Die Feldenkrais-Methode besonders für MS-Betroffene (3): Multiple Sklerose und Gehen

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis:
Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

Es folgt eine Erklärung, was zur Funktion des aufrechten Gehens gehört, weiter das Beispiel einer Unterrichtslektion, hier der Behandlung mittels Berührung und Bewegt-werden, also welche Fähigkeiten Menschen mit MS konkret für ihr Gehen, ihren Alltag und ihr Leben gewinnen, gegliedert in:

  1. Die Kunst des Gehens
  2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen 
  3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit
  4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche
  5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

1. Die Kunst des Gehens

Der menschliche Gang ist eine Kunst, die verlangt, dass feine und komplexe Gewichtsverlagerungen über den gesamten Körper kontrolliert werden. In Lernprozessen der Kindheit und in Neuanfängen oder Heilungsprozessen sollten sie auch in Ruhe gespürt werden. Mit unserem Bewegungssinn geschieht dieses Erlernen oder erneute Lernen des Gehens mit gezielter Aufmerksamkeit und wird dann zum automatischen Reagieren und gewohnten Gang. Die beteiligten Gehirnareale und Nerven kommunizieren in Regelkreisen sowohl innerhalb des Individuums als auch zur Umgebung und hin zum Lehrer/zur Lehrerin. Damit verbunden sind eine ausreichende Erdung und der dynamische Kontakt zwischen Füßen und Boden. Daraus folgen die Zentrierung und das Pendeln um die Zentralachse und die gesunde schlängelnde Gestalt der Wirbelsäule, ihre Dynamik und Aufrichtung.

Der Wunsch derer, die unter Multiple Sklerose leiden, ist verständlicherweise sehr groß, ihr Gehen zu erhalten oder zu erleichtern. Aus den Erläuterungen der Zusammenhänge zwischen Gelenkführung und Nervensystem und der Verbindung der Körperteile untereinander geht hervor, dass die Hilfe aus der Feldenkrais-Methode sowohl auf jedes noch so kleine Gebiet des Bewegungssystems als auch auf die Einheit des Körpers zielt. Folglich übe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern direkt am Gehen und ebenso in anderen Positionen an der Beweglichkeit der Wirbelsäule, an der Durchlässigkeit von Brustkorbs und Hals, am flexiblen Tragen des Kopfes und an der Kompetenz von Füßen und Becken, die das Gewicht tragen UND es in vielerlei Richtungen und Konfigurationen verschieben, ziehen, heben, setzen usw. So sind auch alle Arten von Drücken, Ziehen, das Transferieren der Übenden zwischen Stuhl und Boden oder Stuhl und Bett sowie jegliche Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen dem Atemvorgang, dem Zwerchfellmuskel und den Wirbelbewegungen ein Übungsfeld, das die Funktionen für das Gehen unterstützt und erweitert. Indem die Patientin/der Patient neugierig das Tun MIT-SPÜRT, etablieren sich immer mehr Schaltkreise im Nervensystem und Bewegungsmuster, also die Fähigkeiten, die Aufgaben des alltäglichen Gehens bei vielerlei Umgebungen und Bodenuntergrund anzupacken und damit Chancen der Bewältigung, Erfolge und Sicherheit

Beispiele für solches Erkunden und Wahrnehmen sind Treppen, schräge Ebenen, verschieden hohe Stufen, niedrige und höhere Hocker, zu denen man sich auch hinwenden, also drehen kann und sollte. Beispiele sind das vielfältige Bewegen der Fußgelenke und das Abrollen einer oder beider Fußsohlen von den Zehen bis zur Ferse und umgekehrt, ebenso zwischen den Innen- und Außenkanten, und weitere Beispiele sind das Erforschen aller Beingelenke. Wenn Übende interessiert sind, zu fragen und die Fähigkeiten des Körpers zu erkunden, etwa des Beckens, welche Richtungen des Kippens und Drehens hier möglich sind, so ist dies eine wunderbare Vorbereitung, ein leichteres Gehen zu lernen. Auch die Aufmerksamkeit auf Taille und Hals, die zwei besonders beweglichen Zwischenräume, fördert den Balanceakt, besonders dann, wenn eine Körperseite oder ein Bein behindert ist. 

2. hold less, balance more – Erdkontakt und Fallen

John Graham, auf Basis seiner Feldenkrais- und Ballettkarriere, rief immer wieder in unsere Ausbildungsstunden hinein: „hold less, balance more“. Ein ebenso hilfreicher Satz war: „Lasst den Atem euch atmen“. Wir sehen hier das Tänzerische und die Öffnung für Selbstwahrnehmung. Und beide Aufforderungen betonen den heilsamen Zusammenhang des Bewegungsapparates und der Luft- und Blutversorgung durch eine harmonische Balance zwischen Bemühung und geschehen lassen. In der Praxis mit meinen Einzelpatienten sowie in Kursen und Fortbildungen bringe ich oft die Feldenkrais-Methode, Gentle Dance und die Kinästhetik zusammen. Wir erleben im leiblich-kindlichen Erforschen erstaunliche Lernergebnisse für das Gehen und das Alltagsleben. 

Im folgenden werde ich als Beispiel eine von vielen möglichen „FIs“ (Funktionale Integration) für den menschlichen Gang und also Lernvorgänge im Liegen und im beeinträchtigten Gehen konstruieren und beschreiben. Sie möge vor allem Übenden eine Anschauung davon geben, was sie erwarten können von einer solchen Behandlung, währenddessen und danach. Auf der Liege fühlen wir uns sicherer, liegend können wir das Gewicht auf eine große Fläche abgeben, wir können nicht fallen, und daher lassen wir leichter los. In vielen Methoden wird das Üben im Liegen praktiziert und danach das Gelernte auf den aufrechten Gang oder die Alltagsbewegungen, den Tanz oder die Yoga-Asanas usw. übertragen. Auch dann noch ist „der aufrechte Gang“ (Feldenkrais, Moshé, Bewußtheit durch Bewegung. Der aufrechte Gang. Suhrkamp Taschenbuch 1981) eine große Kunst. Daher sollten wir das Fallen, etwa des vorschwingenden Beines beim Gehen, als Baby das Hinfallen beim Laufenlernen, als Tänzer das Stehen und Drehen auf einem Bein und das choreografisch verlangte tänzerische Fallen sorgfältig erforschen.

Im Verlaufe der Erkrankung an MS entwickelt es sich öfter, dass die Fähigkeit des symmetrischen Ganges abnimmt: Neben anderen Schwierigkeiten kann es sein , dass ein Bein nicht mehr so gut  zu kontrollieren ist. Die Gleichmäßigkeit des Schwingens rund um die Zentralachse im Zusammenspiel mit dem symmetrischen Schreiten beider Beine geht verloren oder wird geringer. Deutlich möchte ich darauf hinweisen, dass die Probleme oder Defizite sehr schwanken können, je nach Tageszeiten, Stimmungen, verschieden  stressigen oder beglückenden Umgebungen, je nach Zuversicht oder Deprimiertheit.

Zum Erleben des Gehens bei der Beeinträchtigung:
Wenn das Abstoßen der Beine von hinten, das Heben und Vorschwingen nicht mehr in gleicher Weise rechts und links gelingt, sind auch die beiden Körperseiten davon beeinflusst. Auf der Seite des schwerer kontrollierbaren Beines kommt es zu einer Kontraktion zwischen Becken und Brustkorb. Dies wirkt wiederum zurück auf die Beinbewegungen, die Bewegungen des Beckens und damit auf den gesamten Körper. Die größte Gelenkbewegung bei einem menschlichen Schritt geschieht an der „Nahtstelle“ zwischen Torso und Bein, dem Hüftgelenk. 
Wenn man also ein Bein bzw. das Hüftgelenk – manchmal das Knie- oder das Fußgelenk oder diese zusätzlich – nicht in aktiver Bewegung leiten kann, also die Faltung oder Biegung durchführen, liegt es nahe, das Becken zu benutzen, als Helfer oder Ersatz für das Heben des Beines oder Fußes. Der Klient hebt und dreht für den Schritt also die Beckenseite des betroffenen Beines einseitig und stärker als üblich im Gehen und führt zusammen mit dem Bein diese Beckenhälfte (Ilium) nach vorne. So kann der Fuß vorne aufsetzen. Oft ist auch das Flexen des Fußes schwierig oder unmöglich. Dieser neue Balanceakt ist natürlich ein ganz anderer als der gleichseitige. Die Klientin/der Klient gewöhnt sich an eine starke und strukturverändernde Kontraktion auf der Seite des betroffenen Beines und die beiden Seiten werden dauerhaft unterschiedlich gebraucht. 

Die Lösung, auf diese Weise das Becken einzusetzen, ist prima, nur ergeben sich aus der Dauer- und Gewöhnungsanstrengung neue Probleme für den Bewegungsapparat, wenn man nicht regelmäßig am Ausgleich arbeitet, und oft auch Spannungen, die den gesamten Menschen in seiner Beweglichkeit einschränken, leider auch Schmerzen verursachen können.
Nehmen wir an, das rechte Bein ist behindert, dann bewegt er also seine rechte Taillenseite und Flanke aktiv mit sehr viel mehr Muskelkraft als die linke. Links wiederum führt dies zu einer veränderten Aufnahme des Gewichtes auf dem Fuß im Vergleich zur symmetrischen Bewegung. 
Folglich werden Gelenke und Muskeln: das Sacrum, das Iliosacralgelenk, die Lendenwirbel mit den Beckenmuskeln, dies ganze Gebiet mit Quadratus, Psoas, Iliaci, Transversi… gegen die Schwerkraft auf der rechten Seite für einen Schritt in anderer Weise gebraucht als auf der linken Seite. Das heißt für den Schritt mit rechts gewöhnt sich die Klientin/der Klient an eine überstarke Anstrengung für das Zusammenziehen in der Taille und Drehen des Beckens. Und links entsteht eine veränderte Kraftanstrengung beim Strecken des Beines, das das Gewicht des gesamten Körpers logischerweise mehr und länger tragen muss. Diese Kreation ist eine gute Anpassungsidee. Wenn nun ein so erfinderischer und gewandter Mensch spürt mit Bewusstheit, was er dabei tut und sein kinästhetisches Sinnesorgan schult zur globaleren Wahrnehmung seines Körpers, dann kann er ausgleichende Bewegungen für seinen gesamten Körper finden, d. i. die linke Seite entsprechend trainieren im Zusammenziehen und den beiden Seiten genügend Loslassen gewähren.

Eine solche Selbst-Schulung und die Unterstützung durch Feldenkrais-Practitioner hilft zu mehr Bewegungskompetenz. Dadurch vermeiden wir, dass die einseitige Kontraktion zur festen Struktur wird, also zu einem dauerhaftem Schiefstand von Becken und Torso, Wirbelsäule, Hals und Kopf. Dies beeinträchtigt auch die sonstigen Alltagsbewegungen, das Sitzen, Waschen, Anziehen, oder auch nur das Stehen, das Schreiben, sich beugen. Die Durchlässigkeit des Halses ist für die Nervenbahnen, das Blut, den Atem, die Ernährung und Fasziengewebe existentiell notwendig. Interessierte Übende können konkret die entsprechenden Hebungen, Kontraktionen und eben auch Längungen (das Strecken) auf der anderen Seite und ihre eigene Weise der Selbsterziehung praktizieren. Wir alle balancieren uns ja nicht nur bei relativer Stabilität und Symmetrie aus, sondern erst recht, wenn das Gewicht auf eine Seite schwankt oder sich schwerer zur Seite neigt, also stärker von der Erdanziehung betroffen ist. Auch in Ballspielen, Klettern und Tanz erlebt man dies immer wieder als große Aufgabe. 

Wir sollten für solches Lernen nicht streng mit uns umgehen, nichts erzwingen, sondern die guten Resultate von lockerer Disziplin genießen. In der Feldenkrais-Methode oder in einer Tanztherapie wachsen wir mental und emotional, wir verbessern unser Selbstbild und Leben. Die Minderung oder das Bewältigen von körperlichem und seelischem Stress kommt dem Nervensystem und den Immunitätsorganen zugute.

3. Eine Feldenkrais-Behandlung für das Gehen bei MS – der Tanz zu zweit

Es ist leicht, auf der Feldenkrais-Liege die lösenden angenehmen Funktionen des Gehens durch die berührenden Hände des Feldenkrais-Behandlers zu erfahren. Dabei kann der Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb auf der linken und auf der rechten Seite loslassen, und ein freieres Atmen kann gespürt werden, Voraussetzungen für gute Balance und leichteres Gehen. Sicherlich werden erfahrene Feldenkraislehrende mit gezielten Berührungen die Schülerin/den Schüler darin unterstützen, immer differenzierter zu fühlen und neue Muster aufzunehmen. Zunächst können Lehrende die Klienten etwa beidseitige und symmetrische Bewegungen in Rückenlage erfahren lassen. Sie ermuntern, „passiv “ zu sein im Sinne eines Sich-Spürens, die Behandlung im Liegen zu genießen, im Anschluss an die Behandlung die neuen Erlebnisse beim Aufstehen und Gehen zu beobachten und Stunden und Tage später zu erinnern.

Effizientes Lernen entsteht nach Moshé Feldenkrais (er lebte von 1904 bis 1984) mit Neugier, in unangestrengter, unangespannter und angenehmer Atmosphäre. Dies haben die moderne Neurowissenschaft und die heutigen technischen Studien sichtbar und beweisbar gemacht. Die Disziplin dabei ist eine gewisse Regelmäßigkeit beim Erwerb des differenzierteren Körpergefühls und bei der Hinwendung zu eigenständigem Reifen.

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Man kann die Übenden auf der Liege zum Vergleichen sowohl die neuen als auch die alten ! Funktionen von Bewegungen erleben lassen, etwa die entstandene Symmetrie und vorher die Einseitigkeit, ein Loslassen der rechten Körperseite, besonders der Taille aus der gewohnten Dauerkontraktion, und wie ein vom Practitioner bewirkter Druck auf die Fußsohlen rechts und links zunächst unterschiedlich gespürt wurden und dann eine Angleichung erreicht wurde.
Practitioner können mit einer kleinen Verstärkung von Druck oder Zug und einer Erweiterung des Körperareals die gewonnene Bewegungsfreiheit bekräftigen, sei dies durch ihre Hände, ihren Körper oder manchmal sogar durch ein paar nette Worte der Freude, Überraschung, des Lobes UND auch durch Fragen und Hinweise zum neuen Bewegungserleben. Vor allem werden Feldenkrais-Lehrerende selbst sehr genau auf den Atem achten und für mehr Flexibilität von Zwerchfell und Wirbelsäule, mehr Weitung von Brustkorb und Weichheit des Bauches, für die Verringerung der Spannung gewisser Zwischenrippenmuskeln sorgen. 

Die Seitenlage bietet sich besonders an, wenn eine Körperseite überbeansprucht ist, in unserem Beispiel die Seitenlage auf links, da Practitioner dann bequem an der nach oben gewandten rechten Seite arbeiten können. Das schließt gar nicht eine erstmalige Arbeit sogar zunächst links aus! Die/der Lehrende wird auch am Schultergebiet, an Rippen, am Zwischenraum zwischen Brustkorb und Becken, an der Bein-Becken-Beziehung so arbeiten, dass hier die Funktionen von Kontrahieren, Loslassen, Dehnen und Strecken klarer werden. Der Patient/die Patientin erhält z.B. Aufforderungen, seine aufliegende (linke) Körperseite auf der Unterlage zu spüren, wie diese auf die Behandlung reagiert und mit der oberen Körperseite korrespondiert. Das intensive Erleben der beiden Körperseiten zusammen mit den neugewonnenen Fähigkeiten wird gefestigt durch ein passendes Berühren in Bauchlage, in Sitzhaltung und schließlich im Stehen, möglichst auch im Gehen. All dies braucht vermutlich mehrere Sitzungen. Es zeigen sich meist etliche ungekannte Gefühle: mehr Platz im Zwischenraum zwischen Becken und Brustkorb, „ich kriege mehr Luft“, die Übenden fühlen sich länger…

Zu anderer Zeit wird man auch die winzigen Wirbelbewegungen mit sachtem Schieben in Bauchlage oder Seitenlage erleben lassen. Dies ist nicht nur wohltuend während der FI, sondern sehr zentral für die Kompetenz des Balancierens, die fast alle Gelenke des Körpers einbezieht, vor allem aber die häufig vernachlässigte Wirbelsäule. In der Zukunft dient dies im weitesten Sinne einer Erweiterung der Selbstwahrnehmung und einer Steigerung des Realitätssinnes. Für ihre Bewegungskompetenz, also für das je erforderliche neue Lernen bei  momentanen oder frischen Schwierigkeiten, sollten Menschen mit MS – und nicht nur diese – immer wieder alltägliche Bewegungen langsam ausführen und genau beobachten.

4. Stürzen, Aufstehen, die Aufrichtung und die notwendige Unterstützungsfläche

 Balancieren, das Gewicht verlagern sind die ganz gewöhnlichen Begleiterscheinungen, wenn wir uns bewegen. Fallen kennen wir vom Kind, das Laufen lernt, und auch bereits wenn das Baby beim Rollen zur Seite fällt. Stürzen unterscheiden wir „Kinästhetikerinnen“ vom Fallen. Es gibt nicht nur ganze Tanzstile, die auf dem Fallen aufbauen und Tanzphrasen mit fallenden Gliedern, sondern auch der durchschnittliche Mensch kann lernen, sich beim Fallen gut aufzufangen, sich funktional, also der Aufgabe entsprechend zu bewegen. Auch dies ist eine Definition von „Bewegungskompetenz„, die die Kinästhetik als Weiterentwicklung aus der Feldenkrais-Methode heraus betont. Gerade beim Fallen, und eben nicht Stürzen (aber selbst da!) braucht es keine Kraft, hilft kein Wille, keine Schweiß treibende Anstrengung, sondern gerade das von den gelehrsamen Nerven erwirkte gezielte Loslassen von Teilen des Körpers. Etliche Muskeln müssen also entspannen, während andere arbeiten, was bei gesunder Bewegtheit die Regel ist. Dadurch, und nicht durch viel praktiziertes zu hartes Training, bleibt all unser Gewebe elastisch und wird nicht spröde, hart oder schmerzt und erlahmt.

In der Feldenkrais-Methode üben wir sozusagen im voraus, was unser Gehirn und Körper beim Fallen, also auch bei jedem Schritt, nämlich beim „Fallen“ eines Beines und eines Teils des Torsos einleiten soll. Das enorm intelligente Nervensystem inklusive Gehirn kann dies leicht bieten. Beim Stürzen, bei dem wir ja an die Unfallgefahr denken, wobei es glücklicherweise sehr oft noch gut ausgeht, wirkt die Schwerkraft bereits heftiger, unser Körper stößt oder knallt auf den Boden, wobei wir auch da oft mit den Händen und Armen agieren und uns auffangen, Gesicht und Kopf schützend.

Arten zu fallen gehören also auch zum Alltag, Stürzen wollen wir vermeiden. Angenommen, man ist gestürzt und liegt auf dem Boden. Stehen sie weder schnell auf noch lassen Sie sich schnell wieder ins Stehen bringen, selbst wenn Sie gegen lieb gemeinte Hilfe protestieren müssen. Bevor Sie aufstehen, bewegen und spüren Sie zuerst Ihre Gelenke achtsam durch. „Fischen“ sie dann nach mehr oder weniger höheren und festen Objekten wie Hocker, Bücher, Kissen, Teppich, zusammengefaltete Kleidung, Tasche, Stuhl, auch nach der stabilen Schulter einer Helferin. Ausgestreckte Arme oder Hände geben keinen sicheren Halt. Die Unterstützungsflächen sind Ihre Aufsteh-Hilfen und vielfach besser als Ihre Muskelarbeit etwa der Oberschenkel beim „Senkrecht-Start“, der noch dazu die Knie überanstrengt und schädigt. Ferner drehen und wenden Sie sich in die Aufrichtung hinein; das frontale parallele Hochkommen braucht zu viel Muskelkraft, gar nach einem Schock oder Stoß.

Wie übt man nun Fallen und Sich-Auffangen vor dem Ernstfall? 
Wir üben nicht diese Bewegungen ein, sondern wir schulen unser Nervensystem mit möglichst vielen Optionen, also konkreten Positionen und Aufgaben. Daher arbeiten wir langsam während der Lernprozesse und benutzen unsere Wahrnehmung mit der Wirkung, dass die Komplexität des Nervensystems erweitert wird. Neue Schaltkreise formen sich, es bilden sich neue Nerven; sogar neue Gene können in starken Veränderungsprozessen entstehen. Sie erleben nicht nur wie angenehm, sondern auch wie frei Sie in der Wahl Ihrer Handlungen werden durch eine disziplinierte Arbeit an Ihrer Bewegungswahrnehmung, alleine und mit Lehrer/Lehrerin.
Ich empfehle ein lebenslanges Dranbleiben und die Regelmäßigkeit; wir Menschen sind gebaut für ständige Bewegung: Laufen, Gehen, Gewichtsverlagerung; nicht für Sitzen! Nicht nur die kinästhetische Erlebnis-Wissenschaft, sondern auch die Praxis ist weniger durch ihre Theorie als viel mehr durch die Erfahrungen überzeugend; unter anderem auch, weil es für die hochschulgemäße Forschung zusammen mit Lehrenden und mit dem Verband der Feldenkraisberufe an Geld fehlt und aussagekräftige Studien Jahre benötigen. Das ist schade, denn viele Menschen könnten hiervon Lebensqualität gewinnen (zur Kinästhetik s. auch Kapitel 8: Kinästhetische Intelligenz in Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016).

5. Arbeitsweise im Rollstuhl, Arbeitsweise am Rollator, im Wasser und für weitere Funktionen der Gewichtsverlagerung wie Transfers, stehend sich Beugen, Drehen, weit Ausholen, Auto fahren, ein Musikinstrument spielen u.s.w.

Ich habe nicht nur mit den üblichen Feldenkrais-Gruppen und Einzelpatientinnen/-patienten gearbeitet, sondern auch in Krankenhäusern, Geburtshäusern, in Pflegeheimen und für besondere Lernaufgaben alltäglicher, sportlicher und künstlerischer Aufgaben. Da das Gehen eine extrem menschengemäße und bedeutende Funktion ist, bildet es zunächst einmal die Basis für unser Leben. Erst wenn dies nicht mehr (so leicht) möglich ist, wird es durch andere Potentiale ergänzt oder ersetzt. Erfahrungen mit den verschiedensten Klientinnen/Klienten, bewegungsbeeinträchtigten Menschen, mit (auch spastisch) gelähmten Menschen, mit Menschen nach Unfällen, mit Bettlägrigen, mit Sterbenden, mit Koma-Patientinnen/-patienten, mit alten und geschwächten Menschen, mit Menschen mit Demenz, mit Säuglingen, Kleinkindern und zusammen mit deren Müttern und Vätern, also auch mit Menschen, die Worte nicht verstehen, unter der Geburt … machen diese Arbeit sinnvoll, freudvoll und notwendig.

Sehr gut erinnere ich mich an mehrere Patientinnen/Patienten, die ich auch begleitete, bevor sie einen Rollstuhl benötigten und ebenfalls später, als ich sie anleitete für eine angenehmere Weise des Hinüberbewegens vom Rollstuhl über das Sitzen hin zum Bett, über ein Gleiten in Seitenlage und zu Drehungen in die Rückenlage … Manchmal entfaltet sich dies wie ein Tanz; man probiert auch individuell. Ein junger Patient liebte das Tanzen liegend im Bett. Eine Patientin liebte es besonders, wenn wir einen Dialog, sitzend auf den Stühlen, mit unseren Gesten, Bewegungen, der Mimik und auch Lauten führten. Eines Tages wollte sie schwimmen gehen; ich organisierte es, wir erlebten miteinander ihr freudiges Schwimmen auf dem Wasser und natürlich das schöne Getragen-sein. Ich trug ihren Kopf und teilweise den Oberkörper, während ich im niedrigen Wasser ging. 

Von meinem großartigen Ausbilder Yochanan Rywerand und von dem Musiker Alan Fraser lernte ich, wie man Behinderte und Musiker mit Feldenkrais-Behandlungen im Alltag und sogar am Instrument durch Berührung unterrichtet. Als Tänzerin und durch Moshés Beschreibungen sowie die Kinästhetikforscher Lenny Maietta und Frank Hatch war ich in der glücklichen Situation, Kinästhetik mit Tanz zusammen zu lernen und mit Patienten und Patientinnen kinästhetisch zu tanzen. Ich konnte sie sowohl im Rollstuhl als auch mit Rollator unterrichten und behandeln.

Für die Benutzung eines Rollators sollte man sich klar machen, dass man das Gewicht nicht zu lange auf „alle Viere“, eben auch auf Hände und Rollator stützt, sich so oft wie möglich aufrichtet, die lotrechte Achse der Wirbelsäule berücksichtigt und damit – auch bei Krankheit und im Alter – die menschengemäße Zentrierung und Haltung (alignment) einnimmt. Denn sonst werden Rundrücken und der für den Menschen unpassende Umgang mit der Erdanziehung weitere Probleme nach sich ziehen. Vielfältige Bewegungen der Wirbelsäule, Aufrichtung und Schwingen um die Vertikale helfen dem körperlichen Gleichgewicht und der seelischen Harmonie.


Ihre Eva Weißmann

Seien Sie in diesem Sinne neugierig auf die nächsten Feldenkrais-Folgen von Eva Weißmann hier in diesem Kanal!

Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (Teil 1)

Die Feldenkrais-Methode bei MS – Teil 2: Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: Charles Erik Huber, CH-Ennetbaden; SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Die Feldenkrais-Methode – besonders für MS Betroffene (2): Was erlebt man während einer Feldenkrais-Stunde und was tun Praktizierende?

Das Zusammenspiel von Schüler/Schülerin und Lehrer/Lehrerin, das Feld der Balance und das kinästhetische Sinnesorgan
 

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Die Feldenkrais-Methode (FKM) ist Unterricht; sie ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, die in maßvoller und disziplinierter Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist. Die Methode unterstützt beides, Sport und Medizin.

Die schon erwähnten zwei Herangehensweisen dieser Methode und Schüler-Lehrer-Beziehung sind: 

  1. die Gruppenlektionen: man nennt sie kurz „ATM„, d.h. „awareness through movement“ = Bewusstheit durch Bewegung und
  2. die Einzelbehandlung: „FI„, d. h. „Funktionale Integration“.

In der Begegnung von Schüler/Schülerin und Lehrer/Lehrerin wird das über den ganzen Körper verteilte Nervennetz Bewegungswahrnehmung, das kinästhetische Sinnesorgan, geschult und für die Selbstbeobachtung und Verbesserung von Bewegungsfunktionen genutzt. Also wird auch der gesamte Bewegungsapparat, nämlich Muskeln, Knochen, Gelenke, Bänder, Sehnen und Faszien in ihrer Aktivität und Passivität(!) erreicht. Es sind diejenigen Zellen, Leitungen, Nervenbündel, mit denen wir unser Bewegen und Handeln initiieren, kontrollieren und korrigieren und mit denen der Körper geplant und beabsichtigt, reflexartig oder spontan reagiert. Über Passivität, Elastizität und „Loslassen“ lesen im nächsten Teil des Feldenkrais-Newsletters.
Das kinästhetische Sinnesorgan ist in der embryonalen Entwicklung das am frühesten entstehende, und für diese  Bewegungswahrnehmung kooperieren viele Organe miteinander: das Gleichgewichtsorgan im Ohr, die Propriozeption, also die Eigenwahrnehmung, beispielsweise der Fußsohlen zum Boden hin für das Fühlen von Gewicht und Bodenbeschaffenheit, überhaupt das Fühlen von Druck und Ziehen, von Raum und Tempo, meist auch die Augen.
Die Nerven sind beteiligt bei jeglichem eigenem Tun, sei dies der Atem, das Sprechen, der Krafteinsatz, die Richtungen sämtlicher Bewegungen, seien sie bewusst oder seien sie uns (bereits) geläufig wie den Löffel führen, das Gaspedal bedienen…oder seien sie spontan und autonom.
Der Atem spielt begleitend und in seinem Einfluss für alle Bewegungen eine besonders wichtige Rolle (was in einem späteren Newsletterteil ausgeführt wird). Das A und O des Atems, der durch die Feldenkraismethode tiefer, ruhiger und angepasster wird, kann man nicht genug würdigen.

Im Unterrichten geht die/der Feldenkrais-Lehrende individuell auf jeden Schüler/jede Schülerin ein – und bei jeder Krankheit und nach jedem Unfall unterrichtet sie/er so, dass die Kompetenz des aktuellen Standes vergrößert wird, sei sie momentan noch so gering – dies vor allem in der Einzelbehandlung.

In der Gruppe führt sie/er die Teilnehmenden – indem sie immer wieder neue Sätze formuliert – zum Experimentieren und zu Varianten einer Bewegung. Der Lehrer/die Lehrerin ist aufgerufen, passende Ideen für alle Schüler zu finden und in jeder Unterrichtsstunde einen logischen Aufbau zu schaffen.

In der Einzelbehandlung auf einer speziellen Liege berührt die Lehrerin/der Lehrer den Schüler/die Schülerin, der/die äußerlich gesehen passiv sein darf, und bewegt ihn/sie sanft und ganzheitlich. Die Erweiterung der Muster im Bewegen oder anders gesagt: die Vergrößerung und Verdichtung von Nervenschaltkreisen wird generiert, indem der Feldenkraislehrer/die Feldenkraislehrerin die Bewegungen der Schülerin/des Schülers detailliert erforscht bzw. durch seine/ihre Hände spürt, welche Aufgaben der Schülerin/dem Schüler möglich sind und welche ihr/ihm durch Bewegt-werden neu dargereicht werden müssen. Er/sie respektiert auch den Widerstand des Organismus’ und bietet dann  andere Optionen an, beispielsweise in einer anderen Position, etwa statt der Seitenlage in der Bauchlage. Es geht immer wieder um frische Angebote und die Suche nach alternativen Wegen für wichtige Bewegungsfunktionen, etwa für die Kunst des Gehens. Wenn also zunächst vom Schüler/von der Schülerin ein Längen auf der einen Seite, etwa der rechten, nicht akzeptiert wurde, kann der/die Praktizierende als zweiten Versuch mit seinen/ihren Händen ein Zusammenschieben, eine Kontraktion auf der linken Körperseite anbieten.

Funktionale Integration: Was hat das Schulterblatt mit dem Schlüsselbein zu tun? Foto: FVD; Copyright: Sebastian Mayer

Zu 1.) den Gruppenlektionen:

Die halb- bis einstündige Gruppen-Lektion besteht aus Kombinationen von aktiven Bewegungen, die schließlich eine Funktion ergeben: etwa aufstehen, sich drehen, besser atmen, springen, nach oben greifen und so weiter. Die Bewegungen der Lektion werden sehr häufig auf dem Boden liegend langsam ausgeführt und erforscht: sich drehen aus der Rückenlage zur Seitenlage, die Wirbelkette kennenlernen und damit experimentieren, vielerlei Töne probieren und Bewegungen des Bauches vor oder zurück, den Kopf heben in Bauchlage, auch sitzend auf dem Boden, hier beispielsweise Bewegen des Kopfes, des Beckens und das Beobachten von deren Verbindung, auch im Sitzen auf einem Stuhl: etwa das rechte Knie nach vorne bewegen und erkunden, wie sich dabei Brustkorb und Wirbelsäule verhalten.
Details im Gehen oder in jeglichen Alltags-, Sport-, Tanzbewegungen und aus der Physiotherapie u.v.m. können zu einer Feldenkrais-Lektion aufgebaut werden, um darin Bekanntes leichter und feiner auszuführen und wohltuender zu erleben. Dabei hilft der Feldenkraislehrer/die Feldenkraislehrerin, indem er/sie Fragen stellt oder auf Beobachtungen hinweist: zur Beteiligung des Beckens und des Brustkorbs, zu den Teilfunktionen einer größeren Gesamtbewegung, besonders wichtig: zur Eingliederung der Wirbelsäule.
Ein grundlegendes Anliegen ist, auf einen fließenden Atem hinzuweisen, das Atmen beobachten zu lassen und die Schülerin/den Schüler den Zusammenhang von organischer Bewegung und freiem Atem entdecken zu lassen. 

Es gibt von Moshé Feldenkrais selbst viele Lektionen im Liegen, und überhaupt mit einer großen tragenden Unterstützungsfläche des Körpers auf dem Boden, auch das Sitzen auf dem Boden oder auf einem Stuhl. Trotz deren Wirksamkeit für Entspannung und Leichtigkeit sind auch Hilfen durch die Feldenkraismethode direkt beim alltäglichen Gehen und Fortbewegen oder im Hantieren am Herd oder Musikinstrument  möglich und sinnvoll. Dies kann eine wertvolle Erfahrung sein, dass die Balance, der Rhythmus, die Haltung, das Atmen und das Gangbild eher durch Sanftheit als durch Wille und Anstrengung verbessert werden.
In einer Lektion des Gehens kann man das genauere Spüren von einem Schritt lernen, einem halben Schritt, dem Stehen auf zwei Beinen, wie das Gewicht von einem Bein auf das andere gelangt, und man kann den Gebrauch der Fußsohlen klären, der Füße überhaupt. Der Lehrer/die Lehrerin muss aus seinen/ihren Beobachtungen erkennen, wie er/sie zur Selbstbeobachtung anregt, wie er den Boden für weniger Anstrengung und mehr „flow“ bereitet, wie er Interesse und Lust vermittelt. Er/sie muss fähig sein, das individuelle Fühlen des Schülers/der Schülerin zu bekräftigen und Leistungsdruck oder Konkurrenz zu vermeiden, da genau dies das leichte und erfolgreiche Lernen verhindert.

Zentral in doppeltem Sinne ist die Arbeit an der Wirbelsäule. Es braucht viel Zeit und Geduld, die vielen – meist ungenutzten – Bewegungsmöglichkeiten der Wirbelsäulenabschnitte und der einzelnen Wirbel  wieder zu entdecken. In der Medizin sprechen wir von der Psychosomatik, und in der Kinästhetik und der Feldenkrais-Methode nennen wir unsere somatische Fähigkeit der Selbstregulierung die Homöodynamik, früher Homöostase genannt. Durch die kinästhetische Methode ist unser inneres und äußeres Gleichgewicht positiv beeinflussbar. Wie unsere Nerven in Schaltkreisen verwoben sind, wie unsere Gefühle ausgedrückt, unterdrückt, verarbeitet, verwandelt werden, spielt sich in unserem neurobiologischen Gewebe ab, ja im Grunde zusammen mit und in unserem sozialen Gefüge, zwischen den Menschen: im interpersonellen neurobiologischen System.(1)

Der innere Nervenzustand und das Bewegungssystem werden  durch gute Feldenkraislehrende und in der Ruhe und Zuwendung des Unterrichts geschult. Neue Antworten können auf Stress gefunden werden. Dies führt im Feedbackloop zu stabilisierenden Wirkungen, zu verbessertem Funktionieren von Bewegung und Atem und also zur Erweiterung des menschlichen Lebensspielraums.
Neben Krankheiten sind auch „gewöhnliche“ Verspannungen, Verfestigungen, auch tiefer liegende körperliche und seelische Verletzungen an Verhinderungen unserer Fähigkeiten beteiligt. Daher eröffnen sich durch das Wahrnehmen und aus-der Taufe- Heben der neuen Vielfalt und angenehmen Leichtigkeit im Bewegen gleichzeitig neue Perspektiven für Aufgaben und Träume im Leben.

Für MS gilt hier, dass vor allem solche Behinderungen wegfallen, die gar nicht auf der Erkrankung selbst basieren, oft aber auf Kompensationen oder auf den seelischen Konsequenzen. Aus den Erfolgen größerer Beweglichkeit und Balance können Zuversicht und Lust auf „mehr “ des frohen Lebensgefühls erwachsen

Diese Erkundungsfahrt stößt die Eigenaktivität und leitet über das Gewohnte hinaus zu Alternativen. In der Feldenkrais-Methode wird nicht korrigiert, vielmehr sind die Lösungen und Wege des Schülers/der Schülerin Teil seiner/ihrer Freiheit. Auf dieser Suche nach ökonomischem und funktionalem Körpergebrauch werden die Bewegungen im Unterricht selbst und in der Behandlung zwar langsam ausgeführt, aber im Alltag ermöglicht dies dann ebenfalls schnelle und anstrengende Bewegungen in guter Qualität.  Die größere Flexibilität dehnt sich auf das generelle Verhalten aus.

Nicht bestimmte vorgesetzte Bewegungen werden eingeübt, sondern Schülerinnen und Schüler erhalten neue Nervenmuster.
Neue Konstellationen der Gelenke können sich den Aufgaben entsprechend entwickeln, man denke an die Balance im Gehen, hier besonders an ein Gehen mit einem nicht kontrollierbaren Bein oder Fuß, und man denke an die alltäglichen Verrichtungen wie Anziehen, Waschen, Hinsitzen, Treppen steigen, den Toilettengang, Zähne putzen, das Tragen von Taschen, das Benutzen von Stöcken, Auto fahren …
Das spielerische leistungsfreie Vorgehen erweist sich gerade bei MS als angesagt. Der Patient/die Patientin kann in Ruhe und mit viel Zeit Unbekanntes erproben. Die Feldenkraislehrerin/der Feldenkraislehrer sollte auf dessen/deren Bewegungsreaktionen wiederum mit dem eigenen Feedback ihrer/seiner Worte oder Hände antworten. Diese ausgefeilte Didaktik sieht äußerlich wie eine Bewegungsstunde aus, aber sie ist vor allem ein Aufwecken der Schöpferfähigkeit des menschlichen Organismus. Die Methode ist zwar nicht auf Entspannung ausgerichtet, sie tritt jedoch so gut wie immer ein, das Spannungsnetz im Körper wird besser moduliert, wodurch viele Schüler/Schülerinnen zu mehr Ruhe kommen. Davon werden nicht nur die organischen Bereiche des Körpers positiv beeinflusst, das Immunsystem, Gehirn und Nerven, auch die Emotionen und  Hormonausschüttungen, das Verhalten und die Gesundheit allgemein können davon profitieren. 

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Zu 2.) den Einzelbehandlungen:

Die beschriebene Lern-Dynamik der Gruppenarbeit erweist sich in der Zweier-Interaktion noch intensiver. Durch die individuelle Berührungsbehandlung kann man eine noch deutlichere Gelöstheit des Schülers/der Schülerin bewirken, weil hier das individuelle Abstimmen besser möglich ist und weil man als Praktizierende/r die Bewegungen sehr direkt und klar anbieten kann. Ich kann mit Verschieben von Körpergebieten, durch Drücken, Ziehen, Heben, Drehen, Gleiten, durch mannigfaltigstes Handling arbeiten, und dies mit dem Gespür für die Reaktionen. Meine „Antworten“ wiederum auf das Körperverhalten des Schülers/der Schülerin gebe ich auch gerne mit dem ganzen Körper, etwa bei der Arbeit an schweren Körperteilen. Die Kinästhetik, eine Weiterentwicklung der Feldenkrais-Methode, nennt die Berührungssynchronisation von Umlagerungen und von Tanzdialogen mit beiderseitigem Folgen eine „gleichzeitig-gemeinsame Interaktion“. Sie werden inzwischen besonders für Babys mit ihren Eltern, für Kleinkinder und Menschen mit Behinderung angewandt, wurde zunächst im Tanz praktiziert und heute weltweit verbreitet in der Pflege. Es ist ein gleichzeitiges Führen und Folgen beider Seiten und kann wie eine Form des modernen Tanzes aussehen: „Kontaktimprovisation“. (2)

Die interpersonelle Arbeitsweise der Feldenkrais-Methode und und der Kinästhetik, die achtsame Begegnung miteinander spricht den Menschen an, nicht nur ein Thema oder eine Krankheit. Ermöglicht werden die Verwandlung unangemessener Anpassungen und Grenzen im Bewegungs- und Beziehungsverhalten. Das Selbstbild und die Sicht auf das Leben verändern sich. Für Menschen mit MS ist es sicher eine große Herausforderung, den Blick umzuschwenken von der Krankheit auf die neuen Möglichkeiten, doch gerade diese offene Perspektive ist besonders sinnvoll. Durch Selbstvertrauen gelingt auch die Bewegungskontrolle besser. Daher grundlegend ist die freundliche, liebevolle Gestaltung der Zusammenarbeit. Die Feedbackschleifen im Schülersoma verschlingen sich mit den Feedbackschleifen zwischen den zwei Arbeitspartnern. Das Vergessen und Ablegen der Identifikation mit den Mängeln wird durch die Erfahrungen konkret und körperlich fassbar. 
Man kann auch fließend von einer Feldenkraissitzung zu kreativer tanztherpeutischer Arbeit übergehen, zum Beispiel in den Ausdruckstanz. (3)

Erfahrungen auch mit sehr alten und mit bettlägerigen Menschen zeigten mir, dass sie nach einer halben Stunde FI ihre Angst und ihre „Starre“ ablegen konnten, so dass sie leicht vom Pfleger aus dem Bett genommen werden konnten und sogar Spaß an einigen Schritten und an Waschbewegungen hatten. 

Von meinem jahrzehntelangen Erleben dieser Begegnungen kann ich ableiten, dass meine Hände und auch die Oberfläche und Muskulatur meines Körpers oft besser wissen, wohin und wie zu berühren ist, als mein Kopf. Wir arbeiten so, dass wir den Widerstand umgehen und diejenigen Wege suchen, die erlaubt werden. Interessanterweise ist es für viele Schülerinnen und Schüler nicht leicht, das Kleine, Wenige oder Sanfte zuzulassen. Dass ein Vorgehen ohne Plage, ohne Willenskraft und Schweiß Resultate haben wird, scheint in unserer Zeit schwer vorstellbar. Hier lenken wir als Praktizierende sachte weg von den Überzeugungen, Härte – wie in manchem Sport oder in manchen Manualtherapien – helfe am besten. Durch die Begegnung und den Input aus einem anderen Leib, den Lehrerenden, können dessen Muster und Funktionen an Ökonomie und Weichheit von den Schülern/Schülerinnen in ihr eigenes Soma integriert werden. Wenn sie von der Liege aufstehen und sich selbst im Stehen, Sitzen oder Gehen vergleichen mit ihren Wahrnehmungen zu Anfang, sind Gesicht, Atem und Verhalten froher und freier.


Ihre Eva Weißmann

Seien Sie in diesem Sinne neugierig auf die nächsten Feldenkrais-Folgen von Eva Weißmann hier in diesem Kanal!

Bisher erschienen:

Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene (1)


Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.

Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


Referenzen:

[1] Siegel, Daniel, Pocket Guide to Interpersonal Neurobiology. Mind your Brain. W.W. Norton & Company, New York; Weißmann, Eva, Lernen im Gleichgewicht. Brandes & Apsel, Frankfurt 2016

[2] Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics, Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Urban Fischer, München 2003; Hatch, F., Maietta, L., Kinaesthetics Infant Handling. Hans Huber, Bern 2004)

[3] Wittels, M., Die Feldenkrais-Methode in der Schmerztherapie, in: Bernatzky, Günther u. a.. Nichtmedikamentöse Schmerztherapie. Komplementäre Methoden in der Praxis. Springer-Verlag, Wien 2007; Weißmann, TanzTheaterTherapie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1999)

© Foto: SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Die Feldenkrais-Methode – besonders für von MS Betroffene

Gastartikel in mehreren Folgen von Eva Weißmann

Hinweis: Die Feldenkrais-Methode ersetzt nicht die medizinische Versorgung und nicht eine sportliche Betätigung, welche in maßvoller Weise fast immer und fast für jeden sinnvoll ist.

I Was ist die Feldenkrais-Methode?

Bei der Feldenkrais-Methode handelt es sich nicht im medizinischen Sinn um eine mentale, körperliche oder seelische Heilmethode, auch wenn wir indirekt Heilwirkungen erhalten und erklären können. Und die Methode ist auch kein Sport, sondern eine Weise des Lernens. Wir lernen, leicht und freudig zu lernen, im Grunde ein neues Lernen zu lernen und gar Lernen zu lernen.

Das Medium der Begegnung zwischen Schüler und Lehrenden (Practitioner) ist Bewegung, und daran üben wir Selbstwahrnehmung und Aufmerksamkeit und achten darauf, WIE wir lernen – ein Leben lang bis zum Lebensende, auch im Feld von Krankheiten, Behinderungen, Lernschwierigkeiten u. a., durchaus auch als Sportler, im Rollstuhl, als Musiker, Schreibtischarbeiter usw.

Feldenkrais-Lehrende geben einer Gruppe von Lernenden verbal angeleitete Unterrichtslektionen. Eine zweite Weise der Zusammenarbeit ist die individuelle Behandlung mittels feiner und sanfter Berührung und Bewegung. Beide Vorgehensweisen unterscheiden sich vom gängigen schulischen Lernen, denn es gibt kein Leistungsziel, sondern freudiges und neugieriges Lernen ist bereits ein Nahziel. Das Erlebnis kann eher als ein Tanz miteinander gefühlt werden, es kann eine kinästhetische Synchronisation genannt werden (darüber in einem späteren Newsletter mehr).

Auf den ersten Blick mag diese Arbeit wie eine weitere der vielen Bewegungsschulen erscheinen, man übt jedoch keine vorgesetzten Übungen ein, sondern das Nervensystem wird angesprochen. Übende können durch dieses Training in detailliertem Wahrnehmen ihrer Bewegung eine grundsätzliche Kompetenz gewinnen, mit neuen Situationen umzugehen, das Leben leichter zu gestalten, Einschränkungen und Schwierigkeiten mit Offenheit zu begegnen, dies auch im Sinne von Selbstverantwortung. Das Handeln wird nicht nur Ärzten und/oder Physiotherapeuten überlassen, sondern baut auch auf die eigene Initiative. Die Körper-, Lern- und kinästhetischen Fähigkeiten werden verbal oder berührungsbasiert erweitert. Durch das differenzierte Lernen und Einfühlen erhält man neue Muster der Nervenverbindungen und der Bewegung; man legt schädigende Gewohnheiten ab…

Die spielerische Zusammenarbeit, die Leichtigkeit im Tun und im Ergebnis gründen sich auf Lust statt auf eisernem Willen. Wir werden ermuntert, wie die Kinder auszuprobieren, zu spielen, ohne Bewertung und frei. Dieses Erleben entspricht der Funktion unserer Natur, des Nervensystems und der Lebendigkeit unseres Organismus. Die Feldenkrais-Bewegungen werden langsam ausgeführt, um sie präzise und detailliert zu spüren. Die Kunst von Bewegungswahrnehmung und das Wissen um den subtilen Gebrauch unseres kinästhetischen Sinnesorgans vernachlässigen wir in unserer westlichen Zivilisation, haben dies beiseite gedrängt oder gar verloren. Sobald eine größere Vielfalt an Bewegungsfunktionen erworben sind, entwickeln sich die Fähigkeiten für eine erfüllendere Lebensgestaltung: Sicherheit und Kreativität, Stabilität, und Erdung. 

II Warum Feldenkrais gerade bei Multiple Sklerose?

MS ist eine Erkrankung, die die Nerven betrifft. Es können die Nerven im Gehirn als auch die Nervenleitungen hin zu den Rezeptoren für Bewegung an Gelenken, Muskelansätzen und Faszien betroffen sein. Da das gesamte Nervensystem, alle seine Teilsysteme und Einzelkörper mit deren Verbindungen eine Aktionseinheit bildet, könnten vielerlei Aspekte beeinflusst werden. (s. „Das Gehirn als Kooperationssystem“ in Weißmann, Lernen im Gleichgewicht) 

Viele führen die Erkrankung auf Entzündungen zurück, die die Myelinscheiden der Axone betreffen, also die Hüllen für deren Ernährung und Schutz. Die Oligodendrozyten, eine Art Versorger der Myelinscheiden, können offenbar im Verlaufe dieser Erkrankung ebenso angegriffen werden. Sie sind möglicherweise einem Zerstörungsprozess durch Immunzellen ausgesetzt, deren Aufgabe der Schutz des Organismus sein müsste.

Über vieles ist man sich nicht einig und nicht sicher, etwa zu Ursachen und Auslösern, auch zu den sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern und Verläufen. Da es sich um eine Zivilisationskrankheit handelt, lohnt sich ein Nachdenken über den eigenen Lebensstil und vielleicht über eine Wende. Ärzte und Forscher sprechen auch von einer Auto-Immunkrankheit. Ich meine, bei jeder Nervenkrankheit sollten wir an die Überlastung der Nerven und an Stress denken, die den Körper beschädigen, den Geist beeinträchtigen und die Psyche krankmachen, also eine der Ursachen für viele physischen, seelischen und psychosomatischen Symptome sind: Depressionen, Traumen, Demenz usw. Und eine (Auto-) Immunkrankheit ist sicherlich ein Symptom unserer westlichen Lebensweise, nämlich der Entfremdung von Körper, Natur, Seele, Kosmos.

So ergibt sich die Frage: Welche gundlegende Einstellung habe ich zu Krankheit, zu meinem Leben, Gesundung, zu den Möglichkeiten des Heilwerdens?

Bei der Vielfalt und Breite der Symptome, die die Augen, den Schlaf, die Konzentration, das Denken betreffen und Lähmungen, Spastik, Harndrang u.a. umfassen können, fallen natürlich Behinderungen der Bewegung, und hier besonders des Gehens, für die betroffenen Menschen besonders ins Gewicht. Und aus solchen Begrenzungen im alltäglichen Leben, bei der Arbeit und beim Vergnügen, entwickeln sich leicht Stimmungstiefs und Depressionen, die immer auch Rückwirkungen haben auf unser Soma, unsere physische Lebendigkeit und Gesundheit. Ängste und Überlastungen verändern die Immunität und die zugehörigen Organe.

Ich selbst habe mit Menschen mit Gehbehinderungen gearbeitet und solchen, die teilweise und gänzlich auf den Rollstuhl angewiesen waren. Gehen – und auch Transfers ins Auto, aus dem Bett usw. – betreffen Erdung, Gewichtsverlagerungen und Gleichgewicht, die möglichst intensiv, regelmäßig, aber sanft gepflegt werden sollten (in nächsten Newslettern mehr dazu).

Moshé Feldenkrais ging es darum, Gewahrsein und Bewusstheit zu gewinnen (dazu in einem folgenden Newsletter mehr). Er war Physiker, Verhaltensforscher und ein Experte in Judo. Zeitlebens war er ein wunderbarer erfindungsreicher Bewegungslehrer und Judolehrer, für Laien und für Experten. Deutlich hat er auf dieser Grundlage seine eigene Methode entwickelt. Und ebenso deutlich zeigt er, dass auch Judo noch verfeinert werden kann durch Bodenarbeit und körperliche Durchlässigkeit. In seine eigene Arbeitsweise, die Feldenkrais-Lektionen und die Funktionale Integration, flossen das Beobachten der frühen Versuche eines Babys ein, zu greifen, den Kopf zu heben, das spiralige Drehen, Rollen, robben, krabbeln, aufsitzen, knien …, dann das Studium der Lernentwicklung im Heranwachsen der Kinder zur Aufrichtung, zum menschlichen Gang, zu den Alltagsbewegungen des Neigens und Beugens, Springens, Hüpfens und Tanzens. Schließlich prägten Moshés lebenslange Erfahrungen mit kranken, behinderten und alten Menschen, mit Tänzern, … seine Arbeit.

Jede Bewegung ist eine Gewichtsverlagerung und also der Umgang mit der Schwerkraft, woraus sich das Balancieren durch das Leben formt und eine ständige Notwendigkeit, sich aufzufangen.

Moshé Feldenkrais sieht als Errungenschaften eines vollständig ausbalancierten und erwachsenen Menschen u.a. dieses an:
a) Beweglichkeit der gesamten über 30 Gelenke der Füße
b) die Koordination aller Muskeln, Knochen, Glieder, Organe und die Flexibilität unserer Nerven-, Lern- und Geistesprozesse
c) die Kunst zu fallen und sich ohne Angst aus dem Gleichgewicht zu entlassen, sich der Dynamik und „off-balance“  zu ergeben, sich kontrolliert zu Boden lassen
d) der Erwerb von Bewegungsmustern, die weit über die eigenen Gewohnheiten hinausgehen
e) die Fähigkeit eines ausgereiften Erwachsenen, der seine Gefühle, Gedanken und Aktionen wahrnimmt und kontrollieren kann
f) ein glückliches erfülltes Leben zu gestalten
g) Bewusstheit, Selbständigkeit, Freiheit und Reife.

Man erkennt den tiefen Zusammenhang zwischen Körper und Geist, die All-Einheit im Mikrokosmos und Makrokosmos.

Seien Sie neugierig auf die Einzelheiten, auf die in den nächsten Folgen hier in diesem Kanal eingegangen wird!

Ihre Eva Weißmann

Eva Weißmann ist Feldenkrais-Lehrerin, Choreographin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Während ihrer akademischen und pädagogischen Karriere hat sie sich bereits intensiv mit Bewegung befasst, seit 40 Jahren mit der Feldenkraismethode; ihre weitere Ausbildung absolvierte sie u.a. in der Tiefenpsychologie von Dr. Arnold Mindell. Sie gibt besonders gerne Feldenkrais-Einzelbehandlungen, unterrichtet aber auch Feldenkrais-Lektionen in der Gruppe, Meditation, Yoga, Tanz, Supervision und Fortbildungen. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und Artikel, darunter „Feldenkrais für Menschen mit MS“.


Weitere Informationen zur Autorin:

Hier geht es zum Partnerinnen-Profil von Eva Weißmann bei der Akademie für menschliche Medizin…


© Foto: SFV Schweizer Feldenkrais Verband


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Supplementation nach dem Wahls-Protokoll – Teil 2/2

Nachdem wir vor kurzem auf diesem Kanal ausführlich über die wichtigste Supplementation des Wahls-Protokolls – das Vitamin D – berichtet haben, schauen wir nun noch tiefer in die Empfehlungen bei MS nach der Internistin Terry Wahls, die sie in Minding my Mitochondria dargestellt hat.

© Buchcover: Minding My Mitochondria; 2nd edition; Terry L. Wahls; TZ Press

Denn um Vitamin D vollkommen ausschöpfen zu können, sind auch andere Vitamine im Körper unabdingbar. Ganz oben auf der Liste stehen Magnesium, Vitamin A, Vitamin K (insbesondere K2 als MK7; am besten in der all-trans-Form), Vitamin E und Omega-3-Fettsäuren; gefolgt von Zink und Bor.

Ohne Magnesium klappt z.B. die Verstoffwechslung von Vitamin D nur unzureichend.

Dass diese Mineralien und Vitamine auch noch viele andere Funktionen haben, wissen die wenigsten. Deswegen gehen wir heute in Teil 2 zum Wahls Protocol näher auf einige ein:

Magnesium

Dass Magnesium neben dem Knochenaufbau für z.B. für den Energie-und Muskel-Stoffwechsel und das Nervensystem wichtig ist, ist gerade für MS-Betroffene von besonderem Interesse. Insbesondere wenn es darum geht, Spastizität in den Muskeln zu verringern, das Syndrom der unruhigen Beine (restless legs) zu verbessern und den Schlaf zu fördern.

Doch Magnesium ist nicht gleich Magnesium. Denn jede Magnesiumverbindung ist unter den natürlich schwankenden pH-Wert-Bedingungen im Darmtrakt unterschiedlich gut löslich. Viele Faktoren – wie Art und Menge der Nahrungsmittel, Medikamente, die bakterielle (evtl. auch Fehl-)Besiedelung des Darms und individuelle Vorgaben – bestimmen die pH-Werte im Verdauungstrakt. Deshalb ist eine ausgewogene Mischung an Magnesiumsalzen günstig, die ein unterschiedliches Löslichkeitsverhalten haben. Dies verhindert auch den gefürchteten Durchfall bei hoher Substitutionsmenge. Außerdem auf den Magnesiumgehalt an sich achten. Dr. Wahls empfiehlt, bei MS täglich 350 bis 400 mg elementares Magnesium einzunehmen (wenn eine normale Nierenfunktion besteht!). Von den Zellen sehr gut aufgenommen wird z.B. Magnesiumglycinat oder Magnesiummalat, das sich auch besonders bei MS empfiehlt.

Eine ausführliche Betrachtung zum Thema Magnesium findet sich auch bei unserem Schwesterprojekt der NährstoffAllianz!

Essentielle Fettsäuren (v.a. Omega-3-Fettsäuren)

Es gibt zwei Omega-3-Fettsäuren, die für MSler noch wichtiger sind als für nicht von einer neurodegenerativen Autoimmunerkrankung Betroffene: Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA). Beide sind entzündungshemmend; EPA mehr als DHA (und DPA = Docosapentaensäurenoch mehr als diese beiden), aber das Gehirn braucht v.a. DHA für kognitive Fähigkeiten (Erinnerung, Konzentration, …) und um Myelin zu bilden, welches durch MS-bedingte Entzündungsprozesse zerstört wurde.

Diese Omega-3-Fettsäuren sind v.a. in fettreichen Kaltwasserfischen, wobei die großen davon (Makrele, Lachs, Hering, Thunfisch) heutzutage zu überfischt und auch zu schadstoffbelastet sind. Besser sind die kleinen, fettreichen wie Sardinen und Sardellen. Oder schadstoffbefreite (!) Fischölpräparate höchster Qualität einnehmen. Alternativ zu diesen gibt es inzwischen auch rein pflanzlich produzierte Omega-3-Produkte (aus einer EPA-DHA-reichen Algensorte). Sowohl als Kapseln als auch als Öl. Die Dosierung sollte ca. 2 Gramm DHA/EPA/Tag betragen (sofern keine Gerinnungsstörungen vorliegen, darf es sogar etwas mehr sein). Wenn Sie Medikamente zur Blutverdünnung einnehmen, müssen Sie aber unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen, wie viel und welche Art von Omega-3-Fettsäuren Sie unbedenklich einnehmen können. Manche Ärzte sind auch bereit, den Blutverdünner durch hochdosiertes Fischöl zu ersetzen, da es die gleiche Wirkung hat.

Bei allen Omega-3-Produkten unbedingt auf beste Qualität achten! Aufstoßen (bei Kapseln, wenn man innerhalb kurzer Zeit danach was Heißes trinkt oder bei unverkapselten Ölen) kommt davon, dass die Produkte schon oxidiert sind (was bei den meisten bereits durch den Herstellungsprozess passiert)!

Oder auch, wenn man Kapseln aufschneidet und sie ranzig oder fischig schmecken oder riechen: Wegwerfen!

Die Internistin Dr. Wahls empfiehlt außerdem vom Arzt ein „Lipidpanel erstellen zu lassen, das auch eine Analyse der essenziellen Fettsäuren umfasst, um zu erfahren, wie das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren in Ihrem Blut ist. Dabei wird das Verhältnis von AA zu EPA (Arachidonsäure zu Eicosapentaensäure) untersucht. Ihr Ziel ist es, dieses Verhältnis zwischen 1,5 und 3 zu halten.“ Außerdem besagt der Hämoglobin-A1C-Wert, wie hoch der Oxidationsgrad Ihres LDL-Cholesterins ist (bei schlechten Produktqualitäten werden Sie hier nie auf einen gesunden Wert kommen können = weniger als 5,2 Prozent).

B-Vitamine

Die Vitamine des B-Komplexes – einschließlich Vitamin B1 (Thiamin; besser als aktive Form Benfotiamin), B2 (Riboflavin), B3 (Niacin), B5 (Pantothensäure bzw. die aktive Form Pantethin), B6 (Pyridoxin bzw. auch hier besser die aktive Form P-5-P = Pyridoxal-5-Phosphat), B7 (Biotin), B9 (Folsäure als Methyl-Folat) und B12 (als aktive Cobalamin-Formen wie Adenosylcobalamin statt des preiswerten, unaktivierten Cyanocobalmin) – erfüllen immens viele wichtige Funktionen für das reibungslose Funktionieren der Zellen.

Dr. Wahls empfiehlt, dass insbesondere die Folat- und Vitamin-B12-Werte im oberen Quartil (nahe der Spitze) des empfohlenen Referenzbereichs liegen. Der Homocysteinspiegel sollte zwischen 4 und 6,5 Mikromol pro Liter liegen.

Coenzym Q10

Coenzym Q10 ist wichtig für die Energiegewinnung durch die Mitochondrien. Mit zunehmendem Alter (insbesondere ab 50 Jahren) wird es für uns schwieriger, genügend Coenzym Q10 herzustellen, und Medikamente beeinträchtigen oft unsere Fähigkeit, Coenzym Q10 zu produzieren bzw. in die aktive Form umzuwandeln.

Terry Wahls empfiehlt MS-Diagnostizierten 200 mg Coenzym Q10 als Tagesdosis (gerne über den Tag verteilt). Wenn Sie dreimal pro Woche Herz (die reichhaltigste Quelle von Coenzym Q10) und Leber (nur aus ökologischer, artgerechter Weidetierhaltung!) essen, erhalten Sie außerdem mehr Coenzym Q10, Liponsäure und andere wichtige mitochondriale Nährstoffe. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Einnahme von Coenzym Q10, wenn Sie Statine einnehmen.

Algen

Viele marine Algensorten (v.a. die Kombu-Alge) sind sehr gute Lebensmittel, die wir täglich essen sollten (in schadstoffgeprüfter Qualität!). Es gibt aber auch Sorten (nämlich Süßwasser-Algen), die eher als Nahrungsergänzungsmittel angesehen werden – aber auch täglich konsumiert werden sollten: Die Mikroalge Chlorella und Blaualgen wie Spirulina und AFA-Algen (Aphanizomenon Flos Aquae; z.B. die besondere Klamath-Alge), welche eigentlich Cyanobakterien sind (daher die blaue statt grün-braune Farbe). Sie sollen Schwermetalle und andere Giftstoffe binden und mit dem Stuhl ausleiten können. Terry Wahls empfiehlt, die Mikro-/Blaualgen auf jeden Fall morgens einzunehmen, denn diese könnten Energiebooster sein.

Sie dürfen auf keinen Fall mit schädlichen Bakterien kontaminiert sein, d.h. nicht mit anderen Cyanobakterien (z.B. Microcystis, Planktothrix) verunreinigt sein, die sogenannte Microcystine erzeugen. Microcystine gelten als krebserregend, schädigen das Nervensystem und sind lebertoxisch. Außerdem sollten sie unbedingt frei von Schwermetallen sein.

Dafür sollten sie am besten in geschlossener Algen-Aquakultur nach EU-Bio-Verordnung gezüchtet werden (was sich leider auf den Preis auswirkt).

Außerdem sind Wechselwirkungen mit Medikamenten wie Immunsuppressiva, Blutgerinnungshemmern und bestimmten Schmerzmitteln möglich.

Und in einer kanadischen Studie wurde über eine Mobilisierung verschiedener Immunfaktoren durch AFA-Algen berichtet. Darüber hinaus sollen schon sehr kleine Mengen von Mikrocystinen den Stoffwechsel der entzündungsfördernden Arachidonsäure beeinflussen können.

Achten Sie bei diesem Ernährungstipp von Terry Wahls also unbedingt auf allerbeste, überprüfte Qualität und besprechen Sie die Einnahme ggf. mit Ihren Behandlern.

Verdauungsenzyme

Eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung erhöht die Anforderungen an unsere Verdauungsenzyme, welche für einen gesunden Darm dringend nötig sein können.

Laut Terry Wahls sollten Sie beim Kauf darauf achten, dass das Produkt mindestens Protease, Bromelain, Amylase und Lipase enthält. Verdauungsenzyme können die Wirkung von blutverdünnenden Medikamenten verstärken und müssen mit Vorsicht verwendet werden, wenn Sie Medikamente einnehmen, insbesondere Blutverdünner jeglicher Art, einschließlich Fischöl. Dies ist einer der Gründe, die Dosis langsam einzuschleichen.

Zusätzliche Ballaststoffe

Gönnen Sie sich für Ihre Darmgesundheit – und damit auch die Stärke Ihres Immunsystems – zusätzlich ausgesuchte lösliche Ballaststoffe aus Flohsamenschalen, Inulin, Apfelpektin, frisch gemahlenen Lein- oder Chiasamen. Eine allgemeine Empfehlung besagt ca. 30 g täglich – mit viel Flüssigkeit!

Abschließend wiederholen wir noch einmal die Sicherheitshinweise aus Teil 1:

Jeder Mensch ist einzigartig, und ein Eingriff von außen sollte wohldurchdacht sein. Bei einigen Supplementen (z.B. den fettlöslichen unter den Vitaminen) ist zudem regelmäßig eine Anpassung an die sich verändernden Blutspiegel wichtig. Auch wenn viele Vitamintabletten äußerlich wie bunte Smarties daherkommen, können sie  – noch mehr als ein Zuviel an Smarties – ungesunde Folgen haben. Regelmäßige Messungen verschaffen Sicherheit.

Am besten suchen Sie sich dafür einen Arzt mit der Zusatzqualifizierung “Funktionale Medizin oder Mikronährstoffmedizin” für ein gutes Monitoring.

Außerdem sollte dieser sich mit den synergetischen Effekten der Supplemente auskennen und Sie dementsprechend gut beraten.

Anmerkung: Eine ggf. durchgeführte individuelle Basistherapie und andere laufende Therapien sowie verschreibungspflichtige Medikamente sollten nicht abgesetzt werden (und dann, nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt), bis man das Wahls-Protokoll solange absolviert hat, dass das Entzündungsgeschehen merklich und nachhaltig allenfalls noch auf niedrigster Stufe abläuft und der Gesamtstatus des Körpers (Oxidation, Stress, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht, Psyche, Energie, Bewegungsradius) dies regelrecht widerspiegelt.

Achtung: Für Diabetiker und Schwangere sind diese Empfehlungen nicht uneingeschränkt geeignet!

Fazit:
Im Großen und Ganzen sind die Empfehlungen von Terry Wahls nahezu deckungsgleich mit dem, was Life-SMS immer wieder aufgrund diverser Studien hier empfohlen hat. Die individualisierte und bewusste lebensstil-orientierte Anpassung der Ernährung und anderer Faktoren sind der Schlüssel zu Stabilisierung und Gesundung.

Zudem kann eine Paleo-Ernährung, ähnlich wie sie Dr. Terry Wahls für an Multiple Sklerose Erkrankte empfiehlt, eine weitere Stellschraube zur Verbeugung und Therapiebegleitung bei Zivilisationserkrankungen allgemein sein. Mehr dazu können Sie lesen in diesem Artikel der NährstoffAllianz “Paleo Ernährung – eine weitere Stellschraube bei Zivilisationserkrankungen?”

Einen gesunden Lebensstil wünscht Ihnen

Ihr Team von Life-SMS


Zur Vertiefung:

Wahls, Terry, Dr.: Multiple Sklerose erfolgreich behandeln – mit dem Paläo-Programm, 2015. Das Buch ist im guten Fachhandel erhältlich.


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Von wegen Fett weg – MS und das Wahls-Protokoll

Nachdem hoffentlich das alte Jahr gut weggeräuchert wurde und auch Ihnen Platz für ein neues, gesundes Jahr gemacht hat, wird Life-SMS in 2022 besonderes Augenmerk auf den Gesundheitsaspekt „Bewegung bei MS“ legen. Doch starten wollen wir das Jahr mit einer Auffrischung und Vertiefung eines anderen besonders gesunden Themas:

Life-SMS hat schon mehrfach über ketogene Ernährung bei MS berichtet. 

Zum Beispiel in Das therapeutische Potential einer ketogenen Diät bei der progredienten MS“ 

mit dem Fazit: „Eine ketogene Diät hat das Potenzial die Energieversorgung der Nervenzellen und den Schutz der Zellen zu verbessern und kann somit den neurodegenerativen Prozessen bei der MS entgegenwirken.“

und in Stoffwechselverbesserungen und Reduktion des Oxidationszustandes mit ketogener Ernährung bei MS-Patienten“

mit dem Fazit: „Eine ketogene Ernährungsweise bietet bei MS durchaus Chancen, gerade mit Blick auf die Minimierung und den Stopp des entzündlichen, degenerativen Zweiges der Erkrankung. Wie alle spezifischen Ernährungsformen, ist sie weder eine Wunderdiät noch ist sie eine „One fits for all – Methode“. Jeder Stoffwechsel ist patientenspezifisch.“

und speziell über die Wahls-Diät diesen Gastbeitrag 

Gastbeitrag: Ketogene und Steinzeit-Ernährung am Beispiel der Internistin Dr. Terry Wahls aus Iowa

Das Wahls-Protokoll im Detail

Anlässlich eines aktuellen Interviews der selbst an MS erkrankten Ärztin ist es Zeit für eine Vertiefung in die von ihr für an Multiple Sklerose Erkrankte entwickelte Diät, die sich das Wahls-Protokoll (engl. protocol) nennt und auf der sogenannten Paleo- oder Steinzeitdiät basiert, welche bei MS und in mit Blick auf die heutigen Erkenntnisse aber weit darüber hinausgehen muss.

© Buchcover: Minding My Mitochondria; 2nd edition; Terry L. Wahls; TZ Press / erhältlich z.B. über amazon

Versorgung mit Nährstoffen

Ein wichtiger Teil des Wahls-Protokolls ist die Versorgung mit Nährstoffen für die bestmögliche Funktion der Körperprozesse inkl. des Energiehaushaltes der Zellen (durch die optimale Versorgung der Mitochondrien). Dafür ist eine ketogene,  zu großen Teilen pflanzenbasierte Diät (mit WIRKLICH VIEL Gemüse), mit etwas „ursprünglichem“ Eiweiß, also biologisch wertvollem Fleisch, aus Weidehaltung oder Wild (inkl. der wertvollen Knochenbrühe etc.) plus hochwertigem Fisch (artgerecht und frei von Schwermetallen und anderen Umweltgiften!), ebensolchen See- und anderen Algen, fermentierten Lebensmitteln und viel nativem Kokosnussöl schon eine sehr gute Voraussetzung. Das Kokosöl führt dem Körper direkt Ketonkörper zu, sodass den Zellen diese alternative Energiequelle zur Verfügung steht.

(Achtung: Für Diabetiker Typ I und für Schwangere ist eine ketogene Ernährung ungeeignet!)

Nahrungsergänzungsmittel und MS nach Dr. Wahls

Trotzdem kann diese bewusste Ernährungsweise gerade für an MS Erkrankte nicht ausreichen und die zusätzliche Einnahme von hochwertigen Nahrungsergänzungsmitteln hilfreich sein. Da es bestimmte Erkrankungen gibt, bei denen bestimmte Nahrungsergänzungsmittel kontraindiziert sein können, und bestimmte Medikamente mit einigen Nahrungsergänzungsmitteln reagieren könnten, besprechen Sie eine sinnvolle Supplementation aber bitte mit Ihrem Arzt. 

Und Dr. Wahls meint: “Ich habe viel gelernt, seit ich MMM geschrieben habe (Anm.: „Minding My Mitochondria – How I overcame secondary progressive multiple sclerosis” ist der Originaltitel), und habe eine Menge zusätzlicher Forschungsergebnisse gewonnen.
Eine Sache, die dabei sehr klar geworden ist: Es ist am besten, das Protokoll zu individualisieren.” 

Zu den  Nahrungsergänzungsmittel, die bei den meisten Betroffenen mit Multipler Sklerose von großem Nutzen sein können gehören nach Wahls:

  • Vitamin D (Vitamin-D-Test nicht vergessen!), 
  • essenzielle Fettsäuren, 
  • Vitamin E und die
  • B-Vitaminfamilie (aktives B12 wie Adenosylcobalamin; Methyl-Folat und Vitamine des B-Komplexes, einschließlich Thiamin (besser als aktive Form Benfotiamin), Riboflavin, Niacin, Pantothensäure bzw. die aktive Form Pantethin und Pyridoxin – auch hier besser die aktive Form P-5-P = Pyridoxal-5-Phosphat). 

Zusätzlich zu diesen Vitaminen sind auch marine Algen wie Seetang, Süßwasser-Mikroalgen und Verdauungsenzyme für MS-Betroffene in Betracht zu ziehen.

Jährliche Labortests

Die Internistin Terry Wahls empfiehlt verschiedene jährliche Labortests, um jeden, der eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit Gehirn-, Herz- oder anderen komplexen Gesundheitsproblemen hat, auf beunruhigende Anzeichen zu überwachen.

Dazu gehört, ein oder zwei Mal im Jahr ein großes Blutbild, einen Leber- und einen Nierentest durchführen zu lassen, um sicherzugehen, dass Sie die Nahrungsergänzungsmittel richtig verstoffwechseln oder eventuell darin enthaltene Schadstoffe Sie nicht beeinträchtigen. Generell sollten Sie immer auf hochwertige Qualität der Produkte Wert legen, doch auch diese können unterschiedlich vertragen werden.

Jede/r ist einzigartig, mit „einem einzigartigen Satz von Enzymen, die die Chemie unseres Lebens steuern“ und ein Eingriff von außen sollte wohldurchdacht sein. Bei einigen Supplementen (z.B. den fettlöslichen unter den Vitaminen) ist zudem regelmäßig eine Anpassung an die sich verändernden Blutspiegel wichtig. Auch wenn viele Vitamintabletten äußerlich wie bunte Smarties daherkommen, können sie  – noch mehr als ein Zuviel an Smarties – ungesunde Folgen haben. Regelmäßige Messungen verschaffen Sicherheit.

Am besten suchen Sie sich dafür einen Arzt mit der Zusatzqualifizierung “Funktionale Medizin oder Mikronährstoffmedizin” für ein gutes Monitoring.

Außerdem sollte dieser sich mit den synergetischen Effekten der Supplemente auskennen und Sie dementsprechend gut beraten.

Zu den einzelnen Empfehlungen nach Wahls

Vitamin D

Viele Ärzte halten einen Wert von 31 ng/ml für angemessen, doch bei einem so niedrigen Wert ist das Risiko für Autoimmunprobleme und Krebserkrankungen immer noch viermal so hoch wie bei einem höheren Wert. In Jäger- und Sammlergesellschaften und bei Menschen, die naturgemäß in der Sonne leben, liegen die Werte zwischen 80 und 120 ng/ml. Es liegt nahe, dass dies der Wert ist, der am ehesten mit optimaler Gesundheit vereinbar ist. 

In ihrer klinischen Praxis stellt Dr. Wahls jedoch fest, „dass die überwiegende Mehrheit (mehr als 90 Prozent) unter 30 ng/ml liegt, es sei denn, sie nehmen Vitamin-D-Präparate ein, arbeiten in einem Beruf im Freien, bei dem sie den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt sind, wobei Arme und Beine (oder der Oberkörper) exponiert sind, oder sie benutzen regelmäßig eine Sonnenbank (mit UVB-Anteil = ultraviolettes B-Licht im Wellenlängenbereich von 280 bis 313 Nanometern, also die Lichtfrequenz, die an den ersten Schritten der Vitamin-D-Bildung beteiligt ist).“  Auch die stete Verwendung von Sonnenschutzmittel verhindert leider eine ausreichende Vitamin-D-Bildung, denn diese blockieren die Lichtfrequenz, die unsere Haut zur Bildung von Vitamin D benötigt.

Übrigens: In Gesellschaften, die viel Sonnenlicht ausgesetzt sind, gibt es keine besonders hohe Inzidenz von Hautkrebs oder Melanomen. Die ständige Sonneneinstrahlung, das Fehlen von Sonnenbränden und eine nährstoffreiche Ernährung könnten ein Grund dafür sein, dass ihr Krebsrisiko viel geringer ist als das unsere. 

Sonnenbrand gilt es unbedingt zu vermeiden und dafür müssen Sie Ihre Sonnenexposition gleich im Frühling schrittweise erhöhen. Wenn Sie sich so lange der Sonne aussetzen, dass Sie an den Armen und Beinen eine LEICHTE Rötung haben, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen (und den Kopf besser beschatten!), hat Ihre Haut im besten Fall schon 20.000 I.E. (internationale Einheiten) Vitamin D bilden können (bei empfindlicher Haut DEUTLICH weniger).

Dr. Wahls rät, wenn in Ihrer Familie Hautkrebs oder Melanome vorkommen, und Sie nicht von Beginn des Frühlings an vorsichtig schrittweise erhöhen können, ist es vielleicht besser, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Mindestens während des Winterhalbjahres sollten dies sowieso alle nicht in Äquatornähe Lebenden und besonders Immunerkrankte. Niedrige Vitamin-D-Werte werden z.B. mit einem höheren Risiko einer Verschlechterung der MS-Symptome und einer höheren Rückfallquote in Verbindung gebracht.

Zu Beginn einer Supplementation empfiehlt es sich dringend, alle paar Monate einen Vitamin-D-Test durchführen zu lassen, bis Sie Ihren Vitamin-D-Spiegel auf den Zielwert gebracht haben, und ihn dann ein- oder zweimal pro Jahr zu überprüfen, um sicherzustellen, dass Sie ihn im Zielbereich halten. Denn alle fettlöslichen Vitamine können sich anreichern und übermäßig hohe Werte erreichen. Es gibt auch Test-Kits für zu Hause.

Dr. Wahls meint, „obwohl der Bedarf an zuzuführendem Vitamin D vom Breitengrad, in dem Sie leben, dem Pigmentierungsgrad Ihrer Haut und der Zeit, die Sie ohne Sonnenschutz im Freien verbringen, abhängt (Anm.: und ein ganz klein wenig von der Ernährung), benötigen viele Menschen, die in geschlossenen Räumen leben und arbeiten, in den Wintermonaten, in denen sie kein Vitamin D bilden können, zwischen 4.000 und 8.000 internationale Einheiten (I.E.) pro Tag und im Sommer, wenn sie nach draußen gehen können und genug Sonne abbekommen, um eine dunkle Bräune zu bekommen, zwischen 2.000 und 4.000 I.E. pro Tag, die ausreichen, um einen gesunden Vitamin-D-Spiegel zu erhalten.“ 

Außerdem sollten Sie dabei die anderen fettlöslichen Vitamine A, K und E gleichzeitig zuführen, da Ihre Zellen sonst einen Mangel an diesen haben. Der Verzehr von Leber (nur vom Bio-Weiderind!), Grünzeug, Nüssen und fermentiertem Lebertran kann für die Aufnahme dieser fettlöslichen Vitamine sehr nützlich sein. 

Damit Vitamin-D-Ergänzungen wirksam sind, benötigen Sie laut Terry Wahls auch Vitamin K2, insbesondere Vitamin K2MK7. Ihre Darmbakterien stellen Vitamin MK7 aus dem Vitamin K1 in Grünzeug her. Es ist auch in Organfleisch, fermentiertem Lebertran und vitaminreichem Butteröl von grasgefütterten Kühen enthalten. Sie empfiehlt die kaseinfreie Version dieser Öle.

Anmerkung: Eine ggf. durchgeführte individuelle Basistherapie und andere laufende Therapien sowie verschreibungspflichtige Medikamente sollten nicht abgesetzt werden (und dann, nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt), bis man das Wahls-Protokoll solange absolviert hat, dass das Entzündungsgeschehen merklich und nachhaltig allenfalls noch auf niedrigster Stufe abläuft und der Gesamtstatus des Körpers (Oxidation, Stress, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht, Psyche, Energie, Bewegungsradius) dies widerspiegelt.

Fazit:
Im Großen und Ganzen – und gerade was das Thema Vitamin D und Sonne betrifft – sind die Empfehlungen von Terry Wahls nahezu deckungsgleich mit dem, was Life-SMS immer wieder aufgrund diverser Studien hier empfohlen hat. Die individualisierte und bewusste lebensstil-orientierte Anpassung der Ernährung und anderer Faktoren sind der Schlüssel zu Stabilisierung und Gesundung.

In einer Fortsetzung dieses Artikels folgen die Wahl’schen Empfehlungen zu weiteren bei MS wichtigen Nährstoffen wie Magnesium, Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine usw.

Folgen Sie also Life-SMS auch 2022 – und bleiben Sie so am Ball der Gesundung!

Ihr Team von Life-SMS


Zur Vertiefung:

Wahls, Terry, Dr.: Multiple Sklerose erfolgreich behandeln – mit dem Paläo-Programm, 2015.
Das Buch ist z.B. in der Rubrik „MultipleSklerose“ bei der Akademie für menschliche Medizin zu finden;
ihr (leider noch nicht auf Deutsch erschienenes) Kochbuch dazu z.B. hier…

Weitere Buchempfehlungen finden sich u.a. bei der Akademie für menschliche Medizin im Bereich neurodegenerative Erkrankungen 

Artikel der NährstoffAllianz “Paleo Ernährung – eine weitere Stellschraube bei Zivilisationserkrankungen?”


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Das alte Jahr ausräuchern mit heilsamen Kraut

Viele kennen es vor allem aus der Kirche: das Räuchern – hier mit Weihrauch, dessen Geruch die Menschen spaltet – und der zum Räuchern fast schon zu schade ist (mehr über über den entzündungshemmenden und immunmodulatorischen Therapieansatz des Weihrauchs bei Patienten mit MS finden Sie in diesem Artikel:

Weihrauch: Vielversprechende Ergebnisse bei der MS Behandlung

Das Räuchern

Der Sinn des Räucherns ist leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Denn es gibt viel mehr Räucherwerk als nur den wertvollen Weihrauch – und einiges davon hat in der Raumluft antivirale Eigenschaften.

Von daher lohnt es gerade dieses Jahr, diese alte Tradition mal auszuprobieren. Nicht umsonst gibt es z.B. in der Alpenregion immer noch Bauern, die nicht nur ihr Haus sondern vor allem auch die Ställe mindestens zu jedem Jahreswechsel ausräuchern, um Mensch und Vieh besser vor Krankheiten schützen zu können.

© Foto: Molkerei Berchtesgadener Land / https://bergbauernmilch.de/de/information/presse/molkerei-bgl-raeuchern-tradition-1.html

Da so ein Gang durch ein großes Bauernhaus, über den Hof und in diverse Ställe ganz schön lange dauern kann (beim Räuchern macht es ja auch Sinn, nicht zu hetzen, damit der desinfizierende Rauch seine Wirkung voll entfalten kann), haben viele Bauernfamilien die uralten, traditionellen gusseisernen Bügeleisen aufgehoben. Dort hinein wurden und werden glühend heiße Kohlen gefüllt, welchen dann für die Räucherfunktion noch desinfizierende Harze oder ebensolche Kräuter beigelegt werden.

Viren, Winter-Blues und dicke Luft wegräuchern

Neben Weihrauch sollen z.B. auch Fichten- und Zirbenharz, Wacholder und sogar Salbei und Beifuß desinfizierende sowie stark antivirale Effekte haben.

Fichte, Zirbe und Johanniskraut können die Stimmung aufhellen. Bei Johanniskraut kennt man das ja in Form von Kapseln z.B. gegen den Winter-Blues. Doch eine Aufnahme durch beim Räuchern entstehende Aerosole kann mindestens genauso effektiv sein. Denn diese können nachweislich direkt über das limbische System des Gehirns wirken.

Falls in Ihrer Familie beim 2. Corona-Silvester dicke Luft herrscht, machen Sie sie doch durch Räucherwerk erstmal noch ein wenig dicker und nutzen Sie dafür geschickterweise Kräuter wie Rosenblätter, Vanillestange, Zimtrinde oder Nelke, denen nachgesagt wird, dass sie eine friedliche Atmosphäre begünstigen sollen. Vielleicht klappt es ja?

Oder wenn bei allen die Nerven schon richtig blank liegen, vielleicht besser noch Oregano oder Dost (= wilder Oregano). Dessen Aerosole sollen ein nervöses Nervensystem genauso beruhigen können wie Lavendel.

Feuerfest gesucht

Dafür brauchen Sie nicht erst auf der Suche nach einem uralten Guss-Bügeleisen (mit seitlichen Öffnungen) untertauchen, sondern für eine normale Wohnung reicht eine feuerfeste Schale, in die Sie etwas Sand füllen, auf welcher „selbstzündende“ Räucherkohle angezündet wird. Wenn die Kohle vollkommen glüht, legen Sie das Räucherwerk Ihrer Wahl auf (eine kleine Messerspitze in jedem Zimmer frisch). Nach dem Räuchern alle Fenster und Türen einmal weit öffnen.

Aber Achtung: Moderne Rauchmelder könnten so eine uralte Tradition evtl. falsch einschätzen. Dann haben Sie ggf. das Gegenteil eines beruhigenden Räucherabends.

Damit das nicht passiert, ggf. die Kohle erstmal draußen (etwas windgeschützt) durchglühen lassen und beim Räuchergang sehr achtsam sein.

Es geht auch ohne Rauch

Das Ganze können Sie sinnvollerweise auch das ganze Jahr über praktizieren. Und es geht noch viel bequemer mit hochwertigen ätherischen Ölen in einem Diffusor – auf emotionaler Ebene evtl. sogar kraftvoller als mit Räucherwerk. Manche Menschen vertragen Rauch ohnehin nicht– und Rauchmelder haben bei dieser Variante auch nichts zu melden.

Ein besinnliches Weihnachtsfest und einen achtsamen Wechsel in ein neues, gesundes und einfacheres Jahr 2022 – ob mit oder ohne das alte wegzuräuchern – wünscht Ihnen

Ihr Team von Life-SMS


© Foto: Molkerei Berchtesgadener Land


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Das Cannabinoid BCP aus Copaiba als potentere CBD-Alternative

Im Jahr 2020 haben Sie über den Life-SMS-Blog in 2 Teilen Wissenswertes zu Cannabinoiden wie THC und CBD erfahren.

Was ist das Endocannabinoid-System? Eine Einführung mit Blick auf die MS (I)

Das Endocannabinoide-System: Eine Einführung mit Blick auf die MS (II)

Wegen seiner positiven Wirkungsmöglichkeiten bei MS gingen wir v.a. auf das Cannabidiol (CBD) ein.
Sie erinnern sich an das Fazit?
Frei verfügbare CBD-Präparate können bei MS-Betroffenen eine Vielzahl positiver Effekte auslösen; dies betrifft unter anderem die positive Wirkung auf eine mögliche Darmbakterien-Fehlbesiedlung und das “Leaky gut” Syndrom, die Immunmodulation in Richtung anti-entzündlicher Vorgänge sowie antidepressive und neuroprotektive Wirkungen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass auch Cannabidiol antispastische und schmerzlindernde Wirkungen hat. Aufgrund der relativ kurzen Halbwertszeit von CBD empfiehlt sich die tägliche Einnahme.

Da CBD im Gegensatz zum THC ja hauptsächlich über den CB2-Rezeptor wirkt, hat es obige positive Wirkungen aber kaum psychoaktive Reaktionen (für welche THC bei den einen beliebt und bei den anderen sehr unbeliebt und teilweise gesundheitsbeeinträchtigend ist).

Heute stellen wir ein weiteres gesundheitsförderndes Cannabinoid vor, dass dem CBD sogar überlegen sein kann: BCP

Beta-Caryophyllen (BCP )

Es findet sich z.B. in hochkonzentriertem Black-Pepper-Öl aber in größeren Mengen v.a. im Harz des südamerikanischen Copaifera-Baumes, das Copaiba genannt wird.

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Die wichtigste chemische Komponente des Copaifera-Baum-Harzes Copaiba ist Oleoresin mit Beta-Caryophyllen (BCP), eine chemische Substanz, die auch zu den Cannabinoiden gezählt wird. Denn als Cannabinoid gilt eine Substanz, die mindestens einen CB-Rezeptor anspricht.

Genau wie CBD-Öl kann hochwertiges Copaiba-Öl eine gesunde Entzündungsreaktion unterstützen und eine positive Beeinflussung der Stimmung haben. Es ist auch ein starkes Antioxidans, das die Gesundheit des Immunsystems fördert – gerade bei Multiple Sklerose alles wichtig. Aber Beta-Caryophyllen (BCP) interagiert ausschließlich mit CB2- und nicht mit den psychoaktiv wirksamen CB1-Rezeptoren – es ist sogar hundertprozentig THC-frei, da dieses gar nicht im Copaifera-Baumharz vorhanden ist – und kann deswegen gefahrlos angewendet werden. Der THC-Gehalt in CBD-Ölen darf übrigens offiziell nicht höher als 0,2 % sein, aber dies wird von vielen Herstellern und Anbietern gar nicht getestet.

Copaiba-Öl beeinflusst die Zellkommunikation, sowie die neurale Reizübertragung

Durch den Einfluss von Betacaryophyllene (BCP) auf das endocannabinoide System wird u.a. die mitochondriale Funktion erhöht (Zellstoffwechsel), Schmerz reduziert und Neurodegeneration vermindert.
Copaiba-Öl kann so nicht nur unterstützend sein für die Gesundheit des Herz- Kreislauf-, Immun-, Verdauungs- sondern auch des Nerven- und Atmungssystems. Es ist der Hauptbestandteil Caryophyllen, dem die neuroprotektive Wirkung und kardiovaskuläre Vorteile zugesprochen werden – und der in CBD-Öl in wesentlich niedrigerer Konzentration vorhanden ist.
Von hochkonzentriertem Copaiba-Öl reichen 1 bis 2 Tropfen z.B. in Wasser oder Tee, um die Gesundheit zu unterstützen.
BCP kann nicht nur das Nervensystem und gegen chronische Entzündungen unterstützen, sondern wie CBD auch Anspannung (mentale wie muskuläre) und ängstliche und niedergeschlagene Gefühle lindern. Zudem hat es noch eine schützende Wirkung auf Nieren, Leber und andere Organe.

Konkrete Anwendungsbeispiele

Copaiba statt CBD-Öl klappt prima zum Einschlafen und ggf. um Spastiken (auch organische wie z.B. verkrampfter Darm) zu lockern (wirkt beruhigend auf das Nervensystem und die Muskulatur) und es kann wie CBD auch schmerzstillend wirken – je nach Schmerzursache (sehr gut z.B. bei Zahnnervschmerzen; hierzu einfach einen Tropfen auf das Zahnfleisch um die betroffene Stelle auftupfen).
Äußerlich angewendetes Copaiba (z.B. sich die Hände oder Füße damit einreiben) kann wohl einen ähnlichen anspannungslösenden Effekt haben wie eine innerliche Anwendung. Die innerliche ist hierbei jedoch meist stärker. Allerdings ist für die Einnahme ein hochwertiges, hochreines Öl, welches dafür zugelassen ist, unabdingbar! Daher erklären sich teils die Preisunterschiede.
Es gibt hochwertige Copaiba-Produkte (reinste ätherische Öle), die 55% BCP (Beta-Carophyllen) enthalten. Die CB2-Aktivierung korreliert mit der Konzentration von BCP (je mehr BCP desto mehr Aktivierung). CBD-Öl enthält 35% BCP und es wird vermutet, dass genau dieses BCP in CBD-Öl für dessen positiven Eigenschaften verantwortlich ist, weshalb es Sinn macht, direkt reineres BCP in Form eines guten Copaiba-Produktes einzunehmen (dann könnte der positive Effekt höher sein).

Fazit: Copaiba kann eine sinnvolle, da potentere Alternative zu CBD-Produkten sein. Beide können bei MS-Betroffenen eine Vielzahl positiver Effekte auslösen; dies betrifft unter anderem die Immunmodulation in Richtung anti-entzündlicher Vorgänge sowie antidepressive, neuroprotektive und schmerzlindernde Wirkungen.

Genau wie bei CBD-Ölen gilt hier:
Falls Sie ein Copaiba-Öl anwenden möchten, achten Sie bitte unbedingt auf die Herkunft. Viele im Internet angebotene Produkte sind zweifelhafter Herkunft, u.U. mit Pestiziden oder Herbiziden belastet oder weisen zweifelhafte Inhaltsstoffe auf. Greifen Sie auf Hersteller mit überprüfbaren Qualitätssicherungs- und Produktionsverfahren (erkennbar an Zertifikaten und Analysen) Produkte zurück.

© Illustration: Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen

Quellen:

Copaiba – ein kleiner wissenschaftlicher Einblick

Der Unterschied zwischen Copaiba-Öl und Cannabis-Öl

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Pilates-trainierte MS-Betroffene stürzen seltener – und vermutlich auch weniger schlimm

Pilates ist zu einer beliebten Trainingsart geworden, um den Körper einerseits zu stärken und andererseits zu entspannen. Im Gegensatz zum traditionellen Krafttraining, das sich auf einzelne Bewegungen konzentriert, zielt Pilates-Training darauf ab, mehrere Muskelgruppen auf einmal zu trainieren. Dies ist besonders für von Multiple Sklerose Betroffene interessant. Mit Pilates kann nicht nur dem Schwund an Muskelkraft entgegengewirkt werden. Pilates-Training kann darüber hinaus bei der Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit helfen, Haltungsfehler verbessern, die Rate der Spastizität verringern und schließlich das Sturzrisiko senken.

Gerade das stets vorhandene oder gedachte Risiko eines Sturzes führt bei vielen MS-Betroffenen zu einem geringen Maß an körperlicher Aktivität, was einen Teufelskreis aus weiterem Verlust an Muskelkraft und funktioneller Kapazität bedingt. Denn gerade körperliche Aktivität und Bewegung verbessern die Bewegungsstörungen und reduzieren das Sturz-Risiko bei MS-Patienten und helfen ihnen, den wichtigen regelmäßigen sozialen Aktivitäten weiterhin nachzugehen.

Körperhaltung ist ein Spiel mit vielen Systemspielern

Um die Körperhaltung zu kontrollieren, müssen die drei „Systeme“ zusammenspielen, die gemeinsam das Haltungskontrollsystem ausmachen: Nerven, Muskeln und Skelett. Daher können Methoden wie Pilates, die diese Systeme koordinieren und zusammenführen, effektiv zu einer Verbesserung von Gleichgewicht und Bewegungskontrolle führen.

Das bestätigt auch eine neue randomisierte Studie zum Effekt von 12 Wochen Pilates-Training auf das funktionelle Gleichgewicht bei MS-Patienten [1].

Die Interventionsgruppe erhielt Pilates-Übungen zur Verlängerung der Brustwirbelsäule, Kräftigung der Bauchmuskulatur, Kernstabilisierungsübungen, Übungen für die oberen und unteren Gliedmaßen und Übungen, um die Haltungsstabilität zu verbessern. Das Trainingsprogramm wurde 12 Wochen lang dreimal pro Woche jeweils 60 Minuten (inkl. Aufwärmen und abschließendem Dehnen) durchgeführt.
Die Schwierigkeit der Übungen (teils z.B. mit Therabändern oder Therapiebällen) wurde schrittweise auf Grundlage der individuellen Fähigkeiten erhöht. Die Trainingsstufe wurde entsprechend der Verbesserung des Probanden gewählt. Durch die schrittweise Erhöhung der Belastung wurde die Rumpfkontrolle während der Übungen zunehmend anspruchsvoller.

Die Kontrollgruppe erhielt kein Pilates-Training sondern nur die übliche Betreuung durch ihren Arzt.
Unerwünschte oder schädliche Ereignisse traten in keiner Gruppe auf.

Die Autoren der Studie kommen zu folgendem Schluss:

Nach 12 Wochen wurden für beide Gruppen Nachmessungen durchgeführt. Dabei wurde ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zugunsten der Pilates-Trainingsgruppe bei den funktionellen Gleichgewichts-Scores beobachtet. Diese Gleichgewichtsverbesserung kann aus der Verbesserung der körperlichen Fitness resultieren, wie z.B. der Steigerung der Ausdauer der muskulären Kraft, insbesondere der der Rumpfmuskulatur.

Diese Studie bestand zwar nur aus wenigen (und ausschließlich männlichen) Teilnehmern und es fehlt eine Langzeitkontrolle, aber ihre Ergebnisse stimmen mit denen früherer Studien überein. ([2] Sisi et al., 2013; [3] Bulguroglu et al., 2017; [4] Küçük et al., 2016; [5] Kalron et al., 2017).

Was bedeutet das nun für Betroffene?

Pilates-Training erhöht das funktionelle Gleichgewicht und vermindert weitere bekannte Risikofaktoren für Stürze bei MS-Patienten.

Positiv ist, dass die Umsetzung relativ einfach ist und vielen MS-Betroffenen umfangreichen Nutzen bringen kann. Pilates-Übungen basieren auf einigen gerade bei MS wichtigen Prinzipien wie guter Körperkontrolle und Stabilität zur Haltungskontrolle, tiefer Atmung und Erhöhen des Bewegungsumfangs. Mit mattenbasiertem Pilates-Training können auch die teilnehmen, die nicht mehr stehend trainieren können und im Gegensatz zu vielen anderen Trainingsarten erhöht sich die Körpertemperatur weniger, sodass auch vom Uthoff-Phänomen Betroffene sich vorsichtig ans Training wagen dürfen.

Sprechen Sie Ihren Physiotherapeuten darauf an oder probieren Sie einen Schnupper-Pilates-Kurs in einem guten Sportstudio.

In diesem Sinne bleiben Sie – trotz eventueller momentaner Studioschließungen – im wahrsten Sinne des Wortes am Ball und trainieren auch gerade jetzt ihren Körper.

Ihr Life-SMS Team


Referenzen:

[1] Gheitasi, M., Bayattork, M., Andersen, L. L., Imani, S., & Daneshfar, A. (2021). Effect of twelve weeks pilates training on functional balance of male patients with multiple sclerosis: Randomized controlled trial. Journal of bodywork and movement therapies25, 41–45. https://doi.org/10.1016/j.jbmt.2020.11.003

[2] Sisi, S. Z. H., Sadeghi, H., & Nabavi, S. M. (2013). The effects of 8 weeks of rebound therapy and Pilates practices on static and dynamic balances in males with multiple sclerosis. Advances in Environmental Biology, 4290+

[3] Bulguroglu, I., Guclu-Gunduz, A., Yazici, G., Ozkul, C., Irkec, C., Nazliel, B., & Batur-Caglayan, H. Z. (2017). The effects of Mat Pilates and Reformer Pilates in patients with Multiple Sclerosis: A randomized controlled study. NeuroRehabilitation41(2), 413–422. https://doi.org/10.3233/NRE-162121

[4] Küçük, F., Kara, B., Poyraz, E. Ç., & İdiman, E. (2016). Improvements in cognition, quality of life, and physical performance with clinical Pilates in multiple sclerosis: a randomized controlled trial. Journal of physical therapy science28(3), 761–768. https://doi.org/10.1589/jpts.28.761

[5] Kalron, A., Rosenblum, U., Frid, L., & Achiron, A. (2017). Pilates exercise training vs. physical therapy for improving walking and balance in people with multiple sclerosis: a randomized controlled trial. Clinical rehabilitation31(3), 319–328. https://doi.org/10.1177/0269215516637202


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Gastbeitrag: Aktiv gegen MS – What makes you running?

Ein Mutmach-Beitrag von Insa*

What makes you running?“ – wurde ich vor kurzem in einem Fragebogen gefragt. Meine Antwort: Den Kopf frei bekommen. Draußen sein. Fit bleiben. Sich stark fühlen. Damit können sich wohl 99 % aller LäuferInnen identifizieren.
Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum ich laufe. Denn 2018 wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert. MS – eine Krankheit, die ja erst einmal nicht so viel mit Laufen zu tun hat, eher im Gegenteil. Heute trainiere ich für einen Halbmarathon und meinen ersten Marathon im September und bin schneller als je zuvor. Wie das kam? Davon möchte ich euch heute erzählen.

image: Insa beim Training
Insa beim Training

Aktiv gegen MS – meine Heilungsreise

„MS, sitzt man damit nicht irgendwann im Rollstuhl?“ – wurde ich neulich mal wieder gefragt. Klar, das kann passieren. Doch ich bin eine Kämpferin und habe mich damals, als ich die Diagnose bekommen habe, dazu entschieden, selbst aktiv zu werden und alles, was in meiner Macht steht zu tun, um gesund zu sein und zu bleiben.

Dass man selbst aktiv werden kann und einiges für seine Gesundheit tun kann, auch in Ergänzung zur Schulmedizin, habe ich durch meine Amenorrhö gelernt. Amenorrhö ist, wenn die Periode ausbleibt für einen Zeitraum von mehr als 3 Monaten. Bei mir war das mehr als zwei Jahre der Fall, von Sommer 2015 bis Ende 2017. Die Ärzte konnten mir nicht helfen. Ihre einzige Idee: Zurück zur Pille. Doch ich wollte keine künstlichen Hormone mehr nehmen und verstand die Amenorrhö als Zeichen meines Körpers, das gerade etwas nicht in Balance ist. Meine Heilungsreise begann ich auf meinem Blog www.prettyprettywell.com zu dokumentieren, mit dem ich mittlerweile schon vielen Frauen dabei helfen konnte, ihre Periode zurück zu bekommen. Heute vermute ich, dass meine Amenorrhö damals bereits etwas mit meiner späteren MS-Diagnose zu tun hatte.

Ich wollte zunächst einfach nur heilen. In Ruhe. Und die Diagnose so weit wie möglich ignorieren.

Mit der MS-Diagnose durchlief ich einen ähnlichen Prozess wie bei meiner Amenorrhö damals – erst ignorierte ich das Ganze. Dann wurde ich wütend, traurig, whatever. Schluchzte: Warum ich?! Dann krempelte ich die Ärmel hoch und machte mich auf meine Heilungsreise.

Die Macht der Worte

Auch mithilfe von lsms.info und Sven Böttcher begann ich Dinge zu identifizieren und zu ändern, die bei mir wahrscheinlich mit zum Ausbruch der Krankheit geführt haben.

Zudem war direkt für mich klar, mir nur positive Geschichten von Menschen, die ebenfalls mit MS diagnostiziert wurden, anzuhören und ich verzichtete komplett darauf, mich durch Foren und Chats im Internet zu klicken. Wenn Freunde und Bekannte von meiner Diagnose hörten und dann anfingen mit: „ah ich kenne auch jemanden mit MS…“, dann sagte ich immer zuerst: „Ist es eine gute Geschichte, oder nicht? Denn sonst möchte ich sie nicht hören.“ Das mag naiv klingen. Doch es war mein Rettungsanker damals, 2018, als meine Nerven blank lagen und ich mich langsam erholte.

Als Marketing-Frau, Bloggerin und Yogini weiß ich: Worte können mächtig sein. Deswegen sage ich auch NIE: Ich habe MS. Sondern immer: Ich wurde damit diagnostiziert. Selbst bei Ärzten habe ich schon Überweisungsscheine reklamiert. Auf einem stand mal: „blablabla wegen akuter Schübe.“ Das habe ich sofort ändern lassen. Denn den Schuh von Schüben im Plural ziehe ich mir nicht an, bislang hatte ich einen Schub und das soll gefälligst auch so bleiben.

Warum ich laufe

Ich war schon immer eine Läuferin – zu Schulzeiten als Leichtathletin, während Studium und meiner Arbeit als Marketing-Strategin zum Ausgleich. Eben zu besagtem Kopf frei kriegen, draußen sein, fit bleiben und sich stark fühlen.
Ich liebte schon immer das Gefühl, wenn man morgens vor die Haustür geht, die ersten Atemzüge im Freien nimmt und dann lostrabt, die ersten Meter läuft, bis man ein Stück Grün erreicht.
Ich liebte es, die Musik aufzudrehen und mich von Florence and the Machine & Co. durch den Park tragen zu lassen – so muss es sich anfühlen zu fliegen.
Ich liebte es, mit noch klopfendem Herzen und weiten, freien Lungen nach einem Lauf nach Hause zu kommen und meine Muskeln zu spüren.

Laufen als Therapie

Um mit der ganzen MS-Sache klarzukommen, habe ich ebenfalls 2018 eine Therapie angefangen, eine Gesprächstherapie. Das war gut und ich habe auch recht viel geweint jedes Mal am Anfang. Doch mit meiner zunehmenden Genesung wurden die wöchentlichen Termine „auf der Couch“ immer mühseliger. Ich merkte: Das, was ich brauchte, war keine Gesprächstherapie. Ich brauchte das Laufen! So brach ich die Therapie ab und schwor mir, meine Montagabende von nun an statt auf der Couch draußen beim Laufen zu verbringen.
Long runs statt Therapie! Oder besser: Long runs als Therapie.
(Ich spreche hier nur aus meiner Erfahrung. In vielen Fällen macht eine Therapie sicherlich absolut Sinn und wahrscheinlich sollte jeder mal ein paar Stunden „auf der Couch“ verbringen. Bei mir hat es schließlich auch mehr als 20 Sessions gedauert bis ich gesagt habe: Ok, ich glaube es reicht jetzt.)

Meine Entscheidung habe ich noch keinen einzigen Tag lang bereut. Das Laufen macht einfach so sehr meinen Kopf frei und bringt mich zurück in meine Kraft. Das Laufen ist meine Rettung und ich glaube auch, dass es sich positiv auf meine Hormonbalance auswirkt. Noch viel mehr, seit ich eine neue Laufgruppe gefunden habe! Auch diese Gemeinschaft von gleichgesinnten Powerfrauen ist es, die zu meiner Heilung beiträgt.

So geht es mir heute

Heute, fast 2 Jahre nach meiner Hiobsbotschaft, fühle ich mich stärker als je zuvor. Mir geht es sehr gut, das zeigen nicht nur mein Symptomtagebuch, sondern auch meine letzten MRT-Berichte: Die Krankheit befindet sich in Remission steht da, ist also am Abklingen. Keine neuen Entzündungen.

Sicherlich habe ich das meiner Gluten- und Kuhmilch-freien Ernährung, Supplements, Meditation und Mindset-Arbeit, wenig Disstress (der schlechte Stress) und auch meiner Basistherapie mit Ocrevus zu verdanken, die ich bis letzten August gemacht habe, zuletzt mit einer halben Dosis. Und sicherlich haben auch das Laufen und Sport im Allgemeinen, inklusive Yoga, einen großen Teil dazu beigetragen.

Trotzdem bleibt natürlich ein bisschen Angst immer zurück. Das Damoklesschwert einer solchen Diagnose wird wohl mein Leben lang über mir schweben. Was aber auch ok ist; denn es erinnert mich jeden Tag daran, wie endlich das Leben ist und wie dankbar man für jeden Tag sein kann, der einem geschenkt wird.

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, den Marathon im September in Berlin zu laufen, mein erster bislang. Über meine Laufreise berichte ich auf Instagram @prettyprettywell und in einer monatlichen Kolumne in der Fit For Fun.

Und obwohl das Laufen schon immer wichtig für mich war, so hat es mittlerweile eine neue Bedeutung für mich hinzugewonnen. Denn ich laufe nicht mehr nur für mich und meine Gesundheit, sondern möchte auch allen anderen zeigen, dass eine solche Diagnose kein Weltuntergang sein muss. Sondern, dass es auch eine Chance sein kann.

In dem Sinne: Lasst es euch gut gehen, Pretties!

Und kommt gern zum Anfeuern am 27. September 2020 nach Berlin, ich freue mich.

Eure Insa


Insa ist 32 Jahre alt und lebt als Bloggerin, freie Journalistin & Yoga-Lehrerin in Berlin. 2018 wurde bei ihr eine schubförmige MS diagnostiziert – ein Schock, der schließlich ihre Leidenschaft zum Laufen neu entfachte. Unter dem Motto „Jetzt erst recht!“ trainiert sie für ihren ersten Marathon im September – und ist so schnell wie nie zuvor.

*Der Text ist ein Auszug aus der zweiten Auflage der Life-SMS Veröffentlichung “MS ist keine Einbahnstraße”, die noch vor dem Sommer in diesem Jahr erscheinen soll.

Mehr zum Thema Sport bei MS auch in unserem aktuellen Faktenblatt!

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Das Coimbra-Protokoll: Praxis-Test bestanden oder toxisch bedenklich?

Spitzen-Gespräch: Coimbra-Protokoll bei Autoimmunerkrankungen

Prof. Dr. med. Ulrich Amon ist Facharzt für Dermatologie & Allergologie mit dem Schwerpunkt Autoimmunerkrankungen und Autoinflammation. Darüber hinaus ist er Zertifizierter Arzt für das Coimbra-Protokoll und war bereits mehrfach Referent beim Kongress für menschliche Medizin (2016 & 2018) mit spannenden Vorträgen.

In diesem (zweiten) Spitzen-Gespräch zwischen Prof. Ulrich Amon und Prof. Jörg Spitz geht es um das Coimbra-Protokoll bei Autoimmunerkrankungen. Das Coimbra-Protokoll ist eine ärztlich begleitete Therapie von Autoimmunerkrankungen in Form einer Komplex-Therapie v.a. mit hoher Substitution von Vitamin-D.

Die beiden Professoren beleuchten die wissenschaftlichen Hintergründe, Erfahrungen, Voraussetzungen, Risiken und Perspektiven dieses Behandlungsansatzes.

Folgende Themen werden dabei ausführlich thematisiert und fachkundig zwischen den beiden Medizinern besprochen:
• Wissenschaftliche Hintergründe der Vitamin-D-Sensitivität und des Coimbra-Protokolls
• Vitamin-D als immunprotektives Schutzhormon
• Wirkung von Vitamin K 2
• Erfahrungen mit dem Coimbra-Protokoll bei dermatologischen Autoimmunerkrankungen
• Voraussetzungen, Chancen und Risiken der Anwendung des Coimbra-Protokolls
• Ergebnisse des Coimbra-Protokolls
• Perspektiven und Weiterentwicklung des Coimbra-Protokolls
• Coimbra-Netzwerk und Austausch mit Kollegen – und vieles mehr…

Fazit:
Das Coimbra-Protokoll kann für MS-Erkrankte ein erfolgreicher Weg Richtung Gesundung oder Stabilisierung sein, aber nie ohne engmaschige ärztliche Betreuung durch einen für dieses strenge Protokoll zertifizierten Arzt und nur bei ausreichender Compliance empfehlenswert! Wenn die zwingenden Bedingungen nicht eingehalten werden können, kann das fatatle Folgen haben.

Mehr zum Thema Vitamin D, Sonne und MS auch in unserem aktuellen Faktenblatt!

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