Wie kann Milcheiweiß die Symptome der Multiplen Sklerose verschlimmern?

Eine neue Tierstudie und Antikörpermessungen bei Menschen geben uns einen Hinweis auf diese spannende Frage.

Die Ursache der Multiplen Sklerose (MS) gibt Ärzten und Forschern trotz großer wissenschaftlicher Fortschritte in den letzten Jahren weiterhin einige Rätsel auf. Viele epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass Umweltfaktoren direkt an der Entstehung und dem Fortschreiten der Krankheit beteiligt sind. So spielen Faktoren wie unzureichende Sonneneinstrahlung, Rauchen, Virusinfektionen und Ernährung eine wichtige Rolle bei der Entstehung und beim Verlauf der Krankheit.

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass insbesondere Ernährungsgewohnheiten und das Darmmikrobiom den Verlauf der MS beeinflussen können. Obwohl die Auswirkungen der Darmmikrobiota in den letzten Jahren eingehend untersucht wurden, ist der Mechanismus, durch den bestimmte Ernährungsfaktoren mit der Autoimmunität des Gehirns zusammenhängen können, noch wenig erforscht.

Was die Ernährung betrifft, so wird der Zusammenhang zwischen Milchkonsum und erhöhter Prävalenz von MS seit mehr als 30 Jahren diskutiert und beruht auf der Tatsache, dass viele Patienten berichten, dass sich ihre Symptome nach dem Konsum von Milch oder Milchprodukten deutlich verschlechtern.

Neue Erkenntnisse der Universität Bonn zur Kuhmilch

Eine neue Studie der Universität Bonn [1] liefert Beweise dafür, dass eine Immunreaktion gegen Kasein – eine allgemeine Eiweißkomponente von Kuhmilch – an der demyelinisierenden („entmarkenden“) Pathologie von MS beteiligt sein könnte. Kasein zählt generell zu den Hauptallergenen in Kuhmilch. Die Studie bestand aus zwei verschiedenen Teilen: Der erste und größte Teil der Studie wurde an Tiermodellen durchgeführt, der zweite an MS-Patienten.

Der Ablauf der Studie

Zunächst injizierten die Forscher gesunden Mäusen verschiedene Kuhmilchproteine und beobachteten das Auftreten von Läsionen im Nervensystem im Laufe der Zeit. Sie fanden heraus, dass Ratten, die kaseinhaltige Injektionen erhielten, neurologische Anzeichen entwickelten, die von Schwäche und verändertem Gang bis zu Verhaltensänderungen reichten. Bei Mäusen, die Injektionen mit anderen Milchproteinen (α-Lactalbumin oder β-Lactoglobulin) erhielten, traten keine Anzeichen für neurologische Schäden auf. Anschließend wurden die Mäuse zu verschiedenen Zeitpunkten im Zusammenhang mit der Milchproteininjektion getötet und Schnitte des Rückenmarks unter dem Elektronenmikroskop betrachtet. Signifikante pathologische Veränderungen wurden nur bei den mit Kasein immunisierten Populationen beobachtet. Bei diesen Ratten traten die demyelinisierenden Veränderungen zeitabhängig auf; d. h., die 20 Tage nach der Kaseininjektion untersuchten Rückenmarksabschnitte wiesen mildere Läsionen auf als die 40 Tage nach der Injektion untersuchten, was auf ein Fortschreiten der Myelinschädigung im Laufe der Zeit hinweist.

Die Wissenschaftler fanden auch hohe Titer von Antikörpern gegen Kasein im Blut von Mäusen, die mit diesem Protein (IgG-Kasein) immunisiert worden waren, und konnten schließlich eine Kreuzreaktion mit dem Protein Myelin-assoziiertes Glykoprotein (MAG) nachweisen, d. h. Antikörper gegen Kasein zerstören MAG. MAG ist ein Transmembranprotein, das sowohl im Zentralnervensystem als auch im peripheren Nervensystem vorkommt und am Prozess der Myelinscheidenbildung beteiligt ist. Die kreuzweise Immunreaktion tritt aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit zwischen Kasein und MAG auf.

Und beim Menschen?

Im zweiten Teil der Studie wurde das Vorhandensein von Anti-Kasein-Antikörpern bei Patienten mit MS und bei Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen untersucht. Bei MS-Patienten wurden deutlich höhere IgG-Kasein-Titer festgestellt als bei Patienten mit anderen Krankheiten. Ein signifikanter Anteil der Patienten wies Antikörper auf, die sowohl das Milchprotein (Kasein) als auch das Myelin-assoziierte Protein (MAG) erkennen können. 

Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass eine Immunreaktion auf Kuhmilchkasein zur Pathologie der MS beitragen kann.

Die Fähigkeit von Rinderkasein, allergische Phänomene auszulösen und als Antigen für das menschliche Immunsystem zu fungieren, ist gut dokumentiert und lässt sich mit der Tatsache begründen, dass der Mensch das einzige Tier ist, das im Erwachsenenalter Milch eines anderen Tieres zu sich nimmt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Mensch Kuhmilch oral zu sich nimmt und nicht, wie im Tiermodellversuch, durch Injektionen. Wir wissen, dass wir nach den ersten Kontakten mit Kuhmilch über den Magen-Darm-Trakt eine immunologische „Toleranz“ entwickeln, die die Entwicklung einer Autoimmunität verhindern würde. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Toleranz bei genetisch prädisponierten Personen durchbrochen werden kann. In diesem Fall wäre Kasein nicht die Ursache der MS, sondern könnte zu ihrer Pathologie beitragen und die Symptome verschlimmern. 

Trotz ihrer Einschränkungen stellt die Studie eine Hypothese über einen möglichen Mechanismus auf, durch den die Immunogenität von Kasein zur Demyelinisierung und zur Verschlimmerung der MS-Symptome führen könnte. Diese Ergebnisse rechtfertigen nicht nur die Durchführung weiterer Studien am Menschen, sondern mahnen auch, bei der Behandlung von MS-Patienten eine Einschränkung des Konsums von Milch und Milchprodukten in Betracht zu ziehen.

Zusammenfassung: 

Der Zusammenhang zwischen Milchkonsum und erhöhter Prävalenz von MS wird seit langem diskutiert, nachdem viele Patienten berichten, dass sich ihre Symptome nach dem Konsum von Milch oder Milchprodukten deutlich verschlechtern. Diese neue Studie zeigt: 

  • Kasein (ein spezifisches Milcheiweiß) kann bei Ratten neurologische Symptome hervorrufen, wenn es durch Injektion verabreicht wird, während andere Milcheiweiße dies nicht tun.
  • Diese neurologischen Symptome werden durch Demyelinisierung (Zerstörung der Myelinscheide) verursacht.
  • Die Injektion von Kasein führt zur Bildung hoher Titer von Anti-Kasein-Antikörpern, die das Myelin-assoziierte Glykoprotein (MAG) aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit der beiden Proteine zerstören.
  • Patienten mit MS haben höhere Titer von Antikörpern gegen Kasein als Personen ohne MS.

Fazit:

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse lässt sich ein möglicher Mechanismus erklären, durch den die Immunogenität von Kasein zur Demyelinisierung und zur Verschlimmerung der MS-Symptome führen könnte. Auf dieser Grundlage sollten weitere Studien am Menschen durchgeführt und Einschränkungen des Milchkonsums bei der Behandlung von MS-Patienten in Betracht gezogen werden. Patienten, die auf Milchkonsum verzichten gehen in jedem Fall kein zusätzliches Risiko ein.

Referenz:

[1] Chunder, R., Weier, A., Mäurer, H., Luber, N., Enders, M., Luber, G., Heider, T., Spitzer, A., Tacke, S., Becker-Gotot, J., Kurts, C., Iyer, R., Ho, P. P., Robinson, W. H., Lanz, T. V., & Kuerten, S. (2022). Antibody cross-reactivity between casein and myelin-associated glycoprotein results in central nervous system demyelination. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 119(10), e2117034119. https://doi.org/10.1073/pnas.2117034119

Die Studienautorin Prof. Stefanie Kürten ist langjähriges Mitglied des korrespondierenden Expertennetzes des Projektes Life-SMS



Photo by Anita Jankovic on Unsplash

Und wenn Sie helfen wollen, dass Life-SMS Ihnen weiterhin wertvolle Informationen bereitstellen kann, dass unser Projekt weiterlebt, unterstützen Sie uns über drei einfache Wege!
betterplace-Logo DSGiP-Logo

& amazon smile


Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann registrieren Sie sich doch gerne als “Follower” dieses Newsfeed! Rechts oben auf dieser Seite.

Epigenetik und MS – Computermodelle bestätigen die Life-SMS Empfehlungen

Es ist doch sehr ermutigend, wenn die eigenen Überlegungen auch durch Modelle und Simulationen bestätigt werden. In einer umfangreichen Computeranalyse wurde in der Abteilung Bioinformatik des Fraunhofer-Instituts für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen (SCAI) der Einfluss von genetischen und epigenetischen Faktoren auf das Entzündungsgeschehen bei neurodegenerativen Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen an den Beispielen Parkinson und MS untersucht.

Neurodegenerative sowie Autoimmunerkrankungen haben unklare Ätiologien (Ursachen), aber eine wachsende Zahl von Beweisen spricht für eine Kombination von genetischen und epigenetischen Veränderungen, die für die Entwicklung der Krankheit entscheidend sind.

„Epigenetische“ Faktoren – also über äußere Einflüsse gesteuerte Faktoren –  können die Aktivität von Genen regulieren. Dazu gehören chemische Veränderungen der DNA und Proteine in Chromosomen, die Informationen unabhängig von der DNA-Sequenz enthalten. Die meisten dieser epigenetischen Markierungen werden kurz nach der Empfängnis gelöscht. Schadstoffe, Stress, Ernährung und weitere Umweltfaktoren können aber die epigenetischen Marker in Chromosomen dauerhaft verändern und auf diese Weise das Verhalten von Zellen und Geweben beeinflussen. Erstaunlicherweise werden manche dieser erworbenen Veränderungen an Nachkommen weitergegeben.

Oder ganz kurz:

Der Lebensstil und die Umwelt beeinflussen die Genauslese und somit die Verstärkung oder Dämpfung von entzündlichen Faktoren in unserem Immunsystem.

Was das konkret für die Multiple Sklerose bedeutet zeigt das folgende Bild.

Die Abbildung zeigt die verschiedenen epigenetischen Faktoren, die die MS Pathologie regulieren: einschließlich miRNAs (micro RNAs) in den grünen Boxen und Gene in den roten Boxen, Chemikalien in orangen Boxen und biologische Faktoren in den blauen Rauten.

Ganz besonders interessant sind die Lebensstileinflüsse oben rechts  im Kasten:

  • Ernährungsfaktoren wie Vitamin D, die Aufnahme von Obstsäften, Obst / Gemüse, Cerealien, Körnern und Brot sowie der Genuss von Fischprodukten reduzieren das Risiko für  MS, während die Aufnahme von energiereichen Produkten wie tierische Fette, Schweinefleisch, Hot Dogs und Süßigkeiten das MS-Risiko signifikant erhöhen.

Dem sind dann nur noch die Faktoren: Bewegung, mentale Stabilität und Achtsamkeit hinzuzufügen und schon erkennt man die Grundzüge von Life-SMS wieder.

Auch bemerkenswert: Interferon-Beta 1b und Glatirameracetat Acetat (Copaxone®) wirken in diesem Modell nur auf den Wachstumsfaktor BDNF (brain-derived neurotrophic factor), was die beschränkte Wirksamkeit dieser Medikamente erklären hilft!

Die vollständige Studie können Sie hier nachlesen:

Khanam Irin A, Tom Kodamullil A, Gündel M, Hofmann-Apitius M. Computational Modelling Approaches on Epigenetic Factors in Neurodegenerative and Autoimmune Diseases and Their Mechanistic Analysis.Journal of Immunology Research. 2015;2015:737168. doi:10.1155/2015/737168.


Und wenn Sie wollen, unterstützen Sie uns über drei einfache Wege!

betterplace button boost button

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann registrieren Sie sich doch gerne als “Follower” dieses Newsfeed! Rechts auf dieser Seite.

Fampridin: Vorsicht bei einer Vorgeschichte mit Trigeminusneuralgie!

Fampridin (auch 4-Aminopyridin oder Dalfampridine in den USA), Handelsname Fampyra®, ist ein orales Medikament das vor kurzem  für Patienten mit MS zugelassen worden ist. Es kann dazu beitragen, Symptome einer Gehbehinderung zu mindern und wirkt bei etwa 30% der Betroffenen. Diese erfahren im Durchschnitt eine Verbesserung von 25% der Gehleistung, insbesondere dann, wenn sie sehr langsam zu Fuß sind. Die bekannteste größere Kontraindikation ist die Epilepsie.

Ein Team im MS–Behandlungs- und Forschungszentrum in Minneapolis behandelte 71 MS-Patienten mit Gehbehinderung mit Fampridin. Fünf dieser Patienten hatten eine Geschichte mit einer bereits vorhandenen Trigeminusneuralgie (Episoden von plötzlichen, schweren Gesichtsschmerzen ausgehend vom Trigeminus-Nerv). Die Forscher beobachteten , dass sich bei vier dieser Patienten die Trigeminusneuralgie verschlechterte. Bei drei Patienten begannen die Gesichtsschmerzen innerhalb eines Monats nach Beginn der Behandlung mit Fampridin , während bei einem Patienten das Auftreten von schweren Schmerzen im Gesicht erst nach 18 Monaten auftrat. Trotz Stopp der Behandlung mit Fampridin nach Auftreten der Problematik, waren die Schmerzen bei einigen Patienten resistent gegen vormals erfolgreich eingesetzte Medikamente.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass Fampridin zu einer Reaktivierung von neuropathischen Schmerzen aufgrund einer Trigeminusneuralgie führen kann. Oder anders ausgedrückt: bei einer bekannten Historie in Bezug auf eine Trigeminusneuralgie ist der Einsatz von Fampridin mit großer Vorsicht zu handhaben. 

Komplette Studie unter: 

Dalfampridine may activate latent trigeminal neuralgia in patients with multiple sclerosis. 

Unreflektierte Hochdosis-Therapie mit Cortison wieder einmal infrage gestellt

Die Hochdosis-Therapie mit Kortison im akuten Schub gehört zum Standardrepertoire der MS-Behandlung. Diese ist, wie auch eine relativ aktuelle Studie unter dem Titel „Mechanistic insights into corticosteroids in multiple sclerosis: War horse or chameleon?“ (Krieger 2014) zeigt, keineswegs als harmlos zu betrachten und die Entscheidung über den Einsatz von Glucocorticoiden ist immer vom Einzelfall und von der Phase der Erkrankung abhängig. Es ist durchaus möglich, dass sich Kortison in späteren Phasen der Erkrankung vom „Schlachtross in ein Chamäleon“ verwandelt und die Schädigungen der Nervenhüllen sogar verstärkt. Mehr zum Thema Cortison (od. Kortison) auf lsms.info und in der lesenswerten Broschüre der Universität Hamburg: Schubtherapie bei Multipler Sklerose.

Dimethylfumarat keineswegs harmlos – Blutbild alle 6 Wochen checken

Wie der idw mitteilt, hat es nach Berichten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie bei der Behandlung mit Dimethylfumarat (Handelsname: Tecfidera) einen Todesfall infolge einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) gegeben.

Mehr…..

Patienten sollten dieses Risiko gemeinsam mit dem behandelnden Arzt bewerten und die Entscheidung zum Einsatz des Medikaments immer sehr bewußt treffen.