
Chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose ist kein Randthema mehr, sondern Gegenstand systematischer Forschung. Als Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird sie seit Jahrhunderten angewendet und rückt heute zunehmend in den Fokus moderner Wissenschaft. Neue Meta-Analysen deuten darauf hin, dass bestimmte Kräuterformulierungen als Zusatz zur Standardtherapie messbare Vorteile bringen können. Wir schauen genauer hin: Welche Effekte wurden beobachtet, wie belastbar sind die Ergebnisse und welche biologischen Mechanismen könnten dahinterstehen? Gleichzeitig sprechen wir offen über methodische Schwächen und offene Fragen.
Hinzu kommt im Anhang eine Übersicht zu den in Studien eingesetzten Kräutern und therapeutischen Zielrichtungen aus Sicht der TCM.
Chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose: Hintergrund und Forschungsstand
Die chinesische Kräutermedizin ist ein zentraler Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird bei chronischen Erkrankungen seit langem ergänzend eingesetzt. In den letzten Jahren ist sie auch bei Multipler Sklerose verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt. Hintergrund dafür und für diesen Artikel ist eine 2025 publizierte systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, die randomisierte kontrollierte Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit chinesischer Kräutermedizin bei MS ausgewertet hat [1]. Insgesamt flossen 28 Studien mit 1.971 Patienten in die Analyse ein, überwiegend aus China, ergänzt durch eine Studie aus Iran. Untersucht wurden sowohl Monotherapien als auch Kombinationen mit konventionellen MS-Therapien. Als primärer Endpunkt diente der Expanded Disability Status Scale (EDSS), ergänzt durch Daten zu Rückfällen, Fatigue, neurologischen Symptomen, Bildgebung und Biomarkern. Wir erkennen daran, dass die chinesische Kräutermedizin nicht mehr nur traditionell begründet diskutiert wird, sondern zunehmend Gegenstand systematischer klinischer Forschung ist. Im Folgenden analysieren wir die Arbeit im Detail. Alle Erkenntnisse stammen also aus dieser Metaanalyse [1].
Welche klinischen Effekte wurden beobachtet? Auswirkungen auf Behinderung und Schübe
Die bisher vorliegenden klinischen Daten deuten darauf hin, dass die chinesische Kräutermedizin bei Multipler Sklerose messbare Effekte auf zentrale Krankheitsparameter haben kann, insbesondere auf Behinderung und Schübe. In der systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 berichteten 23 der eingeschlossenen Studien über Veränderungen im Expanded Disability Status Scale (EDSS). In Vergleichen zwischen chinesischer Kräutermedizin und Placebo zeigte sich im Mittel eine stärkere Verbesserung des EDSS um rund zwei Drittel eines Punktes (-0,65 EDSS‑Punkte). Besonders relevant für die klinische Praxis sind die Add-on-Studien, in denen chinesische Kräutermedizin zusätzlich zur konventionellen Therapie eingesetzt wurde. In 18 von 19 dieser Studien wurde eine signifikant stärkere EDSS-Verbesserung gegenüber der alleinigen Standardtherapie beobachtet. Auch die Schubaktivität war reduziert: Die Zahl klinischer Schübe pro Jahr nahm im Mittel um etwa 0,5 Schübe ab, und in Vergleich mit Placebogaben zeigte sich eine etwa halbierte Schubrate. Wir sehen darin also Hinweise auf eine deutliche Schubreduktion, weisen jedoch darauf hin, dass die hohe Heterogenität der Studien eine vorsichtige Interpretation erforderlich macht.
Chinesische Kräutermedizin als Ergänzung zur Standardtherapie: Chancen im Therapieverlauf
In der aktuellen Studienlage wird die chinesische Kräutermedizin überwiegend nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur konventionellen MS-Therapie untersucht. In der Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 analysierten 19 der 28 eingeschlossenen randomisierten Studien den Einsatz chinesischer Kräutermedizin zusätzlich zu etablierten Therapien, etwa immunmodulatorischen oder schubtherapeutischen Behandlungsansätzen. Aufgrund der hohen methodischen Heterogenität wurde zwar auf eine formale gemeinsame Effektgröße verzichtet, die qualitative Auswertung zeigt jedoch ein konsistentes Bild: In 18 von 19 Studien war die Kombinationstherapie mit einer stärkeren Verbesserung des EDSS verbunden als die alleinige Standardtherapie. Zudem wurden günstigere Verläufe hinsichtlich Schubaktivität, neurologischer Symptome und Fatigue berichtet.
Wirkmechanismen im Fokus: Immunmodulation und neuroprotektive Effekte
Neben klinischen Endpunkten untersuchten mehrere der eingeschlossenen Studien auch mögliche Wirkmechanismen der chinesischen Kräutermedizin bei Multipler Sklerose. In sechs randomisierten Studien wurden immunologische und entzündungsbezogene Biomarker analysiert. Dabei zeigte sich unter der Kombination aus chinesischer Kräutermedizin und konventioneller Therapie eine Abnahme proinflammatorischer Zytokine wie IFN-γ, TNF-α, IL-1β, IL-6, IL-17 und IL-23 sowie von Entzündungsmarkern wie MMP-9 und HMGB1. Gleichzeitig wurden erhöhte Spiegel antiinflammatorischer Mediatoren wie IL-10, IL-12p40 und TGF-β1 beschrieben. Mehrere Arbeiten berichteten zudem über eine Verschiebung der T-Zellbalance mit einer Reduktion proinflammatorischer Th17-Zellen und einer relativen Zunahme regulatorischer T-Zellen. Wir sehen also deutliche immunmodulatorische und neuroprotektive Effekte.
Grenzen der Evidenz und klinische Einordnung aus heutiger Sicht
Die aktuelle Studienlage zur chinesischen Kräutermedizin bei Multipler Sklerose zeigt ermutigende Ergebnisse, erfordert jedoch eine differenzierte Einordnung. Die systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 macht deutlich, dass viele der eingeschlossenen Studien methodische Schwächen aufweisen, etwa bei Randomisierung, Verblindung oder Vergleichbarkeit der eingesetzten Rezepturen. Gleichzeitig zeigt sich über zahlreiche Studien hinweg ein konsistentes Muster positiver zusätzlicher Effekte, insbesondere auch im Rahmen einer ergänzenden Anwendung zur Standardtherapie.
Damit gehört die chinesische Kräutermedizin in den Werkzeugkasten der MS-Behandlung sowohl als ergänzende Therapie zu klassischen Behandlungen als auch als eigenständiger Ansatz.
Fazit: Jetzt ins Gespräch kommen und neue Wege prüfen
Die Ergebnisse zeigen, dass die chinesische Kräutermedizin als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) für Betroffene eine echte Option sein kann, auch als Ergänzung zur Standardtherapie. Auch wenn noch nicht alle Fragen abschließend geklärt sind, sprechen viele Hinweise dafür, diesen Ansatz ernsthaft zu prüfen. Wir ermutigen unsere Follower dazu, chinesische Kräutermedizin als Teil der TCM als Chance für die Behandlung der MS zu begreifen und sie gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten mit ausgewiesenem TCM-Hintergrund zu besprechen und bei positiver Einschätzung umzusetzen.
Weitere verständliche und praxisnahe Informationen zu diesem und anderen Lebensstilansätzen finden sich auf Life-SMS und in der zugehörigen Mindmap.
Anhang: In Studien eingesetzte Kräuter und therapeutische Zielrichtungen
In den 28 randomisierten kontrollierten Studien der systematischen Übersichtsarbeit wurden insgesamt 107 pflanzliche Drogen in unterschiedlichen Rezepturen eingesetzt. Die vollständigen Zusammensetzungen der einzelnen Formeln sind in der Arbeit [1] in Tabelle 2 zu den Originalstudien dokumentiert.
Die folgende Übersicht zeigt die 19 am häufigsten verwendeten Kräuter (jeweils in mindestens fünf Studien eingesetzt) sowie ihre übergeordneten Zielrichtungen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).
| Pflanze (lateinischer Name) | Chinesischer Name (Pinyin) | Typische TCM-Zielrichtung |
| Rehmannia glutinosa | Shu Di Huang / Sheng Di Huang | Nieren-Yin nähren, Essenz stärken |
| Angelica sinensis | Dang Gui | Blut nähren und bewegen |
| Polygonum multiflorum | He Shou Wu | Essenz bewahren, Blut und Leber stärken |
| Epimedium brevicornum | Yin Yang Huo | Nieren-Yang wärmen |
| Cistanche deserticola | Rou Cong Rong | Nieren-Yang tonisieren, Essenz stärken |
| Morinda officinalis | Ba Ji Tian | Nieren-Yang stärken |
| Cuscuta chinensis | Tu Si Zi | Nieren stärken, Essenz sichern |
| Astragalus mongholicus | Huang Qi | Qi tonisieren, Abwehr stärken |
| Glycyrrhiza uralensis | Gan Cao | Rezepturen harmonisieren |
| Salvia miltiorrhiza | Dan Shen | Blut bewegen, Mikrozirkulation fördern |
| Cornus officinalis | Shan Zhu Yu | Essenz bewahren, Nieren stärken |
| Poria cocos | Fu Ling | Feuchtigkeit ausleiten, Milz stärken |
| Paeonia veitchii | Chi Shao | Blut kühlen und bewegen |
| Ligusticum chuanxiong | Chuan Xiong | Qi- und Blutbewegung |
| Curcuma-Arten | Jiang Huang / Yu Jin | Blutstase (Blutstau) lösen |
| Bombyx batryticatus | Jiang Can | Schleim transformieren, Wind lösen |
| Buthus martensii | Quan Xie | Wind beruhigen, Leitbahnen öffnen |
Aus TCM-Sicht zielten die eingesetzten Formeln vor allem darauf ab, Nieren-Yin zu nähren, Nieren-Yang zu wärmen, Blut und Qi zu bewegen, Schleim und pathogene Faktoren auszuleiten sowie Kollateralen zu öffnen. Die individuelle Zusammensetzung variierte dabei stark zwischen den Studien, was die personenzentrierte Ausrichtung der chinesischen Kräutermedizin widerspiegelt.
Quelle:
[1] Guan X, Wu Y, Jia Q, Zheng Y, Zou M, Liu J, Sugimoto K, Gao Y. Efficacy and safety of Chinese herbal medicine for multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Pharmacology. 2025. https://doi.org/10.3389/fphar.2025.1635833
Bildquelle:
KI-generierte, symbolische Darstellung pflanzlicher Arzneidrogen aus der chinesischen Kräutermedizin (TCM), wie sie auch in klinischen Studien zur MS eingesetzt wurden. Die konkrete Zusammensetzung variiert je nach individueller Rezeptur. Jan 2026.
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