehr als diese beiden), aber das Gehirn braucht v.a. DHA für kognitive Fähigkeiten (Erinnerung, Konzentration, …) und um Myelin zu bilden, welches durch MS-bedingte Entzündungsprozesse zerstört wurde.

Diese Omega-3-Fettsäuren sind v.a. in fettreichen Kaltwasserfischen, wobei die großen davon (Makrele, Lachs, Hering, Thunfisch) heutzutage zu überfischt und auch zu schadstoffbelastet sind. Besser sind die kleinen, fettreichen wie Sardinen und Sardellen. Oder schadstoffbefreite (!) Fischölpräparate höchster Qualität einnehmen. Alternativ zu diesen gibt es inzwischen auch rein pflanzlich produzierte Omega-3-Produkte (aus einer EPA-DHA-reichen Algensorte). Sowohl als Kapseln als auch als Öl. Die Dosierung sollte ca. 2 Gramm DHA/EPA/Tag betragen (sofern keine Gerinnungsstörungen vorliegen, darf es sogar etwas mehr sein). Wenn Sie Medikamente zur Blutverdünnung einnehmen, müssen Sie aber unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen, wie viel und welche Art von Omega-3-Fettsäuren Sie unbedenklich einnehmen können. Manche Ärzte sind auch bereit, den Blutverdünner durch hochdosiertes Fischöl zu ersetzen, da es die gleiche Wirkung hat.

Bei allen Omega-3-Produkten unbedingt auf beste Qualität achten! Aufstoßen (bei Kapseln, wenn man innerhalb kurzer Zeit danach was Heißes trinkt oder bei unverkapselten Ölen) kommt davon, dass die Produkte schon oxidiert sind (was bei den meisten bereits durch den Herstellungsprozess passiert)!

Oder auch, wenn man Kapseln aufschneidet und sie ranzig oder fischig schmecken oder riechen: Wegwerfen!

Die Internistin Dr. Wahls empfiehlt außerdem vom Arzt ein „Lipidpanel erstellen zu lassen, das auch eine Analyse der essenziellen Fettsäuren umfasst, um zu erfahren, wie das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren in Ihrem Blut ist. Dabei wird das Verhältnis von AA zu EPA (Arachidonsäure zu Eicosapentaensäure) untersucht. Ihr Ziel ist es, dieses Verhältnis zwischen 1,5 und 3 zu halten.“ Außerdem besagt der Hämoglobin-A1C-Wert, wie hoch der Oxidationsgrad Ihres LDL-Cholesterins ist (bei schlechten Produktqualitäten werden Sie hier nie auf einen gesunden Wert kommen können = weniger als 5,2 Prozent).

B-Vitamine

Die Vitamine des B-Komplexes – einschließlich Vitamin B1 (Thiamin; besser als aktive Form Benfotiamin), B2 (Riboflavin), B3 (Niacin), B5 (Pantothensäure bzw. die aktive Form Pantethin), B6 (Pyridoxin bzw. auch hier besser die aktive Form P-5-P = Pyridoxal-5-Phosphat), B7 (Biotin), B9 (Folsäure als Methyl-Folat) und B12 (als aktive Cobalamin-Formen wie Adenosylcobalamin statt des preiswerten, unaktivierten Cyanocobalmin) – erfüllen immens viele wichtige Funktionen für das reibungslose Funktionieren der Zellen.

Dr. Wahls empfiehlt, dass insbesondere die Folat- und Vitamin-B12-Werte im oberen Quartil (nahe der Spitze) des empfohlenen Referenzbereichs liegen. Der Homocysteinspiegel sollte zwischen 4 und 6,5 Mikromol pro Liter liegen.

Coenzym Q10

Coenzym Q10 ist wichtig für die Energiegewinnung durch die Mitochondrien. Mit zunehmendem Alter (insbesondere ab 50 Jahren) wird es für uns schwieriger, genügend Coenzym Q10 herzustellen, und Medikamente beeinträchtigen oft unsere Fähigkeit, Coenzym Q10 zu produzieren bzw. in die aktive Form umzuwandeln.

Terry Wahls empfiehlt MS-Diagnostizierten 200 mg Coenzym Q10 als Tagesdosis (gerne über den Tag verteilt). Wenn Sie dreimal pro Woche Herz (die reichhaltigste Quelle von Coenzym Q10) und Leber (nur aus ökologischer, artgerechter Weidetierhaltung!) essen, erhalten Sie außerdem mehr Coenzym Q10, Liponsäure und andere wichtige mitochondriale Nährstoffe. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Einnahme von Coenzym Q10, wenn Sie Statine einnehmen.

Algen

Viele marine Algensorten (v.a. die Kombu-Alge) sind sehr gute Lebensmittel, die wir täglich essen sollten (in schadstoffgeprüfter Qualität!). Es gibt aber auch Sorten (nämlich Süßwasser-Algen), die eher als Nahrungsergänzungsmittel angesehen werden – aber auch täglich konsumiert werden sollten: Die Mikroalge Chlorella und Blaualgen wie Spirulina und AFA-Algen (Aphanizomenon Flos Aquae; z.B. die besondere Klamath-Alge), welche eigentlich Cyanobakterien sind (daher die blaue statt grün-braune Farbe). Sie sollen Schwermetalle und andere Giftstoffe binden und mit dem Stuhl ausleiten können. Terry Wahls empfiehlt, die Mikro-/Blaualgen auf jeden Fall morgens einzunehmen, denn diese könnten Energiebooster sein.

Sie dürfen auf keinen Fall mit schädlichen Bakterien kontaminiert sein, d.h. nicht mit anderen Cyanobakterien (z.B. Microcystis, Planktothrix) verunreinigt sein, die sogenannte Microcystine erzeugen. Microcystine gelten als krebserregend, schädigen das Nervensystem und sind lebertoxisch. Außerdem sollten sie unbedingt frei von Schwermetallen sein.

Dafür sollten sie am besten in geschlossener Algen-Aquakultur nach EU-Bio-Verordnung gezüchtet werden (was sich leider auf den Preis auswirkt).

Außerdem sind Wechselwirkungen mit Medikamenten wie Immunsuppressiva, Blutgerinnungshemmern und bestimmten Schmerzmitteln möglich.

Und in einer kanadischen Studie wurde über eine Mobilisierung verschiedener Immunfaktoren durch AFA-Algen berichtet. Darüber hinaus sollen schon sehr kleine Mengen von Mikrocystinen den Stoffwechsel der entzündungsfördernden Arachidonsäure beeinflussen können.

Achten Sie bei diesem Ernährungstipp von Terry Wahls also unbedingt auf allerbeste, überprüfte Qualität und besprechen Sie die Einnahme ggf. mit Ihren Behandlern.

Verdauungsenzyme

Eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung erhöht die Anforderungen an unsere Verdauungsenzyme, welche für einen gesunden Darm dringend nötig sein können.

Laut Terry Wahls sollten Sie beim Kauf darauf achten, dass das Produkt mindestens Protease, Bromelain, Amylase und Lipase enthält. Verdauungsenzyme können die Wirkung von blutverdünnenden Medikamenten verstärken und müssen mit Vorsicht verwendet werden, wenn Sie Medikamente einnehmen, insbesondere Blutverdünner jeglicher Art, einschließlich Fischöl. Dies ist einer der Gründe, die Dosis langsam einzuschleichen.

Zusätzliche Ballaststoffe

Gönnen Sie sich für Ihre Darmgesundheit – und damit auch die Stärke Ihres Immunsystems – zusätzlich ausgesuchte lösliche Ballaststoffe aus Flohsamenschalen, Inulin, Apfelpektin, frisch gemahlenen Lein- oder Chiasamen. Eine allgemeine Empfehlung besagt ca. 30 g täglich – mit viel Flüssigkeit!

Abschließend wiederholen wir noch einmal die Sicherheitshinweise aus Teil 1:

Jeder Mensch ist einzigartig, und ein Eingriff von außen sollte wohldurchdacht sein. Bei einigen Supplementen (z.B. den fettlöslichen unter den Vitaminen) ist zudem regelmäßig eine Anpassung an die sich verändernden Blutspiegel wichtig. Auch wenn viele Vitamintabletten äußerlich wie bunte Smarties daherkommen, können sie  – noch mehr als ein Zuviel an Smarties – ungesunde Folgen haben. Regelmäßige Messungen verschaffen Sicherheit.

Am besten suchen Sie sich dafür einen Arzt mit der Zusatzqualifizierung “Funktionale Medizin oder Mikronährstoffmedizin” für ein gutes Monitoring.

Außerdem sollte dieser sich mit den synergetischen Effekten der Supplemente auskennen und Sie dementsprechend gut beraten.

Anmerkung: Eine ggf. durchgeführte individuelle Basistherapie und andere laufende Therapien sowie verschreibungspflichtige Medikamente sollten nicht abgesetzt werden (und dann, nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt), bis man das Wahls-Protokoll solange absolviert hat, dass das Entzündungsgeschehen merklich und nachhaltig allenfalls noch auf niedrigster Stufe abläuft und der Gesamtstatus des Körpers (Oxidation, Stress, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht, Psyche, Energie, Bewegungsradius) dies regelrecht widerspiegelt.

Achtung: Für Diabetiker und Schwangere sind diese Empfehlungen nicht uneingeschränkt geeignet!

Fazit:
Im Großen und Ganzen sind die Empfehlungen von Terry Wahls nahezu deckungsgleich mit dem, was Life-SMS immer wieder aufgrund diverser Studien hier empfohlen hat. Die individualisierte und bewusste lebensstil-orientierte Anpassung der Ernährung und anderer Faktoren sind der Schlüssel zu Stabilisierung und Gesundung.

Zudem kann eine Paleo-Ernährung, ähnlich wie sie Dr. Terry Wahls für an Multiple Sklerose Erkrankte empfiehlt, eine weitere Stellschraube zur Verbeugung und Therapiebegleitung bei Zivilisationserkrankungen allgemein sein. Mehr dazu können Sie lesen in diesem Artikel der NährstoffAllianz “Paleo Ernährung – eine weitere Stellschraube bei Zivilisationserkrankungen?”

Einen gesunden Lebensstil wünscht Ihnen

Ihr Team von Life-SMS


Zur Vertiefung:

Wahls, Terry, Dr.: Multiple Sklerose erfolgreich behandeln – mit dem Paläo-Programm, 2015. Das Buch ist im guten Fachhandel erhältlich.


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Von wegen Fett weg – MS und das Wahls-Protokoll

Nachdem hoffentlich das alte Jahr gut weggeräuchert wurde und auch Ihnen Platz für ein neues, gesundes Jahr gemacht hat, wird Life-SMS in 2022 besonderes Augenmerk auf den Gesundheitsaspekt „Bewegung bei MS“ legen. Doch starten wollen wir das Jahr mit einer Auffrischung und Vertiefung eines anderen besonders gesunden Themas:

Life-SMS hat schon mehrfach über ketogene Ernährung bei MS berichtet. 

Zum Beispiel in Das therapeutische Potential einer ketogenen Diät bei der progredienten MS“ 

mit dem Fazit: „Eine ketogene Diät hat das Potenzial die Energieversorgung der Nervenzellen und den Schutz der Zellen zu verbessern und kann somit den neurodegenerativen Prozessen bei der MS entgegenwirken.“

und in Stoffwechselverbesserungen und Reduktion des Oxidationszustandes mit ketogener Ernährung bei MS-Patienten“

mit dem Fazit: „Eine ketogene Ernährungsweise bietet bei MS durchaus Chancen, gerade mit Blick auf die Minimierung und den Stopp des entzündlichen, degenerativen Zweiges der Erkrankung. Wie alle spezifischen Ernährungsformen, ist sie weder eine Wunderdiät noch ist sie eine „One fits for all – Methode“. Jeder Stoffwechsel ist patientenspezifisch.“

und speziell über die Wahls-Diät diesen Gastbeitrag 

Gastbeitrag: Ketogene und Steinzeit-Ernährung am Beispiel der Internistin Dr. Terry Wahls aus Iowa

Das Wahls-Protokoll im Detail

Anlässlich eines aktuellen Interviews der selbst an MS erkrankten Ärztin ist es Zeit für eine Vertiefung in die von ihr für an Multiple Sklerose Erkrankte entwickelte Diät, die sich das Wahls-Protokoll (engl. protocol) nennt und auf der sogenannten Paleo- oder Steinzeitdiät basiert, welche bei MS und in mit Blick auf die heutigen Erkenntnisse aber weit darüber hinausgehen muss.

© Buchcover: Minding My Mitochondria; 2nd edition; Terry L. Wahls; TZ Press / erhältlich z.B. über amazon

Versorgung mit Nährstoffen

Ein wichtiger Teil des Wahls-Protokolls ist die Versorgung mit Nährstoffen für die bestmögliche Funktion der Körperprozesse inkl. des Energiehaushaltes der Zellen (durch die optimale Versorgung der Mitochondrien). Dafür ist eine ketogene,  zu großen Teilen pflanzenbasierte Diät (mit WIRKLICH VIEL Gemüse), mit etwas „ursprünglichem“ Eiweiß, also biologisch wertvollem Fleisch, aus Weidehaltung oder Wild (inkl. der wertvollen Knochenbrühe etc.) plus hochwertigem Fisch (artgerecht und frei von Schwermetallen und anderen Umweltgiften!), ebensolchen See- und anderen Algen, fermentierten Lebensmitteln und viel nativem Kokosnussöl schon eine sehr gute Voraussetzung. Das Kokosöl führt dem Körper direkt Ketonkörper zu, sodass den Zellen diese alternative Energiequelle zur Verfügung steht.

(Achtung: Für Diabetiker Typ I und für Schwangere ist eine ketogene Ernährung ungeeignet!)

Nahrungsergänzungsmittel und MS nach Dr. Wahls

Trotzdem kann diese bewusste Ernährungsweise gerade für an MS Erkrankte nicht ausreichen und die zusätzliche Einnahme von hochwertigen Nahrungsergänzungsmitteln hilfreich sein. Da es bestimmte Erkrankungen gibt, bei denen bestimmte Nahrungsergänzungsmittel kontraindiziert sein können, und bestimmte Medikamente mit einigen Nahrungsergänzungsmitteln reagieren könnten, besprechen Sie eine sinnvolle Supplementation aber bitte mit Ihrem Arzt. 

Und Dr. Wahls meint: “Ich habe viel gelernt, seit ich MMM geschrieben habe (Anm.: „Minding My Mitochondria – How I overcame secondary progressive multiple sclerosis” ist der Originaltitel), und habe eine Menge zusätzlicher Forschungsergebnisse gewonnen.
Eine Sache, die dabei sehr klar geworden ist: Es ist am besten, das Protokoll zu individualisieren.” 

Zu den  Nahrungsergänzungsmittel, die bei den meisten Betroffenen mit Multipler Sklerose von großem Nutzen sein können gehören nach Wahls:

  • Vitamin D (Vitamin-D-Test nicht vergessen!), 
  • essenzielle Fettsäuren, 
  • Vitamin E und die
  • B-Vitaminfamilie (aktives B12 wie Adenosylcobalamin; Methyl-Folat und Vitamine des B-Komplexes, einschließlich Thiamin (besser als aktive Form Benfotiamin), Riboflavin, Niacin, Pantothensäure bzw. die aktive Form Pantethin und Pyridoxin – auch hier besser die aktive Form P-5-P = Pyridoxal-5-Phosphat). 

Zusätzlich zu diesen Vitaminen sind auch marine Algen wie Seetang, Süßwasser-Mikroalgen und Verdauungsenzyme für MS-Betroffene in Betracht zu ziehen.

Jährliche Labortests

Die Internistin Terry Wahls empfiehlt verschiedene jährliche Labortests, um jeden, der eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit Gehirn-, Herz- oder anderen komplexen Gesundheitsproblemen hat, auf beunruhigende Anzeichen zu überwachen.

Dazu gehört, ein oder zwei Mal im Jahr ein großes Blutbild, einen Leber- und einen Nierentest durchführen zu lassen, um sicherzugehen, dass Sie die Nahrungsergänzungsmittel richtig verstoffwechseln oder eventuell darin enthaltene Schadstoffe Sie nicht beeinträchtigen. Generell sollten Sie immer auf hochwertige Qualität der Produkte Wert legen, doch auch diese können unterschiedlich vertragen werden.

Jede/r ist einzigartig, mit „einem einzigartigen Satz von Enzymen, die die Chemie unseres Lebens steuern“ und ein Eingriff von außen sollte wohldurchdacht sein. Bei einigen Supplementen (z.B. den fettlöslichen unter den Vitaminen) ist zudem regelmäßig eine Anpassung an die sich verändernden Blutspiegel wichtig. Auch wenn viele Vitamintabletten äußerlich wie bunte Smarties daherkommen, können sie  – noch mehr als ein Zuviel an Smarties – ungesunde Folgen haben. Regelmäßige Messungen verschaffen Sicherheit.

Am besten suchen Sie sich dafür einen Arzt mit der Zusatzqualifizierung “Funktionale Medizin oder Mikronährstoffmedizin” für ein gutes Monitoring.

Außerdem sollte dieser sich mit den synergetischen Effekten der Supplemente auskennen und Sie dementsprechend gut beraten.

Zu den einzelnen Empfehlungen nach Wahls

Vitamin D

Viele Ärzte halten einen Wert von 31 ng/ml für angemessen, doch bei einem so niedrigen Wert ist das Risiko für Autoimmunprobleme und Krebserkrankungen immer noch viermal so hoch wie bei einem höheren Wert. In Jäger- und Sammlergesellschaften und bei Menschen, die naturgemäß in der Sonne leben, liegen die Werte zwischen 80 und 120 ng/ml. Es liegt nahe, dass dies der Wert ist, der am ehesten mit optimaler Gesundheit vereinbar ist. 

In ihrer klinischen Praxis stellt Dr. Wahls jedoch fest, „dass die überwiegende Mehrheit (mehr als 90 Prozent) unter 30 ng/ml liegt, es sei denn, sie nehmen Vitamin-D-Präparate ein, arbeiten in einem Beruf im Freien, bei dem sie den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt sind, wobei Arme und Beine (oder der Oberkörper) exponiert sind, oder sie benutzen regelmäßig eine Sonnenbank (mit UVB-Anteil = ultraviolettes B-Licht im Wellenlängenbereich von 280 bis 313 Nanometern, also die Lichtfrequenz, die an den ersten Schritten der Vitamin-D-Bildung beteiligt ist).“  Auch die stete Verwendung von Sonnenschutzmittel verhindert leider eine ausreichende Vitamin-D-Bildung, denn diese blockieren die Lichtfrequenz, die unsere Haut zur Bildung von Vitamin D benötigt.

Übrigens: In Gesellschaften, die viel Sonnenlicht ausgesetzt sind, gibt es keine besonders hohe Inzidenz von Hautkrebs oder Melanomen. Die ständige Sonneneinstrahlung, das Fehlen von Sonnenbränden und eine nährstoffreiche Ernährung könnten ein Grund dafür sein, dass ihr Krebsrisiko viel geringer ist als das unsere. 

Sonnenbrand gilt es unbedingt zu vermeiden und dafür müssen Sie Ihre Sonnenexposition gleich im Frühling schrittweise erhöhen. Wenn Sie sich so lange der Sonne aussetzen, dass Sie an den Armen und Beinen eine LEICHTE Rötung haben, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen (und den Kopf besser beschatten!), hat Ihre Haut im besten Fall schon 20.000 I.E. (internationale Einheiten) Vitamin D bilden können (bei empfindlicher Haut DEUTLICH weniger).

Dr. Wahls rät, wenn in Ihrer Familie Hautkrebs oder Melanome vorkommen, und Sie nicht von Beginn des Frühlings an vorsichtig schrittweise erhöhen können, ist es vielleicht besser, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Mindestens während des Winterhalbjahres sollten dies sowieso alle nicht in Äquatornähe Lebenden und besonders Immunerkrankte. Niedrige Vitamin-D-Werte werden z.B. mit einem höheren Risiko einer Verschlechterung der MS-Symptome und einer höheren Rückfallquote in Verbindung gebracht.

Zu Beginn einer Supplementation empfiehlt es sich dringend, alle paar Monate einen Vitamin-D-Test durchführen zu lassen, bis Sie Ihren Vitamin-D-Spiegel auf den Zielwert gebracht haben, und ihn dann ein- oder zweimal pro Jahr zu überprüfen, um sicherzustellen, dass Sie ihn im Zielbereich halten. Denn alle fettlöslichen Vitamine können sich anreichern und übermäßig hohe Werte erreichen. Es gibt auch Test-Kits für zu Hause.

Dr. Wahls meint, „obwohl der Bedarf an zuzuführendem Vitamin D vom Breitengrad, in dem Sie leben, dem Pigmentierungsgrad Ihrer Haut und der Zeit, die Sie ohne Sonnenschutz im Freien verbringen, abhängt (Anm.: und ein ganz klein wenig von der Ernährung), benötigen viele Menschen, die in geschlossenen Räumen leben und arbeiten, in den Wintermonaten, in denen sie kein Vitamin D bilden können, zwischen 4.000 und 8.000 internationale Einheiten (I.E.) pro Tag und im Sommer, wenn sie nach draußen gehen können und genug Sonne abbekommen, um eine dunkle Bräune zu bekommen, zwischen 2.000 und 4.000 I.E. pro Tag, die ausreichen, um einen gesunden Vitamin-D-Spiegel zu erhalten.“ 

Außerdem sollten Sie dabei die anderen fettlöslichen Vitamine A, K und E gleichzeitig zuführen, da Ihre Zellen sonst einen Mangel an diesen haben. Der Verzehr von Leber (nur vom Bio-Weiderind!), Grünzeug, Nüssen und fermentiertem Lebertran kann für die Aufnahme dieser fettlöslichen Vitamine sehr nützlich sein. 

Damit Vitamin-D-Ergänzungen wirksam sind, benötigen Sie laut Terry Wahls auch Vitamin K2, insbesondere Vitamin K2MK7. Ihre Darmbakterien stellen Vitamin MK7 aus dem Vitamin K1 in Grünzeug her. Es ist auch in Organfleisch, fermentiertem Lebertran und vitaminreichem Butteröl von grasgefütterten Kühen enthalten. Sie empfiehlt die kaseinfreie Version dieser Öle.

Anmerkung: Eine ggf. durchgeführte individuelle Basistherapie und andere laufende Therapien sowie verschreibungspflichtige Medikamente sollten nicht abgesetzt werden (und dann, nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt), bis man das Wahls-Protokoll solange absolviert hat, dass das Entzündungsgeschehen merklich und nachhaltig allenfalls noch auf niedrigster Stufe abläuft und der Gesamtstatus des Körpers (Oxidation, Stress, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht, Psyche, Energie, Bewegungsradius) dies widerspiegelt.

Fazit:
Im Großen und Ganzen – und gerade was das Thema Vitamin D und Sonne betrifft – sind die Empfehlungen von Terry Wahls nahezu deckungsgleich mit dem, was Life-SMS immer wieder aufgrund diverser Studien hier empfohlen hat. Die individualisierte und bewusste lebensstil-orientierte Anpassung der Ernährung und anderer Faktoren sind der Schlüssel zu Stabilisierung und Gesundung.

In einer Fortsetzung dieses Artikels folgen die Wahl’schen Empfehlungen zu weiteren bei MS wichtigen Nährstoffen wie Magnesium, Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine usw.

Folgen Sie also Life-SMS auch 2022 – und bleiben Sie so am Ball der Gesundung!

Ihr Team von Life-SMS


Zur Vertiefung:

Wahls, Terry, Dr.: Multiple Sklerose erfolgreich behandeln – mit dem Paläo-Programm, 2015.
Das Buch ist z.B. in der Rubrik „MultipleSklerose“ bei der Akademie für menschliche Medizin zu finden;
ihr (leider noch nicht auf Deutsch erschienenes) Kochbuch dazu z.B. hier…

Weitere Buchempfehlungen finden sich u.a. bei der Akademie für menschliche Medizin im Bereich neurodegenerative Erkrankungen 

Artikel der NährstoffAllianz “Paleo Ernährung – eine weitere Stellschraube bei Zivilisationserkrankungen?”


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Das alte Jahr ausräuchern mit heilsamen Kraut

Viele kennen es vor allem aus der Kirche: das Räuchern – hier mit Weihrauch, dessen Geruch die Menschen spaltet – und der zum Räuchern fast schon zu schade ist (mehr über über den entzündungshemmenden und immunmodulatorischen Therapieansatz des Weihrauchs bei Patienten mit MS finden Sie in diesem Artikel:

Weihrauch: Vielversprechende Ergebnisse bei der MS Behandlung

Das Räuchern

Der Sinn des Räucherns ist leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Denn es gibt viel mehr Räucherwerk als nur den wertvollen Weihrauch – und einiges davon hat in der Raumluft antivirale Eigenschaften.

Von daher lohnt es gerade dieses Jahr, diese alte Tradition mal auszuprobieren. Nicht umsonst gibt es z.B. in der Alpenregion immer noch Bauern, die nicht nur ihr Haus sondern vor allem auch die Ställe mindestens zu jedem Jahreswechsel ausräuchern, um Mensch und Vieh besser vor Krankheiten schützen zu können.

© Foto: Molkerei Berchtesgadener Land / https://bergbauernmilch.de/de/information/presse/molkerei-bgl-raeuchern-tradition-1.html

Da so ein Gang durch ein großes Bauernhaus, über den Hof und in diverse Ställe ganz schön lange dauern kann (beim Räuchern macht es ja auch Sinn, nicht zu hetzen, damit der desinfizierende Rauch seine Wirkung voll entfalten kann), haben viele Bauernfamilien die uralten, traditionellen gusseisernen Bügeleisen aufgehoben. Dort hinein wurden und werden glühend heiße Kohlen gefüllt, welchen dann für die Räucherfunktion noch desinfizierende Harze oder ebensolche Kräuter beigelegt werden.

Viren, Winter-Blues und dicke Luft wegräuchern

Neben Weihrauch sollen z.B. auch Fichten- und Zirbenharz, Wacholder und sogar Salbei und Beifuß desinfizierende sowie stark antivirale Effekte haben.

Fichte, Zirbe und Johanniskraut können die Stimmung aufhellen. Bei Johanniskraut kennt man das ja in Form von Kapseln z.B. gegen den Winter-Blues. Doch eine Aufnahme durch beim Räuchern entstehende Aerosole kann mindestens genauso effektiv sein. Denn diese können nachweislich direkt über das limbische System des Gehirns wirken.

Falls in Ihrer Familie beim 2. Corona-Silvester dicke Luft herrscht, machen Sie sie doch durch Räucherwerk erstmal noch ein wenig dicker und nutzen Sie dafür geschickterweise Kräuter wie Rosenblätter, Vanillestange, Zimtrinde oder Nelke, denen nachgesagt wird, dass sie eine friedliche Atmosphäre begünstigen sollen. Vielleicht klappt es ja?

Oder wenn bei allen die Nerven schon richtig blank liegen, vielleicht besser noch Oregano oder Dost (= wilder Oregano). Dessen Aerosole sollen ein nervöses Nervensystem genauso beruhigen können wie Lavendel.

Feuerfest gesucht

Dafür brauchen Sie nicht erst auf der Suche nach einem uralten Guss-Bügeleisen (mit seitlichen Öffnungen) untertauchen, sondern für eine normale Wohnung reicht eine feuerfeste Schale, in die Sie etwas Sand füllen, auf welcher „selbstzündende“ Räucherkohle angezündet wird. Wenn die Kohle vollkommen glüht, legen Sie das Räucherwerk Ihrer Wahl auf (eine kleine Messerspitze in jedem Zimmer frisch). Nach dem Räuchern alle Fenster und Türen einmal weit öffnen.

Aber Achtung: Moderne Rauchmelder könnten so eine uralte Tradition evtl. falsch einschätzen. Dann haben Sie ggf. das Gegenteil eines beruhigenden Räucherabends.

Damit das nicht passiert, ggf. die Kohle erstmal draußen (etwas windgeschützt) durchglühen lassen und beim Räuchergang sehr achtsam sein.

Es geht auch ohne Rauch

Das Ganze können Sie sinnvollerweise auch das ganze Jahr über praktizieren. Und es geht noch viel bequemer mit hochwertigen ätherischen Ölen in einem Diffusor – auf emotionaler Ebene evtl. sogar kraftvoller als mit Räucherwerk. Manche Menschen vertragen Rauch ohnehin nicht– und Rauchmelder haben bei dieser Variante auch nichts zu melden.

Ein besinnliches Weihnachtsfest und einen achtsamen Wechsel in ein neues, gesundes und einfacheres Jahr 2022 – ob mit oder ohne das alte wegzuräuchern – wünscht Ihnen

Ihr Team von Life-SMS


© Foto: Molkerei Berchtesgadener Land


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MS, Sport und Immunsystem

Eine große Zahl von wissenschaftlichen, klinischen und epidemiologischen Daten unterstützt das Konzept der positiven und negativen Auswirkungen von Training und Sport auf das Immunsystem. Diese Effekte sind sehr variabel, abhängig von der Art und Intensität der Belastung. Die Belastung auf das Individuum wiederum ist abhängig vom Alter, Gesundheitszustand, Trainingszustand, Geschlecht oder auch Stresslevel, um die wichtigsten zu nennen. Eine detaillierte Angabe zu diesen Belastungsgrößen zu machen, die für alle Menschen gelten soll, kann aus diesen Gründen nicht getroffen werden.

Immunologische Einflüsse bei moderatem Training

Die immunologischen Einflüsse von moderatem Training sind besonders gut bei Infektionen der oberen Atemwege untersucht worden und zeigen einen günstigen Einfluss auf das Immunsystem und eine Verringerung der Inzidenz der Erkrankungen. Nach jeder Periode moderater Bewegung zeigte sich, dass eine Erhöhung von Neutrophilen (Neutrophile Granulozyten sind verantwortlich für die unspezifische Abwehr von Infektionen mit Bakterien und Pilzen und sind an Entzündungsreaktionen beteiligt) und natürlichen Killerzellen auftritt, die für bis zu 3 Std. nach dem Training erhalten bleibt. Wird moderates Bewegungstraining für 12-15 Wochen nahezu täglich fortgesetzt, verringert sich die Anzahl der “Symptom-Tage” mit Atemwegsinfektionen um 25-50 Prozent im Vergleich zu Personen ohne Training. Neuere Untersuchungen zeigen, dass durch moderate körperliche Belastung ausgelöste Modulationen im Immunsystem das Risiko von Herzerkrankungen, bestimmte Arten von Krebs, Typ-2-Diabetes, Arthritis und Hautalterung sinkt [1].

Die Beweislage indiziert hier, dass ein aktiver Lebensstil bei günstiger Körperzusammensetzung (Relation von Muskulatur zu Fettgewebe) die Gefahr von chronischen systemischen Entzündungen reduziert, was einen Hauptfaktor chronischer Krankheiten darstellt. Dieser aktive Lebensstil und die günstige Immunmodulation werden unterstützt durch Stressmanagement, nährstoffreiche Ernährung, gesunde Schlafhygiene und regelmäßigem Aufenthalt (Bewegung!) in freier Natur (plus Sonnenlichtexposition). Anders ausgedrückt, können Muskeln als endokrine Organe im erweiterten Sinne verstanden werden. Bewegung und Training haben einen essentiellen Einfluss auf regulatorische Prozesse im Körper und besonders auch im Immunsystem. Das gilt genauso für die MS.

Immunsystem und Trainingsintensität

Vergleich des Sepsis-induzierten verus Übungs-induzierten Anstiegs der zirkulierenden Zytokine. Während der Sepsis kommt es zu einem deutlichen und raschen Anstieg des zirkulierenden Tumornekrosefaktors (TNF) -α, dem ein Anstieg des Interleukins (IL) -6 folgt. Im Gegensatz dazu ist der deutlichen Zunahme von IL-6 während des Trainings kein erhöhtes TNF-α vorangestellt [2].

Gegenteilig zu den beobachteten Effekten eines moderaten sportlichen Trainings oder Bewegungstrainings, zeigt ein intensives bis hochintensives Training eine Erhöhung der Infekthäufigkeit und sogar eine gewisse Immunsuppression (siehe Abbildung, drastischer Anstieg des Entzündungsmakers Interleukin 6 während des Trainings). Dies trifft vor allem bei anaeroben Belastungen zu, wie sie zum Beispiel bei intensiven, wiederholten Tempoläufen entstehen, die hohe Laktatspiegel provozieren. Extrem lange Belastungen und solche mit hohen exzentrischen Anteilen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.

Auch bei diesem Punkt wirken natürlich wieder Lebensstilfaktoren mit ein, denn die oben genannten negativen Effekte verstärken sich durch starke und andauernde psychische Beanspruchungen, wie sie auch durch Wettkampfstress entstehen können.

Eine besondere Beachtung verdient auch die Regenerationsphase nach einer Trainingsbelastung, sowohl in Qualität als auch in Quantität. Eine überdauernde Missachtung der Regenerationszeit kann im schlimmsten Falle zu einem sogenannten Übertraining führen, vergleichbar mit einer Burn-out Erkrankung.

Symptomatische Auswirkungen von Sport und Training bei MS

Der Zusammenhang zwischen Bewegung und dem ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) Modell der MS-Pathogenese / Abkürzungen: *VO2max, Maximale Sauerstoffaufnahme [3]

Die obige Abbildung (ICF-Modell) versucht die Zusammenhänge zwischen dem Bewegungsverhalten (Sport, Training und Lebensstil) und der MS-Pathogenese (Entstehung und Entwicklung der MS mit allen daran beteiligten Faktoren) bildlich zu verdeutlichen. Das ICF-Modell skizziert die Konsequenzen der MS-Pathogenese, einschließlich der Effekte auf Körperstrukturen und -funktionen sowie auf Aktivität und gesellschaftlicher Teilnahme des Patienten. Bewegung kann positive Effekte auf all diese Bereiche haben, vom Einfluss auf zelluläre Prozesse (z.B. Entzündungshemmung) bis hin zu verbesserter Teilhabe des Patienten an sozialen Interaktionen.

Fazit

Wie schon im ersten Artikel zu dieser Themenreihe erwähnt, sollten sich gerade MS-Erkrankte beim Training und bei sportlichen Betätigungen auf keinen Fall überfordern, sondern durch moderates Kraft-, Koordinations- und Ausdauertraining versuchen langsam die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern bzw. zu stabilisieren. Infekte, die durch ein über Leistungssport supprimiertes Immunsystem eingefangen werden, sind Gift für die persönliche Gesundwerdung.

Wir werden uns bei den folgenden Artikeln auf den Einfluss von Sport und Training auf die Körperfunktionen (insbesondere Mentalfunktion, Muskelkraft und Gleichgewicht), die Gehleistung und auf die Lebensqualität bei MS-Erkrankten konzentrieren.


Bisher erschienen in dieser Reihe:

Sport, Training und Bewegung bei MS: Eine Einführung


Wenn Sie schon jetzt mehr zum Thema Sport und MS wissen wollen, sei Ihnen die

🖹 Life-SMS Veröffentlichung: Sport und MS aus dem Jahr 2017 empfohlen, auf die wir in dieser Artikelserie an vielen Stellen zurückgreifen werden.

➡️ Im nächsten Artikel wird es darum gehen, auf welche MS-Symptome Sport und Training einen wesentlichen Einfluss haben.

Referenzen:

[1] Nieman, D. C. (2011). Moderate Exercise Improves Immunity and Decreases Illness Rates. American Journal of Lifestyle Medicine, 5(4), 338-345. doi:10.1177/1559827610392876

[2] Pedersen, B. K., Febbraio, M. A., Oct. 2008. Muscle as an endocrine organ: focus on muscle-derived interleukin-6. Physiological reviews 88 (4), 1379-1406.

URL http://dx.doi.org/10.1152/physrev.90100.2007

[3] Nach: Motl, R. W., Pilutti, L. A., Sep. 2012. The benefits of exercise training in multiple sclerosis. Nature reviews. Neurology 8 (9), 487-497.

URL http://view.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22825702


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Das Cannabinoid BCP aus Copaiba als potentere CBD-Alternative

Im Jahr 2020 haben Sie über den Life-SMS-Blog in 2 Teilen Wissenswertes zu Cannabinoiden wie THC und CBD erfahren.

Was ist das Endocannabinoid-System? Eine Einführung mit Blick auf die MS (I)

Das Endocannabinoide-System: Eine Einführung mit Blick auf die MS (II)

Wegen seiner positiven Wirkungsmöglichkeiten bei MS gingen wir v.a. auf das Cannabidiol (CBD) ein.
Sie erinnern sich an das Fazit?
Frei verfügbare CBD-Präparate können bei MS-Betroffenen eine Vielzahl positiver Effekte auslösen; dies betrifft unter anderem die positive Wirkung auf eine mögliche Darmbakterien-Fehlbesiedlung und das “Leaky gut” Syndrom, die Immunmodulation in Richtung anti-entzündlicher Vorgänge sowie antidepressive und neuroprotektive Wirkungen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass auch Cannabidiol antispastische und schmerzlindernde Wirkungen hat. Aufgrund der relativ kurzen Halbwertszeit von CBD empfiehlt sich die tägliche Einnahme.

Da CBD im Gegensatz zum THC ja hauptsächlich über den CB2-Rezeptor wirkt, hat es obige positive Wirkungen aber kaum psychoaktive Reaktionen (für welche THC bei den einen beliebt und bei den anderen sehr unbeliebt und teilweise gesundheitsbeeinträchtigend ist).

Heute stellen wir ein weiteres gesundheitsförderndes Cannabinoid vor, dass dem CBD sogar überlegen sein kann: BCP

Beta-Caryophyllen (BCP )

Es findet sich z.B. in hochkonzentriertem Black-Pepper-Öl aber in größeren Mengen v.a. im Harz des südamerikanischen Copaifera-Baumes, das Copaiba genannt wird.

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Die wichtigste chemische Komponente des Copaifera-Baum-Harzes Copaiba ist Oleoresin mit Beta-Caryophyllen (BCP), eine chemische Substanz, die auch zu den Cannabinoiden gezählt wird. Denn als Cannabinoid gilt eine Substanz, die mindestens einen CB-Rezeptor anspricht.

Genau wie CBD-Öl kann hochwertiges Copaiba-Öl eine gesunde Entzündungsreaktion unterstützen und eine positive Beeinflussung der Stimmung haben. Es ist auch ein starkes Antioxidans, das die Gesundheit des Immunsystems fördert – gerade bei Multiple Sklerose alles wichtig. Aber Beta-Caryophyllen (BCP) interagiert ausschließlich mit CB2- und nicht mit den psychoaktiv wirksamen CB1-Rezeptoren – es ist sogar hundertprozentig THC-frei, da dieses gar nicht im Copaifera-Baumharz vorhanden ist – und kann deswegen gefahrlos angewendet werden. Der THC-Gehalt in CBD-Ölen darf übrigens offiziell nicht höher als 0,2 % sein, aber dies wird von vielen Herstellern und Anbietern gar nicht getestet.

Copaiba-Öl beeinflusst die Zellkommunikation, sowie die neurale Reizübertragung

Durch den Einfluss von Betacaryophyllene (BCP) auf das endocannabinoide System wird u.a. die mitochondriale Funktion erhöht (Zellstoffwechsel), Schmerz reduziert und Neurodegeneration vermindert.
Copaiba-Öl kann so nicht nur unterstützend sein für die Gesundheit des Herz- Kreislauf-, Immun-, Verdauungs- sondern auch des Nerven- und Atmungssystems. Es ist der Hauptbestandteil Caryophyllen, dem die neuroprotektive Wirkung und kardiovaskuläre Vorteile zugesprochen werden – und der in CBD-Öl in wesentlich niedrigerer Konzentration vorhanden ist.
Von hochkonzentriertem Copaiba-Öl reichen 1 bis 2 Tropfen z.B. in Wasser oder Tee, um die Gesundheit zu unterstützen.
BCP kann nicht nur das Nervensystem und gegen chronische Entzündungen unterstützen, sondern wie CBD auch Anspannung (mentale wie muskuläre) und ängstliche und niedergeschlagene Gefühle lindern. Zudem hat es noch eine schützende Wirkung auf Nieren, Leber und andere Organe.

Konkrete Anwendungsbeispiele

Copaiba statt CBD-Öl klappt prima zum Einschlafen und ggf. um Spastiken (auch organische wie z.B. verkrampfter Darm) zu lockern (wirkt beruhigend auf das Nervensystem und die Muskulatur) und es kann wie CBD auch schmerzstillend wirken – je nach Schmerzursache (sehr gut z.B. bei Zahnnervschmerzen; hierzu einfach einen Tropfen auf das Zahnfleisch um die betroffene Stelle auftupfen).
Äußerlich angewendetes Copaiba (z.B. sich die Hände oder Füße damit einreiben) kann wohl einen ähnlichen anspannungslösenden Effekt haben wie eine innerliche Anwendung. Die innerliche ist hierbei jedoch meist stärker. Allerdings ist für die Einnahme ein hochwertiges, hochreines Öl, welches dafür zugelassen ist, unabdingbar! Daher erklären sich teils die Preisunterschiede.
Es gibt hochwertige Copaiba-Produkte (reinste ätherische Öle), die 55% BCP (Beta-Carophyllen) enthalten. Die CB2-Aktivierung korreliert mit der Konzentration von BCP (je mehr BCP desto mehr Aktivierung). CBD-Öl enthält 35% BCP und es wird vermutet, dass genau dieses BCP in CBD-Öl für dessen positiven Eigenschaften verantwortlich ist, weshalb es Sinn macht, direkt reineres BCP in Form eines guten Copaiba-Produktes einzunehmen (dann könnte der positive Effekt höher sein).

Fazit: Copaiba kann eine sinnvolle, da potentere Alternative zu CBD-Produkten sein. Beide können bei MS-Betroffenen eine Vielzahl positiver Effekte auslösen; dies betrifft unter anderem die Immunmodulation in Richtung anti-entzündlicher Vorgänge sowie antidepressive, neuroprotektive und schmerzlindernde Wirkungen.

Genau wie bei CBD-Ölen gilt hier:
Falls Sie ein Copaiba-Öl anwenden möchten, achten Sie bitte unbedingt auf die Herkunft. Viele im Internet angebotene Produkte sind zweifelhafter Herkunft, u.U. mit Pestiziden oder Herbiziden belastet oder weisen zweifelhafte Inhaltsstoffe auf. Greifen Sie auf Hersteller mit überprüfbaren Qualitätssicherungs- und Produktionsverfahren (erkennbar an Zertifikaten und Analysen) Produkte zurück.

© Illustration: Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen

Quellen:

Copaiba – ein kleiner wissenschaftlicher Einblick

Der Unterschied zwischen Copaiba-Öl und Cannabis-Öl

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Update: Oxidativer Stress bei MS und die Wirkung von Alpha-Liponsäure

Oxidativer Stress (OS) und Multiple Sklerose

Wenn die oxidativen Kräfte die endogenen (körpereigenen) und ernährungsbedingten antioxidativen Abwehrkräfte überwiegen, trägt dies zur Pathophysiologie der Multiplen Sklerose (MS) bei. Anzeichen für OS finden sich während akuter Schübe, in aktiven entzündlichen Läsionen und in chronischen, lang bestehenden Plaques. Übermäßiger OS führt sowohl zu anhaltender Entzündung als auch zu Neurodegeneration. Antioxidative Therapien sind somit eine nachvollziehbare Strategie für Menschen mit MS bei allen Verlaufsformen und Krankheitsdauern.

Wir haben schon vor langem auf LSMS.info und in unserer Studienliste auf das mögliche Potential der Supplementierung mit Alpha-Liponsäure oder kurz Liponsäure (LA: Lipoic Acid) im Zuge der MS-Behandlung hingewiesen.

In diesem Zusammenhang ist ein neuerer Review aus dem Jahr 2019 interessant [1], der darauf abzielt die Funktion von OS bei Gesundheit und Krankheit besser zu verstehen, die Beiträge von OS zur MS-Pathophysiologie zu untersuchen und die aktuelle Evidenz für die Wirkungen ausgewählter antioxidativer Therapien bei Menschen mit MS mit einem Schwerpunkt auf Alpha-Liponsäure zu überprüfen.

Was ist oxidativer Stress?

Freie Radikale, Nebenprodukte von chemischen und enzymatischen Reaktionen, bestehen aus reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) und reaktiven Stickstoffspezies (RNS), obwohl sie allgemein unter dem Begriff ROS zusammengefasst werden. Beispiele für ROS sind Superoxid (O2-), Peroxid (H2O2), Peroxynitrit (ONOO-) und Hydroperoxylradikal (HO2-). Auf physiologischem Niveau sind ROS wesentliche Bestandteile normaler Zellsignalmechanismen. Höhere lokale Konzentrationen, die von Immunzellen produziert werden, töten z.B. Krankheitserreger ab.

Mitochondrien, die 90 % der für lebende Zellen notwendigen Energieversorgung produzieren, erzeugen auch 95 % der menschlichen ROS und werden damit sowohl zur Quelle als auch zum Ziel von freien Radikalen. Ungefähr 1-3 % des Sauerstoffs werden durch mitochondriale Enzyme des Zitronensäurezyklus und andere biochemische, körpereigene Prozesse in ROS umgewandelt.

Reaktive Metalle innerhalb der Zelle, insbesondere Eisen und Kupfer, sind ebenfalls eng mit der Bildung freier Radikale einschließlich der sog. Fenton-Reaktion verbunden. Exogene (äußere) Umwelteinflüsse wie UV-Strahlung, Mikroben, Zigarettenrauchen und Ozon verstärken die ROS-Bildung im Körper.

Die nachgeschalteten Effekte von übermäßigem OS sind besonders schädlich im Gehirn und werden als ein treibender Faktor des Alterns angesehen. Das Gehirn, das ein Fünftel der gesamten Glukose und des Sauerstoffs verbraucht, hat den höchsten Anteil an Mitochondrien und ist damit die größte Quelle für die ROS-Produktion. Außerdem ist das Gehirn besonders anfällig für oxidative Schäden aufgrund seines hohen Fettsäuregehalts, der Peroxidation, einer geringeren Katalaseaktivität als in anderen Organen (10 % der Leberaktivität) und einem höheren Gehalt an Eisen und Ascorbat (beteiligt an der Haber-Weiss-Reaktion) wodurch eine noch pro-oxidative Umgebung geschaffen wird. Die ROS-Schäden an Zellmembranen, DNA, RNA, Stoffwechselvorgängen, antioxidativen Enzymen und DNA- und Protein-Reparatur-Enzymen führen zu genetischen Mutationen, mitochondrialer Fehlfunktion, Nekrose (absterbendem Gewebe) und Apoptose (programmiertem Zelltod). Dysfunktionale Mitochondrien haben insgesamt weniger Pufferkapazität, was das Kalziumgleichgewicht in Richtung neuronalen Tod kippen kann.

Warum eine antioxidative Therapie bei MS?

Die Quellen von ROS und ihre entzündlichen und neurodegenerativen Effekte bei MS sind in der Abbildung zusammengefasst. Antioxidative Strategien zur Bekämpfung von OS sind somit ein nachvollziehbarer und praktikabler Ansatz zur Behandlung aller Phänotypen (Verlaufsformen) und Erkrankungsdauern der MS, um die Abwehrkräfte gegen OS zu stärken und die Produktion von ROS zu reduzieren. Defensive Strategien umfassen die Ergänzung von endogenen (z. B. Liponsäure) und exogenen (z. B. Vitamin C und E) direkten und indirekten Antioxidantien sowie die Stimulierung der Produktion antioxidativer Enzyme (über den Nrf2-Signalweg). Gesunde Lebensgewohnheiten üben ebenfalls antioxidative Eigenschaften, wie z. B. Bewegung und eine pflanzliche Ernährung. Die Reduzierung der ROS-Produktion umfasst u.a. auch die Behandlung mit DMT (krankheitsmodifizierenden Therapien) zur Entzündungshemmung und die Vermeidung von Umweltschadstoffen (z. B. Zigarettenrauchen). Das erklärt auch den Fokus von Life-SMS auf antioxidative Diäten, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, die Reduktion von Schadeinflüssen und eine gesunde Lebensweise.

Liponsäure (LA) als antioxidative Therapie bei MS

Liponsäure (eng. Lipoic Acid: LA), ein körpereigenes (endogenes) Antioxidans mit vielfältigen biologischen Funktionen, zeigt mit die überzeugendsten Belege für die Wirksamkeit bei EAE (Mausmodell der MS) und MS. LA, auch als Alpha-Liponsäure (α-Liponsäure), Pyruvat-Oxidationsfaktor, Thioctsäure und Lipoat bezeichnet, ist eine Fettsäure mit 8 Kohlenstoffen und 2 Schwefelmolekülen in einem Dithiolanring.

LA wird in Deutschland seit Jahrzehnten zur Behandlung von diabetischer Neuropathie, Leberzirrhose, Pilz- und Schwermetallvergiftungen eingesetzt. In jüngerer Zeit wird LA als Behandlung für verschiedene neurodegenerative Erkrankungen, Alzheimer, Schlaganfall, metabolisches Syndrom, Diabetes, Nierenversagen und anderen untersucht.

Als schwefelorganische Verbindung, die endogen in geringen Mengen aus Octansäure synthetisiert wird, wird LA auch aus ausgewählten Gemüsesorten (Spinat, Brokkoli und Tomate) und Organfleisch (Leber, Niere,..) über die Nahrung aufgenommen. Endogene LA kommt in der sogenannten chiralen R-Konformation (R-LA) am C6-Kohlenstoffatom vor. Bei der pharmazeutischen Herstellung von LA entsteht racemische LA, eine gleichmäßige Mischung der chiralen Konformationen R-LA und S-LA. Die Bioverfügbarkeit und Bioaktivität von racemischem vs. R-LA ist umstritten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die biologische Wirkung von R-LA höher ist als die der Mischform [2].

Präklinische und begrenzte klinische Studien deuten generell auf den Nutzen von antioxidativen Therapien zur Behandlung von MS hin. Unter diesen ist LA ein führender Therapiekandidat. Zu den spezifischen Studienüberlegungen beim Einsatz von Antioxidantien bei ZNS-Erkrankungen gehören Fragen der gastrointestinalen Absorption, der Verteilung, der Löslichkeit und der Fähigkeit, die BHS (Blut-Hirn-Schranke) zu passieren. Auch diese Punkte sprechen für die Verwendung von LA.

Neuere Erkenntnisse aus Studien mit antioxidativen Interventionen in Tier- und In-vivo-Modellen der MS ergaben eine Verringerung der Serummarker für OS und eine Erhöhung der Spiegel und der Aktivität von antioxidativen Enzymen. Antioxidative Studien bei Menschen mit Behinderung zeigen, obwohl sie oft nur wenig aussagekräftig sind, kurzfristige Verbesserungen der Marker für OS und der antioxidativen Abwehrkräfte und in geringerem Maße auch der klinischen Symptome (Müdigkeit, Depression).

Vielversprechende Ergebnisse bei SPMS

Die bisher beste Evidenz zeigt eine randomisierte, placebo-kontrollierte 2-Jahres-Studie mit LA bei sekundär progredienter MS mit 51 Patienten. Die Patienten erhielten eine Dosis von 1200 mg/Tag oder ein Placebo [3]. Die Studie ergab eine signifikante Reduktion der Atrophie (Schrumpfung der Gehirnmasse) des gesamten Gehirns (68 % Reduktion der annualisierten Hirnatrophie im MRT), einen Trend zur Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und eine signifikante Reduktion von Stürzen.

Insgesamt war die Alpha-Liponsäure sicher und gut verträglich. Laboranomalien beschränkten sich auf asymptomatische Erhöhungen der alkalischen Phosphatase, die sich nach Absetzen von LA verbesserten. Obwohl es keine unerwarteten Nebenwirkungen oder gar schwere Nebenwirkungen gab, ist bei hohen Dosierungen laut den Autoren die Überwachung der Nierenfunktion anzuraten. Bei handelsüblichen Supplementen liegt die empfohlene Tagesdosis bei 300 mg.

Fazit

Die antioxidative Therapie ist ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von MS über das gesamte Spektrum der Krankheitsbilder und die Dauer der Erkrankung. Alpha-Liponsäure ist unter den verschiedenen Kandidaten der Antioxidantien sicher einer der vielversprechendsten. Gerade aufgrund der positiven Ergebnisse bei den neurodegenerativen Ausprägungen der Erkrankung in Form der sekundären progredienten MS bietet LA gute Chancen zur Stabilisierung des Gesundheitszustandes der Betroffenen. Bei Supplementierung höherer Dosen ist die Konsultation einer ganzheitlich arbeitenden Ärztin oder Arztes sinnvoll.

Quellen:

[1] Waslo, C. et al. (2019) ‘Lipoic Acid and Other Antioxidants as Therapies for Multiple Sclerosis’, Current Treatment Options in Neurology. Current Treatment Options in Neurology, 21(6). doi: 10.1007/s11940-019-0566-1.

[2] Shay, K. P. et al. (2009) ‘Alpha-lipoic acid as a dietary supplement: Molecular mechanisms and therapeutic potential’, Biochimica et Biophysica Acta – General Subjects. Elsevier B.V., 1790(10), pp. 1149–1160. doi: 10.1016/j.bbagen.2009.07.026.

[3] Spain R, Powers K, Murchison C, et al. Lipoic acid in secondary progressive MS: A randomized controlled pilot trial. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm. 2017;4(5):e374. Published 2017 Jun 28. doi:10.1212/NXI.0000000000000374

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