Update: Oxidativer Stress bei MS und die Wirkung von Alpha-Liponsäure

Oxidativer Stress (OS) und Multiple Sklerose

Wenn die oxidativen Kräfte die endogenen (körpereigenen) und ernährungsbedingten antioxidativen Abwehrkräfte überwiegen, trägt dies zur Pathophysiologie der Multiplen Sklerose (MS) bei. Anzeichen für OS finden sich während akuter Schübe, in aktiven entzündlichen Läsionen und in chronischen, lang bestehenden Plaques. Übermäßiger OS führt sowohl zu anhaltender Entzündung als auch zu Neurodegeneration. Antioxidative Therapien sind somit eine nachvollziehbare Strategie für Menschen mit MS bei allen Verlaufsformen und Krankheitsdauern.

Wir haben schon vor langem auf LSMS.info und in unserer Studienliste auf das mögliche Potential der Supplementierung mit Alpha-Liponsäure oder kurz Liponsäure (LA: Lipoic Acid) im Zuge der MS-Behandlung hingewiesen.

In diesem Zusammenhang ist ein neuerer Review aus dem Jahr 2019 interessant [1], der darauf abzielt die Funktion von OS bei Gesundheit und Krankheit besser zu verstehen, die Beiträge von OS zur MS-Pathophysiologie zu untersuchen und die aktuelle Evidenz für die Wirkungen ausgewählter antioxidativer Therapien bei Menschen mit MS mit einem Schwerpunkt auf Alpha-Liponsäure zu überprüfen.

Was ist oxidativer Stress?

Freie Radikale, Nebenprodukte von chemischen und enzymatischen Reaktionen, bestehen aus reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) und reaktiven Stickstoffspezies (RNS), obwohl sie allgemein unter dem Begriff ROS zusammengefasst werden. Beispiele für ROS sind Superoxid (O2-), Peroxid (H2O2), Peroxynitrit (ONOO-) und Hydroperoxylradikal (HO2-). Auf physiologischem Niveau sind ROS wesentliche Bestandteile normaler Zellsignalmechanismen. Höhere lokale Konzentrationen, die von Immunzellen produziert werden, töten z.B. Krankheitserreger ab.

Mitochondrien, die 90 % der für lebende Zellen notwendigen Energieversorgung produzieren, erzeugen auch 95 % der menschlichen ROS und werden damit sowohl zur Quelle als auch zum Ziel von freien Radikalen. Ungefähr 1-3 % des Sauerstoffs werden durch mitochondriale Enzyme des Zitronensäurezyklus und andere biochemische, körpereigene Prozesse in ROS umgewandelt.

Reaktive Metalle innerhalb der Zelle, insbesondere Eisen und Kupfer, sind ebenfalls eng mit der Bildung freier Radikale einschließlich der sog. Fenton-Reaktion verbunden. Exogene (äußere) Umwelteinflüsse wie UV-Strahlung, Mikroben, Zigarettenrauchen und Ozon verstärken die ROS-Bildung im Körper.

Die nachgeschalteten Effekte von übermäßigem OS sind besonders schädlich im Gehirn und werden als ein treibender Faktor des Alterns angesehen. Das Gehirn, das ein Fünftel der gesamten Glukose und des Sauerstoffs verbraucht, hat den höchsten Anteil an Mitochondrien und ist damit die größte Quelle für die ROS-Produktion. Außerdem ist das Gehirn besonders anfällig für oxidative Schäden aufgrund seines hohen Fettsäuregehalts, der Peroxidation, einer geringeren Katalaseaktivität als in anderen Organen (10 % der Leberaktivität) und einem höheren Gehalt an Eisen und Ascorbat (beteiligt an der Haber-Weiss-Reaktion) wodurch eine noch pro-oxidative Umgebung geschaffen wird. Die ROS-Schäden an Zellmembranen, DNA, RNA, Stoffwechselvorgängen, antioxidativen Enzymen und DNA- und Protein-Reparatur-Enzymen führen zu genetischen Mutationen, mitochondrialer Fehlfunktion, Nekrose (absterbendem Gewebe) und Apoptose (programmiertem Zelltod). Dysfunktionale Mitochondrien haben insgesamt weniger Pufferkapazität, was das Kalziumgleichgewicht in Richtung neuronalen Tod kippen kann.

Warum eine antioxidative Therapie bei MS?

Die Quellen von ROS und ihre entzündlichen und neurodegenerativen Effekte bei MS sind in der Abbildung zusammengefasst. Antioxidative Strategien zur Bekämpfung von OS sind somit ein nachvollziehbarer und praktikabler Ansatz zur Behandlung aller Phänotypen (Verlaufsformen) und Erkrankungsdauern der MS, um die Abwehrkräfte gegen OS zu stärken und die Produktion von ROS zu reduzieren. Defensive Strategien umfassen die Ergänzung von endogenen (z. B. Liponsäure) und exogenen (z. B. Vitamin C und E) direkten und indirekten Antioxidantien sowie die Stimulierung der Produktion antioxidativer Enzyme (über den Nrf2-Signalweg). Gesunde Lebensgewohnheiten üben ebenfalls antioxidative Eigenschaften, wie z. B. Bewegung und eine pflanzliche Ernährung. Die Reduzierung der ROS-Produktion umfasst u.a. auch die Behandlung mit DMT (krankheitsmodifizierenden Therapien) zur Entzündungshemmung und die Vermeidung von Umweltschadstoffen (z. B. Zigarettenrauchen). Das erklärt auch den Fokus von Life-SMS auf antioxidative Diäten, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, die Reduktion von Schadeinflüssen und eine gesunde Lebensweise.

Liponsäure (LA) als antioxidative Therapie bei MS

Liponsäure (eng. Lipoic Acid: LA), ein körpereigenes (endogenes) Antioxidans mit vielfältigen biologischen Funktionen, zeigt mit die überzeugendsten Belege für die Wirksamkeit bei EAE (Mausmodell der MS) und MS. LA, auch als Alpha-Liponsäure (α-Liponsäure), Pyruvat-Oxidationsfaktor, Thioctsäure und Lipoat bezeichnet, ist eine Fettsäure mit 8 Kohlenstoffen und 2 Schwefelmolekülen in einem Dithiolanring.

LA wird in Deutschland seit Jahrzehnten zur Behandlung von diabetischer Neuropathie, Leberzirrhose, Pilz- und Schwermetallvergiftungen eingesetzt. In jüngerer Zeit wird LA als Behandlung für verschiedene neurodegenerative Erkrankungen, Alzheimer, Schlaganfall, metabolisches Syndrom, Diabetes, Nierenversagen und anderen untersucht.

Als schwefelorganische Verbindung, die endogen in geringen Mengen aus Octansäure synthetisiert wird, wird LA auch aus ausgewählten Gemüsesorten (Spinat, Brokkoli und Tomate) und Organfleisch (Leber, Niere,..) über die Nahrung aufgenommen. Endogene LA kommt in der sogenannten chiralen R-Konformation (R-LA) am C6-Kohlenstoffatom vor. Bei der pharmazeutischen Herstellung von LA entsteht racemische LA, eine gleichmäßige Mischung der chiralen Konformationen R-LA und S-LA. Die Bioverfügbarkeit und Bioaktivität von racemischem vs. R-LA ist umstritten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die biologische Wirkung von R-LA höher ist als die der Mischform [2].

Präklinische und begrenzte klinische Studien deuten generell auf den Nutzen von antioxidativen Therapien zur Behandlung von MS hin. Unter diesen ist LA ein führender Therapiekandidat. Zu den spezifischen Studienüberlegungen beim Einsatz von Antioxidantien bei ZNS-Erkrankungen gehören Fragen der gastrointestinalen Absorption, der Verteilung, der Löslichkeit und der Fähigkeit, die BHS (Blut-Hirn-Schranke) zu passieren. Auch diese Punkte sprechen für die Verwendung von LA.

Neuere Erkenntnisse aus Studien mit antioxidativen Interventionen in Tier- und In-vivo-Modellen der MS ergaben eine Verringerung der Serummarker für OS und eine Erhöhung der Spiegel und der Aktivität von antioxidativen Enzymen. Antioxidative Studien bei Menschen mit Behinderung zeigen, obwohl sie oft nur wenig aussagekräftig sind, kurzfristige Verbesserungen der Marker für OS und der antioxidativen Abwehrkräfte und in geringerem Maße auch der klinischen Symptome (Müdigkeit, Depression).

Vielversprechende Ergebnisse bei SPMS

Die bisher beste Evidenz zeigt eine randomisierte, placebo-kontrollierte 2-Jahres-Studie mit LA bei sekundär progredienter MS mit 51 Patienten. Die Patienten erhielten eine Dosis von 1200 mg/Tag oder ein Placebo [3]. Die Studie ergab eine signifikante Reduktion der Atrophie (Schrumpfung der Gehirnmasse) des gesamten Gehirns (68 % Reduktion der annualisierten Hirnatrophie im MRT), einen Trend zur Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und eine signifikante Reduktion von Stürzen.

Insgesamt war die Alpha-Liponsäure sicher und gut verträglich. Laboranomalien beschränkten sich auf asymptomatische Erhöhungen der alkalischen Phosphatase, die sich nach Absetzen von LA verbesserten. Obwohl es keine unerwarteten Nebenwirkungen oder gar schwere Nebenwirkungen gab, ist bei hohen Dosierungen laut den Autoren die Überwachung der Nierenfunktion anzuraten. Bei handelsüblichen Supplementen liegt die empfohlene Tagesdosis bei 300 mg.

Fazit

Die antioxidative Therapie ist ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von MS über das gesamte Spektrum der Krankheitsbilder und die Dauer der Erkrankung. Alpha-Liponsäure ist unter den verschiedenen Kandidaten der Antioxidantien sicher einer der vielversprechendsten. Gerade aufgrund der positiven Ergebnisse bei den neurodegenerativen Ausprägungen der Erkrankung in Form der sekundären progredienten MS bietet LA gute Chancen zur Stabilisierung des Gesundheitszustandes der Betroffenen. Bei Supplementierung höherer Dosen ist die Konsultation einer ganzheitlich arbeitenden Ärztin oder Arztes sinnvoll.

Quellen:

[1] Waslo, C. et al. (2019) ‘Lipoic Acid and Other Antioxidants as Therapies for Multiple Sclerosis’, Current Treatment Options in Neurology. Current Treatment Options in Neurology, 21(6). doi: 10.1007/s11940-019-0566-1.

[2] Shay, K. P. et al. (2009) ‘Alpha-lipoic acid as a dietary supplement: Molecular mechanisms and therapeutic potential’, Biochimica et Biophysica Acta – General Subjects. Elsevier B.V., 1790(10), pp. 1149–1160. doi: 10.1016/j.bbagen.2009.07.026.

[3] Spain R, Powers K, Murchison C, et al. Lipoic acid in secondary progressive MS: A randomized controlled pilot trial. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm. 2017;4(5):e374. Published 2017 Jun 28. doi:10.1212/NXI.0000000000000374

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Dr. Stefan Dietsche zum Thema „Schadstoffe und Psyche“ anlässlich des Life-SMS Jahresseminars vom 2.11.2019

Ein Gastbeitrag von Referent Umweltzahnmediziner Dr. med. Stefan Dietsche

Die Zahl der psychischen Erkrankungen in den westlichen Ländern steigt seit vielen Jahren massiv an. So zeigt der aktuelle Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse den Anstieg der Fehltage durch psychische Erkrankungen (Depression, Burnout, Angstzustände):
➢ ein dramatischer Zulauf seit 2000 bis heute um fast 200 %.
Gleichzeitig stiegen die Verschreibungen von Psychopharmaka im selben Zeitraum um ca. 400 %.

Diagramm der TK mit Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen

Fazit also: mehr Kranke und noch mehr symptomatische Medikamente, die offensichtlich nicht genügend helfen.

Was sind die Ursachen für diese Zunahme?

Die Depression wird hauptsächlich ausgelöst durch einen Mangel an Serotonin, dem „Glückshormon“. Gibt es zu wenig davon, treten depressive Zustände ein. Der Baustein für Serotonin ist die Aminosäure Tryptophan aus der Nahrung.

Nun gibt es viele Ursachen für die Entstehung eines Serotoninmangels. Hier einige davon:

• Systemische Erkrankungen
Bei PatientInnen mit chronisch-entzündlichen oder Autoimmunerkrankungen (Rheuma, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen u.v.m.) werden dauerhaft sogenannte Zytokine, wie TNF-alpha, Interleukin1 und 6 produziert. Diese verhindern die Umwandlung des Tryptophan zu Serotonin.
Die Aussage „Die Depression ist ein fester Bestandteil der chronischen Entzündung“ ist also wissenschaftlich gesichert.

• Fruktose-Überschuss
Fruktose aus der Nahrung konkurriert mit dem Tryptophan an der Darmwand. Ein Zuviel an Fruktose führt zu einer Verarmung von Tryptophan im Blut und damit zur Depression.

• Darmentzündungen
90 % des Serotonins wird im Darm gebildet und die Produktion wird durch eine Darmentzündung reduziert.

Grafik möglicher Störfaktoren der Umwandlung von Tryptophan zu Serotonin
Mögliche Störfaktoren der Umwandlung von Tryptophan zu Serotonin (Ⓒ Dr. med. Stefan Dietsche)

• Nährstoffmängel
Von Tryptophan zu Serotonin bedarf es einiger wichtiger Vitamine und Mineralien, die in der heutigen Nahrung nicht genügend enthalten sind und zusätzlich durch Medikamente (z.B. die Pille) „geraubt“ werden.
➢ Eine regelmäßige Substitution ist ggf. notwendig.

• Schadstoffe
Zurück zur systemischen Entzündung. In der Ursachenmedizin wissen wir, dass die chronische Entzündung eine Folge der vielen Schadstoffe in unserer Umwelt ist.
Schimmelpilz in Wohnungen, Formaldehyd in Möbeln, Laminat und Teppichen, Handy- und WLAN-Strahlung, Weichmacher, Duftstoffe…
➢ Sie alle bedürfen eines kritischen Umgangs.

Tatsächlich triggert auch die Zahnmedizin die chronische Entzündung. Problemfelder können sein: Amalgam, tote Zähne/Wurzelfüllungen, Titan oder andere Metalle, Allergien gegen Zahnmaterialien…

Grafik: Mögliche Gefahren durch Zahnbehandlungen
(Ⓒ Dr. med. Stefan Dietsche)

➢ Auch hier ist eine individuelle Testung und kritischer Umgang von höchster Wichtigkeit, da diese Fremdmaterialien 24 Stunden im Körper verweilen, 7 Tage die Woche (der Schimmelpilz hinter dem Schlafzimmerschrank „darf“ nur 6-8 h täglich auf uns einwirken).

• Psyche
Psychischer Stress ist ohne Zweifel ein krankmachender Faktor. Wichtig zu verstehen ist, dass dies aber nur ein Baustein von vielen sein kann. Die alleinige Psychotherapie kann bei der Vielzahl der Faktoren für die Depression nicht dauerhaft zum Erfolg führen.

Tipps bei Depression und oder Schlafstörungen

➢ Verlassen Sie sich nicht nur auf die Psychologie
➢ Lassen Sie Tryptophan im Blut messen!
➢ Nährstoffe und Darmsanierungen sind wichtig
➢ Vorsicht bei WLAN und Handy; informieren Sie sich bei www.diagnose-funk.org
➢ Ein guter Kurzratgeber über Schadstoffe ist „Das Gift steckt im Detail“ (Autor: Dr. med. Stefan Dietsche)
➢ Lassen Sie Amalgamfüllungen fachgerecht unter Schutzmaßnahmen entfernen.
➢ Informieren Sie sich über und nutzen Sie die biologisch verträgliche Zahnheilkunde.

 

Grafik mit Tipps zur Amalgamentfernung
(Ⓒ Dr. med. Stefan Dietsche)

 

 

Herzlichen Gruß
Stefan Dietsche
(Umweltmediziner, Zahnheilkunde)


Sie haben es dieses Jahr nicht geschafft bei unserem Seminar dabei zu sein? Dann können Sie gerne die PDFs der Vorträge inkl. des Vortrags von Dr. Dietsche an der weiter unten genannten Stelle herunterladen. Wir wären aber für eine kleine Spende über betterplace zugunsten des Projektes sehr dankbar! Damit Life-SMS auch nächstes Jahr wieder informative, spannende und gesundheitsfördernde Vorträge präsentieren kann.

Hier finden Sie den Spendenlink:

https://www.betterplace.org/de/projects/16807-life-sms-lebensstilmassnahmen-bei-multipler-sklerose

Und hier geht’s zum Folien-Download:

https://drive.google.com/open?id=1pUh8ltXSiLDU4u59DXVqYbOugOlxN9rp


Life-SMS bedankt sich ganz herzlich bei unserem Unterstützer Dr. Stefan Dietsche für den lebendigen Vortrag und diesen wichtigen und informativen Gastbeitrag!


Abschließend wünschen wir Ihnen und Ihren Lieben alles Gute für die Weihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein gesundes Jahr 2020!


Ihr
Life-SMS Team


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Persönliche Highlights des Jahresseminars „MS und Psyche“- ein Gastbeitrag

Im Rückblick gehen die Zählungen auseinander. Waren es 120 Gäste? Oder doch 130? Oder noch mehr? – Egal. Wir alle sind am 2.11. in Köln in die „Residenz am Dom“ gepilgert, um am Life SMS-Jahresseminar 2019 „MS und Psyche“ teilzunehmen: Gekommen sind Fremde und Freunde, die einander schon im Vorraum freudestrahlend begrüßen; Betroffene und Begleiter, Menschen mit und ohne Gehhilfen und Gerätschaften; ein Teilnehmer sitzt lässig auf einem spacig umgebauten Segway, kurvt mühelos elegant um die eigene Achse, ich denke kurz an Science Fiction, aber das Ding ist tatsächlich echt. MS macht kreativ, offensichtlich. Lösungsorientiert. Und bringt uns zusammen. Aus der Stadt, dem Umland, aus der Schweiz und aus Österreich. Und das hat sich gelohnt.

Zum Auftakt begrüßt uns Hildy Ueberhofen so herzlich wie professionell. Sie wird uns durch den Nachmittag führen, moderieren und das Mikro bei den Fragerunden durch den Saal zum Publikum bringen. Spannende und informative Stunden erwarten uns, Überraschungen inklusive.

Die Organisatorin und die Vortragenden im Gruppenfoto
Die Organisatorin und die Vortragenden

 

Gifte erkennen und vermeiden

Die erste bereitet uns Dr. Stefan Dietsche, Zahnmediziner sowie Umweltmediziner aus Leidenschaft: Denn die Probleme der Seele sind entgegen landläufiger Meinung keineswegs zwingend psychisch verursacht, durch Stress oder Konflikte. „Vielmehr liegen Gründe für z.B. Depressionen oft in der Körperchemie, verursacht durch Neurotoxine.“ Buchautor Dietsche erzählt anschaulich von all den Gefahren, die darauf lauern, unseren Körper zu vergiften, die zu „stummen, chronischen Entzündungen und in weiterer Folge zu Autoimmunerkrankungen“ führen: Amalgam in Zahnfüllungen und dessen unsachgemäße Entfernung, Nickel in Zahnspangen, Formaldehyd in Kindermöbeln, Titan in Implantaten. Schimmelpilze, Lösungsmittel, Weichmacher, Duftstoffe und – nicht zu vergessen – Elektrosmog. „Willkommen in der Epidemie der Moderne!“, sagt Dietsche. Mir wird angst und bange, trotz seiner humorvollen Präsentation. Kann ich diesen vielfältigen Schadstoffen, die meinen kostbaren Biocomputer im Kopf bedrohen, denn noch entkommen? Doch, es gibt Abhilfe und Vorsichtsmaßnahmen: das Vermeiden fluorhaltiger Zahnpasten, Verzicht auf Weichspüler, regelmäßiges Stoßlüften zur Vorbeugung gegen Schimmel, gründliche Zahn- und Mundhygiene, u.v.m. Beruhigend zu wissen. Mein persönlicher Vorsatz: Ab sofort das Handy nachts auf Flugmodus stellen (der Wecker funktioniert trotzdem) und beim Wählen vom Ohr weghalten, denn gerade beim Verbindungsaufbau entsteht intensive Strahlung.

Eine Übersicht zu Schadfaktoren, Chronische Entzündung & Psyche (ⒸDr. med. Stefan Dietsche)
Schadfaktoren, Chronische Entzündung & Psyche (ⒸDr. med. Stefan Dietsche)

Mikronährstoffe und Psyche

Die zweite Vortragende ist die Ernährungs- und Sportmedizinerin Dr. Elke Mantwill. Sie referiert über den Zusammenhang zwischen „Mikronährstoffen und Psyche“. Ich nehme mit, dass es Sinn macht, Werte zu messen, eventuell sogar Cortisol im Speichel. Denn die über den Tag erhobene Kurve gibt bei vielen seelisch-körperlichen Symptomen Aufschluss darüber, ob wir in einer chronischen Neurostress-Reaktion leben, mit Reizbarkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, oder im Gegenteil, schon ins Burnout gekippt sind. Und auch hier spiegelt die ausgebrannte Psyche mit Antrieblosigkeit, „Chronic Fatigue Syndrome“, sozialem Rückzug und Depression die hormonelle Situation wider. Frei nach dem Motto: Nix geht mehr, Adrenalin, Noradrenalin, Insulin, DHEA, das Wohlfühl-Hormon Dopamin – alles gut und wichtig, aber leider ausverkauft.

Die Ursachen für Neurostress und Burnout sind vielfältig, und natürlich hängt bei ganzheitlicher Betrachtung alles zusammen: Hormone, Stoffwechsel, Immunsystem, Darm, Psyche etc. Gegenmaßnahmen: professionelle Beratung durch die Spezialistin, individueller Mix an Nahrungs-Ergänzungsmitteln, gezielte Antistress-Ernährung, moderate Bewegung und – der Dauerbrenner – Stressabbau.

Die Cortisolkurve als Maß für Stress und Burnout (ⒸDr. med. Elke Mantwill)
Die Cortisolkurve als Maß für Stress und Burnout (ⒸDr. med. Elke Mantwill)

 

Dass ein Senken des Stresslevels zum Gesund werden beiträgt, ist unumstritten. Mitunter muss man dafür allerdings sein Leben komplett auf den Kopf stellen. Das beweist Benedikt van Almsick, der über „Emotionale Aspekte der Multiplen Sklerose aus Sicht der traditionellen chinesischen Medizin“ spricht.

Der wichtigste Mensch in Ihrem Leben

Der Kölner Heilpraktiker steht vor unserem Saal voller Menschen gut sichtbar auf erhöhter Bühne. Ohne sich zu schonen, teilt er mit uns persönlichste Details der eigenen Biographie, aus der Zeit „davor und danach“, eine Zeitrechnung, zweigeteilt durch den Einschnitt der Diagnose MS. Jede Menge Mut und Offenheit berühren. Emotionen klingen durch wie das schwache Echo vergangener Katastrophen. Van Almsick hat vorsorglich angekündigt, dass das passieren könne. Er erzählt von seinem Job als hoch bezahlter IT-Spezialist. Vorher. Von seiner schwierigen Kindheit. Und von seiner Erkrankung. Von der katastrophalen Phase, als er von Schub zu Schub taumelte. Davon, wie er beschoss, den einträglichen Job zusammen mit dem Gefühl der Sinnlosigkeit an den Nagel zu hängen. Sein Haus zu verkaufen. Den Freundeskreis auszutauschen. Sich scheiden zu lassen. Und eine neue Ausbildung zu beginnen.

Heute ist er schon seit langem schubfrei. Zum zweiten Mal verheiratet. Glücklich diesmal. Seine Frau, eine Kollegin, sitzt hinter mir, beteiligt sich an der anschließenden Fragerunde.

Seit mehr als zehn Jahren lebt Van Almsick seine Berufung als Heilpraktiker. Seinen Patienten hilft er mit Akupunkturnadeln und der Kenntnis jener Punkte, die dazu beitragen Emotionen zu klären und Leidenschaften zu entdecken. Und mit heilsamen Botschaften:

➢MS ist dramatisch genug, um aufzuwachen und das eigene Leben komplett zu überdenken

➢Versuchen Sie, Ihre Emotionen zu nutzen statt sie zu unterdrücken

➢Eine Idee von „Jetzt darf ich auch mal“ ist gesund und notwendig

➢Machen Sie etwas Verrücktes, was Sie immer wollten, aber sich nie getraut haben!

➢Denken Sie daran: Sie sind der wichtigste Mensch in Ihrem Leben!

Großzügige Gäste

Blitzlichter angeregter Pausengespräche. Eine jugendlich wirkende Dame erzählt mir, wie traurig es sie macht, nächste Woche Frührente beantragen zu müssen, ich fühle mit ihr. Einer anderen Teilnehmerin ist es gelungen, ihre Sehnerv-Entzündung zu heilen, restlos. Allein mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft. Während wir plaudern, wandern Spenden in die Dose, denn das Projekt muss sich selbst tragen, die meisten Gäste sind großzügig, geben mit einem Lächeln. Dankeschön.

Den Abschlussvortrag hält Diplomphysiker Anno Jordan, Mastermind des Life-SMS-Projektes. Seine „Fünf Messages zu Mitnehmen“ beinhalten: die Psyche ernst nehmen, den oft gering geschätzten Placebo-Effekt retten, weil er kostenlos viel bewirken kann, den dunklen Zwilling „Nocebo-Effekt“ vermeiden, Spiritualität, Dankbarkeit, Achtsamkeit und Meditations-Praxis kultivieren. Atemtechniken können den Weg in die Entspannung abkürzen. Begeisterter Schluss-Applaus belohnt den Impulsvortrag, gleichzeitig die anderen Sprecher und die Wahl des diesjährigen Themenschwerpunkts „Psyche“.

Fest steht, die Psyche ist ein weites Land, in das sich Reisen lohnen. Manche Gegenden kennen wir gut, andere zeigen sich als noch unerforschte weiße Flecken auf unserer inneren Landkarte. Nicht nur, aber auch bei MS-Patienten. Daher: Fortsetzung folgt 2020. Wir sehen uns beim Seminar. Same time, same place. Sie und ich. Und 150 andere. Mindestens.

Edda Wengler


Sie haben es dieses Jahr nicht geschafft dabei zu sein? Dann können Sie gerne die .pdfs der Vorträge an der weiter unten genannten Stelle herunterladen. Wir wären aber für eine kleine Spende zugunsten des Projektes bei betterplace sehr dankbar!

Hier finden Sie den Spendenlink:

https://www.betterplace.org/de/projects/16807-life-sms-lebensstilmassnahmen-bei-multipler-sklerose

Und hier geht’s zum Folien-Download:

https://drive.google.com/open?id=1pUh8ltXSiLDU4u59DXVqYbOugOlxN9rp

 


Life-SMS bedankt sich ganz herzlich bei unserer Unterstützerin Edda Wengler für den lebendigen Bericht und den facettenreichen Gastbeitrag!

 

Ihr

Life-SMS Team