Genau hingeschaut: Weitere Neuerungen der MS-Leitlinie im Detail

Fortsetzung C (Lebensstil-Management) und H (patientenzentrierte Kommunikation)

Wie im Newsfeed „Lange drauf gewartet: Erweiterung der MS-Leitlinie um wichtige Faktoren“ Ende März angekündigt, wollen wir uns noch etwas intensiver mit der MS-Leitlinie beschäftigen, die inzwischen mindestens einmal jährlich geprüft und aktualisiert wird und damit eine „Living-Guideline“ sein soll.

Wir konzentrieren uns hierbei auf die neu aufgenommenen Kapiteln „Lebensstil-Management“ (Kapitel C) und Kapitel H „Patientenzentrierte Kommunikation“ und haben am 31. Mai in Teil 2:

Genau hingeschaut: Einige Neuerungen der MS-Leitlinie im Detail – C: Lebensstil-Management

schon die Kapitel

  • C1. Körperliche Aktivität
  • C2. Ernährung und Gewicht
  • C3. Vitamin D

vorgestellt.

Heute geht es im Kapitel C weiter mit Osteoporose, Mentale Gesundheit/Stress und Genussgiften. Anschließend werfen wir einen Blick auf das neue, längst überfällige Kapitel „Patientenzentrierte Kommunikation“ (H)

C4. Osteoporose

Aufgrund des Risikofaktors MS wird bei Frauen ab der Menopause und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr ein Screening zur Früherkennung von Osteoporose empfohlen.

Es wurden zusätzliche Risikofaktoren für eine Osteoporose bei MS identifiziert:

  • Krankheitsdauer > 7 Jahre
  • EDSS > 3 und mehr als 15 g Glukokortikoid-Lebensdosis sowie
  • eine längerfristige Antidepressivatherapie

Außerdem gibt es ein erhöhtes Frakturrisiko, welches auf Grund mehrerer MS-Symptome zusätzlich vorliegt:
Einschränkungen der Gangsicherheit (Paresen, Spastik, eingeschränkte Bewegungskoordination), Sensibilitätsstörungen, Doppelbilder, verringerte Sehkraft, etc.

Zur Diagnostik sollen eine Knochendichtemessung gehören sowie Laboruntersuchungen (Ca, Phosphat, Na, Vitamin D, AP, Kreatininclearance, BB, CRP, Eiweißelektrophorese, TSH, AP und gGT).

Noch ist wahrscheinlich die neurologische Praxis die falsche Adresse dafür, aber dort können Sie nach einer entsprechenden Überweisung in eine orthopädische Praxis fragen, die diese Leistungen durchführen kann (nicht jede orthopädische Praxis kann dies anbieten!). Oder Sie fragen in Ihrer hausärztlichen Praxis.Die neurologische Praxis ist dafür wahrscheinlich noch die falsche Adresse, aber Sie können dort nach einer entsprechenden Überweisung in eine orthopädische Praxis fragen, die diese Leistungen anbietet (nicht jede orthopädische Praxis bietet dies an!). Alternativ können Sie auch in Ihrer hausärztlichen Praxis nachfragen.

Nehmen Sie das Thema Osteoporose jedenfalls nicht auf die leichte Schulter! Denn bereits ab der Lebensmitte sind viele Menschen von Osteoporose betroffen – selbst ohne zusätzliche Risikofaktoren der MS. Mit entsprechender Prophylaxe sollte man daher besser frühzeitig beginnen:

  • Steigerung der körperlichen Aktivität: besonders Seilspringen/Hüpfen, wenn dies noch geht (ab dem Vorstadium der Osteoporose, das man Osteopenie nennt, aber nicht mehr!); ein Galileo-Gerät bei der Physiotherapie nutzen (nur unter fachlicher Anleitung!)
  • Optimierung des Vitamin-D-Status (siehe Kapitel C.3 im letzten Newsfeed) inkl. Vitamin K2 plus Calcium-und Magnesiumzufuhr
  • Reduktion von Rauchen, Alkohol und ggf. anderen Drogen
  • Reduktion von Körpergewicht
  • Strategien zur Reduktion von Stürzen sowie Steigerung der allgemeinen körperlichen Fitness

Zur Vertiefung einzelner Aspekte empfehlen wir diese Newsfeeds aus dem Life-SMS-Blog:

C5. Mentale Gesundheit und Stress

Die Leitlinie erkennt ENDLICH an, dass psychische Belastungen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen können.
Die Leitlinie EMPFIEHLT zwar lediglich, entsprechende Unterstützungsangebote (Beratung und Therapie) als Teil der Behandlung anzusehen (was vorher auch schon möglich war), trotzdem ist es schon ein Fortschritt, dass es jetzt Schwarz auf Weiß geschrieben steht:

„Für Stressbelastungen als Auslösefaktor von Schüben liegt eine gewisse Evidenz vor. Erste Kohortenstudien zeigen ferner, dass traumatische Lebensereignisse sich möglicherweise auf die Progression der Erkrankung auswirken.“

Das heißt, dass endlich jene, die am eigenen Körper die negativen Auswirkungen von Stress und Traumata auf eine vorliegende MS erleben, nicht mehr lächelnd mit der Bemerkung abgespeist werden können, dass dem nicht so sein könne.

Zudem kann die MS-Diagnose selbst und die Ungewissheit über den weiteren Verlauf einen erheblichen Stressfaktor darstellen.
Von daher kann die Bedeutung des Erlernens von Stressmanagement-Techniken wie Entspannungsverfahren und Resilienztraining sowie Reduktion psychischer Belastungen gar nicht hoch genug angesehen werden.

Zur Vertiefung dieses Aspektes schauen Sie gerne auch hier:

Schlafstörungen

Schlafstörungen werden als häufiges Symptom bei MS adressiert. Ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf wird als wichtiger Faktor für die Krankheitsbewältigung und die allgemeine Gesundheit betrachtet.

Die Leitlinie gibt Empfehlungen zur Schlafhygiene und zur Optimierung der Erholungsphasen und den Hinweis, dass die Kombination von gesunder Ernährung, gesundem Schlaf und ausreichender körperlicher Aktivität das biologisches Altern und die (allgemeine) Mortalität signifikant verlangsamt. Diese Effekte sollten bei MS genutzt werden, um beschleunigte Hirnalterungsprozesse zu bremsen.

Wen es besonders betrifft, der sollte sich ggf. zu den (alle bisher schon im Kapitel E aufgeführten) Aspekten Fatigue, Kognitive Einschränkungen oder Schlafstörungen informieren.

Zur Vertiefung dieses Aspektes schauen Sie gerne auch hier:

C6. Genussgifte: Rauchen und Alkohol

Rauchen

Rauchen wird als signifikanter Risikofaktor für einen ungünstigeren Krankheitsverlauf identifiziert. Der Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und erhöhter Schubrate sowie schnellerer Behinderungsprogression wird deutlich gemacht. Gleiches wird sogar für das Passivrauchen anerkannt!
Angst, Depression, sowie kognitive Einschränkungen werden bei aktiven Rauchern und Raucherinnen häufiger vorgefunden als bei nicht Rauchenden.
Die Leitlinie empfiehlt eine konsequente Raucherentwöhnung.

Alkohol

Zum Alkohol wird leider nur erwähnt, dass ein „üblicher“ Alkoholkonsum kein Risikofaktor zu sein scheint, an einer MS zu erkranken.
Darauf, ob es einen Einfluss auf den Verlauf einer bestehenden MS geben kann, wird leider nicht eingegangen.
Aber eine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol gibt es prinzipiell nicht. Jeder Tropfen kann den Körper belasten (es kommt zumindest auch auf die individuelle Entgiftungsfähigkeit an).
Alkohol erhöht das Risiko für Krebs, kann Leber, Herz, Hirn und Nerven schädigen und gilt sogar als Nervengift, was gerade bei MS sehr relevant ist.

Das Thema Tabakkonsum haben wir bei Life-SMS näher betrachtet:
Tabakrauchen und MS-Progression: ein sofort vermeidbarer Faktor!

Schauen Sie dazu – und zu weiteren wichtigen Hinweisen – auch gerne den Bereich „Umweltbelastungen“ der Life-MS Mind-Map an.

Wir möchten zu diesem Thema auch nochmal auf diesen Artikel hinweisen:
Rauchen und MS: Erkrankungsrisiko um 50% erhöht [ad-hoc-news.de, 28.05.2026]

Kapitel H: Patientenzentrierte Kommunikation

Der „Halbgott in Weiß“ (und das weibliche Äquivalent) sollen endlich ausgedient haben und eine Arzt-Patienten-Beziehung (auch hier natürlich jeweils mit den weiblichen Entsprechungen) auf Augenhöhe endlich das neue Maß werden.
Das soll schon bei der Diagnoseübermittlung beginnen. Durch angemessene Rahmenbedingungen, z.B. nach dem SPIKES-Modell:

SPIKES-Modell:
Setting: geeigneten Gesprächsrahmen schaffen
Perception: Kenntnisstand (Wahrnehmung) der Patientin / des Patienten ermitteln
Invitation: Informationsbedarf der Patientin / des Patienten ermitteln
Knowledge: Wissensvermittlung
Exploration of Emotions: Emotionen wahrnehmen, ansprechen und mit …
…Empathie reagieren
Strategy and Summary: Planen und zusammenfassen

Es soll angeboten werden, eine Vertrauensperson in die Gesprächssituation einzubeziehen. Damit Sie die Leitlinie (Ärzteschaft) „beim Wort“ nehmen können, zitieren wir hier die Passagen dazu:

Es „sollen die individuellen Präferenzen, Bedürfnisse, Sorgen und Ängste der Betroffenen erhoben und berücksichtigt werden. Wenn Betroffene dafür mehrere Gespräche benötigen, soll das Angebot zu weiteren Gesprächen gemacht werden.“

Weiter ist dies Konsens:

„Personen mit Multiple Sklerose sollen über alle für sie relevanten Therapieoptionen, deren Erfolgsaussichten und deren mögliche Auswirkungen informiert werden. Sie sollen über Risiken der Immuntherapie und über die Folgen eines Therapieverzichts aufgeklärt werden.
Dabei soll das Recht, auf eine Aufklärung zu verzichten, bei bestehendem Wunsch der Patientinnen oder Patienten respektiert werden.
Die informierte und selbstbestimmte Entscheidung von Personen mit MS für oder gegen empfohlene medizinische Maßnahmen soll respektiert werden.“


Und:

„Qualifizierte, sachdienliche und neutrale Informationsmaterialien sollen Menschen mit MS zur Verfügung gestellt werden.“


Inwiefern die Prospekte der Hersteller von Immuntherapien, die man üblicherweise in die Hand gedrückt bekommt, neutral sind, bleibt erstmal fraglich. Auch, ob und was stattdessen eingesetzt wird/werden könnte.

Aber gerade bei der Vielfalt an Therapiemöglichkeiten und den nicht nur stark variierenden sondern evtl. auch stark belastenden Nebenwirkungsprofilen wäre es sehr wichtig, hier wirklich neutral und ergebnisoffen beraten zu werden.

Außerdem ist ein informierter Patient die Basis für den Therapieerfolg. Dieser Faktor wird wohl offensichtlich jetzt ernst genommen. Und dies ist zumindest schon mal ein Anfang.
Jetzt sind Sie am Zug: Bleiben Sie am Ball, wenn Ihnen neutrale, vollständige Informationen fehlen!

Fazit

Die Leitlinie betont die Bedeutung eines ganzheitlichen Gesundheitsansatzes, der über die reine MS-Behandlung hinausgeht und die allgemeine Gesundheit der Patienten und Patientinnen fördert.

Die Leitlinien sollten auch in der Praxis mehr Beachtung finden, insbesondere bei Fragen zur körperlichen Aktivität und Rehabilitation, Ernährung, Vitamin D und Osteoporose, mentaler Gesundheit und patientenzentrierten Kommunikation, wobei letztere allein schon zum Thema mentale Gesundheit positiv oder negativ beitragen kann – was bisher Glückssache war (je nach Gegenüber) und hoffentlich zukünftig vermehrt positiv verläuft. Dies wünschen wir Ihnen und uns allen.


Ihr Team von Life-SMS


Quelle:

https://www.dgn.org/leitlinie/diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose-neuromyelitis-optica-spektrum-erkrankungen-und-mog-igg-assoziierten-erkrankungen

Zur Vertiefung einzelner Aspekte:

Übersicht zu Lebensstil-Faktoren bei MS: Die Life-MS Mind-Map

Bilder:

  • 2 Screenshots mit dem jeweiligen Themenbereich der Life-MS Mind-Map
  • Titelfoto: Infografik zur neuen MS-Leitlinie mit Fokus auf Kapitel C4 – C6: Osteoporose; Mentale Gesundheit/Stress; Genussgifte: Rauchen und Alkohol und Kapitel H: Patientenzentrierte Kommunikation. Gestaltet mit ChatGPT.

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Bakterien gegen Osteoporose?

Stoffwechselprodukte der Darmbakterien wie Propionsäure können die Osteoporose bei MS-Betroffenen verringern

Über die positiven Wirkungen der Propionsäure bei MS-Betroffenen haben wir schon des Öfteren berichtet – z.B. in Die kurzkettige Propionsäure beweist erneut ihr Potential in der MS-Behandlung.

Osteoporose ist eine häufige Komorbidität (d. h. Begleiterkrankung) bei MS-Patienten und -Patientinnen, die auf Risikofaktoren wie körperliche Inaktivität aufgrund von krankheitsbedingter Behinderung oder Müdigkeit, regelmäßige Behandlung mit Glukokortikoiden und manchmal Rauchen zurückzuführen ist. In den letzten Jahren hat die Idee eines autoimmunen Einflusses auf die Osteoporose großes Interesse geweckt, was zu dem Begriff „Osteoimmunologie“ geführt hat. In der Tat ist Osteoporose bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen sehr häufig, und im Falle von MS kommt zu den oben beschriebenen Risikofaktoren noch das entzündliche Umfeld hinzu, das sich aus der Autoimmunität ergibt.

Anders als es den Anschein hat, ist der Knochen kein „totes“ Organ, sondern ein stoffwechselaktives Gewebe, das sich in einem ständigen Prozess der Zerstörung (Resorption von Kalzium und anderen Mineralien) und des Aufbaus seiner Bestandteile – der Knochenzellen und der durch die Einlagerung von Mineralien wie Kalzium und Phosphor gebildeten Knochenmatrix – befindet. Dieses dynamische Gleichgewicht wird durch das Vorhandensein von „zerstörenden“ Zellen des Knochengewebes, den Osteoklasten, und reparierenden oder „aufbauenden“ Zellen, den Osteoblasten, aufrechterhalten. Wenn die Aktivität der Osteoklasten zunimmt und die Wiederherstellungskapazität der Osteoblasten übersteigt, kommt es zu einem Verlust an Knochenmasse und in der Folge zu Osteopenie und später zu Osteoporose.

Wie ist das Immunsystem am Knochenstoffwechsel beteiligt?

Tierstudien haben bereits den Einfluss von Immunzellen auf die Bildung oder Zerstörung von Knochengewebe gezeigt. Regulatorische T-Zellen (TRegs) sind in der Lage, die Tätigkeit von Osteoklasten – Knochen „zerstörenden“ Zellen – zu unterdrücken. Die Aktivierung von TRegs kann daher das Fortschreiten der Knochenresorption verhindern und den osteoporotischen Prozess aufhalten. Th1- und Th17-Zellen hingegen aktivieren die Osteoklasten und verstärken die Zerstörung des Knochengewebes.

TRegs sind eine spezialisierte Gruppe von T-Zellen (weiße Blutkörperchen oder Leukozyten) mit immunsuppressiver Funktion, d. h. sie hemmen die Immunantwort. Sie sind dafür verantwortlich, die Entzündungsreaktion zu regulieren, damit sie nicht übermäßig ausfällt, und fördern das Gleichgewicht der Immunfunktion und die Selbsttoleranz. Die Funktion der TRegs ist bei Autoimmunkrankheiten tendenziell reduziert.

Th1 und Th17 sind Helfer-T-Zellen, die große Mengen an Zytokinen produzieren und im Gegensatz zu den TRegs eine proinflammatorische Wirkung haben, d. h. sie stimulieren die Entzündung. Die Funktion dieser Zelltypen ist bei Autoimmunkrankheiten erhöht (1).

Das Verständnis des Einflusses des Immunsystems auf die Entwicklung der Osteoporose hat zur Suche nach neuen therapeutischen Möglichkeiten geführt, einschließlich Faktoren, die die Immunantwort modulieren können.

Der Einfluss der Darmmikrobiota auf unsere Gesundheit und ihre Rolle bei der Modulation des Immunsystems ist keine Neuigkeit mehr. Aufgrund der zahlreichen Artikel, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, besteht kein Zweifel daran, dass die Mikroorganismen, die unseren Verdauungstrakt bewohnen, in der Lage sind, bei der Förderung oder Vorbeugung von Entzündungskrankheiten zu wirken und eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der Autoimmunität zu spielen. Wir wissen also, dass die Zusammensetzung der Mikrobiota und das Verhältnis zwischen den verschiedenen Bakterientypen wichtig für das Gleichgewicht des Immunsystems ist.

Wie kann die Darmmikrobiota die Immunantwort beeinflussen und folglich eine Rolle bei der Vorbeugung oder Verstärkung von Osteoporose spielen?

Gesundheitsfördernde Bakterien (nützliche Bakterien aus der Darmmikrobiota) sind für ihre Fähigkeit bekannt, während des Fermentationsprozesses von Lebensmitteln kurzkettige Fettsäuren (SCFA) zu produzieren. Kurzkettige Fettsäuren sind Nebenprodukte des natürlichen Stoffwechsels von Bakterien, die für den Menschen entzündungshemmend wirken. Menschen mit Dysbiose, d. h. einem Ungleichgewicht in der Darmmikrobiota, haben geringere Mengen an SCFA-produzierenden Bakterien und folglich weniger SCFAs im Stuhl und im Blut sowie ein entzündungsanfälliges Darmmilieu.

Die wichtigsten von Darmbakterien produzierten SCFAs sind Acetat, Butyrat und Propionsäure. Vor kurzem wurde die Rolle der Propionsäure bei MS untersucht. Eine kürzlich in der Fachzeitschrift cell (2) veröffentlichte Studie zeigte, dass eine zweiwöchige Supplementierung mit Propionsäure zu einem Anstieg der Anzahl und Funktion der TRegs führte, während die Anzahl der Th1- und Th17-Zellen reduziert wurde, was ihre potenzielle immunmodulatorische Funktion bei MS belegt.

Eine direkte Wirkung von SCFAs auf den Knochenstoffwechsel kann ebenfalls beobachtet werden: Eine SCFA-Supplementierung führt zu einer verringerten Osteoklastenaktivität aufgrund erhöhter TRegs-Zellen und verlangsamt den Knochenabbauprozess und vermindert folglich die Osteoporose (3). Neben dem direkten SCFA-Ersatz sind Prä- und Probiotika ebenfalls wirksam bei der Erhöhung der SCFA-Spiegel im Darm.

In einer neuen Studie (4) wurde die Wirkung einer Propionsäure-Supplementierung auf serologische Osteoporose-Marker bei MS-Patienten untersucht, wodurch die in früheren Studien gewonnenen Informationen bestätigt wurden. Nach einer 14-tägigen Propionsäure-Supplementierung wurde ein signifikanter Anstieg des Osteocalcins beobachtet, während die Werte der sogenannten β-CrossLaps zurückgingen. Osteocalcin spiegelt Prozesse des Knochenaufbaus wider, während β-CrossLaps ein Marker für den Knochenabbau ist. Dieser Effekt ist auf die Hemmung der Osteoklastenaktivität aufgrund der Zunahme von TReg-Zellen und der Abnahme von Th1- und Th17-Zellen zurückzuführen, wie bereits beschrieben.

Neben der direkten Zufuhr von Propionsäure kann auch die Einnahme von Probiotika und Präbiotika eine immunmodulatorische Wirkung haben und die Knochenzerstörung verhindern. Ebenso wie eine ballaststoffreiche Ernährung, die das Substrat für eine angemessene Produktion von SCFAs durch Darmbakterien liefert (5).

Fazit

Insofern sollte die Supplementierung von Propionsäure auch eine gute therapeutische Option zur Vorbeugung von Knochenschwund und Osteoporose bei MS-Betroffenen sein, aber es sind wie immer sicher noch weitere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit endgültig zu bestätigen.

Alle MS-Patienten und -Patientinnen sollten eine ausgewogene Darmflora ohne Dysbiosen anstreben, indem sie eine angemessene Produktion von SCFAs sicherstellen und ggf. Propionsäure supplementieren (2 x 500 mg/Tag als empfohlene Dosis).

Eine gesunde Mikrobiota wirkt sich sowohl auf die Kontrolle von Autoimmunerkrankungen als auch auf die Bekämpfung von Osteoporose positiv aus. Einfache Maßnahmen wie eine ballaststoffreiche Ernährung und die Verwendung von Probiotika und Präbiotika können in vielen Fällen ausreichend sein. In komplizierteren Fällen kann eine Transplantation der intestinalen Mikrobiota eine Option sein, die in einigen Ländern bereits durchgeführt wird.

Gesundheit beginnt im Darm!

Ihre Maria Beatriz Harouche, Neurologin, Projektteam Life-SMS


Referenzen:

[1] Zaiss MM, Axmann R, Zwerina J, Polzer K, Gückel E, Skapenko A, Schulze-Koops H, Horwood N, Cope A, Schett G. Treg cells suppress osteoclast formation: a new link between the immune system and bone. Arthritis Rheum. 2007 Dec;56(12):4104-12. doi: 10.1002/art.23138. PMID: 18050211.

[2] Duscha A, Gisevius B, Hirschberg S et al. Propionic Acid Shapes the Multiple Sclerosis Disease Course by an Immunomodulatory Mechanism. Cell. 2020 Mar 19;180(6):1067-1080.e16. doi: 10.1016/j.cell.2020.02.035. Epub 2020 Mar 10. PMID: 32160527.

[3] Lucas S, Omata Y, Hofmann J, Böttcher M, Iljazovic A, Sarter K, Albrecht O, Schulz O, Krishnacoumar B, Krönke G, Herrmann M, Mougiakakos D, Strowig T, Schett G, Zaiss MM. Short-chain fatty acids regulate systemic bone mass and protect from pathological bone loss. Nat Commun. 2018 Jan 4;9(1):55. doi: 10.1038/s41467-017-02490-4. PMID: 29302038; PMCID: PMC5754356.

[4] Duscha A, Hegelmaier T, Dürholz K, Desel C, Gold R, Zaiss MM, Haghikia A. Propionic acid beneficially modifies osteoporosis biomarkers in patients with multiple sclerosis. Ther Adv Neurol Disord. 2022 Jun 21;15:17562864221103935. doi: 10.1177/17562864221103935. PMID: 35755968; PMCID: PMC9218497.

[5] Bach Knudsen KE. Microbial degradation of whole-grain complex carbohydrates and impact on short-chain fatty acids and health. Adv Nutr. 2015 Mar 13;6(2):206-13. doi: 10.3945/an.114.007450. PMID: 25770259; PMCID: PMC4352179.


© Foto: Towfiqu Barbhuiya; pexels.com


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